31 Mai 2016

Workout

 
 
Bei Lotta werden Krabbeltiere gesucht. Als ein Kriechtier könnte ich mich heute glatt bezeichnen, denn gestern habe ich eine äußerst vernachlässigte und ungeliebte Ecke unseres hinteren Gartens in Angriff genommen. Viele, viele übriggebliebene, schwere USB-Blatten, die dort seit langem vor sich hinmodern, habe ich mit der Stichsäge kleingemacht. Sohn1 hat mich netterweise tatkräftig unterstützt, bevor seine Freunde nach und nach eintrudelten. Überflüssig zu sagen, wie kaputt ich am Abend wieder einmal war. Zur Zeit schlafe ich mit den Kindern ein - vermutlich sogar noch vor ihnen...

Aber was soll ich sagen: die nun aufgeräumte Ecke, läßt mich wieder frei atmen. Die Plackerei hat sich wie so meist gelohnt. Ich war heute morgen direkt nochmal dort, um zu bestaunen, was wir geschafft haben. "Huldigt mir - nennt mich wonder-woman :-))!!" Als ich im Fitneßcenter täglich einige Stunden an Geräten trainiert habe, war das nicht annähernd so anstrendend, wie die Arbeit im Garten. Ich kann gar nicht sagen, wie erschöpft ich bin. Aber auch seeeehr sehr glücklich.


Von solchen Gesellen unter den schimmligen USB-Platten hat's nur gewimmelt. Aber für eine längere Foto-Session wollten sie nicht bleiben und verkrümelten sich geschwind in alle Himmelsrichtungen. Der hier geht zu ihr.

26 Mai 2016

"Abla, kannst du kommen?", oder von einer Essenseinladung

Normalerweise bin ich genervt von WhatsApp-Nutzern, die eher bereit sind, unzählige Nachrichten zur Klärung einer Sache hin- und herzuschicken, als das in wenigen Minuten eines Telefonats zu klären wäre. Aber momentan mache ich die Erfahrung, daß es auch durchaus nützlich sein kann. Einer der A's hat Ende Juni seine Sprachprüfung. Er sagt: "Ich habe Angst davor, durchzufallen. Ich muß viel mehr sprechen, aber außerhalb des Unterrichts habe ich kaum Möglichkeiten dazu." Ich habe mir vor einiger Zeit seine Bücher angeschaut und habe innerlich vor Erleichterung einen Kniefall gemacht: Es handelte sich nicht um einen Sprachkurs des Goethe-Instituts!!! Es gibt doch noch einen Gott. Halleluja! Ab und an schickt er mir Auszüge seiner Hausaufgaben und bittet mich darum, ihm bei Formulierungen zu helfen, oder seine Ausführungen zu ergänzen. Mit WhatsApp kein Ding. Wollte er zu uns kommen, wäre er lange und umständlich mit dem Bus unterwegs. Irgendwann auch noch müßte er zurück fahren - eine Himmelfahrt wäre das. 

Gestern kommt eine SMS. Ob ich Zeit hätte, heißt es darin. Er möchte kochen und würde uns gerne zum Essen einladen. Sohn1 hat Besuch von seinem Freund, der schon bei uns ist. Ich sage mit Sohn2 zu, und wir machen uns zum späten Nachmittag auf den Weg. Als wir eintreffen ist A. schon voll im Streß: er begrüßt uns sehr herzlich mit hochrotem Kopf, aus der Küche gelangen köstliche Düfte zu uns.

Im Wohnraum, eher karg eingerichtet, ist der Tisch bereits für vier Personen gedeckt. Einpaar Blumen stehen auf dem Tisch. T. ist ein hervorragender Gastgeber. Er versorgt uns mit Tee, Sohn2 mit Saft. Wir unterhalten uns darüber, daß sie demnächst erst einen Termin haben, ihre Asylanträge zu stellen. "Es dauert alles so irrsinnig lange", spricht er. Immerzu muß man warten. Wir würden so gerne Geld verdienen, dürfen aber nur 1,-Euro-Jobs annehmen." Er zeigt mir die Übersetzungen ihrer Diplome in Maschinenbau und Bauingenieurswesen. Gute Abschlüsse haben sie gemacht. Eine Übersetzung hat annähernd 650,- Euro gekostet. Ich schlucke, weil ich weiß, wie wenig Geld sie für den Monat haben. Von 280,- Euro geht  genau ein Drittel schon für die monatliche Busfahrkarte drauf. Viel bleibt da nicht mehr zum Leben. "Es ist alles gut," sagt T. "Das kann man schaffen, wenn man nicht noch die Miete aufbringen muß!" Geld für irgendwelche Unternehmungen bleibt da nicht mehr. Ich erkundige mich für Schwimmbadkarten für sie: Mit Schüler/Studentenausweis könnten sie günstiger da rankommen. Aber altersmäßig geht das nur bis 25. Da liegen sie leider knapp darüber. Der einzige, der altersmäßig davon profitieren könnte, hat keinen Studentenausweis. 

Ich interessiere mich für die Miete des Häuschens mit kleinem Garten, welches sie mit sechs Personen  bewohnen und falle in ungläubiges Staunen. Das kleine Haus ist sehr schlicht. Die Miete ist dafür, daß es an einem sehr entlegenen Fleckchen Erde liegt, horrende. Unverschämt ist das, sich das so teuer bezahlen zu lassen. Das selbe Haus in unserem Ort, was eine um Längen bessere Infrastruktur hat, wäre mindestens 300,- Euro günstiger. Ich möchte nicht wissen, wie wieviele Leute sich derzeit mit überhöhten Mieten gesund stoßen, indem sie Asylanten aufnehmen. Die Nebenkosten... ach, ich will jetzt gar nicht in die Tiefe gehen.

"Ihr müßt hier weg!", sage ich. Ich kenne ihre Stundenpläne. Morgens um 6.30 Uhr müssen sie bereits den Bus nehmen, um zeitig zum Unterricht in die Stadt zu kommen. Dort müssen sie eine Stunde Leerlauf überbrücken. Würden sie erst den zweiten Bus nehmen, kämen sie deutlich zu spät zum Unterricht. An machen Tagen sind sie erst gegen 20.00 Uhr wieder zu Hause. "Wir haben es versucht, aber irgendwie haben wir den Eindruck, daß das vom Amt nicht so sehr begrüßt wird", sagen sie. Zuviel Verwaltungsaufwand vielleicht...

Das Essen ist fertig. A.'s Gesicht glüht. Es gibt Hähnchen aus dem Ofen. Die Beilagen sind Reis und Gemüse. Ich muß zugeben, daß es hervorragend geschmeckt hat. A. habe ich zu Hause ein kleines Päckchen gepackt. Ich weiß, daß er gerne zeichnet und malt. Er hat mir einige seiner Bilder gezeigt. Ich habe ihm Farben, Pinsel, einen geeigneten Mal- und Zeichenblock mitgebracht. "Falls dir an den Wochenenden mal danach ist", sage ich. "Aber ein Bild, das wünsche ich mir von dir. Es hat keine Eile. Irgendwann einmal", sage ich. Er strahlt und bedankt sich sehr dafür.

Zu Hause schaue ich nach Wohnungsanzeigen in unserem Ort. Und siehe da: eine passende Wohnung mit Balkon wäre bezugsfertig zum 1.6. mit Wohnberechtigungsschein zu haben. Das Amt würde knappe 300,- Euro sparen. Sie selbst hätten viel bessere Busanbindungen, Bahnhof, Einkaufsmöglichkeiten, Apotheke und Ärzte in der Nähe. Zu uns könnten sie problemlos radeln. Ich schicke ihnen die Anzeige und bitte sie, ihrem zuständigen Sachbearbeiter auf die Pelle zu rücken. Auch wenn diese Möglichkeit in der Zwischenzeit vielleicht nicht mehr zu haben sein sollte, müssen sie wissen, wie sie zügig bei einer anderen Wohnmöglichkeit zuschlagen könnten. A. sagt mir, daß er morgen zum Amt fahren werde. Ich bin gespannt. "Du mußt denen klar machen, daß sie fast 300,- Euro weniger für eure Unterkunft bezahlen müssen", sage ich. Wenn das nichts nützt, dann weiß ich's auch nicht. Den Garten, sagen sie, werden sie nicht großartig vermissen. Bisher konnten sie ihn erst zwei Mal nutzen. "Es ist ja immer schlechtes Wetter, oder viel zu kalt!", sagen sie. 

Ich bin gespannt, wie es weiter gehen wird. Es wäre sehr schön, sie hier nahe bei uns zu wissen. So könnte man ihnen deutlich öfter noch unter die Arme greifen.

25 Mai 2016

An alle Spinner


...und Spinnerinnen da draußen! Die Liebe zu unserem Kater treibt so manche Stilblüte, wie ich gerne zugeben möchte. Ich bürste ihn alle Paar Tage, was er sich durchaus gerne gefallen läßt. Dabei kommt regelmäßig ein Büschel Katzenhaare mit Unterfell zusammen. Die habe ich nun in einem erneuten Anfall überbordender Liebe angefangen zu sammeln. Kann man Katzenhaare zu Wolle verspinnen? Vielleicht indem man noch richtige Wolle damit vermengt? Wer hat Erfahrung damit? Ich hätte gerne irgendwann mal eine Kleinigkeit gestrickt, wo ich ein, zwei Reihen seines Flausches mit eingearbeitet hätte.  Das würde mir schon genügen.



Ich weiß, ich weiß... Seufz.

23 Mai 2016

”Ich fühle mich, als könnte ich Bäume ausreissen. Also, kleine Bäume. Vielleicht Bambus. Oder Blumen. Na gut. Gras. Gras geht.“

Die Gartenarbeit der letzten Zeit hat sich gelohnt. Ich habe Berge von Giersch aus den Beeten gezogen, leider auch Gras, welches sich dort schön ausgesät und fest verwurzelt hatte. Jetzt bin ich glücklich und zufrieden. Als ich heute morgen aus dem Küchenfenster in den Garten blickte, den Pladderregen hörte und sah, da habe ich mich richtig gefreut. Alle neuen Bodendecker können jetzt fleißig anwachsen bitte! Die Terrakotta-Töpfe, durch die Jahre mit reichlich Patina, überzogen, habe ich mit der Honigblume, Bellis, Männertreu, Stiefmütterchen und etlichem anderen neu bepflanzt. Auch die Granatapfelbäumchen treiben neu aus. Der mediterrane Flair wird noch zunehmen in nächster Zeit. Zumindest der vordere Garten hat so langsam aber sicher Gestalt angenommen. Wer bei mir schon länger mitliest, der weiß, daß ich es im Garten gerne weniger "perfekt" mag.  Aber etwas Struktur sollte schon sein. In der nächsten Zeit ist dann der hintere Garten dran. Ich habe da noch so einige Gierschecken. Für meinen Mann gibt es kein "Unkraut". Eigentlich stimme ich ihm da ja zu. Nur finde ich halt blühende Bodendecker schöner ;-).
 


Hier ist eine schnell gezauberte Collage mit den meisten, aber längst nicht allen Blüten aus unserem Garten. Die gehen zu ihr, weil bunt ist die Welt...

22 Mai 2016

Ganz stark

Leider gehöre ich nicht zu den Menschen, die gut "langsam" können. Ich muß immer wie  ein Bulldozer durch den Garten pflügen. Ich wühle mich seit Tagen durch die unkrautüberwucherten Bereiche unseres Gartens. Der jüngste Sohn hilft mir etwas, hält plötzlich inne und spricht: "Mami, das was du hier machst, das haben früher Ackergäule, Ochsen und andere starke Tiere auf den Feldern gemacht. Also ganz starke Tiere - wie du..."


Überflüssig zu sagen, wie sehr ich lachen mußte. Herrlich!!!

21 Mai 2016

Who is to blame for it?

Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben. Eigentlich... Aber als ich las, was ihrer  Schwiegertochter in einer Notlage widerfuhr, da schwoll mir der Kamm, weil wieder eigene Erlebnisse in mir hochkochten.

Ich gehe äußerst ungern zum Arzt. Wenn, dann meist nur im äußersten Notfall. Seit Jahren erlebe ich hier im hohen Norden, daß es stets heißt: "Wir haben Patientenannahmestopp", wenn ich dringend ärztlicher Behandlung bedarf. Gerne werde ich dann in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses verwiesen, von der man ihrerseits abgewiesen wird, "weil man erst einmal zum niedergelassenen Facharzt" soll. Denn oft genug müssen sich die Krankenhäuser den Vorwurf gefallen lassen, sie würden den niedergelassenen Fachärzten die Patienten abgraben. Schön, wenn man dann in einer besch....... Situation zusätzlich mit diesem Affentanz zwischen Fachärzten und Krankenhaus zermürbt wird.

Ich erinnere mich daran, daß ein Bekannter mit einer aufgeplatzten Bandscheibe wie eine deutsche Eiche umfiel, und er erst ab dem dritten Tag in einem Krankenhaus aufgenommen wurde, als seine Angehörigen äußerst massiv werden mußten. Wer das schon mal hatte, der weiß, was man da für Höllenqualen zu durchleiden hat und absolut hilflos ist.

Ich erinnere mich daran, daß mein Mann mit Beschwerden beim gleichen Arzt am selben Tag zu hören bekommt: "Herr X, Sie können sich auf den Weg machen bitte!", während ich entweder den üblichen Spruch "Patientenannahmestopp", oder Termin in Mo-na-ten in Aussicht gestellt bekomme. Drei mal darf man raten, wer von uns wie versichert ist...

Ich erinnere mich daran, daß ich 1,2 Jahre gebraucht habe, bis ich endlich zu einem speziellen Facharzt kam, weil ich mich wieder verwiesen auf das Krankenhaus, wie ein bockiges Kind weigerte, diesen zu verlassen, bis man mir endlich sagen konnte, wer denn bitte nun sich meiner Behandlung annehmen würde.  Letztlich habe ich mich von diesem Arzt ganz freiwillig verabschiedet, weil er Nullkommanichts für mich zu tun bereit war.

Ich erinnere mich daran, daß ich seit Ende März Höllenqualen mit meinem Knie erlebe. Nach drei Besuchen beim Hausarzt gibt es eine Überweisung zum Orthopäden. Egal, welchen ich anrufe. "Patientenannahmestopp". Nichts Neues ist das -  ich hätte es wissen können.   Irgendwann gerate ich an einen, dessen medizinische Fachkraft mich freundlich wissen läßt, daß ich bitte ab jetzt jeden Morgen um 8.00 Uhr anrufen soll, um zu erfahren, ob ich als Schmerzpatient an jenem Tag kommen darf, oder nicht. Erleichtert sage ich zu, genau das zu tun. Man notiert sich meine Telefonnummer - für Rückfragen heißt es. Ab dem zweiten Tag erreiche ich telefonisch Niemanden mehr. Stattdessen höre ich, wann immer ich anrufe, die Bandansage, ich riefe außerhalb der Sprechzeiten an. 

???

Das aber stimmt definitiv nicht! Ich rufe genau zu den Sprechzeiten an. So oft ich aber anrufe, so oft werde ich mit dieser Bandansage konfrontiert. Ich schaue erneut die Sprechzeiten an und bin mehr  als irritiert. Hier stinkt doch was zum Himmel, aber sowas von... (Plötzlich fällt mir ein, daß ich vor Jahren eine Reportage genau zu diesem Thema sah, wo Kassenpatienten, deren Nummer erst einmal erfaßt ist, so schnell nicht mehr durchkommen. Sie werden mit Ansagen vom Band abgeschmettert). Also unterdrücke ich meine Rufnummer und rufe erneut an: prompt geht jemand dran. Ich ringe um Fassung und bekomme einen Notfalltermin für 11.30 Uhr des selben Tages, wo "der Arzt aber nicht viel Zeit für Sie hat. Er guckt da nur mal kurz drauf und gibt Ihnen etwas gegen die Schmerzen." Mit schlimmsten Schmerzen schleppe ich mich zum Arzt. Warten, warten, warten. Vorher werde ich am Empfang mit der Webcam fotografiert, obwohl ich einwende, daß auf meiner Karte doch schon ein Foto ist. "Das hat nicht jeder, bei Patienten ihrer Art müssen wir das machen. Damit kein Betrug passiert!" Unglaublich! Vielen Dank für das Vertrauen!!! Der Arzt schallt kurz mein Knie von vorn und hinten, schließt eine Verdachtsdiagnose aus, gibt mir den Rat nicht zu gehen (???), eher Schwimmen und Fahrradfahren, sagt mir welche Schmerzmittel ich nehmen soll, verschreibt mir aber keine. Kann der Hausarzt machen, sagt er und bittet mich darum, an der Anmeldung einen weiteren Termin zu machen - Mitte Juli wird's. Ich bin entsetzt. Mein Knie wird gegen Gebühr von der medizinischen Fachkraft getaped, und ich darf wieder aus der Praxis kriechen. Die Schmerzmedikamente sind der Hammer. Sollte man nicht länger nehmen, da sie das Blutbild verändern.  Vier Wochen lang war ich kaum in der Lage wenige Schritte am Tag zu machen. Ich hatte Schmerzen bis zum Umfallen. Meinen Hausarzt erneut um Hilfe bittend erfahre ich, daß ich früher einen einmaligen Dringlichkeitstermin bekommen kann, der einem jedoch zugewiesen wird. Hier kann es aber passieren, daß mir dabei zugemutet wird, 180 bis 260 Km zu bewältigen. Sie ist es, die dann feststellt: "Das lassen Sie besser. Dazu sind sie ja gar nicht in der Lage!" Wir erinnern uns: Ich kann kaum kriechen. Kein Wunder, daß je nach Beschwerde, kaum ein Patient diese Möglichkeit für sich nutzen will. Auch ich sehe davon ab. So viel Schreien, wie ich manchmal möchte, kann ich gar nicht. Hätte ich nicht eine gute Hausärztin, ich wäre verloren. Auf die kann ich zählen, aber die hat als Landärztin auch eine großzügigere Budgetierung.


Ich kann verstehen, daß auch Ärzte besser verdienen, und nicht nur den Regelsatz abrechnen möchten. Aber was ich hier seit Jahren erlebe, das ist eine menschenverachtende Farce. Was denkt sich eine Politik, die solche Vorgehensweisen erschafft, wo sowohl Ärzte, als auch der nicht privat versicherte Patient auf der Strecke bleiben??

Zum Glück habe ich selbst alles in meiner Macht stehende getan, um mein Knie wieder in Gang zu bringen. Ich bin wieder halbwegs stabil und mobil. Der ärztlichen Kunst habe ich dabei so gut wie Nichts zu verdanken gehabt. Auf die Fortsetzung dieses Grauens Mitte Juli bin ich schon sehr gespannt. 

Ich wage gar nicht, nach euren Erlebnissen zu fragen, wenngleich ich weiß, daß es viele Opfer dieses Systems gibt.

20 Mai 2016

Unermüdlich

 

Die vergangenen Tage habe ich reichlich im Haus geackert, sowie viele Stunden im Garten verbracht. Es gibt so viel zu tun, und manchmal weiß ich nicht, wie ich das schaffen soll. Während andere vielleicht dazu neigen, ständig ihre Inneneinrichtung umzustellen, kann es hier durchaus passieren, daß Zwei-Meter-Bäumchen, die jahrelang ein Schattendasein im hinteren Garten frißteten, nun plötzlich im vorderen Garten in der Sonne stehen. Das erfordert viel Kraft, und mit meinem seit Ostern dauerschmerzenden Knie, auch viel Durchhaltevermögen (Orthopädentermin Mitte Juli - wenn's nicht so weh tun würde, würde ich schallend lachen). Meine Oma sagte früher immer: "Wenn ich woanders Schmerzen habe, dann merke ich den Rücken gar nicht mehr!" Kann ich bestätigen. Wenn ich abends ins Bett gefallen bin, da hat mir so ziemlich alles weh getan. Knie habe ich da fast nicht mehr gespürt. 

Kater Mautz ist mein treuer Begleiter und legt sich, mir zärtliche Blicke zuwerfend, auf frisch aufgeworfene Erdhügel, während ich versuche, dem überbordenden Giersch den Garaus zu bereiten.

Dabei habe ich immer wieder das Vogelhaus im Blick. Ich kann die Kleinen hören. Die Eltern beschaffen unermüdlich Nahrung für ihre Jungen. Ein mich sehr bewegendes Naturschauspiel ist das.

Habt ein feines Wochenende! Obwohl ich sehr müde bin, besuchen wir heute wieder unsere syrischen Freunde. Sie haben so nett gefragt...

18 Mai 2016

Von Pleiten, Pech und Pannen

 

Die Jersey-Shirts, die ich mir letztes Jahr genäht hatte, habe ich fortwährend getragen. Also wollte ich für Nachschub sorgen und setzte mich an die Nähmaschine. Der Schnitt ist einfach und meinem Können angepaßt. Und ich hatte ja bereits sechs Mal danach genäht.

 

Beim ersten Jersey-Shirt habe ich wieder alle denkbaren Fehler gemacht, die man machen kann. Dabei dachte ich, darüber hinaus gekommen zu sein. Leider mußte ich feststellen, daß dem nicht so war. Von Shirt zu Shirt wurde es leichter, und als es mir so richtig gut und fehlerfrei von der Hand ging, wurde ich übermütig und wollte mir das aus einem anderen Stöffchen nähen.

 

Dabei machte ich den Kardinalsfehler schlechthin: Leinen ist nicht Jersey! Als ich voller Stolz das Hemd anzog, da war ich recht geschockt: ich sah aus, wie in einer Wurstpelle und brauchte sogar noch Hilfe, um da wieder rauszukommen. Immerhin hat diese letzte Nummer für reichlich Lacher im Hause gesorgt. 

Nach der zweiten Wäsche der neuen Jerseys dann der nächste Schock: Jersey ist auch nicht gleich Jersey. Die Stücke sind sehr viel mehr eingelaufen, als die Jersey-Stoffe, die ich vom Hollandmarkt hatte. Diese waren sogar teurer... 

 

Ihr erinnert euch noch an diese Pflänzchen hier...? Alsbald mußten sie pikiert werden. Was für eine Sträflingsarbeit! Der Gärtner, mit dem ich schon mal beim Einkaufen zu tun habe, sagte mir lachend: "Das ist Arbeit für Leute, die Vadder und Mudder erschlagen haben!" Desweiteren sprach er: "Die Leute beschweren sich immer, wenn sie veredelte Tomaten, Gurken etc. kaufen über den Preis. Dabei vergessen sie gerne, daß die Pflanze dabei durch drei Hände geht und Arbeit damit verbunden ist." Unglaublich aber wahr, aber nicht ein Pflänzchen hat meine Pikierungsbemühungen überlebt - obwohl ich so verdammt vorsichtig war. Für das nächste mal habe ich mir vorgenommen, daß Pro Töpfchen nur ein bis maximal zwei Sämlein vorgesehen sind. So wird das noch am ehesten was.

Habt ihr auch schon mal beim Nähen unfreiwillig für solche Lacher gesorgt? Wie geht ihr vor, wenn ihr Pflanzen aus Gesätem zieht? Verratet ihr mir euer Erfolgsgeheimnis?

Wißbegierige Grüße von einer weiterhin Ambitionierten ;-). 

16 Mai 2016

Fortschritt

Nach viereinhalb Jahren gibt es auf der oberen Etage endlich Fensterbänke - wenn auch im Schneckentempo. Soll mal einer sagen, wir kämen nicht vom Fleck ;-).

15 Mai 2016

Babybooties für...

 

...für wen eigentlich?! Ich habe schon immer viel für andere gestrickt. Da das mit dem Stricken mir immer mehr Schwierigkeiten bereitet, und ich irgendwann vielleicht auch mal Großmutter werden könnte ;-), brachten mich die kleinen Herren auf die Idee, daß diese und einige weitere Modelle doch für ihre Nachkommenschaft sein dürften. Tolle Idee, warum nicht?! 

Gerne rutschen solche  gefilzten Schühchen von winzigen Füßen. Und da gestern Nacht stündlich eine Alarmanlage in der Nachbarschaft alle aus dem Tiefschlaf gerissen haben dürfte (ab vier war an Schlaf nicht mehr zu denken), habe ich angefangen, einen Schaft an diese Winzigkeiten zu stricken.

Heute morgen hörte ich einen Juchzer vom jüngsten Kind, der beim Anblick der fertigen Booties schier in Verzückung geriet. Er fing an, sie seinem Kuscheltier überzustülpen und fragte mich, ob wir nicht die Fotos für den Blog damit machen und zeigen könnten. Klar können wir!

 

Es wurde arrangiert, gemacht und getan...
 
 

Ob das ein dezenter Hinweis werden sollte, mich wieder etwas Pinsel und Farben zu widmen...?!

 

 

 

Wer weiß, wer sie eines Tages tragen wird. Mädchentaugliche Modelle gibt es auch noch im Fundus...

Hier hagelt es gerade. Erfahrungsgemäß ist dann kein Mensch im Freibad. Das ist meine Zeit. Ein Pool für mich und vielleicht noch einige andere wenige Hartgesottene ganz allein ;-).

Frohe Pfingsten euch allen!

13 Mai 2016

Touché, oder der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Vor 1,5 Jahren - wir befinden uns auf hoher See, da hörte ich mich in einem scharfen Ton zum Sohn sagen: 

"Sag mal, wie redest du eigentlich mit mir? Überdenke bitte deinen Tonfall. Schließlich bin ich deine Mutter...!"

Im gleichen Augenblick biß ich mir innerlich auf die Zunge. Hatte ich wirklich gerade die Mutter-Karte ausgespielt?? Wie sollte man da je eine Chance haben, sich gegen seine Mutter zu behaupten?...

Der Sohn steht mir gegenüber. Er ist sichtlich erregt. Aus seinen wunderschönen Augen schießen Blitze in meine Richtung.
.
"Und wie, wie... redest du mit mir?? Schließlich bin ich dein Sohn!", entgegnet er mit fester Stimme.

Ach Kind, wenn du wüßtest, was du für ein großartiger Lehrmeister für mich bist. Ich bin so froh und stolz darauf, deine Mama sein zu dürfen. Wenn du wüßtest, wie sehr ich dich liebe. Aber zum Glück weißt du das ja...

08 Mai 2016

Vier

 


Happy Birthmonth, lovely Flausch-Mautz!

Du bist grandios. Wir lieben dich sehr.

Deine dir gerne Dienenden. 

07 Mai 2016

Zu Gast bei unseren syrischen Freunden

Herrlicher Sonnenschein treibt die Menschen vor die Türe. Für den heutigen Tag hatte ich unser Kommen angekündigt. Wie jeden Tag unter der Woche sind sie mit ihren Sprachkursen gut beschäftigt. Weil ich mich kurz verfahre, kommen wir mit einer kleinen Verspätung an. Ich parke und wir gehen zu einem kleinen Haus, an dem auf der einen Seite drei Garagen angegliedert sind. Unmittelbare Nachbarn gibt es keine. An der Haustür werden wir herzlich empfangen und gehen rein. Wir beschließen das schöne Sonnenwetter in dem kleinen Garten auszukosten und so werden schnell die Stühle auf die Terasse gestellt. Tee, andere Getränke und Knabbereien werden gereicht. Für meine Jungs hatte ich einen kleinen Ball eingepackt. Es dauert nicht lange, und schon spielt Sohn2 mit einem der drei A's, der in seiner Heimat Rechtswissenschaften studiert hat, mit dem Ball. Sohn1 macht mit, und während ich erneut in eine intensive Unterhaltung mit unseren Freunden eintauche, kümmert sich wechselnder Weise immer jemand darum, daß den kleinen Herren nicht langweilig wird. 


Sohn2 hatte ich vorgeschlagen, nachdem er mir so eindrucksvoll sein neu erworbenes Wissen von seinen Projekttagen über syrische Flüchtlinge geschildert hatte, doch ein kleines Interview mit unseren syrischen Freunden zu führen. 


Dazu hatte er zu Hause schon einen Fragenkatalog erstellt, aber vor Ort siegte das Spiel mit dem Ball ;-). Also habe ich seine Fragen aufgegriffen und die Vier gefragt, ob sie einpaar Fragen von Sohn2 beantworten mögen, die ich gerne auf dem Blog veröffentlichen würde. Sofort wurden die Köpfe zusammen gesteckt und das altbewährte Pingpongspiel der Sprachen begann:
  • Welche Länder habt ihr auf dem Wege nach Deutschland passiert?

Von Syrien aus ging es über die Türkei nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn  - Ungarn war sehr schlimm. Die Beamten schauten so böse, daß niemand sich traute ihnen in die Augen zu blicken. Niemand sprach auch nur ein Wort. Von da aus ging es nach Österreich und dann nach Passau in Deutschland. Die Grenzen haben sie stets zu Fuß überquert. Einer von ihnen ging eine Nacht lang strikt schweigend mit anderen durch den Wald. Sie hielten sich an den Schultern des Vordermannes fest. Es herrschte totale Finsternis. Hätte man da losgelassen, wäre man verloren gewesen. Es gab Übernachtungen manchmal im Freien. (Sie zeigen mir Handybilder). Am schlimmsten und gefährlichsten war der Weg über das Meer. In der Türkei ist das Boot, mit welchem sie nach Griechenland sollten, untergegangen. "Es paßten fünfzig Menschen darauf. Es wurden aber so viel mehr, daß das Boot unterging. Zum Glück tauchte es wieder auf, so daß wir uns daran festhalten konnten, nachdem wir alle ins Wasser gefallen waren".

  • Wie lange wart ihr unterwegs, bis ihr in Deutschland angekommen seid?  
"Bei mir und A (der Strahlende) hat es nur sieben Tage gedauert. Wir hatten es leichter. Meist waren wir mit Bus und Bahn unterwegs. Die Strecke über das Meer ist sehr gefährlich. So viele haben es nicht geschafft und haben mit ihrem Leben bezahlt. Unser ältester Freund hat einen ganzen Monat gebraucht."
  • Was habt ihr gefühlt, als ihr unterwegs wart?
"Ich war sehr aufgeregt", sagt T. Ich wußte nicht, was mich noch alles erwartet. Unterwegs bin ich einmal unglücklich mit dem Fuß umgeknickt. Der Knöchel war dick, ich hatte große Schmerzen. Aber wir mußten weiter, also habe ich die Zähne zusammen gebissen. Wir haben so Vieles gesehen in diesen Tagen. Ich habe auch viel Tauer gefühlt. Ich habe meine Eltern, meine Schwester, meine Frau, Freunde, alles... einfach alles zurück lassen müssen. Das ist schwer.  Es war gut, daß er mit mir war", und deutet auf seinen Freund. Alleine wäre es noch viel schwerer geworden." A. hört aufmerksam zu. Er lächelt sanft und nickt ab und an zu den Ausführungen seines Freundes. Dann holt er sein Handy hervor und zeigt mir Bilder von einer riesigen Menschenansammlung. Schon damals waren sie zusammen und haben friedlich gegen Assad demonstriert. "Hat leider nicht geholfen", sagt er.
  • Was ist euch in Deutschland am meisten aufgefallen?
"Die andere Kultur", sagt T. sofort. Wir sind auch Menschen begegnet, die uns sehr hilfsbereit entgegen getreten sind. Das war sehr schön." Er überlegt noch etwas. "Und daß es hier im Winter kein Leben gibt", sagt er. Die anderen pflichten ihm bei und lachen. Sie sind Ende November hergekommen. (Ich muß unwillkürlich daran denken, wie auch ich im November nach Norddeutschland kam. Auch wenn es in meinem Fall schon so lange her ist, kann ich diesen Eindruck aus meiner eigenen Erinnerung heraus gut nachvollziehen).
   
Die letzten zwei Fragen stammen nicht von Sohn2. Die stelle ich den Herren in der Runde:
  • Wie kann es eigentlich sein, daß es immer noch Menschen gibt, die in den Trümmerhaufen Syriens leben?
T. schaut mich aus unendlich traurigen Augen an. "Das können nur wir Syrer", sagt er. "Wir haben so viel durchgemacht. Jeden Abend, wenn wir von den neuen Toten hörten, haben wir geweint. Jeden Abend!", sagt er. "Aber irgendwann verändert sich etwas. Irgendwann nimmt man nur noch innerlich starr zur Kenntnis: "Ah..., wieder siebzig oder hundert oder soundsoviele Tote... Irgendwann werden Menschen zu Zahlen. Irgendwann hat man keine Tränen mehr. "



  •  Ihr seid nun seit ca. 9 Monaten in Deutschland. Bevor ihr endgültig hier gelandet seid, wart ihr z.T. zuerst fünfzehn Tage in Mannheim, zwei Tage in Horst, drei Tage in Schwerin und einen Monat in Neumünster. Bestimmt geht euch viel durch den Kopf. Wenn ihr die Möglichkeitet hättet den Menschen hier etwas zu sagen, was wäre das?
T. ergreift das Wort und spricht: "Krieg ist etwas so unvorstellbar Böses. Ich wünsche keinem Menschen, daß er das erleben muß.  Auch wenn etliche Menschen nicht gewollt haben, daß wir hierher kommen, oder sich immer noch schwer tun mit diesem Gedanken... Wir möchten unser Geld nicht bekommen, ohne dafür zu arbeiten. Wir möchten arbeiten, und es uns selbst verdienen - das ist ein großer Unterschied und ein so viel besseres Gefühl. In unserer größten Not haben Saudi Arabien und alle unsere Nachbarländer ihre Türen vor unseren Nasen zu gemacht. Ich möchte dem deutschen Volk von Herzen dafür danken, daß sie uns in dieses Land gelassen haben. Wir stehen tief in ihrer Schuld. Und wir werden das eines Tages zurück bezahlen!"

Lieber T., meine lieben A's, wir kennen uns erst so kurze Zeit und doch ist mir, als wäret ihr ein Teil meiner Familie. Ich bin sehr glücklich, daß uns ein kleines Lächeln zusammen geführt hat. Lieber A., ich wünsche dir, daß du deinen Vater nach über vier Jahren wieder sehen kannst. Daß du die Sorgen um deine Mutter und Schwester bald los wirst, die ganz alleine in Syrien auf sich gestellt sind. Möge es nicht ewig dauern, bis ihr alle eure Liebsten sicher in eure Arme schließen dürft. Eure Eltern können sehr stolz auf euch sein. In Deutschland würde man sagen, daß ihr das Herz auf dem rechten Fleck habt.

06 Mai 2016

Zwischenstand

 

Der Samen der Schleifenblume explodiert gerade, 

 

während Allium, Mohn und Duftveilchen sich tot stellen. Zumindest die Schleifenblumen werde ich bald pikieren müssen, bevor sie die Minigewächshäuschen sprengen. 

 

Draußen ist tolles Wetter: 19°C mit einer ordentlichen Brise Wind. Sehr viel wärmer braucht es für mich nicht zu werden.
So langsam aber sicher werden die Bäume grün.

 

Am meisten freue ich mich auf den Blätterwald vor unserem Schlafzimmerfenster, wenn die Eßkastanie meines Vaters richtig grünt.

Nachher geht es zu den Jungs. Zu den großen Jungs wohlgemerkt. Seit Tagen freuen wir uns darauf. Erwarten tue ich nichts, aber ich erhoffe mir gute Gespräche. Gestern bekam ich eine Nachricht von A., der Glühbirne ;-). Er klang ziemlich besorgt. In ca. 50 Tagen hat er eine Sprachprüfung zu absolvieren. Ich habe ihm versprochen, daß ich mir nachher mal seine Sachen angucken werde. Auch habe ich ihm angeboten, mit seinem Lehrer zu telefonieren. Dann weiß ich, was er drauf haben muß. Allerdings hoffe ich sehr, daß es sich bei den Sprachprüfungen nicht um die standardisierten Prüfungsaufgaben des Goethe-Instituts handelt. Die sind was für Leute, die nicht von dieser Welt sind. Ich wette, da hätte manch Deutscher auch seine Schwierigkeiten damit. Noch sitzen sie in der Uni und büffeln. Gegen 16.30 Uhr sehen wir uns.

Unser Kleiner hatte diese Woche Projektwoche in der Schule. Letztlich waren es nur drei Tage und an jedem Tag hat er sich mit einem anderen Land befaßt. Am zweiten Tag ging es um Syrien und die Flüchtlinge. Abends kroch er zu mir ins Bett und erzählte mir davon. Ich war sehr erstaunt, wie präzise er alles in Worte kleiden und mir alle Problematik des Krieges dort erläutern konnte. Daraufhin schlug ich ihm etwas vor, und er sprach: "Ich überlege es mir mal, ja Mami?". Wir werden sehen, ob nach seinen Überlegungen Taten folgen werden. 

Bis dahin habt einpaar herrlich sonnenlichtgetränkte Tage meine Lieben. Wir lesen uns! 

02 Mai 2016

Abla heißt Schwester auf Türkisch, oder wie ich zu meinen Brüdern kam

Ach, meine Lieben... wo bitte soll ich anfangen, und wo aufhören? Die kleinen Herren waren Stunden zuvor schon so aufgeregt, als würden sie Einhörnern begegnen. Vielleicht lag das auch daran, daß das Thema Flüchtlinge in unserem Haus zum Dauerthema avanciert ist. Unseren wöchentlichen Einsatz am Bahnhof haben wir zwischenzeitlich beendet - es kommen so gut wie keine Flüchtlinge mehr. Auch wenn mir das mit unseren Kindern eine Herzensangelegenheit war dort vor Ort mitzuhelfen, so kam mir das alles doch sehr wie ein Tropfen auf den heißen Stein vor. Einmal die Woche hatten wir für einige Stunden losen Kontakt zu den dort Gestrandeten. Jedes Mal waren es andere Menschen, die den Bahnhof füllten. Damals trafen wir den jungen Ferdi aus Afghanistan. Er war mit weiteren jungen, Heranwachsenden unterwegs. Im Eifer des Gefechts dachte ich nicht daran, mir ihre Telefonnummern einzuspeichern. Und als es mir einfiel, war es zu spät. Zwar suchte ich Ferdi noch Wochen später, aber es gelang mir nicht mehr, ihn und seine Freunde ausfindig zu machen. Bei meiner Suche erfuhr ich von einem sehr feigen Brandanschlag auf eine der Erstaufnahmeeinrichtungen für unsere Region. Eine neunköpfige Familie mit sieben Kindern kam zum Glück mit dem Schrecken davon. Unvorstellbar, wie es sich anfühlen muß, wenn man so viel Grauenhaftes schon hinter sich hat, sich dann in Sicherheit wähnt, und nach Krieg und Terror mitten in Deutschland so etwas erleben darf. Menschen, die solche Greueltaten verüben sollen zur Hölle fahren, und andere die das bejubeln sollten sich in Grund und Boden schämen. Das ist durch NICHTS zu entschuldigen.

Vorgestern hatte der Himmel sie uns geschickt. Und prompt mündete das in einem sehr spontanen Restaurantbesuch. Sie kamen pünktlich. Berührungsängste, oder eine Scheu voreinander gab es zu keinem Zeitpunkt. Wir haben sofort angefangen uns in drei Sprachen ohne Punkt und Komma zu unterhalten, so daß es ewig gedauert hat, bis die Bestellungen aufgegeben werden konnten. Es war so viel an Informationen, daß mir heute noch der Kopf schwirrt. Fotos haben wir gesehen von ihren Familien. Von den Eltern, den Geschwistern, weiteren Verwandten, Ehefrauen und auch von kleinen Kindern durften wir erfahren. Nur einer ist unverheiratet. Dafür fällt mir einer der drei A's auf. Es gibt ja Menschen, die strahlen wie nur was. Ich bin mir sicher, wenn man A. in einen finsteren Raum stellen würde, es wäre alles taghell erleuchtet. Unglaublich, wie der strahlen kann... Insgeheim nannte ich ihn das Licht - ohne zu dem Zeitpunkt zu ahnen, daß das die tatsächliche Bedeutung seines wunderschönen Namens ist...

Ihre Geschichten haben mich sehr berührt, ebenso ihre Entschlossenheit, es hier beruflich zu etwas zu bringen. Ihr Lernwille ist beeindruckend. Die werden ihre Chancen nutzen, so viel ist mal klar. Fast alle haben ein abgeschlossenes Studium hinter sich, oder einen Beruf. Einer von ihnen überbrückt die Wartephase und macht in der Zwischenzeit einen Online-Sprachkurs. Und ich bin fassungslos, wie gut sie schon die hiesige Sprache beherrrschen. Und das in kaum mehr als neun!!! Monaten. Das ist unfassbar gut.

Die meiste Zeit habe ich mich mit T. unterhalten. Er beherrscht ein exzellentes Türkisch in Wort und Schrift. Er erklärt mir, daß Syrisch und Türkisch miteinander verwandt seien, und es daher nicht sonderlich schwer gewesen wäre, die Sprache so gut zu erlernen. Aha! Das Phänomen kenne ich ja auch von vielen Holländern, die oftmals fließend Deutsch sprechen - umgekehrt habe ich das noch nie so in Perfektion gehört. Ebenso habe ich noch keinen Türken getroffen, der syrisch spricht. Nun gut. Er erklärt mir, daß die wenigsten Syrer ihr Land verlassen könnten, weil es sehr viel Geld kosten würde, herzukommen. Er erklärt mir, daß Ingenieuere zu den Bestverdienern des Landes zählen. Sie würden in etwa 200 Dollar monatlich verdienen. Sein Vater ist Ingenieur. Für alle anderen wäre das ein aussichtsloses Unterfangen. Die müßten sich dann von Eigentum trennen, Hab und Gut veräußern. Sein Vater möchte Syrien nicht verlassen. Das ist seine Heimat. Dort, hat er erklärt, bleibt er - so oder so.

Im Laufe des Abends erfahre ich ihre genaue Adresse hier. Es ist tatsächlich ziemlich genau da, wo es meine Mutter vor über vierzig Jahren hinverschlagen hatte. " Hier sagt man: Ihr seid am A.... der Welt!", sage ich. "Also am Popo", füge ich erläuternd hinzu. Es gibt viel Gelächter, als man versteht.  Da gibt es NICHTS. Keine Einkaufsmöglichkeiten sowieso. Dafür muß man ewig mit dem Bus fahren. Wir sprechen hier von Tagestouren. "Da könnt ihr euch vermutlich nur Kühe anschauen", sage ich. "Es gibt dort nicht einmal Kühe", sagt einer. Erneut brandet Gelächter auf. Zu Sechst bewohnen sie drei Zimmer. Wir werden es bald sehen. Denn noch diese Woche habe ich vor, dort hinzufahren.

Es war ein wundervoller Abend, die Zeit verging wie im Flug. So viel Respekt, Herzlichkeit und Offenheit habe ich selten erlebt. Das wird eine Fortsetzung geben. Und wir freuen uns sehr darauf. Ich habe nun vier Brüder, die mich irre stolz und glücklich machen. Und sie haben eine Schwester, die ihnen helfen wird, wo sie kann. Egal, wohin es sie eines Tages verschlagen wird, wir werden den Kontakt beibehalten. Und bis dahin machen wir einfach das Beste aus der uns gegebenen Zeit.

01 Mai 2016

Heute machen wir blau!

Die Wetterkapriolen in dieser Woche waren schier unglaublich: nahezu jeden morgen war Scheibenfreikratzen angesagt. Es gab dicke Schneeflocken, Dauerregen, Hagel und Gewitter. Und heute zur Eröffnung der Freibadsaison gab es völlig unerwartet dann das:

 

Bei 11°C Außentemperatur haben wir uns Richtung Freibad aufgemacht. Das Wasser hat immerhin muckelige 23°C. Da kann man sich nun wirklich nicht beschweren. Und selbstredend kam Herr Mautz mit - schließlich ist heute freier Eintritt ;-)...

 

Von Jahr zu Jahr wird er bekannter. Inzwischen kennen ihn viele Menschen schon mit Namen, strahlen, wenn sie ihn von weitem sehen und rufen seinen Namen.

 

Nach einer Stunde im Wasser war ich unterkühlt genug, um wieder raus zu gehen. Die kleinen Herren haben sich im Kleinkindbecken bei tropischen Wassertemperaturen wieder auftauen lassen.

 

Draußen vor dem Eingang hatte sich bereits eine Menschentraube um den wartenden Herrn Mautz gebildet. Zum Glück versucht ihn keiner zu streicheln, denn fremden Personen gegenüber ist Herr Mautz sehr zurückhaltend. Jetzt gibt es erst mal eine Kanne Tee. 

Habe ich euch schon gesagt, wie sehr ich mich auf heute Abend freue?!