18 September 2016

Zwischen Ethik und Moral

Unser Leben ist gerade sehr langsam geworden.  Es wird sehr viel gekuschelt, Fragen gestellt, nachgedacht. 

"Mama, was würdest du tun, wenn...?" 

Manchmal habe ich mich gefühlt wie auf dem heißen Stuhl, habe mich dennoch ehrlich bemüht, Rede und Antwort zu stehen. Nicht immer einfach ist das.


Seit geraumer Zeit hat der Sohn Ethik-Unterricht in der Schule und ist mit Begeisterung dabei. Ich freue mich sehr, daß er einen so tollen Lehrer hat, der die Kinder mit hochinteressanten Fragestellungen zum Nachdenken bewegt. Umso bedauerlicher ist es, daß viele  das Fach Religion von vornherein abwählen, welches später auf dem Ethik-Unterricht aufbauen wird.

Im Alltag werden die Begriffe Ethik und Moral fast gleichgesetzt benutzt. In der Philosophie und Wissenschaft wird unterschieden. 

Moral bezeichnet die konkreten Verhaltensregeln, die unter uns Menschen gelten: Sie umfassen Normen, Gesetze, Vorschriften, warum und wie wir etwas machen. Daraus leiten wir ab, was moralisch erlaubt, oder moralisch verboten ist. Ethik ist quasi das Nachdenken über die Moral, die Begründung der Moral, das Analysieren und Philospohieren darüber. 

Im Ethik-Unterricht geht es darum zu verstehen, warum eine bestimmte Moral vernünftig, richtig und angebracht ist, warum wir uns so oder so verhalten sollen.  Hier denkt man über Moral nach, man bewertet und reflektiert es. Durch den Blick von Außen auf eine Sache will man heraus finden, welche Moral oder Verhaltensregeln die besten, und welche unsinnig sind. 

In unserer Familie ist ein Tier gestorben. Nicht irgendein Tier, sondern unser herzallerliebster Mautz, mit dem wir die letzten zweieinhalb Jahre unseres Lebens geteilt haben. Sein Tod hat uns schmerzhaft vor Augen geführt, wie sehr er Mittelpunkt unseres Lebens war. Und nicht nur das: sein Tod hat sehr viele Fragen aufgeworfen, über die Kinder in diesem Alter für gewöhnlich nicht nachdenken würden. Der Schmerz hat uns sehr empfindsam und durchlässig werden lassen.


Was passiert genau, wenn ein Tier eingeschläfert wird? 

Woher weiß man, daß das Tier nicht doch einen furchtbaren Todeskampf auszustehen hat, wenn zuerst all die Muskeln erschlaffen und erst nach und nach die Organe versagen? So kann man doch gar nicht wissen, wie es ihm in dieser Zeit wirklich geht. Belügt man sich da nicht selber?

Warum sagt man einschläfern, wenn das Tier getötet wird? Das ist doch viel zu nett für das, was da passiert.

Kann uns das auch passieren, daß irgendwer meint, uns einschläfern zu müssen?

Würdest du wollen, daß du eingeschläfert wirst, wenn du so unheilbar krank wärest? Wer entscheidet darüber?

Warum ist das Beenden von Menschenleben in einigen Ländern erlaubt und in anderen verboten? Warum gibt es so unterschiedliche Regeln?

Mautz haben wir geliebt. Was ist mit all den anderen Tieren? Zum Beispiel auch mit jenen, die man so selbstverständlich ißt? 

Nur ein kleiner Auszug ist das, was ich hier aufgeschrieben habe.  Es gab so viel mehr, aber das würde den Rahmen jetzt wirklich sprengen. Wir haben verhältnismäßig junge Kinder und man muß natürlich sehr behutsam auf all diese Fragen eingehen, um keine Ängste in ihnen herauf zu beschwören. Ich gebe zu, daß ich nicht auf alles eine umfassende Antwort habe. Hier und da kann ich nur für mich ganz persönlich sprechen. 

Wie sind eure Gedanken dazu? 

Kommentare:

  1. Anonym18.9.16

    Erst mal begrüße ich es dass es in der Schule Ethik-Unterricht gibt. Zu meiner Zeit gab es das leider nicht.

    Immer wenn ich lese dass ein Tier eingeschläfert wurde denke ich an mein eigenes Ende und bedauere es sehr dass ich diesen Weg bei schwerer Krankheit nicht gehen kann bzw. darf.
    Was passiert genau, wenn ein Tier eingeschläfert wird? Ich stelle mir vor dass das ähnlich wie eine Narkose wirkt.
    Warum sagt man einschläfern, wenn das Tier getötet wird? Das ist doch viel zu nett für das, was da passiert. Ich finde den Begriff zutreffend, ein Schlaf ohne Aufwachen. So möchte ich gerne sterben können.
    Kann uns das auch passieren, daß irgendwer meint, uns einschläfern zu müssen? Das ist die eigentliche Frage, unwertes Leben auslöschen gab es schon mal und gibt es immer noch. Solange ich selbst bestimmen kann was mir passiert im Fall des Falles ist es für mich OK.
    Würdest du wollen, daß du eingeschläfert wirst, wenn du so unheilbar krank wärest? Wer entscheidet darüber? Ja von heute aus gesehen würde ich das wollen.
    Warum ist das Beenden von Menschenleben in einigen Ländern erlaubt und in anderen verboten? Warum gibt es so unterschiedliche Regeln? Ich würde mir wünschen über mich selbst mehr bestimmen zu können. Ob ich es in der jeweiligen Situation dann machen würde ist eine andere Frage. Es wird in den einzelnen Ländern mit den verschiedenen Kulturen immer Unterschiede geben.

    Gerade habe ich mit meiner alten Nachbarin ihre Patientenverfügung durchgeschaut. Da muß man sich diese Fragen stellen.

    Grüße
    Defne

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  2. Du Liebe,
    Kinder stellen die Fragen nach Tod und Leben. Sir beschenken uns damit. Die wir so gerne unsere und die Endlichkeit allen Lebens verdrängen.
    Ich habe von meinen Kindern, grad als sie noch klein waren, soviel Erstaunliches und wirklich Weises zu hören bekommen- ich musste gar nicht mehr viel sagen.
    Ich finde, man kann den Kindern sein eigenes Ringen um Antworten ruhig zeigen, mit ihnen die Vergeblichkeit der letzten Antworten durchleben. Seine Sicht der Dinge, seinen Glauben, seine Gedanken mitteilen. Sie er-leben sie ja auch jeden Tag.
    Und dann aushalten, wenn sie andere Antworten finden.
    Und da aushalten, wo man überhaupt nichts mehr versteht.
    Ich finde es enorm schade, dass so viele Eltern ihre Kinder vom Religionsunterricht abmelden.
    Wie soll ein junger Mensch sich für oder gegen etwas entscheiden, das er gar nicht kennt?
    Wie soll man z.B. große Teile unserer Literatur, unserer Lieder, unserer Kultur verstehen, wenn man noch nie etwas von Isaac und Jakob gehört hat? Im Moment geht ein Wissen über die Grundlagen unserer Kultur verloren wie noch nie.
    Dass es Ethikunterricht gibt ist gut. Philosophieren mit Kindern ist wichtig. Genau wie das Wissen um unsere Wurzeln.
    Lieben Lisagruß!

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    1. Anonym19.9.16

      Religionsunterricht ja, aber nur wenn über alle Religionen gesprochen wird und nicht nur über eine. Nur wenn ich mehrere Religionen kenne kann ich mich frei entscheiden und dann bitte erst die Entscheidung im Erwachsenenalter und nicht im Kindesalter.
      Ansonsten halte ich Moral und Menschlichkeit wichtiger als Religion.
      Grüße von Defne

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  3. Oja, das kenne ich auch, diese Fragen. Und hin und wieder - ich muss es zugeben - komme ich erst durch diese Kinderfragen zum Nachdenken über manchen Sachverhalt. Ist man doch so daran gewöhnt.
    Ich versuche ebenfalls auf alles wahrheitsgemäß zu antworten, aber eben doch altersgemäß. Neulich sprache ich mit meiner 9-Jährigen Tochter über den zweiten Weltkrieg (ganz grob) und ich erklärte ihr manches und meinte dann: Genaueres erkläre ich dir dann, wenn du etwas größer bist und sie antworete: Ja, mehr möchte ich jetzt auch gar nicht hören.
    Bei meiner Tochter im Reliunterricht wurde übrigens kürzlich der Islam unterrichtet. Da war ich doch sehr erstaunt, fand ich aber gut.
    Und über das Tiereeinschläfern habe ich mir neulich tatsächlich selber Gedanken gemacht. Wieso beim Tier? Und wenn beim Tier, wieso nicht beim Mensch (also nicht, dass ich jetzt fürs Einschläfern wäre, also zumindest nicht ohne eigene Einwilligung).
    Ich findes es zwar oft schwer, aber doch auch sehr schön mit seinen Kindern zu philosophieren.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  4. Ich glaube, die Moral von der Geschicht ist, dass man vor allem ehrlich sein sollte und das eigene Nichtwissen, die eigene Ratlosigkeit nicht verbergen sollte. Ich denke, dass das auch der Weg zur gemeinsamen Suche nach Standpunkten sein kann. Ich habe damit die besten Erfahrungen gemacht.
    LG
    Magdalena

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