23 Juni 2016

Geduld, Geduld, oder zwischen Ohnmacht und Ausbeutung

"Wer Ungerechtigkeit sucht, braucht keine Laterne."
Deutsches Sprichwort

Vor drei Wochen bekam ich eine Nachricht von einem unserer syrischen Freunde: "Abla, wir vermissen dich. Kommst du uns besuchen?!" Eigentlich bin ich hundemüde, ständig ist irgendwas, und ich hatte mich schon auf einen ruhigen Nachmittag gefreut... Mein Gewissen läßt mir keine Ruhe, ich nehme den Jüngsten mit, und wir fahren pünktlich los, um wie verabredet um 17.00 Uhr da zu sein.

Freundlich wie eh und je werden wir empfangen. Der, der mir die Nachricht geschickt hatte, kommt wider Erwarten erst zwei Stunden später. Was geschehen war? Als wir uns auf eine Zeit festlegten, tippte er 17.00 Uhr, als er tatsächlich 19.00 Uhr meinte. "A., du solltest unbedingt erst mal die Uhrzeiten lernen. In Deutschland ist das sehr wichtig!", sage ich lachend. Alle klopfen sich auf die Schenkel. A. entschuldigt sich verschämt bei mir.

In der Zwischenzeit habe ich mich mit den anderen unterhalten. Sie finden ihre Situation zermürbend. Erst einer von ihnen hatte seine erste Anhörung als Asylbewerber. "In anderen Bundesländern geht das so viel schneller. Warum dauert es hier so lange? Menschen, die zeitgleich mit uns hier angekommen sind, haben ihre Ehefrauen längst nachgeholt. Wir können nichts machen, außer Sprachkurse zu absolvieren und zu warten. Immer heißt es: "Geduld, Geduld!" Wie lange soll das noch so gehen?" Ich höre mir ihren Unmut an, leider kann auch ich nichts Erhellendes von mir geben.

"Wenn ich hier noch monatelang warten muß, vergesse ich mein im Studium erworbenes Wissen nach und nach", sagt T. Er überlegt, ob er nicht irgendwo der Schwarzarbeit nachgehen soll. Von etlichen anderen weiß er, daß sie das tun.

"Oh, bitte nicht!!! Das ist wider das Gesetz. Das dürft und solltet ihr auf gar keinen Fall tun. Denkt nicht mal daran!"

T. erzählt mir von einem Freund, der in der Stadt schwarz arbeitet. Offiziell hat er einen Vertrag über drei Stunden am Tag, aber in Wirklichkeit muß er zehn Stunden arbeiten, um drei Stunden ausgezahlt zu bekommen. Ich merke, wie ich unruhig werde und mich aufrege über diese unglaubliche Ausbeutung. T. erzählt weiter, daß sein Freund versucht hat, seine Situation zu verbessern. Daraufhin hat er mitgeteilt bekommen, daß er entweder weiterhin 10 Stunden für drei offizielle Stunden ableistet, oder aber gehen kann. Über so etwas kann ich mich sehr aufregen. In über vierzig Jahren hat sich in diesem Bundesland kaum etwas geändert. Damals wurden schon meine Eltern und eine ganze Generation von Gastarbeitern mit unlauteren Methoden derart unter Druck gesetzt, daß sie sich letztlich der Ungerechtigkeit beugten und für Peanuts schwer arbeiteten.

"Das willst du doch nicht wirklich?!", sage ich aufgebracht. "10 Stunden arbeiten, um drei Stunden mies bezahlt zu bekommen? Dafür hast du doch nicht einen so guten Universitätsabschluß gemacht. Du willst doch nicht für die paar Kröten Kopf und Kragen riskieren in diesem Land?"

"Aber so geht das auch nicht ewig weiter", sagt T. Wir werden ja nur hingehalten, bekommen keine ordentliche Auskunft - nur: "Geduld, Geduld...!" Wenn das noch lange so weiter geht, dann gehe ich, wenn's sein muß, zu Fuß in die Türkei zurück. Dort hatte ich wenigstens eine ordentliche Arbeit und habe ganz ordentliches Geld verdient."

"Ich verstehe deinen Unmut, aber vergiß die Schwarzarbeit - ein für allemal. Auch Deutsche möchten eine ordentliche Arbeit haben, und nicht jeder hat sie. Hier leben wir zwar da, wo andere gerne Urlaub machen, aber arbeitstechnisch war das hier immer schon ein sehr schwieriges Pflaster. Bitte macht eure Zukunft nicht kaputt, ehe sie begonnen hat."

T. übersetzt für die anderen. Sie schauen mich aus großen Augen an. Ich wünschte, ich könnte ihnen irgendetwas hoffnungsvolles sagen, aber mir fällt nichts ein. Und: "Geduld, Geduld...!", ist glaube ich nicht so sehr aufbauend im Augenblick.

Mitten in unserem Läusedebakel erreichen mich Nachrichten von T. Sie haben vom Amt Bescheid bekommen, daß sie bald umziehen werden. Sie kennen nur den Namen des Ortes, aber nicht die genaue Adresse. Erst später erfahren sie, in welche Straße sie umziehen werden. Ich schaue mir die Straße im Netz an: alles Einfamilienhäuser mit Gärten. T. läßt mich wissen, daß sie nicht wie bisher mit sechs Mann dort einziehen sollen, sondern mit weiteren Dreien. Und es gäbe nur ein Bad und WC fügt er an. Er klingt aufgebracht. Ich versuche ihn zu beruhigen, und führe ihm vor Augen, daß sie mit diesem Ort der Zivilisation ein Stückchen näher rücken. Das war doch genau, was wir vor wenigen Wochen noch überlegt hatten. Deutlich bessere Busverbindungen, immerhin einige wenige Einkaufsmöglichkeiten, einige Ärzte etc. "Das ist um Lichtjahre besser als dort zu leben, wo ihr jetzt untergebracht seid", sage ich. "Ja, aber zu neunt mit nur einem WC und einem Bad...", kommt es vom anderen Ende. "Hör mal, du weißt noch nicht einmal die genaue Adresse, willst aber wissen, daß es nur ein WC/Bad für neun Personen gibt... Jetzt warte doch erst mal ab. Es gibt ein schönes, deutsches Sprichwort: Es wird nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird. Können wir uns darauf einigen, daß du erst dann anfängst dich aufzuregen, wenn sich das mit einem WC/Bad bestätigt hat?? Und auch dann wird es eine Lösung geben. Dann macht ihr eben Pläne, wer das Bad wann nutzen darf und versucht euch daran zu halten. Muß ich dir vor Augen führen, wie eure Landsleute in den Containern untergebracht sind?? Versuche doch den Umzug erst mal positiv zu sehen."

Am Ende unseres Gespräches hat sich mein Gesprächspartner anscheinend etwas beruhigt. "Danke Abla!", sagt er. "Das hat mir jetzt gut getan, mit dir zu sprechen."

Ich hoffe, daß bald Bewegung in alles kommt. In der Zwischenzeit habe ich erfahren, daß sie gemeinsam einen Anwalt einschalten wollen. Sie möchten nicht weitere kostbare Zeit mit Wartereien vertrödeln. Wir werden sehen...

Kommentare:

  1. Schwer so etwas!
    Und überall im Land die Situationen, die Du erzählst ...
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  2. Echt zermürbend ihre Situation, aber mein Vater hat Anfang der 70 er auch in einem Männerheim gewohnt, bis er eine Wohnung mieten und uns nachholen konnte, verging auch 1 Jahr. Man kann ihnen nichts sagen ausser *Geduld* und *Gott möge ihnen helfen* (allah yardımcıları olsun). Ich wünsche ihnen alles Gute. Selamlar

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  3. Anonym26.6.16

    In der Zwischenzeit habe ich erfahren, daß sie gemeinsam einen Anwalt einschalten wollen???
    Prima Idee!!! ironie*
    Wer bezahlt den Anwalt?
    Bitte liebe Papatyam lass Dir doch nicht so einen Mist erzählen, wenn Du etwas helfen willst, lass Dich zu ehrenamtlichen Helfer schulen bei AWO Diakonie usw.
    Aber sich mit derartigem FlüchtlingsGejammere zutexten zu lassen, DAS ist wirklich hochgradig naiv.
    Sorry, aber DAS musste ich jetzt mal loswerden.
    Lass Dich bitte nicht noch mehr ausnutzen, und überlass die Hilfe professionell geschultem Personal.
    Du kannst nicht die ganze Welt retten, und für die derzeitige Flüchtlingspolitik bist Du auch nicht verantwortlich.
    Wenn jemand "schwarz" arbeiten möchte, soll er das bitte tun, dafür muss er aber erstmal sich bewerben , ist doch ein gutes Bewerbungstraining. Nein sagen zu lernen gehört auch dazu.
    Früher oder später landen sowieso alle Flüchtlinge im Niedriglohnbereich für 80 cent die Stunde.
    Frau Nahles hat da schon mal etwas vorbereitet wie ich gelesen habe.
    Für die 100.000 neuen Arbeitsgelegenheiten für Flüchtlinge allerdings will Nahles weniger Geld ausgeben als für die bisherigen Ein-Euro-Jobs – nämlich 80 Cent pro Stunde. Die SPD-Politikerin begründet dies damit, dass die Flüchtlinge Arbeitsgelegenheiten in ihren Gemeinschaftsunterkünften bekommen sollten, zum Beispiel als Helfer bei der Ausgabe der Mahlzeiten oder bei der Reinigung der Einrichtungen.
    So schauts aus!
    Leider habe ich keinen Blog, daher anonym.
    Gruss Conny

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    1. Liebe Conny,
      sorry, daß du dich so aufregen mußt. Den Anwalt bezahlen sechs Flüchtlinge von ihrem Ersparten. Und um mich brauchst Du Dir keine Sorgen zu machen - weder lasse ich mich ausnutzen, noch möchte ich die Welt retten. Alles gut.

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  4. Anonym29.6.16

    Hallo Pünktchen,
    über Deinen Beitrag habe ich lange nachgedacht.
    Irgendwie sind die jungen Männer noch nicht in der Wirklichkeit angelangt.

    Ich fang mal von hinten an:
    Ich weiß jetzt nicht warum die Männer einen Anwalt eingeschalten haben. Falls es nur um die Wartezeiten geht verstehe ich es nicht. Wenn so viele Anträge auf einmal bearbeitet werden müssen dann dauert das eben, das ist doch nicht die Schuld der Behörden. Meinem Verständnis nach dauert es für alle länger je mehr Anwälte eingeschalten werden, denn das muss dann zusätzlich bearbeitet werden. Ich muss oft längere Zeit auf etwas warten. Flüchtlinge sind diese Männer nicht denn schon in der Türkei wären sie sicher gewesen. Ich bin für eine faire Verteilung der Flüchtlinge ab der Europäischen Grenze. Leider haben sich die europäischen Staaten da nicht geeinigt. Auf dem Weg nach Deutschland haben sie sicher einige sichere Statten durchreist. Falls jemandem Unrecht geschieht ist es richtig einen Anwalt einzuschalten.

    Die Wohnsituation:
    Ein Einfamilienhaus (falls es das wird) für 9 Leute ist der Wunschtraum von vielen egal ob "nur" ein Bad vorhanden ist. Das sind wahrscheinlich 3 bis 5 Zimmer auf welche die Männer dann aufgeteilt werden. Vielleicht gibt es noch ein Dachgeschoß und einen Keller dazu.
    Die abgelegene Gegend mit den relativ schlechten Verkehrverbindungen muß auch die Bevölkerung (egal welcher Nationalität), welche schon lange dort lebt, hinnehmen. Oder gibt es für diese Bevölkerung ein Aussiedlungsprogramm wenn es so untragbar ist. In meinem Leben musste ich immer weite Wege zum Ausbildungsplatz oder zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen. Das ist die Normalität. Ein Auto ist sowieso auch für viele Einheimische viel zu teuer.
    Schwarzarbeit und sich ausbeuten zu lassen finde ich auch nicht gut. Dass Ausländer ausgebeutet werden, welche sich mit den Gesetzen nicht gut auskennen und sich deswegen nicht wehren, geht gar nicht.
    Um fit im Fachgebiet zu bleiben können die im Internet etwas lernen oder sich in Lerngruppen zusammenschliessen. Ich nehme mal an dass ggf. mindestens einer der 6 Männer einen Internetzugang hat. In der Zwischenzeit können sich die jungen Männer ehrenamtlich betätigen wie z.B. der alten verwitweten Nachbarin den Rasen im Garten mähen. Das ist auch gut um sich zu integrieren. Fast überall gibt es so was wie eine Nachbarschaftshilfe wo man sich engagieren kann.
    Meinen eigenen Ingenieurstitel kann ich auch vergessen weil ich lange Zeit nicht in diesem Beruf gearbeitet habe. Ich verdiene mein Geld jetzt mit Putzen. Das ist auch für viele die Realität.
    Mit einem guten Universitätsabschluss kann jemand auch ganz einfach mit der Familie einwandern ohne Wartezeit wenn eine Stelle gefunden wurde für die der Bewerber passt und genommen wird.
    Warum die Männer nach Deutschland gekommen sind ist mir noch nicht klar, wenn sie schon in der Türkei Fuß gefasst haben. In der Türkei zu leben ist nicht immer ein Zuckerlecken, ich habe selbst dort unter sehr einfachen Bedingungen gelebt. Falls die Familien in der Türkei sind wäre es ja ganz einfach dann dorthin wieder zu gehen.
    Was mich interessieren würde was das Interesse der Männer war nach Deutschland zu kommen. Warum nicht Türkei, Ungarn, Österreich, Holland usw.?

    Ich würde mir ein Interview mit diesen Männern von Dir freuen um zu erfahren was sie sich konkret vorstellen hier in Deutschland, wie sie sich integrieren wollen. Wie soll das Leben für sie in 5, 10 und 20 Jahren ausschauen falls in Syrien bis dahin noch nicht Frieden ist und sie zurückkehren können? Was wollen sie zur Gesellschaft beitragen in Deutschland, wie wollen sie sich engagieren? Wie werden sie mit der Vielfalt der Nationalitäten und den vielen verschiedenen Religionen leben?

    Grüße
    Defne

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    1. Liebe Defne,
      vielen Dank für dein Kommentar! Also, ich denke auch, daß die Verwaltungsarbeiten um Flüchtlinge und ihre Belange komplizierter sind, als das für Außenstehende anmuten mag. Das einzige, was man an den Sachbearbeitern bemängeln könnte ist, daß sie die jeweilige Problematik anscheinend nicht ausreichend kommunizieren. Mit "Geduld, Geduld..." würde sich keiner gerne abfertigen lassen - davon gehe ich mal aus. Übrigens hat nur einer der Flüchtlinge (übrigens sehe ich persönlich nicht ausschließlich "Flüchtlinge" in ihnen, mittlerweile sind sie liebe Freunde geworden) längere Zeit in der Türkei gelebt. Alle anderen sind meines Wissens auf direktem Wege nach Deutschland gekommen. Sie haben mir mal erklärt, daß so lange man in Syrien studiert, man frei vom Militärdienst ist. Hat man das Studium aber beendet, wird man, falls nötig sogar mit Gewalt von Zu Hause abgeholt, und in den Krieg geschickt. "Ich möchte keine Menschen töten!", sagte mir einer der A's. Ihre Frauen studieren noch in Syrien. Die Elterngeneration möchte dort bleiben - egal, was komme. Einen Internetzugang hat es nach einigen monaten schon gegeben, nur keinen PC auf dem CAD-Programme (ich kenne mich damit nicht aus) laufen können. Der Nachbarschaftshilfe sind sie überhaupt nicht abgeneigt. Sie würden jede Arbeit machen, die sie kriegen können. Aber dazu fehlen ihnen schlichtweg die Kontakte zur hiesigen Bevölkerung. Abgesehen davon nehmen ihre Sprachkurse schon den Großteil ihrer Tage ein. Ich wüßte nicht, wann sie da noch was arbeiten wollten. Wenn ich schon mal hie und da angedeutet habe, daß hier ein hartes Pflaster für Ausländer ist, dann ist das keine Übertreibung. Gute Jobs sind hier sehr rar gesät. Was die neue Unterkunft anbelangt, werden wir sehen, wo sie letztlich tatsächlich landen werden. Ich denke auch, daß sie zu zweit oder dritt sich werden ein Zimmer teilen müssen. Es gibt tatsächlich schlimmeres als das. Aber ich finde es auch durchaus menschlich, etwas jammern zu dürfen. Tun auch andere aus weitaus weniger trifftigen Gründen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie es weiter gehen wird. Lieben Gruß.

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    2. Anonym30.6.16

      Hallo Pünktchen,
      Das verstehe ich sehr gut dass viele in Syrien nicht aktiv am Krieg teilnehmen wollen.
      Es sollte in jedem Land der Welt die Möglichkeit geben den Kriegsdienst zu verweigern. Es ist in Deutschland auch noch nicht so lange her dass die Männer ggf. vor Gericht dafür argumentieren mussten dass sie den Wehrdienst verweigern wollen. Ich hatte da so einige Fälle als ich als ehrenamtlicher Schöffe kurze Zeit beim Verwaltungsgericht tätig war.
      Natürlich ist Jammern, bzw. sein Herz ausschütten, besonders unter Freunden erlaubt. Du rückst ihr Realitätsbild ja auch wieder zurecht. Danach können die Probleme hoffentlich entspannter gesehen werden.
      Grüße von Defne

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