07 Mai 2016

Zu Gast bei unseren syrischen Freunden

Herrlicher Sonnenschein treibt die Menschen vor die Türe. Für den heutigen Tag hatte ich unser Kommen angekündigt. Wie jeden Tag unter der Woche sind sie mit ihren Sprachkursen gut beschäftigt. Weil ich mich kurz verfahre, kommen wir mit einer kleinen Verspätung an. Ich parke und wir gehen zu einem kleinen Haus, an dem auf der einen Seite drei Garagen angegliedert sind. Unmittelbare Nachbarn gibt es keine. An der Haustür werden wir herzlich empfangen und gehen rein. Wir beschließen das schöne Sonnenwetter in dem kleinen Garten auszukosten und so werden schnell die Stühle auf die Terasse gestellt. Tee, andere Getränke und Knabbereien werden gereicht. Für meine Jungs hatte ich einen kleinen Ball eingepackt. Es dauert nicht lange, und schon spielt Sohn2 mit einem der drei A's, der in seiner Heimat Rechtswissenschaften studiert hat, mit dem Ball. Sohn1 macht mit, und während ich erneut in eine intensive Unterhaltung mit unseren Freunden eintauche, kümmert sich wechselnder Weise immer jemand darum, daß den kleinen Herren nicht langweilig wird. 


Sohn2 hatte ich vorgeschlagen, nachdem er mir so eindrucksvoll sein neu erworbenes Wissen von seinen Projekttagen über syrische Flüchtlinge geschildert hatte, doch ein kleines Interview mit unseren syrischen Freunden zu führen. 


Dazu hatte er zu Hause schon einen Fragenkatalog erstellt, aber vor Ort siegte das Spiel mit dem Ball ;-). Also habe ich seine Fragen aufgegriffen und die Vier gefragt, ob sie einpaar Fragen von Sohn2 beantworten mögen, die ich gerne auf dem Blog veröffentlichen würde. Sofort wurden die Köpfe zusammen gesteckt und das altbewährte Pingpongspiel der Sprachen begann:
  • Welche Länder habt ihr auf dem Wege nach Deutschland passiert?

Von Syrien aus ging es über die Türkei nach Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn  - Ungarn war sehr schlimm. Die Beamten schauten so böse, daß niemand sich traute ihnen in die Augen zu blicken. Niemand sprach auch nur ein Wort. Von da aus ging es nach Österreich und dann nach Passau in Deutschland. Die Grenzen haben sie stets zu Fuß überquert. Einer von ihnen ging eine Nacht lang strikt schweigend mit anderen durch den Wald. Sie hielten sich an den Schultern des Vordermannes fest. Es herrschte totale Finsternis. Hätte man da losgelassen, wäre man verloren gewesen. Es gab Übernachtungen manchmal im Freien. (Sie zeigen mir Handybilder). Am schlimmsten und gefährlichsten war der Weg über das Meer. In der Türkei ist das Boot, mit welchem sie nach Griechenland sollten, untergegangen. "Es paßten fünfzig Menschen darauf. Es wurden aber so viel mehr, daß das Boot unterging. Zum Glück tauchte es wieder auf, so daß wir uns daran festhalten konnten, nachdem wir alle ins Wasser gefallen waren".

  • Wie lange wart ihr unterwegs, bis ihr in Deutschland angekommen seid?  
"Bei mir und A (der Strahlende) hat es nur sieben Tage gedauert. Wir hatten es leichter. Meist waren wir mit Bus und Bahn unterwegs. Die Strecke über das Meer ist sehr gefährlich. So viele haben es nicht geschafft und haben mit ihrem Leben bezahlt. Unser ältester Freund hat einen ganzen Monat gebraucht."
  • Was habt ihr gefühlt, als ihr unterwegs wart?
"Ich war sehr aufgeregt", sagt T. Ich wußte nicht, was mich noch alles erwartet. Unterwegs bin ich einmal unglücklich mit dem Fuß umgeknickt. Der Knöchel war dick, ich hatte große Schmerzen. Aber wir mußten weiter, also habe ich die Zähne zusammen gebissen. Wir haben so Vieles gesehen in diesen Tagen. Ich habe auch viel Tauer gefühlt. Ich habe meine Eltern, meine Schwester, meine Frau, Freunde, alles... einfach alles zurück lassen müssen. Das ist schwer.  Es war gut, daß er mit mir war", und deutet auf seinen Freund. Alleine wäre es noch viel schwerer geworden." A. hört aufmerksam zu. Er lächelt sanft und nickt ab und an zu den Ausführungen seines Freundes. Dann holt er sein Handy hervor und zeigt mir Bilder von einer riesigen Menschenansammlung. Schon damals waren sie zusammen und haben friedlich gegen Assad demonstriert. "Hat leider nicht geholfen", sagt er.
  • Was ist euch in Deutschland am meisten aufgefallen?
"Die andere Kultur", sagt T. sofort. Wir sind auch Menschen begegnet, die uns sehr hilfsbereit entgegen getreten sind. Das war sehr schön." Er überlegt noch etwas. "Und daß es hier im Winter kein Leben gibt", sagt er. Die anderen pflichten ihm bei und lachen. Sie sind Ende November hergekommen. (Ich muß unwillkürlich daran denken, wie auch ich im November nach Norddeutschland kam. Auch wenn es in meinem Fall schon so lange her ist, kann ich diesen Eindruck aus meiner eigenen Erinnerung heraus gut nachvollziehen).
   
Die letzten zwei Fragen stammen nicht von Sohn2. Die stelle ich den Herren in der Runde:
  • Wie kann es eigentlich sein, daß es immer noch Menschen gibt, die in den Trümmerhaufen Syriens leben?
T. schaut mich aus unendlich traurigen Augen an. "Das können nur wir Syrer", sagt er. "Wir haben so viel durchgemacht. Jeden Abend, wenn wir von den neuen Toten hörten, haben wir geweint. Jeden Abend!", sagt er. "Aber irgendwann verändert sich etwas. Irgendwann nimmt man nur noch innerlich starr zur Kenntnis: "Ah..., wieder siebzig oder hundert oder soundsoviele Tote... Irgendwann werden Menschen zu Zahlen. Irgendwann hat man keine Tränen mehr. "



  •  Ihr seid nun seit ca. 9 Monaten in Deutschland. Bevor ihr endgültig hier gelandet seid, wart ihr z.T. zuerst fünfzehn Tage in Mannheim, zwei Tage in Horst, drei Tage in Schwerin und einen Monat in Neumünster. Bestimmt geht euch viel durch den Kopf. Wenn ihr die Möglichkeitet hättet den Menschen hier etwas zu sagen, was wäre das?
T. ergreift das Wort und spricht: "Krieg ist etwas so unvorstellbar Böses. Ich wünsche keinem Menschen, daß er das erleben muß.  Auch wenn etliche Menschen nicht gewollt haben, daß wir hierher kommen, oder sich immer noch schwer tun mit diesem Gedanken... Wir möchten unser Geld nicht bekommen, ohne dafür zu arbeiten. Wir möchten arbeiten, und es uns selbst verdienen - das ist ein großer Unterschied und ein so viel besseres Gefühl. In unserer größten Not haben Saudi Arabien und alle unsere Nachbarländer ihre Türen vor unseren Nasen zu gemacht. Ich möchte dem deutschen Volk von Herzen dafür danken, daß sie uns in dieses Land gelassen haben. Wir stehen tief in ihrer Schuld. Und wir werden das eines Tages zurück bezahlen!"

Lieber T., meine lieben A's, wir kennen uns erst so kurze Zeit und doch ist mir, als wäret ihr ein Teil meiner Familie. Ich bin sehr glücklich, daß uns ein kleines Lächeln zusammen geführt hat. Lieber A., ich wünsche dir, daß du deinen Vater nach über vier Jahren wieder sehen kannst. Daß du die Sorgen um deine Mutter und Schwester bald los wirst, die ganz alleine in Syrien auf sich gestellt sind. Möge es nicht ewig dauern, bis ihr alle eure Liebsten sicher in eure Arme schließen dürft. Eure Eltern können sehr stolz auf euch sein. In Deutschland würde man sagen, daß ihr das Herz auf dem rechten Fleck habt.

Kommentare:

  1. Ich schlucke gerade an aufsteigenden Tränen. Ich wünsche allen, die es hierher geschafft haben, so sehr, dass sie ihre Liebsten bald wiedersehen könnten, vor allem wenn sie Frau und Kinder haben. Dieses Getrenntsein und die Ungewissheit muss furchtbar schwer sein, auch für die Zurückgebliebenen, trotz aller Erleichterung, dass der Mann/Vater/Sohn es wohlbehalten ans Ziel geschafft hat.
    An die Familien derer, die es nicht geschafft haben, wage ich kaum zu denken...
    Alles Liebe, einen schönen Maisonntag!
    Brigitte

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich weiß genau, was du meinst. Auch ich habe einige Male schlucken müssen. Wir alle leben schon so lange in Frieden, daß wir uns das Ausmaß eines Krieges kaum vorstellen können. Was wäre, wenn hier Krieg wäre? Würden wir uns nicht auch aufmachen?

      Löschen
  2. Heute habe ich oft an Dich gedacht. Wir bekamen überraschend Besuch. Eine syrische Familie hat seit ein paar Tagen einen Garten in der Kolonie gepachtet und ein Teil der Familie, ein junges Paar, besuchte uns. Sie meinten wir hätten das schönste Häuschen. Ein entspanntes interessantes Gespräch und wir werden uns wieder treffen.

    Gruß aus dem Norden
    Beate

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Solche Begegnungen sind kostbar. Ich wünsche euch eine gute Zeit.
      Liebe Grüße zu dir!

      Löschen
  3. Danke, dass du uns an der Kommunikation teilhaben lässt!
    Bon week-end!
    Astrid

    AntwortenLöschen
  4. Danke fürs Erzählen .... es macht traurig, und doch ist es wichtig die Lebensgeschichter der Menschen immer wieder zu erzählen
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  5. Puh!
    Du tolle, liebe Frau!
    Gros bisou
    Sandra

    AntwortenLöschen
  6. Danke für diesen Post.
    LG Edith

    AntwortenLöschen