21 Mai 2016

Who is to blame for it?

Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben. Eigentlich... Aber als ich las, was ihrer  Schwiegertochter in einer Notlage widerfuhr, da schwoll mir der Kamm, weil wieder eigene Erlebnisse in mir hochkochten.

Ich gehe äußerst ungern zum Arzt. Wenn, dann meist nur im äußersten Notfall. Seit Jahren erlebe ich hier im hohen Norden, daß es stets heißt: "Wir haben Patientenannahmestopp", wenn ich dringend ärztlicher Behandlung bedarf. Gerne werde ich dann in die Notfallaufnahme eines Krankenhauses verwiesen, von der man ihrerseits abgewiesen wird, "weil man erst einmal zum niedergelassenen Facharzt" soll. Denn oft genug müssen sich die Krankenhäuser den Vorwurf gefallen lassen, sie würden den niedergelassenen Fachärzten die Patienten abgraben. Schön, wenn man dann in einer besch....... Situation zusätzlich mit diesem Affentanz zwischen Fachärzten und Krankenhaus zermürbt wird.

Ich erinnere mich daran, daß ein Bekannter mit einer aufgeplatzten Bandscheibe wie eine deutsche Eiche umfiel, und er erst ab dem dritten Tag in einem Krankenhaus aufgenommen wurde, als seine Angehörigen äußerst massiv werden mußten. Wer das schon mal hatte, der weiß, was man da für Höllenqualen zu durchleiden hat und absolut hilflos ist.

Ich erinnere mich daran, daß mein Mann mit Beschwerden beim gleichen Arzt am selben Tag zu hören bekommt: "Herr X, Sie können sich auf den Weg machen bitte!", während ich entweder den üblichen Spruch "Patientenannahmestopp", oder Termin in Mo-na-ten in Aussicht gestellt bekomme. Drei mal darf man raten, wer von uns wie versichert ist...

Ich erinnere mich daran, daß ich 1,2 Jahre gebraucht habe, bis ich endlich zu einem speziellen Facharzt kam, weil ich mich wieder verwiesen auf das Krankenhaus, wie ein bockiges Kind weigerte, diesen zu verlassen, bis man mir endlich sagen konnte, wer denn bitte nun sich meiner Behandlung annehmen würde.  Letztlich habe ich mich von diesem Arzt ganz freiwillig verabschiedet, weil er Nullkommanichts für mich zu tun bereit war.

Ich erinnere mich daran, daß ich seit Ende März Höllenqualen mit meinem Knie erlebe. Nach drei Besuchen beim Hausarzt gibt es eine Überweisung zum Orthopäden. Egal, welchen ich anrufe. "Patientenannahmestopp". Nichts Neues ist das -  ich hätte es wissen können.   Irgendwann gerate ich an einen, dessen medizinische Fachkraft mich freundlich wissen läßt, daß ich bitte ab jetzt jeden Morgen um 8.00 Uhr anrufen soll, um zu erfahren, ob ich als Schmerzpatient an jenem Tag kommen darf, oder nicht. Erleichtert sage ich zu, genau das zu tun. Man notiert sich meine Telefonnummer - für Rückfragen heißt es. Ab dem zweiten Tag erreiche ich telefonisch Niemanden mehr. Stattdessen höre ich, wann immer ich anrufe, die Bandansage, ich riefe außerhalb der Sprechzeiten an. 

???

Das aber stimmt definitiv nicht! Ich rufe genau zu den Sprechzeiten an. So oft ich aber anrufe, so oft werde ich mit dieser Bandansage konfrontiert. Ich schaue erneut die Sprechzeiten an und bin mehr  als irritiert. Hier stinkt doch was zum Himmel, aber sowas von... (Plötzlich fällt mir ein, daß ich vor Jahren eine Reportage genau zu diesem Thema sah, wo Kassenpatienten, deren Nummer erst einmal erfaßt ist, so schnell nicht mehr durchkommen. Sie werden mit Ansagen vom Band abgeschmettert). Also unterdrücke ich meine Rufnummer und rufe erneut an: prompt geht jemand dran. Ich ringe um Fassung und bekomme einen Notfalltermin für 11.30 Uhr des selben Tages, wo "der Arzt aber nicht viel Zeit für Sie hat. Er guckt da nur mal kurz drauf und gibt Ihnen etwas gegen die Schmerzen." Mit schlimmsten Schmerzen schleppe ich mich zum Arzt. Warten, warten, warten. Vorher werde ich am Empfang mit der Webcam fotografiert, obwohl ich einwende, daß auf meiner Karte doch schon ein Foto ist. "Das hat nicht jeder, bei Patienten ihrer Art müssen wir das machen. Damit kein Betrug passiert!" Unglaublich! Vielen Dank für das Vertrauen!!! Der Arzt schallt kurz mein Knie von vorn und hinten, schließt eine Verdachtsdiagnose aus, gibt mir den Rat nicht zu gehen (???), eher Schwimmen und Fahrradfahren, sagt mir welche Schmerzmittel ich nehmen soll, verschreibt mir aber keine. Kann der Hausarzt machen, sagt er und bittet mich darum, an der Anmeldung einen weiteren Termin zu machen - Mitte Juli wird's. Ich bin entsetzt. Mein Knie wird gegen Gebühr von der medizinischen Fachkraft getaped, und ich darf wieder aus der Praxis kriechen. Die Schmerzmedikamente sind der Hammer. Sollte man nicht länger nehmen, da sie das Blutbild verändern.  Vier Wochen lang war ich kaum in der Lage wenige Schritte am Tag zu machen. Ich hatte Schmerzen bis zum Umfallen. Meinen Hausarzt erneut um Hilfe bittend erfahre ich, daß ich früher einen einmaligen Dringlichkeitstermin bekommen kann, der einem jedoch zugewiesen wird. Hier kann es aber passieren, daß mir dabei zugemutet wird, 180 bis 260 Km zu bewältigen. Sie ist es, die dann feststellt: "Das lassen Sie besser. Dazu sind sie ja gar nicht in der Lage!" Wir erinnern uns: Ich kann kaum kriechen. Kein Wunder, daß je nach Beschwerde, kaum ein Patient diese Möglichkeit für sich nutzen will. Auch ich sehe davon ab. So viel Schreien, wie ich manchmal möchte, kann ich gar nicht. Hätte ich nicht eine gute Hausärztin, ich wäre verloren. Auf die kann ich zählen, aber die hat als Landärztin auch eine großzügigere Budgetierung.


Ich kann verstehen, daß auch Ärzte besser verdienen, und nicht nur den Regelsatz abrechnen möchten. Aber was ich hier seit Jahren erlebe, das ist eine menschenverachtende Farce. Was denkt sich eine Politik, die solche Vorgehensweisen erschafft, wo sowohl Ärzte, als auch der nicht privat versicherte Patient auf der Strecke bleiben??

Zum Glück habe ich selbst alles in meiner Macht stehende getan, um mein Knie wieder in Gang zu bringen. Ich bin wieder halbwegs stabil und mobil. Der ärztlichen Kunst habe ich dabei so gut wie Nichts zu verdanken gehabt. Auf die Fortsetzung dieses Grauens Mitte Juli bin ich schon sehr gespannt. 

Ich wage gar nicht, nach euren Erlebnissen zu fragen, wenngleich ich weiß, daß es viele Opfer dieses Systems gibt.

Kommentare:

  1. Das ist nur EIN Auswuchs der maffiösen Strukturen, die sich in unserem Land im Gesundheitswesen anbahnen und immer auf Kosten der Patienten, die leiden und zahlen. Und, es bleibt auch der privat Versicherte auf der Strecke, weil er "bis zum Geht-Nicht-Mehr" behandelt wird. Mit Angst lässt sich da viel erreichen. Die Glaubwürdigkeit leidet auch. Es geht schon lange nicht mehr um unsere Gesundheit.

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    1. Stimmt, liebe Beate. Ich rate inzwischen sogar meinem Mann, von der privaten in die gesetztliche Krankenversicherung zu wechseln. Es gibt so viele Menschen, die die horrenden Kosten der privaten Krankenversicherung im Alter nicht mehr bezahlen können. Dann werden sie zum kleinsten und kostengünstigsten Versicherungspaket gedrängt - mit beinahe Null Leistung. Wer hat da noch was von der privaten Versicherung?? Der, der bei guter Gesundheit und finanziell sehr gut gestellt ist.

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  2. Ich habe jetzt schon einen langen Beitrag bei Eva geschrieben und wiederhole nur meine Kernaussage: das deutsche Gesundheitswesen ist am A*****: Der Meinung ist auch mein Bruder, selber Hausarzt, auch mein Karnevalsfreund, mein Hausarzt.
    Und ich als Privatpatientin kann viele, viele Geschichten beisteuern, wo ich genau so unverschämt behandelt worden bin wie Kassenpatienten.
    Inzwischen bin ich der Meinung, man ist nicht nur vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand, auch im Krankenhaus... Das habe ich ja an Ostern wieder mal erleben dürfen....
    GLG
    Astrid

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    1. Ich will den Ärzten garnicht an den Karren ...... Es ist nur einfach so, daß die Umstände für alle zum Himmel stinken. Auf lange Sicht muß da was passieren. LG

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  3. O.K. Jetzt bin ich erstmal baff. Mir scheint ich hatte bisher immer Glück (oder aber zu wenige dringende Arztbesuche). Ja, ich bin wirklich sprachlos, also die Sache mit dem Telefon, mit dem Dringlichkeitstermin, mit dem Medikament... unglaublich.
    Ich bin nur mal im Krankenhaus von einem Arzt total dämlich belabert worden. Der meinte gleich bei meiner Aufnahme: Also für Sie haben wir hier kein Bett mehr. Ich: Doch, mein Arzt hat bereits eins für mich klar gemacht. Dann hat er blöd geguckt und kam später nochmal in mein Zimmer und hat mich blöd belabert. Da fragte ich mich wirklich welches Problem DER wohl hat.
    Liebe Grüße
    Jutta

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    1. Bevor ich wieder in den Norden zog, da kannte ich solcherlei Vorgehensweisen auch nicht. In NRW hatte ich spätestens innerhalb einer Woche einen Termin, mir wurde gut geholfen... und gut war. Hier bekommt man in der Regel vor viereinhalb Monaten gar keinen Termin - es sei denn man ist privat versichert. Manch ein Arzt behandelt nur noch privat und nimmt gar keine gesetzlich versicherten Patienten mehr an. Anders ist an ein hohes Einkommen auch nicht mehr dran zu kommen. Es ist zum Mäusemelken...

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  4. Hallo,
    das ist wirklich auch sehr bedauerlich und wer schuld ist, weiß ich nicht. Vielleicht doch die Ärzte, denen vieles doch zu viel ist. Ich kenne Ärzte, die sind wirklich gut, aber die nehmen keine Kassenpatienten mehr. Bislang konnte ich solche Erfahrungen nicht machen, weil ich schon seit Urzeiten meine Zusatzprivatversicherung bei der DEBEKA habe, gekoppelt mit einer Zahnversicherung. Heute in meinem Alter könnte ich mir das gar nicht mehr leisten. Ich bin froh, dass ich sie habe und merke aber auch was läuft.

    Mein Automensch sagte neulich zu mir: "ichbin Kassenpatient, ich komme als Letzter dran!"

    Mein Sohn ist Beamter und ist somit auch Privatpatient, auch er merkt das und es merkt jeder Privatpatient. Auch seinen Sohn hat er nun privatversichert. Der Kleine bekommt so Tabletten für Zähne usw. Die Kinderärztin sagte: "Ach der Kleine ist ja privatversichert, da können wir die teueren Tabletten nehmen". :-))))

    Wer ist hier schuld?

    Meine Schwägerin selbst schwer krank mit MS sagte einmal: "ich bin arm, ich muß früher sterben!" Es war so.

    Obwohl ich nun wieder sagen muß, meine Seniorin ist schwer krebskrank Knochenkrebs im Endstatium. Es ist nicht einfach. Sie bekommt aber alles Erforderliche und kann sich nicht beklagen. Ausser, dass halt an Brückentagen die Paxis geschlossen ist und dass das Telefon ständig belegt ist.

    Ich kann für mich nur sagen, ich bin froh, dass ich soweit gesund bin und ich bislang nie lange auf Arzttermine habe warten müssen. Auch das Warten beim Arzt war nie lange, trotz überfülltem Wartezimmer.

    Meine Sohn möchte für meine Schwiegertochter auch eine Zusatzversicherung abschließen. Sie hat gesehen, als sie im Krankenhaus (Geburt des Kindes) lag, dass der Chef zur Nachbarin ging und sie keines Blickes gewürdigt hat.

    WO SIND WIR?

    Lieben Gruß Eva
    ich wünsche dir von Herzen alles Gute

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    1. was vergessen:
      wünschenswert wäre eine Versicherung für ALLE, in der wir alle gleich behandelt werden würden. Das geht wohl nicht!

      Auch das Kranksein ist ein Geschäft.

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    2. Das soll ja angeblich irgendwann tatsächlich kommen.

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  5. So ist es, liebes Pünktchen, das mußte mal aufgeschrieben werden. Besser hätte ich es nicht formulieren können. Drucke diesen Artikel aus, hebe mit Fettdruck die wichtigsten Vorwürfe hervor und sammle Unterschriften (meinen Namen kannst Du hinzufügen) und schicke ihn unter 'persönlich' ans Gesundheitsministerium und bitte im Namen aller um eine Stellungnahme dazu. Es wird höchste Zeit, dass Patienten sich wehren.
    Ich persönlich möchte nicht über meinen Hausarzt klagen. Auch die Uniklinik Münster (Abt. Neuromuskuläre Erkrankungen), wo ich als Begleitperson immer dabei bin, verdient ein dickes Lob.
    Einen schönen Sonntag und liebe Grüße
    Edith

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    1. Liebe Edith, es ist ja nicht so, daß all diese Dinge nicht bekannt wären. Das ganze System ist einfach nicht ok. Die Ärzte schimpfen auf die Politik, die Patienten auf die Ärzte. Es gibt tolle Ärzte - keine Frage. Ich kenne sogar welche, die Menschen ohne jegliche Krankenversicherung behandeln. Aber das tun die wenigsten Idealisten. LG

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  6. Ich möchte zu Evas Idee etwas hinzufügen. Eine Versicherung für alle ist nur scheinbar die Lösung des Problems, weil es die Ursachen nicht trifft. Es gibt leider auch nicht nur EINE Ursache zu dem Problem Gesundheitswesen.

    @ Eva in Schweden gibt es seit Jahren nur "gesetzlich Versicherte" und man ist gerade dabei wieder Privatkassen zuzulassen .... Die Ärzte in Schweden sind Beamte, die Punkt fünf Uhr den Stift fallen lassen, ein absolut staatlich gelenktes System ohne Anreize für Ärzte, dafür garantiert Burn-out-frei. Die firewall in der Krankenstation (sjukvard) ist die sjuksköterska (Krankenschwester) ,"liebevoll" auch weißer Drache genannt, der schon mal vorab aussortiert, wer überhaupt und wann zum Arzt vorgelassen wird. Das kann Wochen dauern. Von der Ausbildung ganz zu schweigen. Im Uniklinikum (Notaufnahme) hat man mir ein Gelenkschmerzmittel verschrieben für meine Gallenkolik. Meine Hausärztin meint, das sei wohl nicht die erste Wahl (an Medikament in diesem Fall). Soweit Schweden ..... das hochgelobte :-( Land.

    Ich komme mir leider auch in D immer öfter vor, wie im "falschen Film". Ärzte, die sich gegenseitig Patienten zuschieben, Operationen, die es nicht braucht, das alles ist Geld und Zeit, die dort verloren gehen, wo sie gebraucht werden, nämlich bei den akut, chronisch und schwer Kranken. Die Medikamentenverschreibung ist nochmals eine andere Sache und dass die Medikamente in jedem Land verschieden kosten und in D besonders teuer sind, kommt sicher nicht von ungefähr. Einerseits gibt es zuwenig Ärzte, andererseits gehen Menschen auch wegen kleinster Kleinigkeiten zum Arzt. Für mich hat auch der Patient seinen Beitrag zu leisten und nicht nur den Krankenkassenbeitrag.

    Man könnte schreiben und nochmals schreiben und käme so vom Hundersten ins Tausendste. In Bezug auf das Gesundhetswesen haben WIR ALLE Hausaufgaben zu machen. Es ist ein Wust von Klüngelei, Lobbyismus, Bequemlichkeit uva Untugenden mehr bis hin zur kriminellen Handlung. Aber das weiß jeder, leider kennen wir nur die Spitze des Eisbergs und ich habe den Eindruck, der Rest wird absichtlich verborgen. Für die Politik heißt es im Inland die Hausaufgaben zu machen. Das Interesse der Politiker wird wohl erst vor der Wahl etwas größer werden.

    Und wie Pünktchen sagt, dann gibt es tolle Ärzte in Deutschland, die ihren Patienten raten, nicht das selbständige Denken an der Praxistür abzuschalten, die etwas davon halten, dass der Patient sich selbst am besten kennt und daher ein Mitspracherecht hat, denn es geht ja um ihn selbst. Gesundung beginnt im Kopf.

    Ach ja, das ist so ein Thema, liebe Pünktchen ;-)

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    1. Ich möchte hier noch etwas hinzufügen.
      Grundsätzlich hast du Recht, wenn du sagst, dass der Patient auch seinen Beitrag leisten muß und nicht nur den Krankenkassebeitrag.
      Es ist doch so, muß man etwas "draufzahlen" meckert man, dabei sollte einem doch die Gesundheit wichtig sein.

      Da kaufen die Leute wie die Weltmeister Sachen, ich will nicht sagen, die unnütz sind. Fahren in Urlaub und und und, das ist aber nur jetzt ein Beispiel. ABER, wenn es um die Gesundheit geht, dann wird gemeckert und es stimmt, die Leute gehen wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt, aber wer bestimmt das, was eine Kleinigkeit ist.

      LG Eva

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  7. Ich kann gar nichts mehr dazu sagen, alles schon gesagt.
    Es ist eine fürchterliche Situation, und ja ... auch ich könnte einiges dazu schreiben ...
    Kopf hoch
    Elisabeth

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