02 Mai 2016

Abla heißt Schwester auf Türkisch, oder wie ich zu meinen Brüdern kam

Ach, meine Lieben... wo bitte soll ich anfangen, und wo aufhören? Die kleinen Herren waren Stunden zuvor schon so aufgeregt, als würden sie Einhörnern begegnen. Vielleicht lag das auch daran, daß das Thema Flüchtlinge in unserem Haus zum Dauerthema avanciert ist. Unseren wöchentlichen Einsatz am Bahnhof haben wir zwischenzeitlich beendet - es kommen so gut wie keine Flüchtlinge mehr. Auch wenn mir das mit unseren Kindern eine Herzensangelegenheit war dort vor Ort mitzuhelfen, so kam mir das alles doch sehr wie ein Tropfen auf den heißen Stein vor. Einmal die Woche hatten wir für einige Stunden losen Kontakt zu den dort Gestrandeten. Jedes Mal waren es andere Menschen, die den Bahnhof füllten. Damals trafen wir den jungen Ferdi aus Afghanistan. Er war mit weiteren jungen, Heranwachsenden unterwegs. Im Eifer des Gefechts dachte ich nicht daran, mir ihre Telefonnummern einzuspeichern. Und als es mir einfiel, war es zu spät. Zwar suchte ich Ferdi noch Wochen später, aber es gelang mir nicht mehr, ihn und seine Freunde ausfindig zu machen. Bei meiner Suche erfuhr ich von einem sehr feigen Brandanschlag auf eine der Erstaufnahmeeinrichtungen für unsere Region. Eine neunköpfige Familie mit sieben Kindern kam zum Glück mit dem Schrecken davon. Unvorstellbar, wie es sich anfühlen muß, wenn man so viel Grauenhaftes schon hinter sich hat, sich dann in Sicherheit wähnt, und nach Krieg und Terror mitten in Deutschland so etwas erleben darf. Menschen, die solche Greueltaten verüben sollen zur Hölle fahren, und andere die das bejubeln sollten sich in Grund und Boden schämen. Das ist durch NICHTS zu entschuldigen.

Vorgestern hatte der Himmel sie uns geschickt. Und prompt mündete das in einem sehr spontanen Restaurantbesuch. Sie kamen pünktlich. Berührungsängste, oder eine Scheu voreinander gab es zu keinem Zeitpunkt. Wir haben sofort angefangen uns in drei Sprachen ohne Punkt und Komma zu unterhalten, so daß es ewig gedauert hat, bis die Bestellungen aufgegeben werden konnten. Es war so viel an Informationen, daß mir heute noch der Kopf schwirrt. Fotos haben wir gesehen von ihren Familien. Von den Eltern, den Geschwistern, weiteren Verwandten, Ehefrauen und auch von kleinen Kindern durften wir erfahren. Nur einer ist unverheiratet. Dafür fällt mir einer der drei A's auf. Es gibt ja Menschen, die strahlen wie nur was. Ich bin mir sicher, wenn man A. in einen finsteren Raum stellen würde, es wäre alles taghell erleuchtet. Unglaublich, wie der strahlen kann... Insgeheim nannte ich ihn das Licht - ohne zu dem Zeitpunkt zu ahnen, daß das die tatsächliche Bedeutung seines wunderschönen Namens ist...

Ihre Geschichten haben mich sehr berührt, ebenso ihre Entschlossenheit, es hier beruflich zu etwas zu bringen. Ihr Lernwille ist beeindruckend. Die werden ihre Chancen nutzen, so viel ist mal klar. Fast alle haben ein abgeschlossenes Studium hinter sich, oder einen Beruf. Einer von ihnen überbrückt die Wartephase und macht in der Zwischenzeit einen Online-Sprachkurs. Und ich bin fassungslos, wie gut sie schon die hiesige Sprache beherrrschen. Und das in kaum mehr als neun!!! Monaten. Das ist unfassbar gut.

Die meiste Zeit habe ich mich mit T. unterhalten. Er beherrscht ein exzellentes Türkisch in Wort und Schrift. Er erklärt mir, daß Syrisch und Türkisch miteinander verwandt seien, und es daher nicht sonderlich schwer gewesen wäre, die Sprache so gut zu erlernen. Aha! Das Phänomen kenne ich ja auch von vielen Holländern, die oftmals fließend Deutsch sprechen - umgekehrt habe ich das noch nie so in Perfektion gehört. Ebenso habe ich noch keinen Türken getroffen, der syrisch spricht. Nun gut. Er erklärt mir, daß die wenigsten Syrer ihr Land verlassen könnten, weil es sehr viel Geld kosten würde, herzukommen. Er erklärt mir, daß Ingenieuere zu den Bestverdienern des Landes zählen. Sie würden in etwa 200 Dollar monatlich verdienen. Sein Vater ist Ingenieur. Für alle anderen wäre das ein aussichtsloses Unterfangen. Die müßten sich dann von Eigentum trennen, Hab und Gut veräußern. Sein Vater möchte Syrien nicht verlassen. Das ist seine Heimat. Dort, hat er erklärt, bleibt er - so oder so.

Im Laufe des Abends erfahre ich ihre genaue Adresse hier. Es ist tatsächlich ziemlich genau da, wo es meine Mutter vor über vierzig Jahren hinverschlagen hatte. " Hier sagt man: Ihr seid am A.... der Welt!", sage ich. "Also am Popo", füge ich erläuternd hinzu. Es gibt viel Gelächter, als man versteht.  Da gibt es NICHTS. Keine Einkaufsmöglichkeiten sowieso. Dafür muß man ewig mit dem Bus fahren. Wir sprechen hier von Tagestouren. "Da könnt ihr euch vermutlich nur Kühe anschauen", sage ich. "Es gibt dort nicht einmal Kühe", sagt einer. Erneut brandet Gelächter auf. Zu Sechst bewohnen sie drei Zimmer. Wir werden es bald sehen. Denn noch diese Woche habe ich vor, dort hinzufahren.

Es war ein wundervoller Abend, die Zeit verging wie im Flug. So viel Respekt, Herzlichkeit und Offenheit habe ich selten erlebt. Das wird eine Fortsetzung geben. Und wir freuen uns sehr darauf. Ich habe nun vier Brüder, die mich irre stolz und glücklich machen. Und sie haben eine Schwester, die ihnen helfen wird, wo sie kann. Egal, wohin es sie eines Tages verschlagen wird, wir werden den Kontakt beibehalten. Und bis dahin machen wir einfach das Beste aus der uns gegebenen Zeit.

Kommentare:

  1. Ich war schon so gespannt wie euer Abend verläuft und es freut mich sehr, dass du jetzt 4 Brüder dazu gewonnen hast. Dein Angagement finde ich bewundernswert, ich denke für deine neuen Bekannten ist es ein Geschenk so jemanden wie dich gefunden zu haben. Wir werden sicherlich noch einiges dazu von dir lesen. Alles Gute....

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  2. Glaub mir, ein bisschen beneide ich Dich um dies vier Brüder.
    Lieben Gruß
    Katala

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  3. So schön und zukunftweisend diese Geschichte angefangen hat (mit einem Lächeln!), so möge sie auch weitergehen. Für diese Männer ist sicher nichts so wertvoll wie gute Freunde, die ihnen nicht nur weiterhelfen im fremden Land, sondern ihnen auch ihr Herz öffnen. Mir macht es Kummer, dass der Familiennachzug so schwierig und langwierig ist. Es muss schrecklich sein, hier im sicheren Deutschland angekommen zu sein und Frau und Kinder noch auf unbestimmte Zeit fern und schutzlos zu wissen. Ich hoffe für deine neuen "Brüder", dass sie hier bald Fuß fassen und, falls geplant, ihre Familien nachholen können.
    Alles Liebe und noch viele gute Begegnungen!
    Brigitte

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  4. Wirklich wunderbar <3

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  5. Danke für diesen Bericht, liebes Pünktchen, es ist gut, das von jemandem zu lesen, der diese Begegnung mit den Menschen selbst hatte. Man kann gar nicht oft genug darauf hinweisen, dass viele von den Flüchtlingen Berufe und ein abgeschlossenes Studium haben. Wir brauchen diese Menschen. Ich wünsche Deinen 'vier Brüdern' viel Erfolg und dass ihre Träume in Erfüllung gehen.
    LG Edith

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  6. Hallo,
    doch ja ein sehr schöner Bericht. Ich war lange in der Flüchtlingshilfe hier tätig und habe meine Erfahrungen und ich habe nicht umsonst diese Hilfe aufgegeben.Es gibt wie überall solche und solche Menschen und nicht alles sind gut, vor allem haben nicht alles ein abgeschlossenes Studium. Im Gegenteil aber das sind meine Erfahrungen.
    Leider kann ich die hier nicht so wiedergeben, denn alles ist halt auch der Schweigepflicht unterworfen.

    Ich habe leider meine Meinung in mancher Hinsicht und der Erfahrung ändern müssen, leider.

    Nix für ungut.

    LG Eva

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    1. Liebe Eva,
      ich will dir gar nicht widersprechen. Da wo man geballt mit Menschen zu tun hat, da ist eben alles dabei. Im Übrigen ist es für mich persönlich überhaupt nicht von Belang, ob jemand ein abgeschlossenes Studium hat oder nicht. Das sagt so herzlich wenig über seine Menschlichkeit aus. Ein Studium ist kein Garant dafür, daß die Menschen umgänglich und bei Sinnen sein müssen. Ich habe in meiner Vergangenheit selbst erlebt, wie bitter es war, daß wir Türken/Ausländer/Gastarbeiter pauschal alle über einen Kamm geschert wurden. Ich weiß, was das mit einem macht und bin sehr vorsichtig damit, Menschen in einen Topf zu werfen und generalisierend zu bewerten. Sind alle Deutschen nett und umgänglich, alle studiert und gebildet? Wohl kaum. Genau so verhält es sich mit allen anderen Nationen dieser Welt. Ich würde mir wünschen, daß die Menschen die Augen (und vielleicht auch das Herz) aufmachen, und mehr differenzieren, denjenigen vor sich sehen und dann für sich beschließen, ob man mehr mit diesem Menschen zu tun haben möchte oder eben auch nicht.

      Liebe Grüße.

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  7. Ich bin endlich dazu gekommen, diesen Bericht(und dann auch die davor) zu lesen. Das tut wirklich gut. Wir versuchen in unserer Familie möglichst viel zu helfen und finden, das ist eine Selbstverständlichkeit. Der Hass, der sich in unserer Gesellschaft zeigt, ist eine Schande für dieses Land. Ich wünsche Dir noch viele gute Begegnungen.
    LG
    Magdalena

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