19 April 2016

Die Saat

So lange ich denken kann, war ich umgeben von Menschen, die sich in der Natur sehr wohlfühlten und das auch in mannigfaltiger Weise stets zum Ausdruck brachten. Es gab Familie, die mit Hingabe ihr Land bewirtschaftete, teilweise schwer dafür schuftete. Ich erinnere mich an meine babaanne Leyla, die mit über neunzig Jahren noch gebeugt auf dem Acker stand, und die Kartoffeln mit ihren Händen ausbuddelte, die man bei der Ernte übersehen hatte. Einzelne Familienmitglieder züchteten Blumen, was ich als Kind ungeheuer spannend fand - wenn ich so drüber nachdenke hat sich das bis zum heutigen Tage nicht geändert.


Später in Deutschland hatten wir keinen Garten. Einige Jahre später pachteten meine Eltern einen Schrebergarten, in dem wir regelmäßig Zeit miteinander und Freunden verbrachten.

Ich erinnere mich daran, daß mein Vater eines Tages einen ganz besonderen Baum kaufte und ihn mit viel Bedacht einpflanzte. Er hegte und pflegte diesen Baum, bis er eines Tages entsetzt sah, daß jemand den oberen Trieb einfach gekappt hatte.  Was denn das für ein Depp gewesen sei, schimpfte er. Ich wurde hellhörig... und schämte mich, als ich betreten zugab, daß ich das gewesen war. Ich wollte so gerne einen Ableger heranziehen... Mein Vater schüttelte den Kopf und sagte: "So geht das nicht, mein Kind!" Dann aber nahm er sich immer wieder Zeit, um mir zu zeigen, wie man Bäume veredelte. Ich war unendlich fasziniert davon, daß wir auf diesem Wege einen Apfelbaum mit mehreren Fruchtsorten daran hatten. 

Als ich ausgezogen war, kauften meine Eltern ein Haus - mit Garten. Innerhalb weniger Jahre entstand ein Traumgarten mit so vielen Blumensorten, daß ich sie nie zu Ende zählen und auflisten konnte. Heerscharen von Menschen kamen immer wieder vorbei, um sich von diesem wilden Blumenreich betören zu lassen. Waren die Blumen in einer Ecke verblüht, fing die Pracht in einer anderen Ecke an zu explodieren. Ich besuchte meine Eltern sehr oft an den Wochenenden und liebte es, durch diesen Garten zu lustwandeln. Was für segensreiche Glücksgefühle er in einem auslösen konnte... Wann immer wir in ihm arbeiteten oder uns entspannten waren wir voller Dankbarkeit und Demut.

Heute hat sich dieser Garten sehr verändert. Er wurde unseren Bedürfnissen mit einst kleinen Kindern angepaßt. Obwohl unsere Kinder damals noch sehr jungs waren, können sie sich gut an den ursprünglichen Garten erinnern. "Mama, damals war es sooo schön in Dede's Garten!" Ich muß dann schmunzeln und erkläre ihnen meist, daß ich es  zeitlich niemals geschafft hätte, diesen Garten in seiner Vielfalt so weiter zu führen und zu erhalten.

 

Gerne sammle ich im Herbst die Samen etlicher Pflanzen ein und versuche mein Glück darin, sie auf diesem Wege weiter zu vermehren.

 

Und wenn sich dann tatsächlich irgendwann sichtbar gewordenes Leben zeigt, dann bin ich unglaublich glücklich und tief bewegt, voller Dankbarkeit und Demut... nicht nur wegen dieser Pflänzchen, sondern für mein ganzes bisheriges Leben. Kann das jemand verstehen?

In seiner eigenen Seele trägt der Mensch die Saat, daraus er all sein Frohes und sein Leides zieht. (Sokrates)

Kommentare:

  1. Wachstum und Gedeihen hat etwas mit Hingabe zu tun, mit Liebe. Ein Garten und Menschen haben Vieles gemeinsam, beides lebt. Der resepktvolle Umgang ist eine Bedingung für die Entfaltung von Leben. So versteh ich das. Wenn ich im Garten bin, werde ich zu einem Teil von ihm. Das Gefühl habe ich.

    Lieben Gruß
    Beate

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  2. Ja, Du Liebe, das kann ich gut verstehen. Dankbarkeit ist ein wunderbares Gefühl, dass uns mit dem Gewesenen und dem Zukünftigen verbindet, indem der Augenblick hell glänzt. Und wenn im Augenblick das Leben aus der warmen Erde schlüpft- was sonst als staunen und freuen....
    Lieben Lisagruß!

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  3. Ja, das kann ich, liebes Pünktchen.
    Ein paar Jahrzehnte habe ich diesen Garten schon.
    Und doch ist es in jedem Frühjahr für mich immer
    wieder ein Wunder, wenn die Stauden, die im Winter
    komplett verschwunden sind, wieder austreiben.
    Dafür bin ich dankbar und für diesen Garten,
    der meiner Seele gut tut.
    Liebe Grüße
    Edith

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  4. Das kann ich sehr gut nachvollziehen. Es ist immer wieder ungeheuer faszinierend. Du hast das sehr schön beschrieben.
    LG
    Magdalena

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  5. Eine wunderschöne Rundumgeschichte. Ich selbst versuche mich auch schon seit Jahren im Gärtnern, habe dafür leider nur überhaupt kein Händchen. Auch in meiner Familie haben/hatten schon immer alle mit Pflanzen zu tun. Ich stamme ursprünglich aus der Landwirtschaft, dort war das selbstverständlich Tagesgeschäft. Mein Vater hatte gleich zwei Nutzgärten und es auch immer mit den verschiedenen Blumensorten gekonnt. Besonders geschmunzelt hatte ich einst, als er eine Bewässerungsanlage für seine Tomaten gebaut hat, bei der jede einzelne Pflanze für sich versorgt wurde. Auch der Schwiegervater ist schwer am Gärtnern, dieser baut sich sogar mit Kerzen eine Heizung im Gewächshaus..... da ist auf jeden Fall ganz viel Liebe und Hingabe mit dabei.

    Auch ich mag es sehr, wenn aus der Saat ein Leben wird. So ist jetzt schon die ganz Fensterbank voll mit Minigewächshäusern und kleinen Töpfchen und ich freue mich über jedes einzelne Samenkorn, das keimt und heranwächst wie Bolle.... leider verlässt mich irgendwann mein Talent und wird am Ende dann doch nichts.

    Aber ich geb nicht auf, irgendwann werde auch ich einen Prachtgarten haben.... denn jedes Jahr gelingt mir ein bisschen was mehr... ich lerne dazu.

    Liebes Pünktchen, da hat Du wirklich einen sehr schönen, inspirierenden Post geschrieben. Ich freue mich, wenn Du irgendwann auch Gartenbilder zeigst.

    Liebe Grüße
    Pamy

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    1. Liebe Pamy, bei mir wird auch nicht aus jedem Samenkorn oder Ableger etwas... was aber kein Grund ist, es dennoch nicht zu versuchen. Man lernt nach und nach, indem man seine Erfahrungen macht. Gartenbilder würdest du gerne sehen...? Tja, da muß ich dich leider enttäuschen. Zu den obersten Geboten hier gehört, daß ich nicht unseren Lebensraum zeige. Aber ehrlich? Dir entgeht momentan so gar nichts: die Wühlmaussippe, die sich hier vor bald zwei Jahren eingenistet hat, hat unseren kompletten Garten verwüstet. Wie das je wieder etwas werden soll ist mir ein Rätsel. Liebe Grüße.

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  6. Ich hab auch so viele Vorstellungen und Ideen von Gesehenem .
    Aber ich kann es in meinem Garten nicht so umsetzen .
    Ich sammle auch überall Samen ab und versuche mich daran .
    Aber das klappt nur selten , das was keimt , dann aber auch zu
    einem kräftigen Pflänzlein wird .
    Schönen Tag und liebe Grüsse JANI

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    1. Ach, laß dich nicht entmutigen. Das wird, das wird. Wenn man bedenkt, wie unbedarft ich mal angefangen habe ;-). Viel Freude und Glück bei deinen nächsten Pflanzversuchen. Liebe Grüße.

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  7. Oooh, ihr seid so wunderbare Leute. Was für wunderbare Kommentare ihr wieder dagelassen habt, das hat mich sehr gefreut! Habt Dank dafür.

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  8. Ich glaube, dass zum Säen und ernten auch viel Liebe gehört und die habe ich nicht. Ich habe auf dem Bauernhof meiner Großmutter soviel machen müssen und seither ist das Thema nicht mehr auf dem Tisch.
    Gartenarbeit mir reicht schon mein Balkon und ich gehe lieber draußen spazieren und lass mich in die Gärten einladen und ich bin gerne einen Kuchen mit.
    Wann darf ich kommen? :-))

    Lieben Gruß Eva

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    1. Darf ich den Kuchen aussuchen? ;-))... Bitte keinen der schlohtrockenen Sorte. Schön feucht sollte er sein. Gerne auch mit reichlich Obst. Liebe Grüße.

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