17 April 2016

Best friends

Reichlich Menschen haben in meinem Leben meinen Weg gekreuzt: die einen kamen, andere gingen, wiederum andere blieben. Es sind Freundschaften entstanden, die seit vielen Jahrzehnten Bestand haben. Auch wenn man sich nicht ständig sieht und es manchmal ein Jahrzehnt oder länger gar keinen Kontakt gegeben hat, so stimmt die Wellenlänge und es ist, als sei man erst kürzlich auseinander gegangen und hätte sich bald darauf wieder getroffen.


Gestern habe ich meine beste Freundin aus Kindertagen und meinen Anfängen in Deutschland wieder getroffen. Vor über vierzig Jahren, nach unserem Umzug in eine größere Altbauwohnung, lernten wir uns im selben Gebäude wohnend kennen und lieben. Wir waren meist unzertrennlich. Nur als sie irgendwann den ersten Freund hatte, zog ich mich naturgemäß etwas zurück. Aber ansonsten waren wir wohl nahezu immer zusammen, teilten alles miteinander.

Sie verschlug es irgendwann nach Baden-Württemberg, mich nach NRW. Wir verloren einander aus den Augen. Auch wenn ich immer wieder an sie dachte, bekamen wir keinen Kontakt mehr zueinander. Unsere Eltern waren ebenfalls verzogen, und so erfuhren wir nichts mehr auf diesem Wege voneinander. Ganz selten hörte ich bei meinen Besuchen im Norden über drei Ecken etwas über sie. Verheiratet sollte sie sein und Kinder haben. Aber Wohnort oder Näheres war damals nicht herauszubekommen.

Irgendwann entsann ich mich, daß ihre Schwester eine große Sportlerin war und stets an bedeutenden Meisterschaften teilgenommen hatte. Und wenn man sonst kaum jemanden findet, im Internet habe ich noch jeden wieder ausgegraben. Über die geführten Listen der Sportlerinnen gelangte ich an die Schwester, die welch ein Glück, einen Doppelnamen führte. Darüber gelangte ich zu ihrem Mann, der aufgrund seiner Selbständigkeit mit Telefonnummer im Internet gut aufzufinden war. Ich rief an und schilderte, wen ich suchte. Die Schwester wußte mich sofort einzuordnen, und so hatte ich endlich Kontaktdaten, um mich mit meiner besten Freundin von einst kurz zu schließen. Die Freude am Telefon war riesig. Als wären wir nie auseinander gewesen... Auch sie hatte immer wieder vergeblich versucht, mich zu finden.

Manchmal verliert man jemanden aus den Augen, aber nie aus dem Herzen.

Als meine Kinder noch kleiner waren, da war es schwierig, uns in der kurzen Zeit zu treffen, wenn sie im Norden war. Von ihren erneuten Besuchsplänen erfuhr ich vor wenigen Wochen. Der Vater, inzwischen ein deutlich älterer Herr, lag mit einer ernsten Geschichte im Krankenhaus. Nach ihrem Besuch dort wollten wir uns treffen. Soviel stand fest. Ich dachte an ihren Vater, der mich als kleines Mädchen immer liebevoll und lachend "Hexe" nannte. Spontan bat ich sie, ihn zu fragen, ob ich ihn nicht auch besuchen dürfte. Kurze Zeit später gab es grünes Licht. Er würde mich großer Freude erwarten, so hieß es.

 

Mit einem Blumenstrauß fuhr ich zügig in die Stadt. Ach, was soll ich sagen... es war so bewegend, als wir uns vor dem Krankenhaus in die Arme fielen. Und auch ihren Vater wieder zu sehen, erfüllte mich mit großem Glück. Und ich glaube zu wissen, daß es ihm ebenso ging. Vielleicht verhält es sich so, daß man auch für andere Väter etwas übrig hat, wenn man den eigenen so sehr liebt.

  
Auf dem Rückweg haben wir den Ort aufgesucht, in dem das riesige, alte Gebäude von einst stand, in dem wir einen Teil unserer Kindheit und Jugend miteinander verbracht hatten. Obwohl die Gebäude viele Jahre unter Denkmalschutz standen, wurden sie dann doch abgerissen. Für uns war das ein totaler Schock damals. Als hätte jemand versucht, einen Teil unserer Vergangenheit auszuradieren... Heute steht dort ein Verwaltungsgebäude. Viele viele Kastanienbäume, riesige Rhododendrenbüsche, die wunderschöne Parkanlage, das gigantische Denkmal, der Kinderspielplatz, mußten weichen. Und doch, gab es noch die wenigen Kastanienbäume, die bleiben durften. Ziemlich sentimental haben wir sie uns ehrfurchtsvoll angesehen und ihre Stämme gestreichelt . Wir konnten uns genau erinnern, zwischen welchen Bäumen wir Fahrrad fuhren, wo wir Federball spielten..., wo genau unter den nicht mehr vorhandenen Riesenbüschen, wir unsere Höhlen ausstaffierten...  Und der Sicherungskasten im Eingangsbereich... wo wir codierte Nachrichten füreinander hinterließen. So viele Erinnerungen kamen wieder hoch...

Ein guter Freund kennt alle deine Geschichten. Dein Bester hat sie alle mit dir erlebt. 

 

Später schlenderten wir am Hafen entlang. Lachend haben wir festgestellt, daß wir Kinder des Wassers sind. Als wir in Baden-Württemberg und NRW waren, da fehlte das "Wasser" fürchterlich. 

 

Der Kaffeeduft lockte uns, und da es ziemlich windig war, setzten wir uns rein und blickten von dort aus auf das Wasser.


Unter diesen schönen Leuchten tauschen wir noch manch eine Erinnerung aus. Ach, es war herrlich, mit meiner "Weißt du noch-Freundin"... Bemerkenswert finde ich übrigens auch, daß sie seit langen Jahren mit einem Landsmann von mir glücklich ist, so wie ich mit einem Landsmann von ihr durch das Leben gehe. Und der Witz überhaupt: Trotzdem wir schon seit Jahrzehnten mit unseren Partnern leben, haben wir sehr viel später, aber fast zur selben Zeit, geheiratet.

 

Nach einem Schlendergang durch die Stadt haben wir uns sehr herzlich voneinander verabschiedet. Nächstes Jahr sehen wir uns wieder. Dann macht sie mit ihrer Familie Urlaub im hohen Norden.

 

Tief bewegt und glücklich bin ich am Abend nach Hause gefahren.

Wie schaut es bei euch aus? Habt ihr noch "Weißt du noch-Freunde"? Wie geht es euch damit?

Habt ein feines Wochenende!

Kommentare:

  1. Ich habe eine sehr gute Freundin aus Kindertagen, die ich vor zwei Jahren nach langer Zeit endlich einmal wieder getroffen habe. Jetzt im Frühsommer werden wir anlässlich einer Hochzeit wieder aufeinander treffen, ich freue mich schon. Bei ihr ist es grundsätzlich so, dass es vielleicht 5 Minuten dauert, dann ist einem so, als hätte es die Zeiten der Trennungen dazwischen nie gegeben. So etwas nennt man vielleicht "seelenverwandt"...Ich vermute, die Kinderzeit prägt Freundschaften ganz besonders, weil man die Familien dazu mit kennen lernt. Übrigens finde ich es immer sehr traurig, wenn "echte" Freundschaften kaputtgehen, denn die Sehnsucht bleibt...da sollte man sich nichts vormachen...LG Lotta.

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    1. Wie schön, daß du so eine Seelenverwandte hast. Die habe ich auch - wenn auch viele viele Kilometer weiter weg. Bei dieser oben genannten Freundin ist es weniger die Seelenverwandschaft, sondern viel mehr das Bewußtsein, daß wir schon seit so vielen Jahren Lebenszeitzeugen füreinander sind. Auch das kann eine große Tiefe haben. Gehen "echte" Freundschaften wirklich kaputt? Kann es nicht auch so sein, daß man sich irgendwann unterschiedlich weiter entwickelt, die Themen des einen, nicht mehr die Themen des anderen sind? Als erwachsene Person kann man gewiß besser damit umgehen. Ich hadere nicht mit solchen Dingen. Einer Kinderfreundschaft habe ich hingegen wirklich hinterhergerauert. Leider war das Ende dieser innigen Beziehung dem ungehörigen Verhalten Erwachsener zu verdanken. Dazu vielleicht später einmal mehr. Liebe Grüße zu dir.

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  2. Eine Geschichte aus Deinem Leben, liebes Pünktchen (ich bleibe bei dem Namen, obwohl ich Deinen richtigen ja weiß), die ich gerne gelesen habe und die mir sehr gefällt. Es ist schon interessant, wie das Leben so spielt. Dass Ihr jeweils Euren Partner aus dem Heimatland der Freundin gewählt habt, zeigt für mich, dass Euch der ANDERE wahrscheinlich durch Eure Freundschaft nicht mehr fremd und schon vertraut war.
    Einen schönen 'restlichen' Sonntag und liebe Grüße
    Edith

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    1. Danke, liebe Edith, daß du beim "Pünktchen" bleibst (Ich sage nur: Augen auf bei der Namenswahl ;-)). Ja, mit deiner Deutung liegst du sicherlich nicht falsch. Und losgelöst von der Nationalität der Partner haben wir beide Glück gehabt - es hätte auch schief gehen können... Lieben Gruß.

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  3. Eine schöne Wiedersehensgeschichte mit erstaunlichen Koinzidenzen! Freu mich für dich!
    Herzlichst
    Astrid

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    1. Ja, es war wirklich wieder schön. Schade nur, daß es die Gebäude nicht mehr gibt. Daß diese nicht mehr existieren, das hat mir richtig weh getan. Wir hatten eine gute Zeit in diesem ungewöhnlichen und besonderem Gemäuer.

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  4. Das war eine so schöne Geschichte über Freundschaft, danke dafür. Es ist wirklich so, kaum sieht man sich, schon hat man das Gefühl nie getrennt gewesen zu sein. Ich habe zwei solche kostbarer Menschen um mich. Die eine ist in Süddeutschland und wir telefonieren sehr oft und sehen uns einmal im Jahr. Sie ist meine älteste Freundin, wir kennen uns seit meinem 15. Lebensjahr. Sie hat einmal zu mir gesagt, dass sie sich mir gar nichts zu erklären braucht, ich würde sowieso alles wissen. Das stimmt, wir wussten alles voneinander und es hat sich bis heute nichts daran geändert. Meine zweite *Seelenverwande* lernte ich während des Studiums kennen. Wir sehen uns auch äusserlich ähnlich. Bei einer Frauenrunde fragte uns mal eine Frau ob wir Geschwister wären, wir haben uns angeguckt und *ja* gesagt. Seitdem gehen wir durch dick und dünn. Erst vor kurzem waren wir zusammen in Rom. Solche Freundschaften muss man ganz doll festhalten, weil sie sehr selten sind, finde ich.
    Ganz liebe Grüße zu dir...

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    1. Pflege und genieße deine Freundinnen auch weiterhin. Ich mag und schätze das auch, habe aber auch nichts gegen ein "Kommen und Gehen". Frischer Wind tut immer gut. Liebe Grüße.

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  5. Hach... Schöne Geschichten sind das:)

    Einander lange nicht zu sehen oder zu telefonieren, aber beim nächsten Kontakt da weitermachen, wo man aufgehört hat. Besonders wenn es keine Vorwürfe gibt wie "Du meldest dich aber gar nicht" oder "immer bin ich die, die sich meldet" ("hayirsiz, hep ben mi arayacagim seni..unuttun beni unuttun"):) Der Freundin kein schlechtes Gewissen machen, nachsehend sein...DAS ist wahre Freundschaft für mich.

    Apropos... Du lässt aber auch nix mehr von dir hören, hömma? Ts ts ts.... *kopfschüttel*

    Schi-paaass!:)

    Wird mal wieder Zeit, oder? Hab diese Woche Nachtdienst. Also, weißte Bescheid Liebeleien:) Gibt einiges zu erzählen, meinerseits.
    Lieben Gruß
    Ayse

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    1. Ach nee... Kim kimi unuttu acaba, hayirsizzzzzz...

      Scheeeeerz, kiz!

      Bis bald!

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  6. Was für eine schöne Geschichte!
    Und was für ein Geschenk. Das freut mich total für dich.
    Liebe Grüße
    Jutta

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    1. Next year again! Ich freu mich drauf.
      Liebe Grüße.

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  7. Ist eine wirklich schöne Geschichte. Auch ich habe eine Schulfreundin, die Ingrid. Ich kenne sie seit 1962 als wir nach Leonberg umgezogen sind, das ist doch eine ganz schöne lange Zeit. Wir haben sehr viel miteinander geteilt und als wir dann heirateten, verlor sich ein wenig der Kontakt. Wir haben uns jedes Jahr zu den 10.Jahresfeiern wieder getroffen und uns dann aber wieder aus den Augen verloren. Aber seit der 50.er Feier treffen wir uns regelmäßig, besuchen Ausstellungen und und und. Es ist schon erstaunlich wie lange so Freundschaften halten können.
    Lieben Gruß Eva

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    1. Liebe Eva, das freut mich für dich, daß auch du eine so langjährige Freundin hast. 1962... ja, das ist wirklich eine lange Zeit. Ich wünsche dir auch weiterhin viele schöne Unternehmungen zu Zweit. Liebe Grüße.

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  8. Ich find's riesig, dass du dich da reingekniet hast, um sie wiederzufinden! Eine Freundin von hier, eine ehemalige DDR-Bürgerin, hat auf eine ganz zauberhafte Weise ihre Busenfreundin aus Kinder- und Jugendtagen wiedergefunden. Die Familie hatte einen Ausreiseantrag gestellt und war bis zu seiner Bewilligung dementsprechend unbeliebt in ihrem Heimatland. Bis zu ihrer Ausreise im Alter von etwa 15 Jahren hatte sie eine heißgeliebte Freundin, die sie dann verlor. Sie verloren sich aus den Augen, aber wie du sagtest - nie aus dem Herzen.
    Letztes Jahr wurde sie fünfzig und ihre mittlere Tochter hat Nachforschungen angestellt und die Freundin tatsächlich ausgegraben und sie zur Geburtstagsfeier eingeladen. Du kannst dir vorstellen, was da los war! Mir kamen spontan die Tränen, als sie mir die Story erzählt hat!
    Ganz liebe Grüße, wir sind heil aus China zurück mit irre vielen Eindrücken!
    Gros bisou
    Sandra

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