15 März 2016

Im Lot

Um im Gleichgewicht zu sein hat jedes Ding ein Gegengewicht. Zu den Gegengewichten des jüngsten Sprosses gehört offenbar auch der ältere Bruder. Sohn2 war am Abend vor dessen Abreise so aufgeregt, daß er erst spät einschlafen konnte. Am nächsten Morgen mußten wir in aller Frühe raus, wo ihm weiterer Schlaf abhanden kam. Noch fröhlich aus der Schule heimgekehrt, sank die Laune von Minuten zu Minute auf den Nullpunkt. Die Müdigkeit konnte ich ihm an den Augen ablesen. Mein Vorschlag, erst mal ein kleines Nickerchen abzuhalten, stieß auf taube Ohren. "Ich habe sooo viele Hausaufgaben auf. Wenn ich jetzt auch noch schlafe, dann habe ich ja gar keine Zeit mehr zum Leben...", knatscht das Kind hochdramatisch und fängt bitterlich an zu weinen. Oh je... Bei solchen Sätzen habe ich eine Gänsehaut am ganzen Körper. Ja, es ist mal wieder viel in letzter Zeit, was ihnen abverlangt wird. Da wollen die Kräfte gut eingeteilt sein. Da können einen vermeintliche Kleinigkeiten schnell aus der Bahn werfen. So viel Weltschmerz verlangt nach einer tröstenden Mama. Kind in die Arme nehmen, halten, streicheln, ihm gut zureden. Nach etlichem Hin- und her, konnte ich ihn überreden, sich zu mir zu legen. Ich habe ihn in ein Gespräch verwickelt und siehe da, der großen Müdigkeit konnte kein Widerstand mehr geleistet werden. Er schlief ein. Tief und fest und wachte erholt nach zwei Stunden wieder auf - mit deutlich besserer Laune. Die Hausaufgaben wurden nach und nach abgearbeitet, aber vom Tag blieb tatsächlich nichts mehr übrig. Es war schon wieder Schlafenszeit.

Der nächste Tag fing vielversprechend an. Nach einer herzlichen Begrüßung sank die Laune sofort auf Null, weil der freudig erwartete Spielbesuch, frisch erkrankt, nicht kommen konnte. Und dann auch noch... Hausaufgaben. Und der Bruder, an dem man sich sonst so gut reiben kann, war auch nicht da. Was soll ich sagen: ich wurde zu einer hervorragenden Projektionsfläche. Nichts, was ich sagte oder vorschlug kam gut an. Am Abend schlief ich ermattet kurz nach dem Sohn ein.

Die folgenden Tage liefen deutlich entspannter ab, und wir konnten endlich die Dinge genießen, die wir uns in der Zweisamkeit vorgenommen hatten. Einen Arztbesuch gab es noch in der Stadt zu absolvieren: 10 Minuten Wartezeit, zehn Minuten Untersuchung und Gespräch, und wir waren erleichtert wieder draußen. Na also, geht doch! 


Inzwischen ist der große Bruder wieder gesund und am Stück heimgekehrt. Es gab anscheinend nur die üblichen Zankereien, aber keine schwerwiegenden Vorfälle. Der Klassenlehrer wirkte entspannt wie eh und je, nur die begleitenden Lehrerinnen sahen sehr erschöpft aus. Zu Hause gab es eine sehr herzliche Begrüßung von Herrn Mautz, von dem Brüderchen und viel zu erzählen. Einen Brief hatte Sohn1 geschafft zu schreiben. "Mama, wir haben jeden Tag so viel unternommen. Eigentlich wollte ich noch mehr Briefe schreiben, aber ich hatte kaum Zeit..."


Auch über nur einen Brief habe ich mich sehr gefreut. Er schreibt gut, der Sohn. Ich mag das sehr und freue mich, daß er selbst Gefallen daran findet.


"Schau mal, den habe ich dir mitgebracht. Ich habe ihn selbst geschliffen. Gefällt er dir?" Ob er mir gefällt...? Ich muß gestehen, daß ich nicht so sehr auf Bernstein stehe, aber dieser hier ist eben durch den Sohn zu etwas Besonderem geworden. Und daher gefällt er mir sehr ;-).

Inzwischen hatte Sohn2 für den allerersten Damen-Spielbesuch bei uns zu Hause gesorgt. Ein entzückendes Mädchen hat hier seinen Charme versprüht. Daß am Ende des Tages, die Jalousie im Wohnzimmer runter gekommen war, und mich ein riesiger Himbeerfleck auf dem weißen Sofa anlachte, da sehe ich jetzt mal großzügig drüber hinweg ;-).

Das gemeinsame Abholen meines Mannes bildete den krönenden Abschluß der Woche. Am Wochenende konnte ich mich selbst von den Strapazen der Woche erholen. Die Geschwister haben sich wieder und können in altbewährter Weise miteinander zoffen spielen ;-). Ehrleichtert stelle ich fest: ich bin raus aus der Nummer! Jetzt ist alles wieder im Lot und so, wie es hier sein soll.

Kommentare:

  1. Schön, Gleichgewicht mit Liebes-Bernstein. Habts also weiter schön zusammen!
    Lieben Lisagruß!

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    1. Nach einem etwas hakeligen Anfang sind die schönen Tage zum Glück geglückt ;-). Liebe Grüße.

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  2. memories: Der große Bruder (6) ist eine Nacht im Krankenhaus. Der kleine Bruder (4), sonst durch fast nichts aus dem Gleichgewicht zu bringen, bricht am Abend im Bett urplötzlich in bitterliche Tränen aus: "Huuhuuu - ich VERMISSE den J. sooooo seeehr - huuhuuhuuuu....". Da habe ich begriffen, wie eng bei Kindern Spielen, Streiten und Liebe zusammengehören.
    Ja, und einen BRIEF von der Klassenfahrt zu bekommen - Wahnsinn!!! :-)
    Habt's schön zusammen!
    Brigitte

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    1. Wie schön! Ja, so ist es. Ich liebe deine Memories... Das weißt du, nicht wahr?! Der Brief ist sooo schön und mir so kostbar. Ich habe ihn so viele Male gelesen. Lieben Gruß.

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  3. Ein herzerfrischender Familienbericht mit den üblichen Hochs und Tiefs. Unterm Strich aber sicher HOCH. Ich finde es sehr schön (auch heute noch bei meinen beiden erwachsenen Söhnen), wenn sich die Kinder gut verstehen und einer den anderen vermisst.
    Der Bernstein ist übrigens sehr schön, weil er durch das Rechteckige modern aussieht. Und klar, so eine Liebesgabe an die Mutter ist etwas ganz Besonderes.
    Liebe Grüße, Ingrid

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    1. Liebe Ingrid, ich hatte fast vergessen, daß größere und kleinere Veränderungen im Familiengefüge auch stets für Veränderungen sorgen ;-). Hat zwei Tage gebraucht, eh wir die Kurve gekriegt haben. Liebe Grüße

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  4. Hallole,
    herzlichen Dank für deinen lieben Bericht. Doch ich mag Bernstein sehr gerne. Das Bernsteinzimmer ist deshalb auch mein absoluter Hit.

    Lieben Gruß Eva

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  5. Schön, dass du mich wieder "lesen" kannst...;-). Bei uns gibt es auch so ein gewisses Gleichgewicht unter den Geschwistern. Zur Zeit gerät es gerade etwas ins Schwanken, weil der Älteste neuerdings eine Freundin hat...und nicht mehr jeden Tag zu Hause ist...er fehlt...vor allem der Jüngsten...;-): LG Lotta.

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