12 Januar 2016

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust

Als meine Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, hatte das weitreichende Folgen auch für mein Leben. Angedacht waren ursprünglich zwei Jahre, und die Rückkehr in die Heimat war im Vorfeld beschlossene Sache. Es kam anders. Seit meiner Geburt habe ich die türkische Staatsangehörigkeit und alle Paar Jahre arbeitet es in mir. Den deutschen Paß hätte ich schon so oft problemlos haben können. Er würde mir einige Erleichterungen und Vorteile bringen. Ich könnte endlich reisen, ohne ständig irgendwelche Visas beantragen zu müssen. Endlich hätte auch ich die Möglichkeit, mein Leben hier politisch mitgestalten zu können. All das ist mir aufgrund meiner türkischen Staatsangehörigkeit trotz der vielen Jahre in Deutschland nicht möglich.

"Du bist Türkin? Du doch nicht!" Wie oft habe ich diesen Satz in meinem Leben schon gehört. Andere schienen viel besser zu wissen, wer ich war. Insgeheim habe ich mich selbst oft gefragt, wer ich wo bin. Türkin, oder doch Deutsche? Gefühlt habe ich mich stets als Türkin, denn in der Türkei, wo ich geboren wurde bin ich mit Sprache, Familie und Kultur stark verwurzelt. So etwas schüttelt man nicht ab, nur weil man seit vielen Jahren in einem anderen Land lebt. All das ist ein nicht zu unterschätzender Teil von mir.

Fast mein ganzes Leben habe ich hier verbracht. Ich habe eine Familie mit meinem deutschen Ehemann gegründet. Unsere Kinder besitzen die deutsche Staatbürgerschaft. Ich wollte sie nicht auch noch dieser inneren Zerrissenheit aussetzen irgendwann.

Meinen türkischen Paß zu behalten ist mir eine Herzensangelegenheit. Für Behörden aber sind Emotionen irrelevant. Am liebsten würde ich beide Pässe besitzen, denn ich und meinesgleichen, wir sind eine Brücke zwischen diesen beiden Ländern. Aber so lange nicht irgendwann vielleicht doch noch ein entsprechendes Gesetz rauskommt, wird das nicht sein können. Und so lange will ich mich nicht entscheiden müssen gegen das eine, was mich ausmacht, um das andere sein zu können, was ich genauso bin. Beide Länder haben entschieden zu meiner Identität beigetragen. 

Bei einer Einbürgerung mich hochoffiziell mit Antrag und Stempel  aus der türkischen Staatsbürgerschaft zu verabschieden, das schaffe ich einfach nicht. Auf der anderen Seite bringen mir meine türkischen Wurzeln nichts, wenn ich in dem Land, in dem ich nun schon so lange lebe, politisch nichts zu sagen habe. 

Vielleicht klingt das nicht nachvollziehbar für viele, aber es kommt mir so vor, als müßte man sich entscheiden zwischen Vater und Mutter. Wie soll das gehen? Emotional sehe ich mich dazu nicht in der Lage. Also bleibt alles beim Alten, bis vielleicht doch irgendwann ein Gesetz anderes möglich macht.

Kommentare:

  1. Die Entscheidung ist wirklich schwierig und ganz persönlich. Für mich ist es ein Beispiel mehr, wie klein die Rolle des seelische Befindens der Menschen auf der Welt ist.
    Ich habe mir die Frage auch gestellt, solange, bis es keine mehr war. Für mich ist es versteh- und nachvollziehbar.
    Vielleicht zeigt sich ja erst, warum es so für Dich ist.

    Viele Grüße
    Beate

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    1. Oft denke ich: wer weiß, wofür das alles gut ist.

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  2. Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen. Rein rational betrachtet wären zwei Staatsangehörigkeiten wahrscheinlich unsinnig...man kann im Grunde ja entweder nur dem einen oder dem anderen Staat angehören. Schon wenn in beiden Staaten ein ganz unterschiedliches Rechtssystem vorherrscht, fangen die Probleme an... Sehr gut kann ich aber nachvollziehen, dass man sich dem Staat, in dem man geboren ist, sehr verbunden fühlt...es ist nun mal die Heimat, aus der man stammt. So ein Pass ist dann wahrscheinlich gefühlsmäßig wie die "Nabelschnur", die man dann nur ungern zertrennt. Ich glaube, es müsste sehr viel passieren, bis ich bereit wäre, meinen deutschen Pass für eine andere Staatsangehörigkeit zu tauschen...Du machst das schon richtig...LG Lotta.

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    1. Liebe Lotta, über Sinn und Unsinn der doppelten Staatsbürgerschaft zu sinnieren bringt meiner Meinung nach nicht viel. Gibt es die gesetzlichen Grundlagen dazu, streben die meisten Menschen das auch an. In der BRD gibt es ca. vier Millionen Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft, so wie unzählige weitere in ca. 40 Ländern dieser Welt. Der Verstand sagt mir in meinem Fall klar, was zu tun ist, wenn nur das Herz nicht wäre... Liebe Grüße.

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  3. Und ich dachte immer, dass man als in Deutschland lebender Mensch mit türkischer Herkunft eine doppelte Staatsbürgerschaft haben kann! Habe mich aber eben schlau gemacht: das gilt nur für nach 1990 Geborene... Das ist ja doof! (In diesem Falle gilt ausnahmsweise nicht "Wer zu spät kommt...", sondern "Wer zu früh kam, den bestraft das Leben", oder vielmehr die Politik).
    Mitfühlend und daumendrückend, dass du es bald hinter dir und den neuen Pass in der Hand hast,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, es ändert sich ständig etwas auf diesem Gebiet. Gerne auch vor den hiesigen Wahlen. Man wird sehen.

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  4. es ist wirklich unsäglich, daß menschen wie du nicht die doppelte staatsbürgerschaft haben dürfen. meinem mann geht es ebenso.

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  5. Lass Dein Herz sprechen ....
    Verstehen kann ich es nicht, warum Du nicht beide Staatsbürgerschaften haben darfst. Ich ahne wie es doch innerlich hin und her reisst.
    Meine Kinder haben beide, Michael ist Österreicher und bleibt das auch. Er will gar net beides ... aber die Deutsche und die österreichische Kultur sind sich ja auch sehr ähnlich. Bei Dir sind es verschiedene Welten, ich könnte die Heimatverwurzelung auch nicht aufgeben. Auch nicht auf dem Papier!
    Ja, hör auf Dein Herz ....
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  6. Ich dachte ja auch immer man kann als Erwachsener nur eine Staatsbürgerschaft haben. Meine Freundin ist Griechin und hat nun aber seit einiger Zeit beide. Ist vielleicht ein EU-Ding, aber lässt doch hoffen, oder?
    Liebe Grüße
    Jutta

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