31 August 2015

Die Würde des Menschen ist unantastbar!

Ihr Lieben,

die ihr trotz meiner Abwesenheit hier beständig vorbeigeschaut habt, ich grüße euch nach einer längeren Blog-Pause. 

Eine Blogpause, die habe ich dringend gebraucht. In der ersten Woche der Ferien sind wir wie ein Kartenhaus in uns zusammen gefallen. Die einzigen Wege, die wir gemacht haben, waren die vom Bett ins Bad, vom Bad auf's Sofa oder Küche, evtl. wieder auf's Bett. Blogs habe ich in dieser Zeit ausnahmsweise mal keine gelesen. Dafür hatte ich wieder echte Bücher in der Hand, in denen ich abgetaucht bin. In diesen Wochen ohne Lebenszeichen ist lediglich ein großformatiges Bild entstanden. Die erste Woche war bitter nötig, um uns neu zu sortieren, tief durchzuatmen mit dem Bewußtsein, in nächster Zeit nichts tun zu müssen.

Ich habe zwischendurch tatsächlich immer mal wieder dem Gras in unserem Garten beim Wachsen zugesehen. 

 

 


Das hat gut getan, mein arg aufgewühltes Inneres neu zu sortieren! Denn die aggressiven Ereignisse in Deutschland empfinde ich als sehr bedrohlich, äußerst bedrückend und sehr befremdlich für dieses wunderbare, moderne Land. All das habe ich in ganz ähnlicher Form vor nahezu vierzig Jahren schon einmal miterleben dürfen. Damals war ich noch ein kleines, unbedarftes, hilfloses Kind, was blanke Todesangst hatte, wenn Wohnungen und Häuser in Flammen aufgingen, in denen Ausländer wohnten. Anschläge auf Asylantenheime gab es damals wie heute. Ebenso wie Demonstrationen mit tausenden von Neonazis, die "Heil Hitler!" und "Ausländer raus! Deutschland den Deutschen!" grölend in Bomberjacken und Springerstiefeln tagelang randalierend durch die Stadt zogen, alles, was ausländisch aussah zusammen schlugen, um dann irgendwann durch massiven Polizeieinsatz wieder im Nichts zu verschwinden. Ich war felsenfest davon überzeugt, daß man uns umbringen wollte. Für mich als Kind gab es da nichts zu mißverstehen. Mit Absicht wurden Menschenleben ausgelöscht. Was daran sollte man mißverstehen?! Die einen wollten uns lieber tot als lebendig sehen, andere wollten uns unbedingt retten - auch das mochte ich nicht. Freundliche und ehrliche Kontakte, Unterstützung, sowie aufrichtiges Interesse und Anteilnahme - das hätte man damals gebraucht. Ich denke nicht, daß das heute anders ist. 

Mit welchem Recht sich manche Menschen über andere erheben, das wird mir auf ewig fremd bleiben. 

Unterscheiden wir uns wirklich so sehr voneinander - mit dem, was wir uns für unser Leben, unsere Familien vorstellen und wünschen? Ich denke nicht.

Das, was an Positivem geschieht, auch das registriere ich natürlich. Gottlob, es gibt noch Menschen mit Herz. Sie alle haben genausowenig wie ich ein Patentrezept an der Hand, mit der sich alle noch kommenden Probleme dauerhaft bewältigen lassen, aber statt untätig zu sein, machen sie den Mund auf, um dem wildgewordenen Mob mit seinen "Weg mit dem Dreck!"- Rufen etwas entgegen zu setzen. Sie alle zeigen Haltung, machen aufmerksam auf diverse Aktionen, sie helfen tatkräftig mit, wo Hilfe vonnöten ist, scheuen keine Arbeit und schauen nicht weg. Dafür bin ich unendlich dankbar! Das ist etwas, was ich vor ca. vierzig Jahren anders erlebt habe. Da gab es höchstens Einzelne, oder kleinere Organisationen, die sich engagierten, aber nicht diese Massen. 

Danke dafür jedem, der sich in seinem Handeln nicht verunsichern läßt, das zu tun, was die Menschlichkeit jedem Menschen gebieten sollte zu tun. 

In unserem beschaulichen Ort sind ca. fünfzig syrische Flüchtlinge aufgenommen worden. Auch hier gibt es ehrenamtliche Helfer, Menschen, die einen guten Willen zeigen, eine Gemeinde, die sich Besonderes einfallen läßt - leider aber auch die, die mit ihrer vernichtenden Meinung nicht hinterm Berg halten. Nähere Aussagen dazu erspare ich meinen Lesern. Es ist einfach zu beschämend, solchen Bullshit hier zu verbreiten. 

Ja, ich mache den Mund auf. In aller Ruhe, die mir möglich ist, aber auch in aller Deutlichkeit. Auch wenn ich nie als ein Flüchtling um mein Leben bangen mußte, weiß ich noch zu genau, was dieser Haß mit einem Menschen, mit Generationen von Menschen, machen kann. Man verliert das, was sich Menschenwürde nennt. Und das sollte Niemandem abhanden kommen.

"Mama, warum möchten die Menschen nicht, daß die Flüchtlinge hier leben?", fragt mich das kleine Kind besorgt.

"Manche Menschen sind verunsichert, einige haben Angst. Darüber muß man reden, sollte auch diese Ängste ernst nehmen."

"Aber wovor haben sie denn Angst? Sind die Flüchtlinge denn böse?"

"Nein, sie wollen genau das, was auch wir anderen möchten. Aber dort, wo sie leben haben sie keine Chance. Es geht ihnen sehr sehr schlecht dort, woher sie fliehen. Sie versuchen ihr Leben zu retten, sich eine bessere Zukunft aufzubauen. Teilen ist nicht nur für Kinder schwer manchmal."

"Mama, können wir auch den Flüchtlingen helfen?"

"Das können wir mein Herz. Und das werden wir auch tun!"

In diesem Sinne. Wir lesen uns.