04 Dezember 2015

Kontrastprogramm

 

Jedes Jahr erwischt mich die Adventszeit völlig unvorbereitet. Als hätte es die elf Monate zuvor nicht gegeben, in denen ich gewußt habe, daß sie am Ende des Jahres kommen wird. Seltsam ist das. 

Es gab noch einige Erledigungen zu machen, und ich machte die Fahrt in die Stadt. Geschockt hielt ich die Luft an. Die Straßen waren so unglaublich voll mit Menschen, so daß man nur schwerlich vorwärts kam.  

Mitten in diesem Gedränge überschlugen sich meine Gedanken. In einigen Schaufenstern waren Krippenfiguren zu sehen. Das Krippenspiel als zentrales Element der Weihnachtsbräuche sehe ich häufiger derzeit. Joseph und Maria nahmen das Kind und flohen nach Ägypten.  Damals ging es um diese Familie, deren Geschichte geprägt war von Heimatlosigkeit, Flucht und Lebensgefahr. Das Paar mußte Unterschlupf finden in einem Stall, weil es keinen Platz mehr in der Herberge fand. Das Kind wurde geboren, und aus Angst  vor Gewalt floh die Familie mit dem Neugeborenen in ein fremdes Land. Aus der Bibel erfährt man, daß die Familie nach Ägypten flieht und dort Zuflucht sucht. Durch diese Flucht retten Maria und Joseph den Hoffnungsträger.

Plötzlich muß ich an die Flüchtlinge  denken, denen wir seit einigen Wochen am Bahnhof begegnen. So wie in der Weihnachtsgeschichte ist Flucht für Hunderttausende die einzige Chance, das Leben zu retten. Die Menschen fliehen vor Armut, Gewalt, Unterdrückung und Krieg. Selten werden sie mit offenen Armen empfangen. Wenn doch, dann spüre ich die Dankbarkeit und Erleichterung.  Wenn sie Europa erreichen gibt es aber auch verstärkte Kontrollen, Ablehnung und Skepsis.

Ich zwänge mich durch die beinahe undurchdringlichen Menschenmassen, die shoppen gehen, Geschenke für ihre Lieben suchen, am Weihnachtsmarkt Leckereien genießen. Sichtbar gewordener Überfluß auf der einen Seite, Notleidende, die in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch den Bahnhof kommen, auf der anderen Seite.  Wenn es eine Verteilungsdisbalance gibt, dann kann man sie besonders gut gerade jetzt sehen.

Natürlich gibt es riesige Herausforderungen. Aber wir sind die letzte Hoffnung der Flüchtenden. Sie wiederum sind Hoffnungsträger, können eines tages mehr als jede Entwicklungshilfe für ihre Heimatländer leisten. 

In einer seltsamen Stimmung befinde ich mich derzeit. Traurig bin ich, wenn ich die Bedürftigen sehe Aber auch hoffnungsfroh bin ich, wenn ich so viele Menschen sehe und erlebe, die sich immer noch mit großem Engagement stark machen für die Flüchtenden und sich mit viel Zeit um ihre Belange kümmern.

Weihnachten ist das Fest der Nächstenliebe. Dieses Fest der Nächstenliebe sollte alle Menschen umfassen. Auch an diesen Tagen werden wir unseren Beitrag leisten.

Kommentare:

  1. Hach meine Liebe.... wieder mal so schöne und wertvolle, bewundernswerte Gedanken, die ich so gut nachvollziehen kann und die ich aus ganzem Herzen unterstütze.
    Ein so wundervoller Beitrag....danke!
    Wünsche Dir und Deinen Lieben eine wunderschöne Adventszeit.

    Ganz liebe Grüße
    Ayse

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  2. Nun hast auch Du mich berührt ... danke für die Zeilen. Sie geben auch meine Gefühle wieder.
    liebe grüsse und ein schönes 2.Adventwochenende
    wünscht Dir Elisabeth

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  3. Lieben Gruß zu Dir! Wir alle müssen teilen lernen. Du bist ein Licht!
    Lisa

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  4. Wer sich selbst positiv sieht, wird auch andere in ein positives Bild rücken, in dem Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, Nationalität und Geschlecht ua. keine Rolle spielt. In der Erziehung unserer Kinder können wir sehr viel für die Menschenfreundlichkeit unserer Gesellschaft tun und Jedem sei von Herzen gedankt, der dies verwirklicht.

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  5. Wie schön du dieses Wechselbad der Gefühle ausgedrückt hast... Auf der Seite der Bedürftigen stehen, teilen, handeln und mitfühlen, den Liebsten zu erkennen geben, wie sehr wie sie mögen, und dazu braucht es diesen Überfluss ganz und gar nicht - das Beste, was wir tun können, in der Nachfolge des kleinen Kindes, dessen Geburt wir feiern. Lieben Gruß Ghislana

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