03 November 2015

Gestern

Gestern hatte der Große noch frei und konnte mir tatkräftig unter die Arme greifen: wir haben stundenlang 120 Eier in riesigen Töpfen hart gekocht. Das war wirklich schwerer als gedacht. Dann haben wir unzählige Käsetoasts gemacht und diese mit einem Zewa-Tuch in Butterbrotpapier gepackt. Das hat nach unserem endlosen Einkauf, von zwei Geschäften konnten wir auch Spenden organisieren, den ganzen Vormittag beansprucht. Da, wo wir helfen, gibt es keine Kochmöglichkeiten. Nachdem wir den Jüngsten von der Schule abgeholt hatten, ging es mit einem vollbeladenen Auto in die Stadt. Um den Wagen mit weiteren Helfern zu entladen, durften wir sogar im absoluten Halteverbot stehen.

 

Wir kamen gerade zur Zeit des Riesenandrangs bei der Essensvergabe an. Unsere Eier und Toasts waren auf der Stelle weg. Die kleinen Herren verteilten Kuscheltiere an die Babys, Buntstifte, kleine Ausmalheftchen und Straßenmalkreide an die größeren Kinder. Alle bedankten sich ganz artig. Zwei Mädchen fingen sogleich an, den Platz vor dem Bahnhof mit der Straßenmalkreide anzumalen. Bis wir einen halben Tag später wieder weg waren, war der Platz richtig schön bunt geworden, aber auch zu dunkel, um noch Fotos davon zu machen.

 

Alle, die gesättigt waren, stellten sich draußen in einer Schlange an. Ich fand die Atmosphäre sehr beklemmend. Eine Ruhe, die einen beunruhigt. Man spürt die Unsicherheit und Ängste der Menschen. Kaum jemand spricht.

 

Ringsum sieht es so aus... Neben anderen auch arabische Schriftzeichen.

 

Die Kleiderkammer verfügt über eine große Fläche.

 

Hier werden Spenden beständig sortiert und eingeräumt. Außer den Asylanten sind auch andere Bedürftige willkommen, die sich bedienen können. Ohne die Spenden und Ehrenämtler würde all das nicht sein. Mich beeindrucken Menschen, die sich erheben und etwas für das Gemeinwohl tun.

 

Flüchtlinge - gemeinsam mit den kleinen Herren an einem Tisch. Ich frage, ob ich ein Foto machen darf. Ich darf.

Wir suchen den Kontakt. Ich sehe eine kleine Gruppe von sechs jungen Männern still an einem Tisch sitzen. Wir bieten ihnen Snacks für später an, wenn sie unterwegs sein werden. Ich kann kein Arabisch und versuche es mit dem Google translator. Plötzlich höre ich, wie einer der Männer  einen anderen aus der Runde auf türkisch anspricht. Sofort spreche ich ihn höchst verwundert auf türkisch an. Ich blicke in ebenso erstaunte Gesichter. In den nächsten zwei Stunden sprudelt es nur aus uns allen heraus, wir stellen uns ihnen vor ,und ich frage ihnen Löcher in den Bauch. Ich erfahre so viele unglaubliche Dinge dabei. Der, mit dem ich hauptsächlich spreche, sitzt auf dem Bild links hinten, hinter Sohn1. Sein Name klingt so ähnlich wie Ferdi, er hat wie die anderen sehr verpickelte Haut - die anderen Namen behalte ich leider nicht. Ein zurückhaltender, sehr aufmerksamer junger Mann. Er kommt aus Afghanistan. Als ich sein und das Alter der anderen erfahre, da bin ich für einen Moment sprachlos. Ferdi ist 15. Das erklärt auch die unreine Haut. Der älteste aus der Runde ist 17 Jahre alt. Ferdi hat in Afghanistan Familie mit vier älteren Brüdern. Er ist der Jüngste. "Wie haben dich denn deine Eltern nur gehen lassen können?", frage ich ihn. "Du bist ja noch ein Kind!" und denke zeitgleich, daß er gerade mal vier läppische Jahre älter ist als Sohn1. Er könnte mein Sohn sein. Sie alle könnten meine Söhne sein. Herrje! Ich lasse meinen Sohn nicht mal zehn Kilometer alleine irgendwohin laufen. Die hier haben Tausende von Kilometern und ich weiß nicht wieviele Länder hinter sich. "In Afghanistan gibt es keinerlei Aussicht auf eine Perspektive. Da ist es nicht schwer, wenigstens einen aus der Familie ziehen zu lassen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Außerdem stehen wir in dauerndem Kontakt zu unseren Familien", sagt er und zeigt auf sein Handy mit kaputtem Display.  Ich muß schlucken. Ferdi war sogar für zwei Jahre in der Türkei. Er wollte dort zur Schule gehen und hat das sogar getan. Daher spricht er auch meine Sprache so unglaublich gut. Er erzählt, wie er eines Tages festgenommen wurde, ihm Fingerabdrücke abgenommen wurden, und er für 20 Tage eingesperrt war in einem türkischen Gefängnis. "Wurdest du dort gut behandelt? Hattest du ausreichend zu Essen und zu Trinken?", will ich wissen. "Es geht so", lächelt er milde. Viel schlimmer fand er es, in all der Zeit mit schlimmen Verbrechern in einem Raum zu sein. Zwischendurch sprechen auch die anderen. Ferdi und einer aus der Runde sind auf der gemeinsamen Flucht Freunde geworden. "Sowas wie Brüder", sagt er. Der andere schaut auf die Tischplatte vor sich und lächelt sanft. Ich spüre wie Tränen in mir aufsteigen. Herrgot, das sind doch alles Kinder. Es könnten meine sein.

Ferdi möchte unbedingt weiter zur Schule gehen und studieren. Vielleicht bleibt er hier, wenn es geht. Am liebsten würde ich sie alle sechs mit nach Hause nehmen. Aber sie wollen vorerst in der Stadt bleiben, wissen noch nicht genau, wie es weiter gehen wird. Ich gebe ihnen den Tipp, sich in den türkischen Männercafès der Stadt umzusehen. "Die werden euch bestimmt helfen", sage ich. 

Als wir uns sehr herzlich voneinander verabschieden, nicht ohne ihre Jackentaschen noch mit Müsliriegel vollzustopfen, muß ich mich arg zusammenreißen, um nicht zu weinen. Das könnten meine Söhne sein.

Abends, zur Ruhe gekommen, bin ich fassungslos: warum habe ich es versäumt, daß wir wenigstens unsere Nummern austauschen? Das macht mich völlig kirre zur Zeit. Nächste Woche werde ich gezielt Ausschau nach ihnen halten. Da habe ich mir eine gute Gelegenheit durch die Lappen gehen lassen.

"Mama, das war auch heute wieder schön. Ich möchte weiter helfen. Und die waren sehr nett, überhaupt nicht böse. Wo werden sie schlafen? Die waren ja noch ganz jung. Weißt du Mama, nie nie nie möchte ich ohne euch irgendwo sein."

"Ich auch nicht!", kräht das kleine Kind müde.

"Und ich, ich möchte mir nicht einmal vorstellen, daß wir mal in eine so dramatische Notlage kommen könnten. 

Das war ein langer Tag. Dankbar bin ich, daß wir auch dieses mal ein winzig kleiner Tropfen auf einen heißen Stein sein durften. Diese Jungen, die ich kaum kenne, sie fehlen mir irgendwie. Klingt das lächerlich? Vielleicht liegt es daran, daß ich mir permanent vorstelle, sie könnten auch meine Kinder gewesen sein.

Kommentare:

  1. .......................
    Astrid

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  2. Puh...da fehlen mir die Worte...nur soviel muss sein: DANKE für dein Tun, für das Teilen deiner Gedanken...für DICH...
    In dieser Zeit,in der ich mich immer wieder über meine Mitmenschen wundere, oft entsetzt bin über so manche Aussage...in einer Zeit, in der jeder von uns klar Stellung beziehen muss,tut es einfach gut auf Menschen zu treffen, die da sind,die helfen...das wiegt so manches auf...bist ein Schatz und das du deine Jungs auf diesem Weg mitnimmst erfüllt mich als Erzieherin mit besonderer Freude...Alles Liebe...Silke-Lara

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    1. Liebe Silke-Lara,
      vielen Dank für deine anerkennenden Worte! Wir versuchen zu helfen, soweit das für uns möglich ist. Gemessen an dem, was andere Ehrenamtler rund um die Uhr vor Ort leisten ist das nicht viel. Und trotzdem ist auch das wichtig. Was wir bislang dort gesehen und erlebt haben treibt uns alle sehr um. Ich freue mich sehr, daß diese Initiative am Bahnhof für "Menschen des Jahres" nominiert wurde. Diese Nominierung ist nicht nur eine Anerkennung des Dauer-Teams vor Ort, sondern auch eine Wertschätzung der vielen großzügigen Spenderinnen und Spender, und als ein Hoch auf die Willkommenskultur anzusehen! Auch habe ich mich heute sehr gefreut, weil der hiesige Edeka-Markt uns regelmäßig mit Spenden unterstützen möchte. Es gibt immer wieder Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum geringfügig abgelaufen ist, und die hier dann etliche Menschen nicht mehr anrühren würden. Dabei sind diese Lebensmittel noch für etliche Tage ohne Bedenken genießbar. Einmal die Woche dürfen wir diese Dinge für die ankommenden Flüchtlinge zum Bahnhof mitnehmen. Nach wie vor, werden wir auch viele viele Eier selbst kaufen, kochen und auch unzählige Käsetoasts machen. Ich suche noch so einen Riesen-XXL-Topf, in dem man eine selbst gekochte Suppe mit dort hinnehmen kann. Alles, was ich bislang gesehen habe, war mir noch nicht groß genug :)

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  3. Ein ganz großes Kompliment!! Ich bin beeindruckt von deinem Erzählungen und finde kaum Worte. DANKE für deine Zeit und dein Engagement!! Und das du deinen Jungs etwas so Wichtiges vorlebst!
    Fühl dich umarmt von Gina

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    1. Danke Gina, es ist so wichtig seinen Kindern ein Vorbild zu sein. Auch ich bin damit aufgewachsen, daß meine Eltern sich ihr Leben lang in mannigfaltiger weise für die Schwachen eingesetzt haben. So klein die kleinen Herren auch sind, ihr mitfühlendes Herz ist schon jetzt riesengroß. Darauf bin ich sehr sehr stolz.
      Liebe Grüße.

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  4. Ja, PUH war auch mein erster Gedanke. Noch Jungs, ja, manchmal macht man sich keine Vorstellung.
    Danke Dir für Deine Hilfe! Und wie toll, dass Du so auch Deinen Jungs die Angst nimmst, die ansonsten vielleicht auch bei ihnen ankommen würde - mein Sohn hat mich damals ganz direkt gefragt, ob er jetzt Angst haben müsse...
    Als großen Topf kann ich mir so einen Glühweintopf vorstellen, den könntest Du vielleicht sogar dort an den Strom schließen.
    liebe Grüße von Petra

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    1. Liebe Petra,
      ja, Kinder sind sehr gute Beobachter und stellen kluge Fragen - so wie dein Sohn. Mein Kleiner fragte, warum denn alle solche Angst vor den Flüchtlingen hätten. Ob sie denn so böse wären... Vielen Dank für deinen Tipp! Der "Glühweintopf" ist mir leider nicht gro0 genug gewesen. Jetzt habe ich aber einen 23-Liter-Topf entdeckt. Da geht ordentlich was rein. Und für's Warmhalten gibt es auch noch eine einzelne Induktionsherdplatte.
      Liebe Grüße an dich.

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  5. Mein liebes Pünktchen.... ein ganz herzliches Dankeschön an Dich und Deine wundervollen Jungs.
    Bei solchen Geschichten zerreißt es mir immer das Herz und ich empfinde eine unbeschreibliche Freude und tiefe Dankbarkeit, wenn ich solche Menschen wie dich sehe.

    Vorgestern kam mein Sohn wieder vom Sport nach Hause und erzählte mir von einem jungen Mann (ungefähr so alt wie er selbst...19-20 ) , den er dort kennengelernt hat. Ein Flüchtling, der schon eine Weile hier lebt. Er sagte : "Mama, er erzählte, dass er niemanden hier habe und sich freuen würde, wenn er sich mit mir anfreunden dürfte. Du hast doch mal für einen afghanischen Jungen gekocht, könntest du für ihn auch mal kochen...was syrisches?"
    Ich sagte, dass er ihn mal zu uns zum Essen einladen soll und ich dann natürlich gerne für ihn kochen würde.
    Mal sehen ..... ich werde bestimmt noch davon berichten.

    Ganz lieben Gruß
    Ayse

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    1. In einem fremden Land zu sein, ohne irgendjemanden zu haben, das ist sehr schwer. Außergewöhnlich, daß er deinen Sohn ansprechen und um Freundschaft bitten konnte. Bin sehr gespannt, was du zu berichten haben wirst, wenn er zum Essen zu euch kommt.
      Liebe Grüße.

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  6. Ja, sie alle könnten unsere Kinder, Schwestern, Brüder, Eltern sein....
    Schön, wie Du das beschrieben hast. Und sehr nachvollziehbar.
    Lieben Lisagruß!

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  7. Genau darum geht es, um Mitgefühl und Solidarität zu entwickeln: das sichere Wissen darum, dass sie unsereBrüder, Schwestern,Kinder, Väter und Mütter sein könnten. Sind. Danke für deine berührenden Berichte und für dein Mitgefühl!
    Liebe Grüße, Ulrike

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  8. Ich bin traurig, daß ich nicht geschaltet habe, um unsere Nummern auszutauschen. Ich war so aufgewühlt und habe schlichtweg nicht daran gedacht. Blöd. Einfach blöd.

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