02 Juli 2015

Deutsch-Türkische Gastfreundschaft, oder die erste Djungelprüfung in den siebziger Jahren

Gestern habe ich Garnelen mariniert und zum Abendessen mit den Söhnen gegrillt. Während der eine Sohn das sehr lecker fand, hat der andere mit deutlich verzogenem Gesichtsausdruck nur eine probiert und beließ es dabei.

"Mama, hast du das auch als Kind gerne gegessen?", fragt mich der Sohn interessiert. Gerade will ich ansetzen zu antworten, fällt mir da eine Geschichte von früher ein, und ich erzähle sie ihnen.

Als meine Mutter, also eure Großmutter heiratete, war sie eine lausige Köchin. Das erste Fischgericht, welches sie meinem Vater zuliebe versuchte zuzubereiten, mißlang völlig. In der Küstenstadt, in der mein Vater zu Hause war, und nun auch meine Mutter nach dem Studium lebte, beherrschten alle Frauen sämtliche erdenklichen Gerichte. Da hin zu kommen war für meine Mutter ein noch sehr langer Weg. Mein Vater nahm es mit Humor, nachdem er beim ersten Blick in den brodelnden Topf nur zerfetzt umherschwimmende Fischteile sah. Von Anfang an war auch meine Mutter berufstätig. Im Laufe der Jahre wurde aus ihr eine hervorragende Köchin. Mein Vater und sie kochten stets abwechselnd, und so kam ich schon als kleines Kind in den Genuß herausragender Geschmackserlebnisse. Wann immer meine Mutter die Frage stellte, ob es uns auch schmecken würde, antwortete mein Vater lachend: "Man kann es essen!" Dieser Satz stammte noch aus ihren unrühmlicheren Anfangszeiten. Inzwischen hatte meine Mutter sich in den Küchen-Olymp gekocht, aber dieser Satz blieb, und wir lachten jedes Mal herzhaft darüber.

In Deutschland hatten meine Eltern Kontakte zu türkischen Landsleuten und auch zu den deutschen Kollegen. Ein Junges Paar, nachdem es zuvor bei uns begeistert gespeist hatte, hatte nun selbst eine Einladung ausgesprochen. Beide noch kinderlos, freuten sie sich auch sehr auf meine Anwesenheit und hatten an so viele liebevolle Kleinigkeiten gedacht, damit es ja niemandem von uns an irgendetwas mangeln sollte.

Zuvor hatten sie meine Eltern lediglich gefragt, ob sie Fisch mögen und essen würden. Meine Eltern bejahten. Immerhin kamen wir aus einer Küstenstadt der Türkei, in der viele Menschen auch vom Fischfang lebten. Fisch kannten wir reichlich, und hatten ihn immer regelmäßig auf dem Speiseplan gehabt. Mit einer schönen Pflanze für den Garten kamen wir bei den Gastgebern an. Wir hatten beinahe den ganzen Tag gehungert, wußten wir doch, daß wir am Abend eine Essenseinladung hatten und wollten mit einem gesegneten Appetit unseren Gastgebern bekunden, wie gut es uns schmeckte. Soweit der Plan.

Schon der Eingang des Hauses war unglaublich schön anzusehen. Entlang des Gartenweges und auf den Treppenstufen brannten überall Kerzen in bunten Gläsern. So etwas Schönes hatte ich noch nie gesehen. Es mutete an wie ein Märchen aus 1001 Nacht... Und das alles war für uns gemacht! Wir freuten uns sehr über diese Wertschätzung und nach einer überschwenglichen Begrüßung, einer kurzen Führung durch Haus und Garten, wurden wir in das Wohnzimmer geführt. Der Anblick war unglaublich: eine große, reich gedeckte Festtafel wartete auf uns. Überall brannten Kerzen, im Hintergrund lief unaufdringliche, angenehm klingende Musik. Da hatten sich unsere Gastgeber aber mächtig ins Zeug geworfen. Wir waren sprachlos, hatten wir so ein Aufgebot nicht erwartet. 

Unsere Gastgeber waren begeisterte Türkei-Reisende. Mehrfach hatten sie in den Sommerferien ausgedehnte Rundreisen mit dem eigenen Camper unternommen. Voller Begeisterung berichteten sie davon. Es gab viel Gesprächsstoff.

Nachdem wir mit knurrenden Mägen am Tisch Platz genommen hatten, während unsere Gastgeber noch einige Wege in die Küche machten, wanderten unsere Blicke im Raum und auf dem Tisch umher. Entsetzt, und ohne ein Wort zu sagen, blickten wir uns an: Wir sahen kein einziges Gericht, was unserer Kategorie von Fisch entsprach. Es gab allerlei Krebs- und Schalengetier in Variationen, sogar eine komplette Schlange in einem undefinierbaren Glibber (Aal in Aspik und auch anders) lag kunstvoll drapiert auf einem länglichen Teller... und reichlich anderes, was wir nicht kannten, geschweige denn je verspeist hatten. Unsere Vorstellung von einem mediterranen Abend war gerade baden gegangen. Verzweifelt suchte mein Blick irgendwas, was ich hätte essen können, ohne daß es im hohen Bogen wieder aus mir herausgeschossen gekommen wäre. Ich sah nichts. Es war so furchtbar. Unruhig rutschte ich auf meinem Stuhl umher.

Unsere Gastgeber saßen nun mit am Tisch und blickten uns freundlich, erwartungsvoll an. Die Getränke waren eingeschenkt und nun ging es an's Eingemachte. Während meine Eltern mit unglaublichem, schauspielerischen Talent überzeugten, wurde ich nur noch gelb und grün im Gesicht. Ich glaube ja, daß Kinder über etliche Mechanismen verfügen, um sich aus bedrohlichen Situationen heraus zu lavieren: ich bekam Fieber - so richtig mit Karacho. Nachdem das Wenige aus meinem Magen wieder heraus gekommen war (glücklicherweise war ich zuvor auf dem WC gewesen und kannte den Weg dorthin bereits), machte sich bei mir Erleichterung breit. Ich war raus aus der Nummer. Die Gastgeber waren besorgt, betteten mich mit einer Decke auf das Sofa. Ich bekam Tee. Zwischendurch dämmerte ich weg, aber wann immer ich zu meinen  Eltern blickte, hatte ich großes Mitgefühl mit ihnen: wie machten sie das bloß?!

Wieder Zuhause angekommen, übergab sich nun auch mein Vater. Er hatte Dinge gegessen, die er freiwillig niemals verspeist hätte. Ab jenem Tag fragten meine Eltern genauer nach, wenn es eine Einladung zu einem Fischessen gab.

"Armer Dede!"
"Mama, hat er wirklich gekotzt", fragt das kleine Kind amüsiert. 
"Ja doch, zu Hause sofort! Es ging ihm richtig schlecht. Aber er hat so lange tapfer durchgehalten, weil sich unsere Gastgeber so unendlich viel Mühe gegeben hatten, und er sie nicht enttäuschen wollte."
"Und Oma...?", will das Kind sensationslüstern  wissen.
"Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern, aber auch sie hat sich tapfer geschlagen und mit ihrer charmanten Art alles wett gemacht".
"Also, ich fand die Garnelen wirklich lecker, Mama!"
"Also ich... nicht sooo sehr", sagt das kleine Kind. 
"Ich finde es aber gut, daß du mal probiert hast", sage ich. "Im Laufe eures Lebens wird sich euer Geschmack noch verändern. Es kann durchaus sein, daß gerade du eines Tages Garnelen lieben wirst..."

Kommentare:

  1. Oh je! Ihr armen, tapferen Leutchen! Was für eine herrliche Geschichte!
    Gros bisou
    Sandra

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    1. Ja, wir hatten natürlich all unsere heimischen Fischgerichte im Hinterkopf. An Aal und alles andere hatte keiner von uns gedacht.

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  2. Als Kind fand ich alles Fischige ekelhaft, bis auf Garnelen. Übergeben habe ich mich auch einmal, als meine Mutter gekochten Heilbutt servierte mit fettiger, glibberiger Haut, die ich mitessen musste. Danach habe ich viele Jahre keinen Fisch mehr angerührt. Heute mag ich Fisch sehr... nur Garnelen nicht mehr. Das liegt aber weniger am Geschmack als daran, dass ich mal eine Dokumentation darüber gesehen habe, wie sie gezüchtet werden und wie lange es dauert, bis sie hier auf dem Markt landen...
    Mein Sohn soll auch alles einmal probieren - wenn es ihm dann partout nicht schmeckt, muss er es nicht essen, es sei denn, wir sidnd irgendwo zu Gast - da fände ich das sehr unhöflich.
    Herzlich, Katja

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    1. Diese Dokumentationen über Garnelenzucht und Vertrieb habe auch ich mal gesehen. Aber in Niedersachsen gibt es seit wenigen Jahren Garnelenfarmen. Sie werden also nicht mehr vom anderen Ende der Welt hergebracht, mit Antibiotika behandelt etc. Nur hat das seinen Preis: während man beim Discounter für verhältnismäßig kleines Geld Garnelen bekommt, kosten Garnelen aus Niedersachsen ein Vielfaches mehr. Deshalb gibt es sie hier auch nicht so häufig ;-).

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  3. Ach, was für eine schöne Geschichte. Das Schönste ist daran, wie sich alle gegenseitig etwas Gutes tun wollten.
    Bestimmt haben Deine Kinder beim Erzählen Dir an den Lippen gehangen....
    Sei herzlich gegrüßt von
    Lisa

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    1. Das kleine Kind war äußerst amüsiert ;-)

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  4. Wieder so eine wunderbare und anrührende Geschichte aus deiner Kindheit! Vielen Dank dafür! Du sollst ein Buch über diese Zeit schreiben!
    Ganz liebe Grüße,
    Gina

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    1. Liebe Gina, das sagt sich immer so leicht. Ein Buch zu schreiben erfordert wirklich intensive Zeit, die ich in dem Maße immer noch nicht habe. Zudem ist ein Verlag in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen, was Gewinne erzielen möchte. Den üblichen Rummel, den es bei einer Veröffentlichung gäbe, mit Lesungen quer durch's Land, wäre ich nicht gewachsen. Meine Kinder sind im Grundschulalter, brauchen viel Begleitung, mein Mann unter der Woche garnicht da - und wir haben keinerlei Familie hier, wo man die Kinder mal lassen könnte. Ich wüßte nicht, wie das gehen sollte. In erster Linie möchte ich meine Geschichten erzählen - um mehr geht es mir im Augenblick nicht. Das kann ich auch ohne einen Verlag hier tun. Vielleicht ändert sich das eines tages. Noch ist es nicht so weit.
      Lieben Gruß.

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  5. So eine schöne Geschichte! Und die Reaktionen deiner Jungs....so süß:)

    Und wie recht Du hast mit dem letzten Satz....

    LG
    Ayse

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    1. Erfahrungswerte... Früher konnte ich z.B. mit Koriander so garnichts anfangen. Heute lieben wir es, und es ist aus unserer Küche garnicht mehr wegzudenken.
      Liebe Grüße.

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