12 Juni 2015

Heimweh, oder "Memleket nerede?"

Im November 2013 sprach mich Astrid wegen eines Gastposts zum Thema „Geduld“ an, welches ich nicht erfüllen konnte. Das Leben mit Kindern und deren Krankheitsphasen, so wie daraus resultierend meine Erschöpfung wegen Schlafmangels, waren nicht berechenbar. Daher sagte ich damals ab. Viele Menschen halten mich für geduldig, und ja, ich habe in der Tat einen langen Atem. Warum das tatsächlich so ist, dazu habe ich mir Gedanken gemacht und bin zu folgendem Ergebnis gekommen, das ich nach ca. 1,5 Jahren nachreichen möchte. Manchmal müssen auch andere mit mir geduldig sein…

Geduld lernte ich bereits als Kind an jenen Tagen bei der deutschen Post, während meine Eltern sich um ein Telefonat mit der Familie  in unserer Heimat bemühten. Zäh vergingen die Stunden in tödlicher Langeweile, bis man irgendwann in eine Kabine gerufen wurde, um von dort aus in mehr oder weniger ohrenbetäubender Lautstärke sich hastig mit einem Familienmitglied auszutauschen.  Die Verbindung war meist schlecht, und wir waren überglücklich, gegen eine horrende Summe in den verhältnismäßig wenigen Minuten, neue Informationen miteinander austauschen zu können. Geduld lernte ich im ersten Schulhalbjahr in Deutschland, wo ich vor Langeweile oft die Sekunden zählte, bis der Unterricht endlich vorüber war. Ich konnte kaum folgen, weil ich so gut wie nichts verstand. Geduld lernte ich auf diversen deutschen Ämtern, zu denen ich meine Eltern begleitete, weil ich im Gegensatz zu ihnen die neue Sprache sehr schnell gelernt hatte und ihnen so eine Hilfe sein konnte. Geduld lernte ich beim türkischen Konsulat, wenn die Gültigkeit meines türkischen Passes verlängert werden mußte, und man einen unendlich langen Tag, auf den übervollen Korridoren mit endloser Warterei verbrachte. Geduld braucht es immer wieder, wenn das eine Land Dokumente verlangt, für das sich das andere noch nicht einmal im Ansatz zuständig fühlt. Geduld lerne ich durch meine Kinder. Sie sind großartige Lehrmeister. Geduld lernte und lerne ich auch weiterhin durch die ewig Gestrigen, die manchmal heute noch meinen, mir aufgrund meiner Herkunft übel begegnen zu müssen. Meist nehme ich es mit Gelassenheit.

Geduld lernte ich bei den tagelangen Fahrten bei Gluthitze und der Enge auf dem Rücksitz unseres uralten ersten VW-Käfers in die Heimat. Tausende von Kilometern reihten wir uns ein in jene scheinbar endlosen Schlangen in die Heimat. Geduld mußten wir haben, wenn wir es unter Lebensgefahr letztendlich bis zur Grenze an die Türkei geschafft hatten -  so viele ließen ihr Leben wegen Übermüdung auf dieser Strecke. Tagelang warteten wir in  kilometerlangen Schlangen darauf, im Schneckentempo an die Grenzkontrolle zu gelangen. Wenn man Pech hatte, mußte man das vollbeladene Auto bis auf das Gerüst auseinander nehmen, um es dann bei schwindelerregenden Außentemperaturen schweißgebadet wieder mühsam zusammen zu bauen. Es sei denn, man passierte die Grenze recht zügig, indem man die Kontrolleure bestach. Viele steckten Geldscheine in den Paß, oder in Zigarettenstangen, die man den Grenzbeamten übergab. Das tat man in der Erwartung, nicht gefilzt zu werden. Meine Mutter und ich, wir wußten schon, was kommen würde. Mein Vater weigerte sich hartnäckig, sich diesen Forderungen zu beugen. Immer. Nicht ohne demjenigen lautstark und öffentlichkeitswirksam, meist unter Applaus einer tosenden Menge, die Meinung zu geigen. Einmal jedoch eskalierte die Situation, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Nachdem mein Vater unser Auto wieder beladen hatte, und wir erleichtert und erschöpft weiter fuhren, kamen wir an einem weiteren Kontrollpunkt an. Der Grenzbeamte zuvor hatte meinem Vater aufgrund der Auseinandersetzung nicht den Paß abgestempelt, so daß wir unweigerlich die ganze Strecke durch die schweißtreibende Hitze wieder zurück mußten. Schnurstracksgeradeaus ging mein Vater zu jenem Grenzbeamten und packte ihn am Kragen. Mein sonst so besonnener Vater war außer sich. Die Beine des Mannes schwebten ein Stück über dem Boden, während mein Vater auf ihn einbrüllte. Wir stürzten aus dem Wagen und versuchten ihn dazu zu bewegen, von dem Mann abzulassen. Es kam zu keiner Schlägerei, aber die Situation war höchst explosiv. Es bildete sich eine große Menschentraube um uns herum. Ich hatte furchtbare Angst. Mein Vater folgte den Beamten in ein Gebäude abseits. Wir warteten und warteten. Als er wieder kam, war er deutlich ruhiger. Wir passierten die Grenze mit Stempel, aber ohne Zigarettenstangen, Jack-Daniels-Flasche oder Geld da zu lassen.

  
Überlebenswichtige Pausen
 
Geduld brauchte ich, wenn es nach dem Grenzübertritt in die Türkei noch mindestens anderthalb Tage dauerte, bis ich mich endlich wieder voller Ungeduld und schluchzend in sehnsüchtig wartende, weit geöffnete Arme warf…

Aber nochmal genauer und von vorn:

Wir lebten etwas über ein Jahr in Deutschland. Meine Eltern waren in den Siebzigern als Gastarbeiter nach Deutschland eingereist, hatten aber inzwischen eine Anstellung in ihrem in der Türkei ausgeübten Beruf bekommen können. Jedoch verdienten sie unglaublich wenig Geld. Beide zusammen erhielten etwas mehr als die Hälfte von einem jungen, deutschen Kollegen, der noch ganz am Anfang seiner Berufslaufbahn stand. Das ganze wurde begründet damit, daß meine Eltern in der Türkei Abitur gemacht hätten. In der Türkei hatte man damals mit Abschluß der elften Klasse Abitur. Daß sie danach in der Türkei, sowie im Ausland studiert und etliche Jahre Berufserfahrung mitbrachten, das ließ man nicht gelten. Noch heute kann ich mich über diese Ungerechtigkeit aufregen. Entweder hat man die Qualifikation, um auf die Menschheit losgelassen zu werden, oder man hat sie nicht! Und wenn man für entsprechend fähig gehalten und eingesetzt wird, dann sollte diese Arbeit auch entsprechend entlohnt werden. Alles andere ist Ausbeutung und eine Farce.
 
Also suchte mein Vater sich noch einen kräfteraubenden Wochenendnebenjob, wo er Doppelschichten von morgens bis nachts machte. Somit wurden gewisse Extras möglich, die sonst finanziell einfach nicht drin waren. Das erste Extra war, daß wir uns nach einem Jahr in einem Einzimmer-Appartment eine geräumige Altbauwohnung leisten konnten. So schnell wie möglich machte mein Vater seinen Führerschein. Schon bald nannten wir einen 18 Jahre alten VW-Käfer unser Eigen. Es dauerte nicht lange, und die Sehnsucht trieb uns, wie so viele andere Gastarbeiterfamilien auch, in die ferne Heimat. Wenn ich so überlege, lebten wir ab da von Sommerferien zu Sommerferien. Wochen vorher waren meine Eltern mit Vorbereitungen beschäftigt. Der Käfer bot nicht viel Stauraum. Reichlich davon ging für Reparaturwerkzeug drauf, den mein Vater für alle Fälle mitnahm. Meine Mutter war für das leibliche Wohl und die sorgsam ausgesuchten Geschenke für die ganze Verwandtschaft zuständig. Dabei hatten sich meine Eltern auf kleinere Küchenhelfer, und Kosmetikartikel für die Frauen und technische Finessen für die männliche Verwandschaft beschränkt, weil der ohnehin kostbare Platz im Auto mehr nicht aufnehmen konnte. Ich bedauere sehr, daß ich kaum Aufnahmen aus jenen Tagen habe, die ich zeigen kann. Es gab mal welche, aber nun sind sie über beide Länder verstreut. 

Es gab nichts in jenen Tagen, was nicht auf’s Autodach kam: Matratzen, Kühlschränke, unvorstellbare Dinge, für deren Mitnahme man normalerweise sofort aus dem Verkehr gezogen worden wäre.

 

Pause - einfach mal die Füße hoch legen


Rast am Straßenrand

Die gefürchtete Transitstrecke zwischen Österreich und Griechenland hatte viele Namen und war aus der Migrationsgeschichte nicht wegzudenken. Von den einen wurde sie „die Straße der Völkerwanderung“ genannt, von manchen als die Gastarbeiterstrecke verspottet. Wir alle wußten um die „Todesstrecke“, auf die wir uns jedes Jahr begaben. Europäische Verkehrsminister nannten sie den „Paneuropäischen Korridor X“, aber durchgesetzt hat sich das serbische Wort für Autobahn: Autoput. Für uns Gastarbeiter aus der Türkei war der Autoput die Reise in die alte, oder auch neue Heimat – je nachdem. Wir alle wollten in unsere Herkunftsländer, um unsere schmerzlich vermißten Familien und Freunde wieder zu sehen, um ihnen Geschenke zu übergeben und von unserem Aufenthalt in Deutschland zu erzählen. Während wir von unserem neuen Leben berichteten, erfuhren wir Geschichten aus dem Alten, die wir in der Zwischenzeit verpaßt hatten. Wir wollten unsere Sehnsucht stillen.


Mein Vater 
Das oberste Gebot war es, mir soviel wie möglich zu zeigen, 
uns wieder sicher in die Heimat und auch zurück zu bingen.

Neben Vielem war der Autoput tatsächlich eine Todesstrecke. Wie die Motten das Licht suchen, drängten unzählige Gastarbeiter bis zur totalen Erschöpfung auf dieser Strecke ihrem Ziel entgegen. Es gab Menschen, die das Gaspedal nicht mehr bedienen konnten und einen Ziegelstein auf diesem befestigten, oder sogar gleich den Fuß daran schnürten – wir hörten von ihnen. Für viele war es das Ziel, so schnell und so günstig wie nur möglich mit einem Auto in die Heimat zu gelangen. Mehrere Tage nonstop durchzufahren, kaum zu rasten, das gehörte zum Reisealltag jener Zeiten. Unendlich lange Staus und bis 30 Stunden Wartezeit an Grenzübergängen waren  keine Seltenheit. Hatte man Pech, waren durchaus mehrere Tage Wartezeit drin.  Zeit genug, um Kontakte zu Mitreisenden zu knüpfen: "Memleket nerede?", so lautete eine nicht unübliche Frage. "Wo ist die Heimat?" Damit wollte man eroieren, woher das Gegenüber stammte. Und schon befand man sich inmitten einer interessanten Unterhaltung.

Autoströme aus ganz Europa konzentrierten sich auf der Strecke zwischen München und Istanbul. Es gab Rekordstaus, endzeitliches Verkehrschaos und tragische Unfälle. Blank liegende Nerven, Sekundenschlaf am Steuer und waghalsige Überholmanöver sorgten stets für Tragödien. Über fünftausend Unfälle passierten pro Jahr allein auf dem nur 330 Kilometer langen österreichischen Teilstück der Strecke. Auf dieser Strecke sahen wir Dinge, die man besser nicht hätte sehen sollen. Es war demoralisierend.

Trotz der Strapazen und Gefahren mit dem Auto konnten sich die meisten Familien ein Flugticket gar nicht erst leisten. Erst nach und nach ging man dazu über, einen Flug in die Heimat zu buchen. Es kam die Zeit des Vural Öger, eines türkisch-deutschen Unternehmers, der 1969 in Hamburg  das „Reisebüro Istanbul“ gründete, das als erstes Direktflüge von Hamburg in die Türkei anbot. Daraus ging 1972 die Öger Türk Tur GmbH hervor. 1982 gründete er das Unternehmen Öger Tours GmbH in Hamburg. Wir reisten weiterhin mit dem Auto.


Meine Mam
So viele schöne Ausblicke haben wir auf unseren Reisen genossen. 
An besonders schönen Stellen wurde auch mal ein Erinnerungsfoto geschossen.

Fernab der schlimmen Erlebnisse - auch die langen Warteschlangen vor den komplett verdreckten WC’s  an den Raststätten zähle ich dazu, gab es aber auch sehr Schöne. Einpaar alte Musikkassetten mit türkischer Musik befanden sich in unserem Auto. Sie waren der herrschenden Hitze nicht gewachsen und schmolzen. Aber das war egal! Während ich, auf der eigens für mich gemütlich ausgepolsterten Rückbank lag und las, manchmal auch meine Beobachtungen nieder schrieb, häufig  auch schlief, bat mein Vater meine Mutter zu singen. „Hatun“ (Weib - er benutzte gern diese altertümliche Ansprache für meine moderne Mutter ;-)), sagte er. „Komm, laß deine schöne Stimme hören. Sing bitte für uns!“ Meine Mutter ließ sich nicht zwei Mal bitten und sang stundenlang, während ich spätestens da auf der Rückbank wegschlummerte. 

Auf der Karte konnte ich mitverfolgen, welche Strecke schon hinter uns lag, und was wir vor uns hatten. Meist war ich freudig erregt, wenn ich daran dachte, wen wir alles wieder sehen würden. Und wieder einmal keimte die Hoffnung in mir auf, daß meine Eltern vielleicht dieses Mal erkennen würden, wie schön es in unserer Heimat doch war. Vielleicht, so hoffte ich inständig, würden sie es sich anders überlegen und zurück kehren zu unserer Familie, in unsere Heimat. Nie vergesse ich einen neuwertigen  BMW auf unserer Strecke, der mir sofort auffiel, weil er in keinster Weise beladen schien. Nur im Heckfenster prangte ein großes, handbeschriftetes Pappschild, auf dem deutlich zu lesen stand: ""Terkediyorum seni, Almanya!" ("Ich verlasse dich, Deutschland!"). Ich erinnere mich ganz genau an diesen Moment, als ich eine Gänsehaut am ganzen Körper bekam. Genau in jenem Auto hätte ich sitzen wollen. Auch ich wollte nicht mehr zurück.

Dennoch war das ganze für mich eine spektakuläre Abenteuerreise, die ich in der Regel sehr genoß, ereigneten sich doch ständig und immer wieder Herausforderungen jeglicher Art. Ein Achsenbruch kurz vor Istanbul zwang uns in eine Autowerkstatt, wie ich sie so nie wieder sah. Es gab beinahe kein Werkzeug darin. Wie auch immer, bekamen die Männer das tatsächlich hin, daß wir nach wenigen Tagen weiter fahren konnten. Und der Wagen hielt und fuhr noch lange Zeit. So viele kuriose Geschichten erlebten wir Tag für Tag.

Mein Vater war ein sehr besonnener Fahrer, der regelmäßig Pausen machte. Während andere in Rekordzeit von knapp einem Tag die Türkei, oder auch die ewigen Jagdgründe erreichten, ließen wir uns Zeit. Oftmals brauchten wir eine Woche, bis wir bei unserer Familie waren. Wenn sich eine günstige und saubere Unterkunft finden ließ, übernachteten wir dort. Am nächsten Morgen machten wir uns in aller Frühe wieder auf den Weg. Manchmal kamen wir im Laufe des Tages an Ständen von Bauern vorbei, die ihr verstaubtes Obst am Wegesrand anpriesen. Meine Eltern waren sehr kontaktfreudig und kamen sofort mit jedem ins Gespräch. Meist dauerte es nicht lange, bis wir die Pfirsiche des jeweiligen Bauern mit eigenen Händen in dessen Feld von den Bäumen selbst pflücken konnten. Das war wunderschön und sehr vergnüglich. 


Pause. Ruhe. Entspannung.

In Bulgarien wurde man regelrecht ausgenommen. Hier wurde ein Transit-Visum benötigt. Auch mußte man eine Wuchersumme pro Person  zwangsweise umtauschen. Restaurants oder Geschäfte, in denen man die aufgezwungenen Lewas hätte ausgeben können, die gab es kaum. Die Banknoten, die man ohnehin nicht wieder ausführen durfte, holte sich die Obrigkeit auf anderen Wegen wieder. Diese Schikane war allerseits bekannt. Obwohl man sich hier strikt an die Verkehrsgeschwindigkeiten hielt, wurden willkürlich Fahrzeuge von Polizisten angehalten, die einen unglaublich freundlich gleich auf türkisch mit "Komşu" oder "Arkadaş" (Nachbar oder Freund) ansprachen, selten Ausweis und Papiere verlangten, dafür aber reichlich Geld. Man hatte keine Chance sich zu wehren und zahlte zähneknirschend. Bei einer Reise ist uns das gleich drei Mal hintereinander passiert. Nach solchen Erlebnissen versuchten viele Bulgarien zu meiden und reisten über Österreich, durch die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Serbien, dann über Mazedonien nach Griechenland und dann in die Türkei.

Manchmal, je nachdem, wo wir waren, schauten wir uns Historisches (wie z.B. das Geburtshaus von Atatürk in Tessaloniki) an, oder legten einen halben Strandtag ein. Das genoß ich unendlich, liebte ich doch das Meer. Die meiste Zeit meines Lebens hatte ich bis dahin in einer Küstenstadt am Schwarzen Meer verbracht. 



Mein Reich: Wasser - ich mittendrin

Meist waren die Köstlichkeiten, die meine Mutter uns für die Reise eingepackt hatte, schnell aufgebraucht. Ab da ernährten wir uns beinahe ausschließlich von schmackhaftem Sommerobst. Es war wie im Schlaraffenland. Und überall lernten wir Menschen kennen – Menschen wie wir welche waren -  auf der Durchreise. Aber auch mit Ortsansässigen kamen wir ins Gespräch. Das war oftmals sehr interessant und aufschlußreich. Nicht selten besuchten wir diese Menschen bei weiteren Fahrten in die Heimat wieder, und brachten auch ihnen Geschenke mit ;-).


Kilogrammweise kauften wir das Obst. Köstliche Kirschen waren das. Ich weiß es noch genau ;-).
 
Nie vergesse ich die unvergleichlich lauen, sternenklaren Nächte, nie diese überwältigenden Sonnenaufgänge während unserer Reisen, in die wir teilweise emotional tief bewegt bei anbrechendem Tag hinein fuhren. Und wenn wir dann endlich türkischen Boden unter den Füßen hatten, ließen sich manchmal die Tränen nur schwer zurückhalten. An dem Grenzübergang Kapıkule sprangen viele, die man von Wartezeiten an anderen Grenzstationen kannte, beim Anblick einer türkischen Flagge aus ihren Fahrzeugen heraus und küssten überwältigt den Boden. Vor Freude lagen sich alle in den Armen. Die Strapazen der Reise fielen von uns ab. Wir hatten es geschafft!!! Wenn wir auch noch weit über tausend Kilometer vor uns hatten, aber das war erst einmal egal. Die Türkei, das war unser Zuhause. Hier waren wir keine Ausländer, keine Gastarbeiter, keine Kümmel-Türken, keine Knoblauchfresser, keine Kanaken. Hier erfüllte uns der Stolz, ein Türke zu sein.

Viele Reisen habe ich in meinem Leben unternommen – nicht nur in die Türkei. Aber jene Sommerferien, in denen ich mich wohl ein Dutzend Mal mit meinen Eltern auf dem Autoput befand, gehören zu den abenteuerlichsten, beeindruckendsten und bewegendsten Ereignissen meines Lebens.  Für diese Erlebnisreisen, auf denen ich viel gesehen, gelebt und gefühlt habe, bin ich meinen Eltern unendlich dankbar. Auch dabei lernte ich u.a. viel, sehr viel Geduld zu haben...

P.S: Alle Bilder in diesem Post sind nicht chronologisch sortiert, sondern präsentieren sich kunterbunt durch die Jahre und Länder, die wir damals bereist haben.

Kommentare:

  1. Ach, Du Liebe, das hast Du schön beschrieben. Man fährt richtig mit. Über den Autoput bin ich auch einigemale gefahren, und in Bulgarien von der Polizei ausgenommen worden. Allerdings ohne die Sehnsucht, endlich nicht mehr als "Ausländer" zu gelten. Ich wurde halt zu einer Ausländerin und habe immer wieder die unglaubliche Gastfreundschaft der türkischen Menschen genossen und geliebt. Und dass Ihr Respekt vor alten Menschen habt und Kinder liebt. Und ich liebe auch das Schwarze Meer. Von Sile bis Trabzon. Mit seinem wilden lieblichen Hinterland. Ach, ich bekomme Sehnsucht. Güzel yurt!
    Herzensgrüße von Lisa

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    1. Ja Lisa, die Türkei ist ein so wunderwunderschönes vielfältiges Land. Wenn mir Freunde erzählen, daß sie in der Türkei waren, Hotelurlaub mit zwei Wochen All-inclusiv hatten, dann macht mich das immer traurig. Denn von der Türkei bekommt man so natürlich nichts mit. Im Bestfalle hat man die Hotelanlage und vielleicht durch geführte Tagesausflüge die nähere Umgebung gesehen. Die Türkei, wie ich sie kennenlernen durfte, mit Sicherheit nicht.

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  2. danke für diesen wunderbaren bericht.
    (ich kenne ähnliche geschichten von meinem mann, aber seine familie fuhr ja "nur" nach sardinien.)

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    1. Ich bin mir sicher, daß man auch auf dem Weg nach Sardinien die abenteuerlichsten Geschichten erleben durfte.

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    2. oh, vor allem im zug, oder als es den schweizer gotthardtumnnel noch nicht gab und mensch über östrereich reisen musste...

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  3. Viele gute Eigenschaften lernen wir in angenehmen Zeiten, auch aber formen uns Geschehen und Phasen, die im Augenblick des Erlebens als große Last und bald unüberwindliche Hürde erscheinen. Erst im Rückspiegel wird deutlich, wie sehr diese Zeiten uns geprägt haben. Und auch, wie die Menschen in unserem Umfeld solchen Zeiten begegnet sind, wirft seine Kreise.
    Ich denke, euch verband und verbindet noch immer ein festes Band und du knüpfst es mit deinen Kindern weiter.
    Alles Liebe, Birgit

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    1. Liebe Birgit, ich denke, du triffst den Nagel mal wieder auf den Kopf.
      Herzlichst, M.

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  4. Ganz großen Dank für deine Geduld, diese Erinnerungen so wunderbar ausdrucksvoll und ausführlich aufzuschreiben! Ich habe sie von Anfang bis Ende "ungeduldig" und mit großer Anteilnahme verschlungen. Bisher kamen mir unsere Siebenbürgen-Reisen mit den damals kleinen Kindern (1600 km in drei Tages- bzw. Nacht-Etappen) schon lang und ermüdend vor, aber gegen eure Heimatreisen ist das ja ein Katzensprung!
    Auch unsere Kinder erinnern sich nicht nur an langes im-Auto-Sitzen, sondern vor allem an die kleinen und größeren Reiseabenteuer. Wie armselig wäre es dagegen, sich nur an ein paar Stunden Flug erinnern zu können...
    In die Türkei allerdings würde ich, wenn möglich, heutzutage doch lieber fliegen, um nicht allzu viel Zeit auf der Straße zu lassen - es ist einfach doch sehr, sehr weit!
    Mal sehen, ob ich deine schöne Heimat irgendwann noch kennenlerne (mein Mann war schon da und möchte gerne auch mit mir einmal hin...).
    Liebe Grüße,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, genau diese Zeit auf der Straße hat uns damals so viele Begegnungen ermöglicht. Wenn ich die Wahl hätte zwischen einer Flug- oder Autoreise, meine Wahl wäre sofort klar. Aber ich verstehe natürlich, daß es nur Sinn macht, wenn man viel Zeit mitbringt. Ich habe fernab dieser Reisen etliche Male auch die ganze Türkei bereist und habe erst da gesehen, wie vielfältig allein die Landschaft in diesem großen Land ist. Die Touristengegenden sind für mich persönlich eben Touristengegenden. Das ist nicht die Türkei. Liebe Grüße.

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  5. Ah, welche Freude, dass ich diesen schönen Text doch noch bekommen habe! Gerne bin ich mitgereist, habe mitgeschwitzt, das Obst gegessen, in der Werkstatt gewartet, kenn ich einen Teil der Strecke doch sehr gut, da ich als ganz junger Mensch mit meinem alten Käfer nach Griechenland gereist bin. In Nis haben wir den türkischen Mitreisenden meist Adieu gesagt...
    Ich mag, wenn du deine Geschichte erzählst, Sherazade!
    Gute Nacht!
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, manchmal braucht es seine Zeit, bis die Geschichten zusammenfinden und fließen dürfen. Eigentlich hatte ich es garnicht mehr im Hinterkopf, bis es mir wieder einfiel. Danke für deine Geduld!

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  6. Liebe Pünktchen,
    Deine Eltern haben genau richtig gemacht, unterwegs viele Pausen und den Weg auch ein bisschen zum Ziel zu machen. Es tut mir leid, dass du dich am Anfang nicht wohlgefühlt hast und in deinem Leben bestimmt viel Ausländerfeindlichkeit begegnen musstest. Was für eine strapaziöse Reise ihr alle auf euch nehmen musstet um wieder Mensch sein zu dürfen! Danke für diese wunderbare Geschichte und für das Öffnen der Augen!
    Gros bisou
    Sandra

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  7. Hallo Pünktchen, ich war mittendrin in deinem Bericht, die wieder so wunderbar geschrieben ist. Ja, du hast auch die Geschichte von mir und meiner Familie geschrieben. Vielleicht sind wir uns sogar mal auf dieser Strecke begegnet. Wir haben von 1973 bis zum Jugoslawien Krieg diese Strecke genommen und irgendwann haben mein Bruder und ich meinem Vater beim fahren abgelöst können, was für ihn eine große Hilfe war. Ich danke dir für die schönen Erinnerungen die du in mir hervorgerufen hast. Fühl dich lieb gedrückt.

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    1. Liebes, die Wahrscheinlichkeit, diese Strecke miteinander geteilt zu haben in jenen Zeiten, ist sehr groß. Wenn man bedenkt wie viele Menschen da unterwegs in die Heimat waren... In den Sommerferien verwaiste Deutschland regelrecht, weil alle in die Heimat fuhren. Ja, meine Geschichte ist in Ansätzen auch die Geschichte vieler anderer Gastarbeiter aus jener Zeit. Deshalb ist es mir wichtig, davon auf dieser meiner Seite zu schreiben. Außer den Gastarbeitern von einst, weiß kaum jemand, wie das Leben damals für uns war.

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