01 April 2015

Frida

Eigentlich sollte dieser Beitrag  mein nächster für Dania's "Wir sind alle eine Welt"-Rubrik werden. Da sie aus Zeitgründen jetzt bei ihr vorerst wegfällt, veröffentliche ich ihn nur hier bei mir. Liebe Dania, einmal mehr durch dich, habe ich mich an diesen besonderen Menschen erinnert. Danke dir dafür! 



Aus heiterem Himmel, beinahe so plötzlich wie ein unerwarteter Regenschauer, war sie da. 

Sie war nicht sehr groß und muß schon Ende sechzig gewesen sein, als sich unsere Wege kreuzten. Ihre neugierigen, graublauen Augen waren klein und funkelten, als würde sie gerade etwas aushecken. Für eine Frau hatte sie eine große, lange Nase und ihre silbergrauen, kurzgelockten Haare hatten einen unnatürlichen Hauch von Rosa. Wenn sie lachte, wurden ihre ohnehin kleinen Augen noch kleiner, und man konnte sehen, wie ihr linker Schneidezahn aus der Reihe tanzend die angrenzenden Frontzähne frech überragte. Was mich aber außerordentlich beeindruckte waren ihre penibel hergerichteten Nägel. Stets glänzten sie in einem natürlichen Rosèton. Und ihre Nagelbetten waren von bemerkenswerter Schönheit.  Alles in allem erinnerte sie mich an einen kleinen Maulwurf. So unscheinbar sie auf den ersten Blick anmutete, so Besonders war diese Frau. Für mich war sie eine gelungene Mischung aus Mary Poppins und Nanny McFee und sollte uns noch beinahe ein Jahrzehnt unseres gerade begonnenen Lebens in Deutschland begleiten…

Nie nannten wir sie bei ihrem Vornamen. Niemals. Sogar, wenn wir untereinander von ihr sprachen, so war immer von „Lorrens“, die Rede, die eigentlich Lorenz hieß. So klein sie körperlich war, so bemerkenswert war ihre wahre, menschliche Größe, die wir kennen lernen durften. Der Respekt, den wir ihr gegenüber empfanden, hätte uns nie erlaubt, sie bei ihrem Vornamen anzusprechen. Das wußte auch sie und hörte irgendwann auf, darauf zu drängen.

So viele Details mir auch zu Frida einfallen, so konnte ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wie wir einst zueinander fanden und fragte vor wenigen Jahren meinen Vater danach: „Durch die evangelische Kirche“, antwortete er. „Sie war dort sehr engagiert. Wir haben ihr viel zu verdanken.“

Mit dieser Erinnerung kamen mir noch weitere in den Sinn. Es muß wohl kurz vor Weihnachten gewesen sein, daß sie uns mit in ihre Kirche nahm. Moscheen, die kannte ich von einigen Besuchen aus der Türkei, als meine Tante mich dorthin mitnahm. Frida’s Kirche sah nicht nur anders aus, hier benahm man sich auch anders. Es wurden etliche Lieder gesungen, deren Texte man zuvor bekam und ganz vorne stand eine Frau und hielt so eine Art Rede. Ich hörte interessiert zu. Vieles kam mir bekannt vor, manches war so anders. Das führte meinerseits zu vielen Fragen und Auseinandersetzungen. Meine kleine Welt stand Kopf. Warum hatte dieser Gott, der angeblich derselbe war wie unserer, überall so unterschiedliche Häuser? Und wieso gab es evangelische und katholische Christen? Wo war Mohammed abgeblieben, und wer bitte war dieser Jesus Christus wirklich?? Sohn Gottes? Ich wußte zumindest theoretisch wie Kinder entstanden. Wie sollte das gehen? Und dann dieser Geist, von dem ich immer mal wieder hörte: Glaubten die Menschen in Deutschland wirklich an einen Geist? Wenn es ihn denn tatsächlich  gab, war das dann ein guter Geist? Mochte er Ausländer? Wieso feierten nicht alle Menschen die gleichen religiösen Feste, sondern so unterschiedliche? Was hatte der Tannenbaum mit Weihnachten zu tun? „Willst du dir eine Meinung über etwas bilden, so mußt du sehr gut informiert sein“, sprachen meine Eltern, und als einzige Türkin fand ich mich bis ans Ende meiner Schulzeit im evangelischen, später auch katholischen Religionsunterricht wieder. Auch lernten wir Basare kennen und Nachmittage, an denen man sich traf. Die Erwachsenen tranken Kaffee, während es für die Kinder immer etwas Besonderes gab.

Wir waren bereits etwas über ein Jahr in Deutschland. Von Monat zu Monat nahm die Zahl der Gastarbeiter zu. Der Zuwandererstrom riß nicht ab. Deutschland hatte um Gastarbeiter geworben und von überall her kamen welche. Während die Industrie hochzufrieden war, hatte die Bevölkerung arge Probleme mit den Gastarbeitern. Offensichtlich hatte irgendwer versäumt darüber nachzudenken, was mit den nachgezogenen Familien und insbesondere den Kindern passieren sollte. Händeringend wurden in den Schulen unserer Region türkisch- und griechischprachige Lehrer gesucht. Die Lehrkräfte leisteten Übermenschliches in dieser Zeit. Noch gehörte ich  einer verhältnismäßig kleinen Zahl von türkischen Kindern an, aber das blieb nicht lange so. 


- Frida und ich -
Das einzige Foto, welches ich von ihr besitze. 

Frida nahm uns aber nicht nur in ihre Kirche mit, sie veranstaltete auch ab und an vergnügliche Nachmittage bei sich zu Hause, wo sie alle möglichen Gastarbeiterkinder versammelte. Manchmal las sie uns Geschichten vor, oder sie stellte uns Fragen und lauschte interessiert, wenn wir von unseren Herkunftsländern erzählten. Ein anderes Mal, da bastelten wir voller Begeisterung und sangen Lieder im Kanon. Um Weihnachten herum fand ich ihre winzige Zwei-Zimmer-Wohnung, die einem Puppenhaus glich, ganz besonders behaglich. Trotzdem so viele Kinder dichtgedrängt wie die Orgelpfeifen zusammen saßen, brannten überall Teelichter, das Räuchermännchen rauchte, und da war so ein faszinierendes Teil, dessen feine Holzflügel über der Hitze der brennenden Teelichter rotierten. Es duftete verführerisch nach Gebäck aus dem Ofen, und wir genossen heißen Kakao und leckere Säfte. Diese besonderen Stunden waren voller ungewohnter Zuwendung und Geborgenheit, denn das öffentliche Leben und die Atmosphäre auf den Straßen waren gänzlich andere in jener Zeit. Es gab Zeiten, wo uns unverhohlen so viel offen zur Schau getragener Haß und Häme entgegenschlug, daß ich das ein oder andere Mal um unser Leben fürchtete. Hier aber waren wir willkommen, und unsere Welt für die Dauer unseres Besuches bei ihr vollkommen in Ordnung. Frida wußte um unsere Belastung und für sie spielte es nicht die geringste Rolle, woher wir ursprünglich stammten. Dankbar und erleichtert nahmen wir das zur Kenntnis, hingen an ihren Lippen und benahmen uns vorbildlich.

Innerhalb der türkischen Gemeinde mutierte sie zu dem, was sie in meiner Familie schon lange war – eine echte Instanz. Hatten wir Sorgen und Nöte, so war sie unsere erste Anlaufstelle, und wir fragten sie um Rat. Dann war sie sofort zur Stelle, nahm sich Zeit und half mit ihrer unkomplizierten, zupackenden Art. Berührungsängste kannte die resolute, ältere Dame nicht. So, wie sie uns vorurteilsfrei begegnete, uns achtete und sogar liebte, so nahmen wir sie in unserer Mitte auf. Sie war jederzeit bei uns willkommen und nutzte das auch. Kein Fest, welches wir feierlich begingen, fand jemals ohne sie statt. War sie krank, brauchte sie sich um nichts weiter zu kümmern. Genau wie ein Mitglied unserer Familie wurde sie gehegt und gepflegt. So, wie sie uns zu diversen Ämtern begleitete, so taten auch wir alles in unserer Macht stehende für sie. 

Ihre Wohnung lag exakt auf meinem Nachhauseweg, wenn ich aus der Schule kam. Ich besuchte sie oft. Diese besonderen Stunden mit ihr verflogen wie im Flug. Im Laufe der Jahre beobachtete sie voller Stolz, wie ich aus einem kleinen Kind zu einer Jugendlichen heranreifte.  Ich veränderte mich, aber unsere innige Verbindung blieb. Irgendwann erfuhr ich, daß sie einst Fremdsprachenkorrospondentin war und lange Jahre als Sekräterin gearbeitet hatte. Ihre Urlaube verbrachte sie immer in Amerika, wo sie Freunde besuchte. War sie wieder da, wurde sie nie müde zu berichten, wie verschwenderisch die Amerikaner mit Strom und sonstigen Energien umgingen. Übrigens war sie zeitlebens ledig geblieben. Nicht, weil es da keine Interessenten gegeben hätte. Aber Frida war eben Frida. Und so lebenslustig und freiheitsliebend wie sie war, wollte sie zu keinem Zeitpunkt ihres Lebens den ehelichen Hafen ansteuern. Ich erinnere diesen eingerahmten Spruch in ihrem Wohnzimmer, den sie von ihren Freunden geschenkt bekommen hatte: „There is one thing being more worse than being married – that’s not being married!“ Noch heute muß ich daran denken und schmunzeln über die alte Dame, die sich stets selbst treu geblieben war.

 


Ihr hatte ich es zu verdanken, daß mein zehnter Geburtstag zu meinem Entsetzen ganz groß gefeiert wurde. Ich wollte das alles nicht, aber Frida ließ einfach nicht locker. Irgendwie brachte ich diesen Tag hinter mich, bei dem sich alle sehr viel Mühe für mich gegeben hatten. Geburtstage und ich… das war nicht so wirklich meine Welt. Meine schönsten Geschenke bekam ich von meinen Eltern und ihr. Meine allererste Pocket-Kamera mit einem ersten Film und einer kleinen Widmung im Deckel der Verpackung überreichten mir meine Eltern. Ich war hin und weg. Frida schenkte mir ein Märchenbuch mit persönlicher Widmung, in dem ich oft gelesen und mich so manches Mal weggeträumt habe. Heute lese ich meinen Kindern daraus vor, und sie wissen ganz genau, wer mich einst mit diesem Buch so glücklich machte. Diese beiden Geschenke haben bis heute Jahrzehnte überlebt und werden in Ehren gehalten.

So plötzlich und unerwartet, wie sie gekommen war, so ging sie auch. 

Meine Mutter erinnerte mich daran, unbedingt bei ihr im Krankenhaus vorbei zu schauen. Sie war gestürzt. Als ich sie besuchen wollte, fand ich mich in einem gänzlich leeren Krankenzimmer wieder. 

In meinem Herzen gibt es viele schöne Erinnerungen an die alte Dame, die wir „Lorrens“ nannten. Heute habe ich einige davon aufgeschrieben.

Kommentare:

  1. Liebes Pünktchen,
    manchmal kreuzen Menschen unsere Wege, die zeitlebens ihre Spuren hinterlassen - gute wie leider manchmal auch schlechte. Diese wundersam-schönen Begegnungen aber schenken so viel - Herzlichkeit, Achtung, Angenommensein, Freude. Mit mehr solcher zugewandten und achtsamen Menschen wie deine Lorrens, gäbe es deutlich weniger zwischenmenschliche Probleme auf dieser Welt, und ich glaube, sie sind uns nicht umsonst begegnet. Ihr Samen, in die richtige Erde gesät, trägt Frucht und wird weiterleben. Danke für dein Weitergeben der Früchte aus dieser wunderbaren Begegnung, Birgit

    AntwortenLöschen
  2. Das sind die Geschichten, die ich bei dir so liebe. Die in all dem Tohuwabohu unserer Welt zu leuchten vermögen...
    Alles Liebe!
    Astrid

    AntwortenLöschen
  3. Liebe ..... ;-)
    diese Geschichten aus deinem früheren Leben sind wahre Blog-Perlen in der Reihe deiner immer sehr lesenswerten Beiträge! Solche warmherzigen Menschen wie diese Frida können einem Kind so unverlierbar Wertvolles mit auf den Weg ins Leben geben, und für dich war sie vielleicht auch besonders wichtig, da deine Tanten und Großmütter ja weit weg waren. Aber auch für mich, die ich meine Familie um mich hatte, war eine unverheiratete Freundin meiner Oma eine sehr geliebte "Tante", ich nannte sie meine Spieltante.
    So, das war jetzt meine Gutenachtgeschichte - danke dafür, sie hat mein Herz gewärmt.
    Ich wünsche dir frohe Ostern mit deinen Lieben, egal wie das Wetter wird!
    Brigitte

    AntwortenLöschen
  4. Liebes Pünktchen, du hast Erinnerungen in mir wach gerufen. Kann es sein, dass jedes türkische/ausländische Kind so eine liebe Lorrens hatte? Wir hatten eine Frau Tietze, genauso liebevoll und kinderliebend. Vielen Dank für deine wunderschönen Geschichten über dein Leben, die berühren mich immer ganz tief, weil ich ähnliches von meinem Leben wiederfinde. Ganz liebe Grüße. Selamlar.

    AntwortenLöschen
  5. Oh, was für wunderschöne Erinnerungen!

    AntwortenLöschen
  6. Solche wahren Geschichten kenne ich auch und ich kann nur dazu ermuntern, das Gleiche, was einem widerfahren ist, an jemand anderen weiterzugeben, so dass diese positive Kette niemals aufhört. Denn dadurch, dass du so wertvolle Erfahrungen machen durftest, weißt du auch am besten, wie sich z.B. Flüchtlingskinder auch heute noch fühlen. Gib es weiter, nicht nur an die eigenen Kinder, sondern an völlig Fremde, die hier eines Tages auch aktiv Teil unserer Gesellschaft sein sollen. Seit einiger Zeit kümmere ich mich um die Töchter einer osteuropäischen Familie, die vor einem halben Jahr hierher kamen mit null Sprachkenntnissen. Die Eltern sind "bildungsfern", sie können die Kinder in keinster Weise unterstützen. Die Kinder brauchen Förderung und erhalten so eine echte Chance, dem Teufelskreis zu entkommen. Und es macht wirklich viel Spaß zu sehen, welche gewaltigen Fortschritte sie machen. Deshalb - vielleicht kannst auch du eine Frida werden...

    LG Nina

    AntwortenLöschen
  7. Du Liebe, wie schön, dass Du diesem Engel begegnet bist. Und ihr hiermit ein Denkmal gesetzt hast.
    Es gibt eben viel Licht in der Welt, trotz allem.
    Sei lieb gegrüßt von
    Lisa

    AntwortenLöschen
  8. Was für eine wunderbare Geschichte! Ich bin über deinen heutigen Post "Gurbet, oder in der Fremde" darauf gestoßen und sehr berührt. Frida scheint ihr Leben zum Besten genutzt zu haben. Wie sie sich um euch gekümmert hat, ihr euch gegenseitig Halt geben konntet...

    Danke für das Erzählen deiner Erinnerungen!

    Lieber Gruß
    Steffi

    AntwortenLöschen
  9. So lange lese ich noch nicht bei dir, aber nun habe ich durch deinen "Bücherpost" diese Geschichte entdeckt. Und bin sehr berührt. Auch weil sie wieder so deutlich macht, dass es diese Geschichten gibt. "Wir sind eine Welt"..., ob wir wollen oder nicht. Ich für mein Teil möchte nicht aufhören danach zu streben und alles dafür zu tun. Danke und liebe Grüße Ghislana

    AntwortenLöschen
  10. Schön, dass Ghislana in ihrem Montagsmandala auf diesen, Deinen wunderbaren, berührenden Post hingewiesen hat. Und mit diesen Gedanken gehe ich jetzt ins Bett. Liebe Grüße von Edith

    AntwortenLöschen
  11. eine wunderbare geschichte, auf die ich gerade bei ghislana gestoßen bin!
    liebe grüße von mano

    AntwortenLöschen
  12. Ich komme auch von Ghislanas Seite :-).
    Das ist eine so schöne und gute Erinnerung.
    Bin gerührt und es soll sich ganz viel Frida-Herzenssaat verbreiten und wachsen und gedeihen, dadurch dass Du sie erzählt hast.Davon brauchen wir unendlich viel, auch heute.

    Vielen Dank dafür, Taija

    AntwortenLöschen