05 Februar 2015

Licht und Schatten

Seit über einem Jahr habe ich Bauchschmerzen, was die "weiterführende Schule" des Sohnes angeht. Ich habe mich gründlich informiert, mich umgehört und bin dabei mich umzusehen. Die Leistungen des Sohnes sind eindeutig, während mein Bauchgefühl mir auch Contra bezüglich der Begleitumstände signalisiert. Letztlich werden wir gezwungen sein, das kleinere Übel in Kauf zu nehmen, was für den Sohn bedeutet, täglich seine 1,5 Stunden (immerhin ist das die Zeit für die Hin- und Rückfahrt) im Bus bewältigen zu müssen - und das stehend, weil die Busse zum Bersten überfüllt sind. Den Gedanken daran finde ich beinahe unerträglich, könnte er diese Zeit doch ganz anders für sich nutzen - und wenn er nur entspannen und sich dabei in der Nase bohren würde... Es gibt viele Termine in nächster Zeit, so daß es hier gewohnt ruhig bleiben wird. So ist das eben.

 

Bereits vor einiger Zeit hatte ich unseren riesigen Bücherbestand aufgeräumt und war nach tagelanger Beschäftigung damit überglücklich, daß mir eine tolle Ordnung gelungen war. Unsere Kinder brauchten nicht ganz so lang, bis das mit der Ordnung wieder ziemlich hinfällig war. Momentan ist insbesondere das kleine Kind sehr intensiv mit Malen beschäftigt. Das führt dazu, daß auch der große Bruder sich dazu gesellt und experimentiert. So tauchten Fragen auf, wie man denn zum Beispiel Licht malt. Die Dunkelheit darzustellen erschien ihnen einfacher zu sein. Wie gut, wenn Mama da mit einem gezielten Griff ein Buch aus dem Bücherbestand hervor holen kann und man neugierig und staunend betrachtet, was möglich ist. Seitdem wird stundenlang experimentiert! Faszinierend finde ich das Buch ebenfalls, sonst hätte es den Weg zu uns kaum gefunden. Eine lohnenswerte Investition, wie ich finde.

 

Und wo wir schon mal bei Büchern sind, gibt es hier noch ein "Brikett", bestehend aus 400 Seiten. Einige der heute noch funktionierenden Haushaltstipps von Omma kennt bestimmt jeder. Hier sind noch etliche andere zu allen möglichen Lebenslagen aufgeführt. Manches davon so simpel, wie auch faszinierend. Gerne blättern wir auch mal "nur so" darin herum.

Ansonsten telefoniere ich regelmäßig mit meinem Vater. Mein Verdacht vom Sommer 2014 hat sich bestätigen lassen. Es ist emotional nicht leicht, diese Anrufe zu führen, weil ich nie wissen kann, in welcher Verfassung er gerade ist. Und doch bin ich so überglücklich, wenn er mich immer noch erkennt, auch wenn er in nächster Sekunde vergessen haben wird, daß wir miteinander gesprochen haben. Es tut so gut, daß es diese Gespräche gibt, soo gut, daß es ihn noch gibt.

"Ruf an!", sagt er. "Ruf, wieder an, ja?!"
"Mach dir keine Sorgen, baba, hörst du? Ich werde dich immer anrufen. Immer!"
"Ja, ich weiß", sagt er. "Aber ruf an!"





Kommentare:

  1. Ich glaub dir gerne, dass dir das Herz schwer wird bei all diesen Gedanken...
    und die Beschäftigung mit Kunst oder das künstlerische gestalten hilft da immer.
    GLG
    Astrid

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    1. Ja, liebe Astrid, du weißt: es ist nicht leicht. Wenn ich meine kleine Familie nicht hätte...
      Lieben Gruß.

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  2. Puuuch 1,5 Std. sind echt viel, d.h. 45 min hin und 45 min zurück. Später, wenn er eine paar Jahre älter ist, geht es eigentlich. Gibt es nicht einpaar Kinder mehr, so das man sich zusammen schliesst und eine Fahrgemeinschaft gründet ?
    Euer Gespräch mit deinem Vater trifft mich mitten ins Herz, so traurig.
    Alles Gute...

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    1. Ich habe schon oft in meinem Leben erfahren, daß es viel Gerede gibt, und man sich immer selbst sein eigenes Bild machen sollte. Seit eben gerade weiß ich aus erster Quelle: die Fahrtzeit für eine Strecke beträgt ziemlich genau 32 Minuten. Immerhin etwas weniger als befürchtet. Unser Sohn hat sehr klare Vorstellungen von dem, was er möchte und was nicht. Daher were ich ein Beratungsgespräch mit ihm an der neuen Schule in Anspruch nehmen.
      Ja, Liebe, die Gespräche mit meinem Vater lassen mich nie unberührt. Aber auch in diesen traurigen Momenten bin ich glücklich, daß er sich noch mitteilen kann. Für viele ist das vielleicht nicht viel. Für mich ist das immer noch gigantisch, was rüberkommt. Danke.

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  3. ach, wie sehr kann ich deine bauchschmerzen nachvollziehen was die weiterführende schulwahl betrifft, auch wenn wir noch ein bisschen zeit haben, nur vergeht sie so schnell und in vielen schulen muss man schon in der 3. klasse grundschule vorangemeldet sein, um überhaupt einen platz zu bekommen... die beiden bücher, va licht und schatten, klingen toll. und deine telefonate - so wichtig und ja, so schön, dass es ihn gibt und dass ihr wenigstens telefonieren könnt. viele meiner gespräche mit meiner großmutti in ihren letzten jahren hätte ich gerne für immer konserviert - manche waren heiter, manche bleischwer, manche so unglaublich berührend, heute spüre ich sie noch in meinem herzen, auch wenn die worte langsam verhallen...
    sei liebst gegrüßt
    dania (die übrigens die kleinsten schnipsel familiengeschriebenes aufhebt, selbst die notiz nebenbei vom vorzimmerspiegel, alles in schuhkartons mit bändchen um die packen...)

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    1. Liebe Dania, manchmal frage ich mich, was das für Menschen sind, die in den Ministerien sitzen und sich Jahr für Jahr ständig etwas Neues für den Schulbereich ausdenken. Hier ist das so, daß du in der Reihenfolge der Wünsche drei Schulen angeben kannst und irgendwann erfährst, wo du angenommen wurdest. Die anderen Schulen haben eine Fahrtzeit von einer Stunde!!
      Keine Sorge, was im Garten mal verbrannt werden wird, das werden keine Briefe oder kleine Botschaften der Familie sein. Was wichtig ist, und was unwichtig, das kann ich gut auseinander halten. Liebe Grüße.

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  4. Ja, die Kinder müssen schon oft einen genau so langen Weg in Kauf nehmen, wie wir erwachsenen Pendler, schade. Das mit deinem Paps kann ich gut verstehen, bei meinem ist es noch nicht so schlimm, aber auch tagesformabhängig und oft Frage ich mich, was er behalten hat und was weg ist.
    Kauf ihm Kokosfett als Ersatz für Butter und Öl und eine extra Portion täglich. Magnesium in der Drogerie und wenn er Zimt mag, soll er davon auch immer täglich einen halben TL in Joghurt oder so einstreuen. Es geht darum, die Abbauprozesse wenigstens zu verlangsamen...es gibt so einige Studien, wenn auch keine 100%igen Beweise. Aber diese kleinen Dinge kann man ja leicht in sein Leben einbauen...
    Liebe Grüße
    Nina

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    1. Liebe Nina, ich werde das weiter geben. Vielen Dank für deinen Hinweis. Mein Vater lebt mit unserer Familie in der Türkei zusammen. Ich bin sehr zurückhaltend damit, ihnen aus der Entfernung zu sagen, was sie wie machen sollen dort. Sie haben ihn immer geliebt und geachtet und ich weiß ihn dort in guten Händen. Sie geben ihr Bestes. Da bin ich mir sicher. Sie werden auch dort von Spezialisten begleitet. Liebe Grüße.

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  5. Das sind interessante Buchtipps. Kannte ich beide nicht!
    Ich kann mir vorstellen, dass die Anrufe nicht leicht zu führen sind. Wie denn auch .... so weit voneinander entfernt, wenn Du Dich doch nach der Nähe sehnst ....
    Aber es ist schön, dass Ihr telefonieren könnt, dass Gespräche stattfinden. Auch wenn sie manchmal etwas anderes als früher sind.
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Ja, liebe Elisabeth, insbesondere das erste Buch liebe auch ich. In den Jahren der schwersten Krankheit meiner Mutter habe ich gelernt, daß auch in den schwärzesten Phasen immer noch ausreichend Licht da ist. Du selbst weißt, wie schwarz diese Phasen waren. Dieses Wissen darum hilft mir sehr auch in anderen Lebenslagen. Sei herzlich gegrüßt.

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  6. Wie kommt das Licht in die Zeichnung? Spannend. Wie kommt das Licht in die Welt? Durch Menschen wie Dich, Deinen baba, durch Bindungen und liebevolles Kümmern.
    Ich glaube, auch beim Stehen im Bus macht ein Kind wichtige Erfahrungen. Es wird viel beobachten, erleben, Lustiges, Anstrengendes, Blödes....Schulwege sind immer Erlebnisse. Mach Dir nicht zu viele Sorgen! Und sei lieb gegrüßt von
    Lisa

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    1. Ach Lisa, du bist so unglaublich wohltuend und aufbauend. Danke dafür! Viele Grüße.

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  7. Liebe M., hab's gelesen - spät, weil krank gewesen, jetzt ist wieder gut. Ich kann nichts Gescheiteres dazu sagen als Lisa, also wünsche ich dir, euch einfach einen Sonntag voller Sonne und Licht, draußen am Himmel und drinnen in euren Herzen.
    Grüße, habt es gut zusammen,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, es tut gut, daß hier so gescheite Menschen lesen und mir echte Wegbegleiter geworden sind. Ich danke auch dir und euch dafür! Liebe Grüße.

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