27 Januar 2015

Familiengeschichte, oder ungeahnte Schätze

Vor Jahren hat es folgende Situation gegeben: Mein Mann leerte den Briefkasten und sah die Post durch. Er öffnete einen Umschlag von Jemandem aus der Familie, las den langen Brief und zerriß ihn vor meinen Augen, um ihn dann der Papiertonne zu übergeben. Ich war irritiert, denn sein Verhalten war so anders als das, was ich zu tun pflege mit meiner Post. Darauf angesprochen entgegnete er: „Ich habe es gelesen. Jetzt kann es doch weg.“ Der Brief hatte seinen Inhalt weiter transportiert und mein Mann hatte sich danach des Briefes entledigt. Ich habe noch lange darüber nachgedacht, wenn Post kam. Oftmals, wenn ein Brief an uns beide adressiert war und er es gelesen hatte, rettete ich manch einen vor dem Papierkorb und hob ihn auf, weil ich den Inhalt sehr interessant fand. Da gab es zum Jahresende oftmals regelrechte Rückschauen, die viel Aufschluß über die Verfasser gaben. Das der Papiertonne zu übergeben, kam mir so... herzlos vor. 

Im Laufe meines Lebens habe ich sehr viele Briefe geschrieben. Ich habe auch sehr viele Briefe und Karten bekommen – zu den unterschiedlichsten Anlässen, oder auch einfach mal so. Längst nicht alles, aber das Meiste davon, habe ich aufbewahrt. Anfangs noch in kleinen Kartons, die mit der Zeit größer und ausladender wurden. Meine Sammlung erweiterte sich um Dokumente, Zeitungsausschnitte, Tagebücher, Jahreskalender, alte Familienfotos, Urkunden, Super-8-Filme, Sprachaufzeichnungen und beherbergt nun auch Briefe und Fotografien meiner Eltern, sowie der erweiterten Familie. Wir reden bereits heute von  ungefähr 30 kg Papier. Da sind all die Sachen aus der Familie meines Mannes noch nicht dazu gezählt. Da gibt es ebenfalls eine große Menge an Fotografien, Super-8-Filmen und Dokumenten. Eines Tages werden gewiß auch Briefe unserer Kinder hinzukommen – die Kisten werden nicht weniger werden...


Gerne will ich einräumen, daß ich nicht gewillt bin, jeden Schnipsel aufzuheben, zumal ich mich keinesfalls zu den Sammlern dieser Welt zähle. Aber mich von all diesen Dingen zu trennen, die inhaltlich viel Aussagekraft haben über eine ganz bestimmte Zeit, Personen, Situationen - das bringe ich einfach nicht übers Herz. 

Es gibt Dinge, die sind Zeitzeugen eines gelebten Lebens. Autobiographische Aufzeichnungen machen historische Ereignisse und Zeitläufe eindrücklich nachvollziehbar. Auch wenn Onkel Hasan und Tante Erna längst unter der Erde weilen, kann man sich noch im Nachhinein ein gutes Bild von ihnen und ihren Lebensumständen machen. Solche wertvollen Dokumente landen nur allzu oft im hinterletzten Winkel des Kellers, auf dem Dachboden oder aber auf dem Müll, wenn die Nachkommen den Bezug zu den schreibenden Vorfahren verlieren oder schlicht und ergreifend die Schrift nicht lesen können. Auch ich stelle fest, daß ich bei weitem nicht jeden persönlich kenne, der in der aufbewahrten Post näher beschrieben ist. Unsere Kinder werden erfahrungsgemäß noch sehr viel weniger Menschen persönlich gekannt haben. 


Ein Paar Stapel Briefe sind kein Thema, aber bei den hiesigen Massen, da schielt man gerne des Öfteren zur grünen Tonne. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich manches Mal in meiner Vorstellung im Garten sitzen sehen, ein letztes Mal das ein oder andere sentimental werdend  lesend, dann aber endgültig alles den Flammen übergebend. Hach, wie erleichternd wäre es doch gewesen, alles mit einem Schlag loszuwerden…  Aber das zu tun habe ich nie geschafft. Insgeheim habe ich den Wert all dieser Schätze geahnt und habe Respekt vor dem, was jemand vor mir bereits gesammelt und aufgehoben hat. Genauso ahne ich allerdings die Arbeit, die mit entsprechender Aufbewahrung verbunden ist. Denn eines ist klar: wenn man solche Dokumente archivieren will, ist es meist nicht damit getan, nur etwas Zeit zu investieren. Solche Dinge zu tun kostet sehr viel Zeit. 


Man muß nach Personen sortieren, manches muß man für die Nachwelt übersetzen, anderes digitalisieren, weil das Papier sich bereits zersetzt,  evtl. Notizen und Randbemerkungen zu den Verfassern machen, möglicherweise das Geschriebene mit Bildmaterial ergänzen. Das ist viel – sehr viel Arbeit. 



Insgeheim beneide ich meinen Mann manchmal um seine Denk- und Handlungsweise und wünschte, ich könnte mich genau so der Dinge entledigen. Aber so sehr wir einander in Manchem ähneln, so unterschiedlich gehen wir mit Anderem um. Vielleicht ist es ganz gut, daß ich diejenige sein werde, die sich um diese Art von Familiennachlaß kümmern wird. Denn ich… ich konnte schon immer gut in „Kompost“...

Habt auch ihr solche Familienschätze? Wie geht ihr damit um? Wer kümmert sich bei euch um die Archivierung und Erhaltung all dieser Dinge? 

Kommentare:

  1. Die Antwort lautet wohl: Ich!
    Aus der Familie meines Vaters gibt es sehr wenige Erinnerungsstücke, denn er ist als Jugendlicher mit seiner Familie aus Ostpreußen nach Niedersachsen geflohen. Um so wichtiger sind mir die wenigen Kinderfotos, die ich von ihm oder meinen Großeltern/Urgroßeltern habe.
    Meine Mutter hat viel aufbewahrt, wunderschöne Alben der Vorfahren geklebt und - soooo wichtig! - beschriftet. Meine Kinder lieben es, diese alten Fotos anzuschauen. Um die Geschichten lebendig zu halten, habe ich meine Mutter gebeten, möglichst viel aus ihrer Kindheit (geb. 1934) aufzuschreiben, was sie zum Glück getan hat.
    Von meinen Schwiegereltern bekam ich alte Alben, Dokumente, Briefe etc. - außer uns interessierte sich niemand so recht dafür. Ich habe dann angefangen, unseren Stammbaum aufzuschreiben und weiter zu forschen. Das Computerprogramm, das ich für "Ahnenverwaltung" nutze, ermöglicht mir Ausdrucke über jede Familie, die ich dann abhefte und in diese dicken Ordner habe ich auch Briefe, Zeugnisse, Urkunden, Zeitungsartikel und sogar Bücher (verfasst von meinem Ur-Großonkel bzw. über einen entfernten Großonkel) einsortiert. Noch nicht perfekt, aber es ist erstmal alles sortiert und verwahrt.
    Die alten Fotos scanne ich nach und nach, um sie auch anderen Familienmitgliedern zugänglich zu machen. Dann werde ich Alben kleben - hoffentlich :-)
    Braucht man diese alten Dinge? Ganz streng genommen natürlich nicht. Und es bringt mich auch nicht wirklich weiter, wenn ich die Vorfahren meiner Kinder teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurück verfolgt habe. Aber ich könnte mich nie von diesem Familiennachlass trennen und sammle weiter!

    Liebe Grüße,
    Karen

    AntwortenLöschen
  2. Bei uns wurden immer nur die Fotos aufgehoben... leider. ich hätte es spannedn gefunden, über schriftliche Dokumente, persönliche Briefe, mehr von meinen Vorfahren zu erfahren. Der Großteil davon wurde durch einen unschönen Erbstreit ind er Vorgeneration vernichtet, Dinge, die mir als Kidn viel bedeutet haben, weil sie eben Zeitzeugnis gegeben haben. Nur meinen Schrank, eien Kiste mit Fotos, ein Gemälde und eine Statue von meinem Großonkel konnte ich retten, der Künstler war. So stützt sich alles was ich heute weiß - und das ist nicht viel - auf die Erzählungen meiner Eltern und die brachten auch schon immer viel durcheinander. was wird mit dem wenigen Wissen passieren, wenn ich mal nicht mehr bin? Mein Sohn ist der letzte unseres Familienzweiges und ob er sich mal dafür interessiert, weiß ich natürlich nicht.

    Herzlich, Katja

    AntwortenLöschen
  3. ich hab mir manchmal überlegt, welche dinge ich im falle einer katastrophe aus meiner wohnung mitnehmen würde. neben der mappe mit den dokumenten sind es auf alle fälle die fotoalben meiner tochter (und wenn ich mich entscheiden müsste, blieben die dokumente zurück - es gibt doch duplikate!) da bin ich also ähnlich wie du. aber andererseits ist irgendwann die decke erreicht, oder?
    lieben gruß, susi

    AntwortenLöschen
  4. Ein wenig musste ich schmunzeln, als ich las. Tatsächlich habe ich beide Seiten in mir wiederentdeckt. Viele Dinge, die mir wertvoll erscheinen hebe ich auf, genausogut kann ich mich aber auch von Dingen trennen. Auch, wenn gar nicht klar ist, ob meine Kinder sich einmal dafür interessieren, wer Tante Herta war (die selbst ich nur sus Erzählungen kenne), so verwahre ich ihr Foto (und habe ihren Namen dahinter geschrieben). Mein Vater beginnt nach und nach Bilder und Namen unsere Vorfahren zusammenzutragen, was mich sehr freut, obwohl ich meine Urgroßeltern nie kennengelernt habe. Wichtiger als Namen sind meiner Meinung die Geschichten, die zu den Menschen gehören. Erst dadurch werden sie lebendig. Genau so passiert es gerade mit unserem alten Nachbarn - er wird gedanklich in unsere Familie eingeflochten.
    Ich denke, du machst das Richtige.
    Alles Liebe, Birgit

    AntwortenLöschen
  5. Ein toller Post! Ich finde es auch herzlos, persönliche Briefe direkt wegzuschmeißen! Schöne Postkarten kommen erst mal eine Weile an den Kühlschrank und aufbewahrenswerte Briefe in einen Karton! Viel sammelt sich nicht an, denn wir kommunizieren schriftlich viel mehr über Emails und Facebook. Aber dort habe ich auch die Komplette Konversation mit meiner kürzlich verstorbenen Freundin auf meinenComputer gespeichert, bevor ihr Mann das Konto gelöscht hat.
    Auf dem Dachboden meiner Eltern habe ich das Kriegstagebuch meines Großvaters und die Briefe, die meine Großmutter ihm an die Front geschrieben hat gefunden. Ich habe sie mitgenommen und versucht abzuschreiben. Ich komme wegen der Schrift leider nur sehr langsam voran, aber meine Oma hat wirklich fast täglich geschrieben! Manchmal hat sie mehrere Briefe in einem Umschlag zusammengefasst und dann verschickt, aber sie hat täglich geschrieben! Das rührt mich sehr, denn mein Großvater ist gestorben als ich zehn war. In dem Alter habe ich die Beziehung der Beiden nicht richtig wahrgenommen. Ich habe meinen Großvater, auch durch die Erzählungen meines Vaters als sehr autoritär in Erinnerung, wie Väter halt damals waren. Aber er hatte doch offensichtlich eine herzliche und liebevolle Verbindung zu meiner Großmutter. Ich werde das Alles auf jeden Fall aufheben und eventuell mit euch teilen, wenn ich etwas finde was sich eignet!
    Ansonsten bin ich auch gar kein Sammler und schon gar kein guter Konsument. Ich habe auch einen großen Horror davor mich zuzurümpeln!
    Gros bisou
    Sandra

    AntwortenLöschen
  6. Auch hier, bin ich diejenige die "erhält". Beim 2.Umzug vor eine paar Monaten innerhalt kürzester Zeit hatte ich richtig zu tun, dass der Herr des Hauses :-) ... und auch die (männlichen) Nachkommen, nicht die für mir sehr wichtigen Schachteln verschwinden liessen ....
    Von der Seite Michaels gibt es leider nur wenig Fotos etc.
    Die gesammelten Erinnerungen meiner ersten "Schwiegerfamlie" habe ich nun, 20 Jahre nach der Trennung von meinem ersten Mann, der grossen Tochter übergeben. Sie hat irgendwie wortlos reagiert ... ich möchte sie demnächst darauf ansprechen.
    Da ich ja schon Enkelkinder habe weiss ich wie sehr die Kinder in den alten Erinnerungen kramen. Ich durfte schon viel erzählen, weitergeben. Das sind wunderschöne Stunden!
    liebe Grüsse
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  7. Du Liebe, ja, da gibt es Kisten und Kästchen, Schubladen und Alben. Und ja- ganz hinten im Keller einen Koffer voller Briefe aus den Zeiten des Briefeschreibens.
    Bei meiner heimlichen Sehnsucht nach Askese habe ich ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu all den papierenen Zeitzeugen und Erinnerungen.
    Was ich mir immer mal anschaue sind eine Handvoll Fotografien von den Liebsten, die gestorben sind und denen die leben. Die Doktorarbeit meiner Mutter, 1945 auf Notpapier geschrieben im A6- Format(!) ist auch eine Kostbarkeit, die ich nicht in den Keller schicke. Aber ich merke oft, dass mich das Viele, was sich in den letzten ca. 30 Jahren in meinem Zuständigkeitsbereich anhäuft, und immer wieder auch mit umzog, eher belastet. Berufsbedingt bewahre ich ohnehin viel auf- sonst könnte ich kein strohzugold machen- und ich merke, dass es oft ein einziges Foto ist, das mir genügt, einen Menschen ganz und gar zu erinnern, meine Herzensgedanken an ihn lebendig zu machen und alles wieder heraufzuholen.
    Nach dem Tod meiner Mutter gab es nicht mehr so schrecklich viel zu archivieren und aufzuheben. Denn sie hatte sich in ihren letzten klaren Jahren von fast allem papierenen und dekorierendem getrennt. Eine Handvoll Fotos, ein kleines Päckchen Briefe- alle ausschließlich für uns zu entschlüsseln und mit uns bekannten Personen.
    Als hingegen die Mutter einer Freundin vor wenigen Jahren im Alter von 105 Jahren starb, hinterließ sie neben vielem andern auf dem Dachboden mehr als 10 Wäschekörbe mit Tagebüchern, die sie ihr ganzes Leben lang, fast bis zum Ende, täglich geführt hatte. Das ist einfach zu viel. Meine Freundin hat die Bücher komplett und ungelesen dem Archiv der Stadt übergeben, was ich sehr vernünftig fand. Wo hätte sie anfangen, wo aufhören sollen....Ich möchte auch lieber reduzieren, meinen Kindern nicht solche Fluten von Vergangenheit hinterlassen. Spuren ja, aber ohne direkten Bezug zu ihnen halte ich papierene Erinnerungen eher für eine Belastung der nächsten Generation.
    Mal schauen, wie ich und wann ich weiter sortiere, reduziere, archiviere. Ein schöner Anstoß von Dir!
    Sei herzlich gegrüßt von
    Lisa

    AntwortenLöschen
  8. Ihr Lieben alle, ich finde es sehr interessant, wie ihr mit diesem Thema umgeht. Liebe Lisa, du sprichst mir mal wieder aus tiefster Seele. Ehrlichgesagt ist das alles auch mir zehn mal zuviel. Wer mich lange kennt und weiß, daß ich einst ein sehr spartanisches und einfaches Leben geführt habe, der kann das ganze Drumrum, was mich heute umgibt, eh nicht mit mir zusammen bringen. Eine alte Freundin, die letztes Jahr im Frühling mit 83 Jahren verstarb, hat es auch meiner Sicht toll gemacht: sie hat in den vergangenen Jahren jedes Eckchen ihres Hauses ausgemistet, sich nach und nach von Vielem, was überflüssig war, konsequent getrennt. Am Ende blieb ein aufgräumtes, sehr übersichtliches Haus übrig mit wenigen Kostbarkeiten, die ihre vier Kinder untereinander aufgeteilt haben. Ich glaube kaum, daß man es besser machen kann. Ich wünsche mir Ähnliches für meine Kinder. Ich werde mich bei nächster Gelegenheit näher damit befassen und behalten, was mir von meinen nächsten Angehörigen am Herzen liegt, und etliches von diesen ungeheuren Massen den lodernden Flammen übergeben. Und Briefe von Menschen, mit denen ich seit etlichen Jahren garkeinen Kontakt mehr habe, möchte ich auch nicht aufheben. Alles hat ein Ende. Und in der Tat ist die Decke irgendwann erreicht, liebe Susi ;-) Liebe Grüße euch allen.

    AntwortenLöschen
  9. Auf gut schwäbisch würde man sagen: Zweimal d'Hälfte wegschmeißa und da Rescht b'halta!
    Aber ich bin in dieser Hinsicht auch kein Held, man muss sich nur mal auf unserem Dachboden umschauen... Mein Papa ist da mein großes, bislang unerreichtes Vorbild: an die zwanzig dicke Ordner, säuberlichst sortiert und beschriftet - ein echter Schatz!
    Lass dir Zeit...
    Brigitte

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Toller Papa! Ja, ich werde jetzt nicht überstürzt alles ins Feuer kippen. Wenn mal richtig viel Zeit ist, werde ich mich durch die Massen lesen und dann mit Herz und Hirn entscheiden.

      Löschen