30 September 2014

Ausfallerscheinungen

Seid ihr auch so gerne im www unterwegs? Es gibt ja immer mal wieder Untersuchungen, die die durchschnittliche Verweildauer im Netz belegen. Die beträgt 169 Minuten täglich. Somit nimmt das Surfen im Netz einen recht großen Platz ein unter den sonstigen Aktivitäten der Menschen. Auch ich greife gerne darauf zurück - nicht nur privat. Wenn aber die Internetverbindung sich erheblich verschlechtert, gerne auch mal garnicht funktioniert, dann leide ich. Das ist in unserer Region leider leider der normale Alltag. In den letzten Monaten haben wir alles Denkbare getan, um unsere Verbindung bestmöglich zu optimieren. Und dennoch kommt es immer wieder zu Ausfällen, so daß ich zwangsläufig "dauerbefreundet" bin mit dem derzeitigen Techniker unseres Anbieters. Und wenn dann solche Zustände herrschen, die einen an den Rand der Verzweiflung treiben können, macht weder Arbeiten mit Internet Spaß, noch das private Surfen. Verzeiht also, wenn ich garnicht oder nur sehr zurückhaltend bei euch kommentiere. Bis sich eine Blogseite bei mir auf dem Bildschirm überhaupt erst aufgebaut hat, vergehen nicht selten zehn bis zwanzig Minuten - wenn nicht zuvor schon alles abstürzt. Allein das Hochladen eines neuen Beitrags kostet Nerven ohne Ende. Das macht keinen Spaß! Ich hoffe, daß ich am Donnerstag nicht wieder eine geschlagene Stunde benötige, um meinen Kinder°Augen-Beitrag hochzuladen. Daumen drücken!!

29 September 2014

Und nu, süße Maus?

 

 

 

Das ist ein Auszug aus unserem vorderen Garten. Nicht schlimm?! Ja, richtig! Denn der hintere Garten ist deutlich schlimmer dran. Da gibt es kein Fleckchen, wo nicht dieses emsige Tierchen alles umgepflügt hätte. Stolperfalle an Stolperfalle reiht sich aneinander. Und als wäre das nicht schon Hindernis genug, sackt man beim Gehen unvermittelt diverse cm ins Erdreich ab. Als ich schon vor Wochen überlegte, wie ich ihm die Nachbargärten schmackhaft machen könnte ;-), sprach mein Mann: "Ach laß doch, die süße Maus." Beim mißmutigen Augenbrauenhochziehen meinerseits legte er noch nach: "Andere Leute kaufen sich extra Hamster etc. Wir haben sie im Garten. Das ist doch schön!" Zwischendurch lagen morgens eine Vielzahl nicht mehr definierbarer Nager vor unserer Haustür. Tatortreiniger Mautz hatte tüchtig zugelangt. Inzwischen scheint er das aber eher langweilig zu finden. Denn täglich kommen etliche neu aufgeworfene Hügel dazu. Und nun findet sogar mein Mann "die Maus" nicht mehr ganz so süß, die offenkundig über eine große Familie verfügt. 

Wir leben frei von Schrotflinten, Silvesterböllern und entsprechenden chemischen Waffen. Wer Jenseits dessen eine Idee hat, wie man den unterirdischen Bagger vom Grundstück herauskomplementieren kann, darf gerne mehr verraten. Bis dahin setze ich den Tatortreiniger auf Diät - vielleicht gibt das einen erneuten Motivationsschub ;-).



25 September 2014

Kinder°Augen


 

 

 

Bilderauswahl von der Klassenfahrt - Sohn1



24 September 2014

Einfach schön!

 

Ein Buch, wie es so viele in unserem Hause gibt. Und doch ist dieses anders. Zum Glück! Ich habe mich des Öfteren zu Fehlkäufen verleiten lassen, und habe ein Buch erworben, weil der Titel vielversprechend war, die Aufmachung... und meist saß ich dann nach kurzer Zeit da und war enttäuscht. Oft gab es nur wenige Dinge, die ich gut fand, dafür reichlich, was nicht so toll war. Vor einigen Tagen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben online bestellt. Ja, ihr lest richtig: zum ersten Mal. (Ich unterstütze nämlich lieber kleine Buchhandlungen, als irgendwelche Internetriesen) Dieses Buch nämlich. Und kurze Zeit später hatte ich nach der Bestellung ein ungutes Gefühl. Bestimmt war das auch wieder so ein Teil, wo einpaar gute, und viele nichtssagende Anregungen zu finden sein würden. 

Heute kam das Buch, und seitdem habe ich es kaum aus der Hand legen können. Es ist ein richtiges Schmankerl. Für die Augen, für die Hände, für die Seele. Soviel Inspiration. Für mich ist es sein Geld wert.

 

Und alles Gute regt zum Ausprobieren an. Das kleine Kind und ich, wir haben alsbald das Rezept mit kleinen Änderungen, in die Tat umgesetzt.

 

Und während ich das hier in die Tastatur hacke, ist das Kind vergnügt dabei zu modellieren. Merci, Frau Paetel!

21 September 2014

Welt-Alzheimertag

 

Im Leben von Menschen gibt es bedeutende Tage. Tage, an die besondere Erlebnisse geknüpft sind, Erinnerungen, die man sich immer wieder vergegenwärtigen möchte. Genau so gibt es Tage, die bedeutsam geworden sind für eine ganze Gesellschaft, weil es viele Betroffene gibt. Und daraus werden herausragende Tage geschaffen, anhand derer man aufmerksam machen möchte auf dieses oder jenes.

        Heute ist Welt-Alzheimertag.

Lange vorher wollte ich einen gut vorbereiteten, großartigen post schreiben... und konnte es nicht, weil ich immer wieder in einem Tränenmeer versunken bin. Denn ich bin betroffen - bis ins Mark und Bein. Da ist nichts mit Vorbereitung, da fließt es einem direkt aus der Seele heraus. Also schreibe ich aus meiner Betroffenheit heraus drauf los. Innerhalb der letzten Jahre entwickelte sich mein großartiger Vater zu meinem Kind - zu meinem immer öfter verwirrten, orientierungslosen Kind, dessen Wunsch es bis zuletzt war, in der fernen, alten Heimat Türkei zu leben. Er ist dort eingebettet in fürsorgliche Hände unserer Familie. Und doch hätte ich alles dafür gegeben, hier für ihn sorgen zu dürfen. Stattdessen habe ich in diesem Jahr seine letzten Dinge hier für ihn geregelt.

Mein Vater ist von dieser furchterregenden Krankheit betroffen. Und ich habe das erst diesen Sommer, während seines viermonatigen Besuches bei uns, in aller Deutlichkeit gemerkt. Ich erlebte einen Sommer, der einem Erdbeben glich. Der Boden unter mir wankte in einem Maße, wie ich es kaum beschreiben kann. Beinahe hätte ich jeglichen Halt verloren. In diesem Sommer habe ich mit der Holzhammermethode begreifen müssen, daß die Dinge nie mehr so sein würden, wie sie zuvor gewesen sind. Obwohl mein Vater lebte, würde er nach und nach seine Persönlichkeit, und ich ihn verlieren - auf eine nicht erwartete Weise...

Erst im Nachhinein habe ich die leisen Merkwürdigkeiten im Verhalten meines Vaters verstehen können.  Bereits vor etlichen Jahren fingen diese an, sich kaum merklich abzuzeichnen. Dinge, die immer so waren, änderten sich nach und nach und stießen mir auf. Sein Lachen hatte sich verändert. Er hatte ein völlig anderes Lachen. Man ändert doch sein Lachen nicht... Früher, da bebte das Haus, wenn er schnarchte. Nun schnarchte mein Vater garnicht mehr, so daß ichmich  bei seinen Besuchen  immer wieder an sein Zimmer schlich und vorsichtig schaute, ob er überhaupt da war. Manchmal wirkte er so unbeteiligt, wie ich es sonst nie von ihm kannte. Er, der sich immer gekümmert, unterstützt und geholfen hatte, wirkte so unberührt, abwesend und ängstlich manchmal. Dann wieder war er von entwaffnender Naivität und Ehrlichkeit, wie man es vielleicht sonst von kleinen Kindern kennt. Schon 2013 blieben die Gratulationen und Geschenke zu unseren Geburtstagen aus. Mein Vater hatte es sich nie nehmen lassen, mir von jedem Winkel dieser Erde einen Blumenstrauß mit bewegenden Zeilen an meinem Geburtstag zukommen zu lassen -  seitdem ich Mutter war tat er das auch am Muttertag. Auch wenn ich mich dann meist beschwerte und sagte, daß das doch viel zu teuer und unnötig sei, daß ich auch ohne all dem wüßte, wie sehr er mich liebt, beharrte er darauf und ließ es sich nicht nehmen. Auf einmal vergaß mein Vater diese Tage und meldete sich nicht mehr. Seine gewohnten Anrufe blieben aus. Bei seinem letzten Besuch sah ich Notizzettel an seinem Bett mit seltsamen Zahlenfolgen, die er aufgeschrieben hatte . Ich konnte nichts damit anfangen. Tief in meinem Innersten war ich irritiert. Irgendwie war er merkwürdig geworden, mein Vater. Ich schob alles auf das fortschreitende Alter, weil ich es einfach nicht besser wußte.

Es fällt mir nicht leicht, all das zu schreiben, weil es nie möglich ist ohne Schmerz, Trauer und Tränen . Vorsorglich habe ich meine Kinder darauf vorbereitet, daß sie mich irgendwann Rotz und Wasser heulend am PC sichten würden. Sie verstehen, daß es wichtig ist, über dieses Thema zu schreiben. Für ihren geliebten Dede, für uns, für andere Betroffene, deren Angehörige, für Freunde, Nachbarn, für eine ganze Gesellschaft eben. Denn Demenz nimmt an Bedeutung zu. Das größte Risiko an einer Demenz zu erkranken ist das Alter. Ein Kind, welches heute geboren wird, hat die besten Aussichten darauf, in Zukunft 100 Jahre alt zu werden.

Vor wenigen Tagen ist mein Vater 79 Jahre alt geworden. Eigentlich hat er an einem ganz anderen Tag Geburtstag. Einwenig habe ich mich davor gefürchtet, ihn anzurufen, weiß ich doch nie, in welcher Verfassung er sich gerade befindet. Erkennt er mich überhaupt noch, oder spult er aus lauter Verlegenheit irgendwelche unauffälligen Phrasen am Telefon ab, die bekunden, daß es ihm gut geht. Bereits vor Wochen hatte ich einen großen Umschlag mit Bildern von uns an seine dortige Adresse geschickt. Die kann er ansehen, dachte ich, auch ohne  verlegen zu sein. Er kann uns ansehen und erkennen - oder aber auch nicht. 


Nach einer unruhigen Nacht griff ich am nächsten Tag ohne Umschweife zum Hörer. Niemand ging dran. Ich versuchte es eine Weile später wieder. Erneut erreichte ich unter diversen Nummern Niemanden. Statt aufzugeben versuchte ich es in Abständen immer und immer wieder. Zu meiner Verwunderung hatte ich irgendwann direkt meinen Vater am Apparat, der sich deutlich, unauffällig und korrekt meldete. Und er... erkannte mich. Tonlos liefen mir die Tränen der Erleichterung und Freude über das Gesicht. Mein Vater hatte deutlich hörbare Artikulationsschwierigkeiten, aber ich konnte ihn gut verstehen. Wie so meist sagte er, es würde ihm bombig gut gehen. Seine kraftvolle Stimme, wie die eines höchtens Fünfzigjährigen klingend, ließ nichts anderes vermuten. (Dieses Phänomen habe ich in den vergangenen Jahren seines Pendelns zwischen Deutschland und der Türkei immer beobachten dürfen: war mein Vater in Deutschland, verkümmerte er nach unserer Wiedersehensfreude innerhalb kürzester Zeit zu einem Greis. Kaum in der Heimat angekommen, klang seine Stimme kraftstrotzend, unglaublich stark, so, als hätte er zuvor in eine Steckdose gepackt). Es würde gerade regnen, sagt mein Vater. Und alles würde unter Wasser stehen. Ich versuche behutsam, mich an das Gesagte heranzutasten. Am Ende ist von einem Wasserrohrbruch die Rede. Im Hintergrund höre ich eine Stimme. Meine Cousine scheint da zu sein. Ich bitte meinen Vater, sie mir an's Telefon zu holen. Er kommt zurück und sagt mehrmals hintereinander: "Biraz problematisch" (etwas problematisch). Sie könne jetzt nicht telefonieren, weil sie alle Hände voll zu tun habe. Leuchtet ein, denke ich mir und belasse es dabei, wenngleich ich natürlich gerne Jemanden aus der Familie sprechen würde, der mir auch etwas über meinen Vater erzählen kann. Aber ich will ihn nicht unnötig beunruhigen und gebe mich damit vorerst zufrieden. Schnell frage ich ihn noch, ob er unsere Post erhalten habe. "Nein, keine Post!", sagt er und wiederholt es zur Bekräftigung seiner Aussage nochmal. "Kann nicht sein", sage ich und beiße mir just in der Sekunde auf die Zunge. Ich denke, daß er das einfach wieder vergessen haben wird. Aber um ihn nicht zu verstören sage ich schnell: "Na klar, kann sein, daß es noch nicht da ist!" 


(Erst nach unserem Telefonat entdecke ich den Umschlag im Briefkasten, den ich meinem Vater geschickt hatte. Er konnte nicht zugestellt werden, weil am dortigen Briefkasten vermutlich nur der Name meiner Cousine steht. Mein Vater hatte also nichts vergessen. In diesem Fall hatte er völlig recht). Am Ende versabschiede ich ihn mit den Worten: "Allah'a emanet ediyorum seni, baba!"  (Ich vertraue dich Gott an, Papa!). Da sagt der alte Mann am anderen Ende: "Es ist immer eine gute Sache, Gott zu vertrauen und ihm etwas anzuvertrauen!" Er bedankt sich bei mir und sagt: "Gott schütze dich, mein Kind!" Tief bewegt lege ich auf. Ich weine vor Glück und Dankbarkeit. Es tut so gut, seine Stimme zu hören. Auch wenn er manches, und manchmal auch alles, durcheinander bringt: Es tut unendlich gut, meinen Vater zu haben.

Oft habe ich mich in diesem Jahr gefragt, ob es Zufälle im Leben gibt, oder ob etwas wahres ist an folgendem Zitat: "Das Ereignis erscheint erst, wenn du bereit dafür bist." Buddha.

In diesem Sommer trug es sich zu,  daß ich erst innerhalb der ersten Wochen begriff, daß mein Vater an Alzheimer erkrankt ist. Kurz nach seiner Ankunft bei uns sah ich am Abend zufällig folgenden Film im TV. Ich war wie vom Blitz getroffen und kriegte mich nicht mehr ein. So viel daraus kam mir bekannt vor. Diesen Film hatte mir der Himmel geschickt. Ich weinte vor Schmerz, Erleichterung und weil mich dieser Film so sehr berührte. Ich kann ihn euch allen, die ihr von dieser Thematik berührt seid, oder aber auch nicht, empfehlen. Guckt ihn euch an! Es ist ein Film über die Liebe.

In diesem Sommer erzählte mir ein Bekannter, daß eine demente Person seit dem Vortag vermißt würde. Als sie zur Toilette wollte, sei sie von der Gesprächsgruppentherapie verschwunden. Seitdem wurde sie vermißt. Die Polizei wurde eingeschaltet. Im Radio liefen stündlich Aufrufe. Weit und breit Nichts. Hundestaffeln wurden eingesetzt, und ab dem dritten Tag wurde mit dem Wärmehubschrauber gesucht. Nach sieben Tagen wurde die Frau leblos fünf Kilometer vom Therapiezentrum entfernt in einer Feldfurche gefunden. Ich war entsetzt und alarmiert. Dennoch wiegte ich mich in gefährlicher Sicherheit. Nein, mein Vater war nicht so sehr verwirrt. Ihm würde das nicht passieren -  dachte ich. Und doch passierte es, daß mein Vater mir vor meiner Nase abhanden kam. Ich hatte mich gerade erst mit ihm unterhalten, während er vor der Haustür saß. Einige Minuten später hörte ich eine Frauenstimme in den  Hauseingang rufen. Sofort lief ich zur geöffneten Tür. Die Kassiererin vom Freibad hatte meinen Vater gesehen und erkannt. Glücklicherweise hatte ich in unserem Umfeld allen Menschen von der Erkrankung meines Vaters erzählt. Sie war auf ihn aufmerksam geworden, weil er in Pyjamahosen am Freibad jemanden auf der vermeintlichen Suche nach seinen Enkeln angesprochen und dabei in Tränen ausgebrochen war. Ich nahm meinen Vater in meine Arme und tröstete ihn. Ich sagte ihm, daß die Enkel längst aus der Schule wieder da wären, er sich keine Sorgen machen bräuchte. Mein Vater erklärte mir, daß er nicht wegen der Enkel, sondern wegen des  kleinen Mädchens im Freibad weinen würde, das dort ertrunken sei. Er schluchzte erneut bitterlich. Nichts dergleichen war in Wirklichkeit geschehen. Das aber war die Realität meines Vaters. Und die war so verdammt real und aufwühlend für ihn, wie sie nur sein konnte.

Warum ich von diesen  Geschichten hier schreibe? Weil es wichtig ist zu wissen, daß genau so, wie ein kleines Kind etwas von jetzt auf gleich kann, was es Minuten zuvor noch nicht konnte, man  bei dementen Menschen  genau so mit Dingen rechnen muß, die eben noch möglich waren, es aber plötzlich nicht mehr sind. Das Gedächtnis läßt sie im Stich. Sie irren unter Umständen völlig verloren und orientierungslos umher. Ab diesem Moment ließen wir meinen Vater keine Sekunde mehr aus den Augen. Die Haustüre schloß ich auch tagsüber ab, führte die Schlüssel immer bei mir und legte sie nirgends ab. Wollte mein Vater hinaus in den Garten, begleiteten wir ihn und blieben die ganze Zeit bei ihm. 

Natürlich befanden wir uns nach diesem Exkurs meines Vaters in höchster Alarmbereitschaft. Mein Mann gab mir den Rat, ein Schild mit seinem Namen und Adresse, nebst unseren Nummern in seinen Mantel einzunähen. Im ersten Moment leuchtete mir das ein. Im Nächsten jedoch schon nicht mehr. Was würden die Menschen sehen, wenn mein Vater erneut entschwinden würde? Einen alten Mann, der auf dem Weg irgendwohin ist. So einer fällt einem doch nicht auf - und das Eingenähte im Mantel, solange sich dieser Mensch nicht auffällig benimmt, auch nicht. Demenz "sieht" man nur dann, wenn der Betroffene sich absurd verhällt. Wenn er beispielsweise im Unterhemd bei minus 10°C draußen untergwegs ist, oder barfuß bei Mißtwetter in ein Geschäft geht vielleicht. Oft genug durfte ich die Erfahrung machen, daß mein Vater sich seines Mantels oder Pullovers entledigte. Auch zog er sich immer wieder seine Armbanduhr vom Gelenk. Um den Hals mochte er schon mal garnichts tragen. Damit erstarb meine Vorstellung, ihm eine Armbanduhr mit GPS-Peilsender zu kaufen. Was dann?? Ich suchte im Internet und fand diverse Angebote mit Ortungsfunktion. Handys erschienen mir dafür absolut nicht geeignet, gehören sie doch meist zu den Dingen, die als Erstes verloren gehen. Es gibt auch Technik, die in die Schuhsohle integriert ist - aber auch seiner Schuhe kann man sich entledigen. Das Meiste war teuer, oder nicht zuverlässig genug. Nein, auf die Technik konnte ich mich nicht verlassen. Ich bin ehrlich: am liebsten wäre mir gewesen, wenn ich meinem Vater einen Peilsender hätte unter die Haut einpflanzen lassen können. Immerhin ging es hier im Falle eines Falles um nichts Geringeres als um Leben und Tod. Nichts von all den Ortungsmöglichkeiten ist es geworden. Statt dessen machte  ich in unserem Umfeld und überall publik, daß mein Vater dement sei. Ich erklärte, was das bedeutete und versteckte meinen Vater zu keinem Zeitpunkt vor anderen Menschen. Ich hoffe sehr, daß es irgendwann zuverlässigere technische Möglichkeiten geben wird, als es bisher der Fall ist. Dennoch denke ich, kann und darf man sich auch damit nie in Sicherheit wiegen.

Demenz ist ein Thema, was alle Menschen angeht. Das größte Risiko an einer Demenz zu erkranken ist das Alter. Ein Kind, das heute geboren wird, hat die besten Aussichten darauf in Zukunft 100 Jahre alt zu werden.

Heute ist Welt-Alzheimertag. Dies ist mein Beitrag dazu. Jeder kann etwas tun.

Wer mehr über die Erfahrungen lesen möchte, die ich mit meinem  dementen Vater machte, der kann das u.a. unter der Rubrik "tief in meinem Herzen" tun.

18 September 2014

Kinder°Augen




 

Kinder°Augen - nach einer Idee von KrokodiLina

Viele Bilder hat Sohn1 von seiner ersten Klassenfahrt mitgebracht. Hier sind die ersten vier aus dieser Serie.


16 September 2014

Auszeichnung

Sohn1 befindet sich auf Klassenfahrt, und mein Mann wird erst wieder zum Wochenende da sein. Ich verwöhne das kleine Kind und stehe dafür einige Stunden in der Küche, um ihm zu kulinarischen Hochgenüssen zu verhelfen. Wir sitzen uns gegenüber und beginnen zu essen. Er nimmt von allem, was ich aufgetafelt habe und probiert. Plötzlich erstrahlt sein Gesicht und mit vor staunen weit aufgerissenen Augen sagt er: "Mama..., wo hast du das nur gelernt?? Du kannst Salat sooo guut!"

Nur für's Protokoll: Ich kann auch Brote schmieren.

15 September 2014

You never know how things turn out

 

Oder zu Deutsch: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Die Rede ist von meiner vergangenen Woche. Einwenig Herzschmerz war noch da, als wir Sohn1 zur Klassenfahrt, Sohn2 in den Schulunterricht und uns am Bahnhof verabschiedeten. So ganz allein ist's seltsam dachte ich etwas verloren, als Sohn2 bereits gegen Mittag wieder eintrudelte. Schnell ließen wir uns aufeinander ein und machten einige der schönen Dinge, die wir uns in Abwesenheit des großen Bruders vorgenommen hatten. Blöd waren nur die mörderischen Kopfschmerzen, und die Dauerübelkeit, die ich in dieser Form zuletzt von meinen Schwangerschaften kannte. Du meine Güte: Was neue Brillengläser ausmachen können... Wir ließen uns unsere Vorhaben dennoch nicht vermiesen und genossen unsere Zweisamkeit. Alle mahnten mich an, bzgl. der Brille durchzuhalten. Augen müssen sich erst an die Umstellung gewöhnen - weiß man ja. Am dritten Tag fiel ich völlig fertig beim Optiker ein. Ein erneutes Durchmessen der Sichtstärke ergab auf einem Auge komplett neue Werte. Shit happens! Neue Gläser wurden in Eilauftrag gegeben. Derweil freute ich mich unbändig auf einen Bloggewinn, mit dem ich stündlich rechnete. Nichts passierte. Nur die Postbotin bekam jedes Mal einpaar hektische Flecken mehr, wenn ich mit hoffnungsvoller Freude aus dem Haus auf sie zustürzte, und sie schon von weitem kopfschüttelnd zum nächsten Haus hastete. Am nächsten Tag kam wieder kein Gewinn, aber immerhin eine Nachricht vom Optiker: Brillengläser waren da. Was soll ich sagen: ich kann wieder sehen. Kein Vergleich ist es zu dem, was vorher war. Wir nähern uns dem Optimum. Das Verwöhnprogramm mit Sohn2 konnte nun deutlich ungetrübter weiter gehen. Auch wenn die Buchsendung, auf die ich mit unbändiger Freude wartete immer noch nicht da war, hatte ich genug zu lesen. Sohn2 schleppte Abend für Abend fünf Bilderbücher an, die ich ihm unabhängig von der Länge, von A bis Z vorlas, bis mir die Zunge in Fetzen hing. 


Am Donnerstag kamen gleich zwei Briefe von Sohn1 an, die wir unzählige Male studierten. Er berichtete von schönen Ausflügen und seinen Kameraden, jedoch auch von etwas Heimweh. Schluck. Und dann kam der Satz: "Mama, bitte bitte schreib mir unbedingt hierher. Bitte!!" Keine Post hätte es geschafft, was der Sohn da verlangte. Also durchforstete ich alle Unterlagen, bis mir eine EMailadresse in die Hände fiel. Eine Eil-Mail wurde binnen kürzester Zeit abgeschickt. Nacht für Nacht hatte ich mir filmreif ausgemalt, wie unser Wiedersehen sein würde: Der Bus würde einfahren, die aufgeregt wartenden Eltern würden Ausschau nach ihrer Brut halten, wenn aus den sich öffnenden Türen die ersten Kinder herausstürmen würden - geradewegs in die Arme ihrer Eltern. Und endlich... endlich würde auch ich wieder mein Kind in meine weit geöffneten Arme schließen. Hach... So weit zur Theorie. Praktisch sah das Ganze ganz anders aus. Mein Kind gehörte zu dem kümmerlichen Haufen, dessen Eltern aus diversen Gründen telefonisch nicht erreicht werden konnten, als man eine Stunde vor der vereinbarten Zeit an der Schule eintraf. Äh, wie jetzt?! Nach näherem Fragen stellte sich heraus, daß meine "neue" Nummer, die ich vor einem Dreivierteljahr mehrfach und immer wieder korrigierend an die Schule weiter gegeben hatte, immer noch falsch geführt wurde. Ich war sauer, enttäuscht, ichweißnichtwas. Die Wiedersehensfreude hatte einen deutlichen Dämpfer bekommen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nichtsdestotrotz  nahmen wir uns erleichtert wieder in die Arme (nein, dem Sohn sind die Eltern immer noch nicht peinlich, obwohl wir stündlich mit solchen Reaktionen rechnen). Die fröhlich plappernden Söhne, ein Zentner Sand und ich fuhren nach Hause, wo die Postbotin mit zerknirschtem Gesichtsausdruck und quietschenden Reifen an uns vorbei fuhr... 

Der erste Geschwisterstreit hat nicht lange auf sich warten lassen, aber hey, im Moment ist das (noch) Musik in meinen Ohren...

11 September 2014

Kinder°Augen

 

 Während Sohn2 mit der kleinen Kamera auf Motivsuche geht, hat Sohn1 meine Kamera zur Verfügung.
 
 


 



Kinder°Augen - nach einer Idee von KrokodiLina

Alle Bilder stammen von Sohn1


09 September 2014

Wegen Sanierungsarbeiten kurzzeitig geschlossen

Mir ist schlecht. Ich habe Kopfschmerzen. Mein Gehirn ist dazu vergattert, gerade Höchstleistungen zu erbringen. Denn im Gegensatz zur Industrie, die einem ja gerne vorgaukeln möchte, daß man als "Best Ager" (Nein, noch ist es bei mir nicht so weit. Aber in nicht weiter Ferne darf ich mich dann auch zur Generation Gold, Silver Ager, Golden Ager, Third Ager, Mid-Ager, was weiß ich, was denen bis dahin noch einfällt, zählen) hochleistungsfähig ist, sagt mir mein Körper seit geraumer Zeit etwas anderes. Hört man eher auf die Medizin, sitzt man schon mit den beginnenden Zwanzigern biologisch betrachtet auf dem absteigenden Ast. Bei mir mehren sich die Zipperlein deutlich, auch wenn ich mich gewiß noch fitt nennen darf. Nun sind es also die Augen. "Warten Sie mal ab, was in den nächsten Jahren noch alles kommen wird...", sagt der Hausarzt. Na, herzlichen Dank auch! Eine Brille trage ich seit meiner Grundschulzeit und bin extrem dankbar, daß ich mir nach einer kurzen Probephase keine Kontaktlinsen mehr in die Augen fummeln muß. Was für eine Folter! Selten hat sich jemand dabei dämlicher angestellt als ich. Seit geraumer Zeit schiele ich unter den Brillengläsern hindurch, wenn ich lese oder handarbeite. Durch die Gläser schaue ich in die Ferne. Irgendwann war das auch nicht mehr ausreichend, und der Gang zum Optiker unvermeidlich geworden. So kostengünstig bin ich noch nie zu einer neuen Sichtstärke gekommen, denn ich habe einfach mein zwölf Jahre altes Brillengestell behalten. Nicht, daß ich mir kein Neues hätte leisten können, aber ich fand einfach kein Schöneres. Haarscharf bin ich an der Gleitsicht vorbeigeschrabbt. Man hat die Sichtstärke der Augen aneinander angeglichen quasi. Fragt mich nicht - Optiker können das erklären.  Dafür muß mein Gehirn jetzt diese Höchstleistung erbringen und alles auffangen. Ich habe zur Zeit etwas Seegang. Die Augen sollen sich gewöhnen. In meinem Alter gönnt man sich dann gerne mal eine kleine Auszeit. Aber nur eine Klitzekleine. Versprochen. Man sieht sich ;-).

08 September 2014

Gemischte Gefühle, oder Spaß, Chaos, Klassenfahrt

 

Ein wunderschönes Wochenende liegt hinter uns, an dem wir den Geburtstag von Sohn2 gefeiert haben, einen wunderbar sommerlichen Abend in der Stadt erleben durften (beinahe wie im Süden war's), als wir ein neues Restaurant ausprobiert haben. Ein allerletztes Mal waren wir im Freibad schwimmen, bis sich die Pforten bis zum nächsten Jahr geschlossen haben. Ein Wimpernschlag weiter und Sohn1 befindet sich beinahe am Ende der Grundschulzeit. Wieder einmal fassungslos nehme ich das zur Kenntnis. In der vergangenen Woche haben wir gemeinsam seine Reisetasche gepackt. In den letzten Tagen kamen immer wieder Anmerkungen wie: "Mama, irgendwie vermisse ich euch jetzt schon..." Ich sprach ihm gut zu, malte aus, was sie dort alles an schönen und aufregenden Dingen machen werden und erzählte ihm schmunzelnd, daß schon ich in meinem gefühlt vorigen Leben in genau dem selben Schullandheim auf Klassenfahrt war. Alles war gut soweit, bis ich am Abend zur Ruhe kam. Da flossen dann doch einpaar Tränen. Mein Junge ist das erste Mal weg von zu Hause, getrennt von seiner Familie. Ich setzte mich hin und schrieb ihm einen liebevollen Brief, gespickt mit einem Mini-Täfelchen Schokolade, den ich heimlich in seinen Rucksack steckte. Sie werden reifen an dieser Klassenfahrt, so wie wir Eltern wieder ein Stückchen mehr loslassen müssen.

Am Bus selbst ein Gewimmel von Kindern, geschäftige Lehrkräfte, aufgeregte Zurufe, immer mehr verstummende Mütter und Kinder, in der Menge den letzten Blick zueinander suchend. Vereinzelt Väter, die zumindest dem äußeren Anschein nach sich von der Abschiedsszenerie völlig unbeeindruckt zeigen. Man kann in Menschen nicht hinein sehen, aber in solchen Momenten wäre ich manchmal gern ein Mann.

Sein Klassenlehrer und drei Lehrerinnen werden diese Tage gemeinsam stemmen. Lehrer, wie man sie sich nicht engagierter und besser wünschen kann. Alle miteinander haben sie meine Hochachtung.

Sohn2 sieht alles recht pragmatisch: "Mama, es ist schon komisch irgendwie, aber jetzt gibt es auch keinen Streit."

 
Über das unsichtbare Band hatte ich schon einmal geschrieben. Sichtbare habe ich von den Söhnen bekommen. Ich trage sie gerne, diese kunterbunten Dinger, die sie mit flinken Fingern hergestellt haben. Sie zu sehen tut mir einfach nur gut momentan.





06 September 2014

Die Welt aus Kinder°Augen sehen

Seit meinem siebzehnten Lebensjahr fotografiere ich leidenschaftlich gerne. In meiner Jugend war das Fotografieren noch um ein vielfaches aufwendiger und kostspieliger, als es das heute ist. Damals floß mein gesamtes Geld in die Dunkelkammer, und ich genoß die Stunden, die ich dort experimentierend verstreichen ließ. Meine Familie und Freunde kennen mich nicht ohne einen Fotoapparat in der Hand. So war es nicht verwunderlich, daß auch die kleinen Herren recht früh einen kindertauglichen Apparat nutzen konnten - oft genug auch meinen ;-). Neuerdings teilen sie sich einen eigenen.

Eines der spannenden Dinge am Elternsein ist gewiß, daß man noch einmal mehr die Welt durch Kinderaugen sehen darf. Der unverbrauchte, naive Blick von Kindern ist voller Lebenshunger, ein Geschenk aus ihrer Seele. Wenn man bereit ist, sich als Erwachsener auf die Position des Lernenden einzulassen, sind Kinder großartige Lehrmeister.

Eine neue Rubrik bei der KrokodiLina hat mich regelrecht angesprungen. Wer dem Blick aus Kinder°Augen folgen möchte, kann sich dort verlinken. Eine großartige Idee, bei der ich mit Einverständnis der kleinen Herren gerne mitmachen möchte. 

 

  Im Wald

 

 

 "Mama, Dede ist immer bei uns"
 

Ein ergiebiges Motiv:  Monsieur Mautz

Alle Fotografien dieser Reihe stammen von Sohn1