24 Juni 2014

Das unsichtbare Band

 

Wenn ein Kind zur Welt kommt, wird die Nabelschnur durchtrennt. Ein unsichtbares Band, das bleibt. Es gibt viele solche Bande, die unsichtbar verwoben sind mit einem, von denen eine ungeheure Macht ausgeht. Für die Augen sind sie unsichtbar, das Herz aber kann sie fühlen und sehen.

Die vergangenen Wochen und Monate waren immer wieder durchzogen von Arztterminen. Ich habe meinen Vater gründlich durchchecken lassen. In dieser Zeit war ich ihm  näher als nah, und schon bald hegte ich einen Verdacht, den ich gerne neurologisch abgeklärt hätte. "Sie werden hier unter sechs Monaten keinen Termin bei einem Neurologen bekommen!", sagt der behandelnde Arzt. Ich bemühe mich dennoch - leider vergeblich! Letztlich ist es auch egal, denke ich. Was nützt es zu wissen, wie die Diagnose lautet. Es gäbe so oder so keine Heilung.

Als ich mit meinem Vater beim Urologen bin, sagt die Ehefrau des Arztes: "Und...? Wird Ihr Vater dieses Mal bei Ihnen bleiben?" "Nein", sage ich. "Er möchte unbedingt wieder in die Heimat zurück." Kopfschütteld und wissend schaut sie mich an: "Wissen Sie, wir haben hier sehr viele türkische Patienten", spricht sie weiter. "Und alle... restlos ALLE gehen sie wieder für immer zurück in ihre Heimat. Dabei haben sie doch hier alles: ihr Haus, ihren Sportclub..."  "Nun, auch wenn ich es am liebsten hätte, daß mein Vater für immer bei uns bliebe, ich kann ihn und sie alle verstehen: Ein Haus kann zur Mördergrube werden, ohne das gewohnte Leben darin. Ein Sportclub spendet keine Liebe, Wärme oder Trost, wenn man es braucht." "Ja", sagt sie. "Da haben sie Recht!" 

Ich habe auch dieses Mal mit Engelszungen auf meinen Vater eingeredet, ihn angefleht bei uns zu bleiben. Hier weiß ich mit Bestimmtheit, daß es ihm gut geht. Sollte mir die Kraft ausgehen, kann ich Unterstützung organisieren. Was wir hier machen, macht dort die Familie. Sie werden meinen Vater pflegen, sie werden das gemeinsam tragen - egal, was noch kommt. Und doch wäre es mir lieber, er bliebe hier für immer. Aber da ist es, das unsichtbare Band. Dagegen bin sogar ich machtlos. Mein Vater möchte zurück in die Heimat. Und obwohl auch ein ganz starkes Band uns beide verbindet, kann ich nichts tun, um ihn hier zu behalten. 

"Baba, bitte... bitte bleib! Wir sorgen für dich. Nie wirst du hier in ein Heim gehen müssen. Darauf habe ich dir mein Wort gegeben." Mein Vater, der sonst manches vergißt, etliches auch garnicht mehr weiß, aber diese Tatsache vergißt er nicht: daß er um jeden Preis zurück möchte in das Land, aus dem er stammt..

Es ist kaum ein Tag vergangen, an dem er nicht gefragt hat, ob sein Flieger nicht bald geht. Er war voller Sorge, daß sein Paß nicht mehr gültig war, oder sein Rückflug-Ticket weg. Er hat jeden Tag seinen Koffer gepackt, den ich am Abend wieder ausgepackt habe.

Ich fasse mir ein Herz: "Baba, fühlst du dich denn nicht wohl bei uns? Fehlt dir etwas? Langweilst du dich? Warum möchtest du zurück?" "Ich fühle mich wohl. Du bist ein gutes Kind. Ich liebe euch sehr. Aber ich habe dort zu tun." "Was hast du dort zu tun??" "Ich habe viel Arbeit". "Was für Arbeit?" "Die Haselnußernte steht bevor. Da gibt es sehr viel Arbeit. Ich werde Nüsse sortieren: die Schlechten müssen aussortiert werden. Das kann ich gut.", sagt mein Vater. "Natürlich..., das verstehe ich...", sage ich und schlucke. Ich nehme ihn in meine Arme: "Du wirst eine große Hilfe dort sein", sage ich.


Oft bin ich mir vorgekommen wie in einem falschen Film, wenn ich morgens in der Frühe sein Zimmer betrat... und der Koffer wieder gepackt in der Ecke stand. In der Hoffnung, ihn zu erleichtern, habe ich meinem Vater eine Art Kalender an's Bett geheftet. 


Dort haben wir abends, wenn ich ihn zu Bett gebracht habe, den jeweiligen Tag mit einer Schere abgeschnitten. 

 

Mein Vater schaut oft auf diesen Kalender. Dann vergeswissert er sich nochmal bei mir, wie lange er noch hierbleiben muß. Bald entdeckte ich, daß er mehrere Tage auf einmal abgeschnitten hatte. "Dadurch geht es nicht schneller, Baba", sage ich. Und da ist es wieder - das unsichtbare, aber so gewaltige, starke Band. Es zieht ihn mit unbändiger Macht...


 Wir haben unsere Tage reich gefüllt mit schönen Ausflügen in die Natur.


Voller Liebe hat mein alter Herr seinen Enkeln beim Spielen zugesehen. Sie liegen ihm sehr am Herzen. Von der ersten Stunde ihres Lebens an war mein Vater für sie da. Unvergeßlich sind diese Momente für mich, als er sie zum ersten mal in seine Arme nahm, sie einatmete auf seine so ureigene Art, zärtlich zu ihnen sprach, für sie betete, sie mit sich herum trug und sie an sich drückte. Diese Demut, die tiefe Dankbarkeit, das unsichtbare Band... sie waren und sind noch immer da.


Bei allem, was wir unternommen haben, haben die Söhne immer erst an meinen Vater gedacht. Mein Mann, der nach einer arbeitsintensiven Woche aus der fernen Stadt am Wochenende ausgelaugt hier ankommt, war sich nie zu schade dafür, um im Haushalt mitzuhelfen, meinen Vater zu versorgen, sich mit ihm zu unterhalten, zu putzen, mich zu entlasten. Auf meine Männer kann ich bauen, denn da ist dieses unsichtbare, aber spürbare, allem standhaltende, starke Band...


Freunde meines Vaters waren da. Haben ihn immer wieder besucht - oder er sie. Auch hier zu spüren ist das starke Band. Verabschiedungen, die einem zu Herzen gehen. Tränenreich.

 

Voller Stolz blicke ich auf jeden meiner vier Männer (und diesen unglaauuublichen Kater Mautz). Sie sind einfach großartig.


Dede auf seinen täglichen Spaziergängen zu begleiten war so selbstverständlich wie nur was. Nie mußte ich sie dazu auffordern. Sie kamen stets gerne und aus eigenen Stücken mit. Das starke Band, oder einfach auch nur Liebe ist das.

 

Füreinander da sein. In guten wie in schlechten Tagen. Das unsichtbare Band trägt alle/s.


"Das hast du nun davon, daß du nie mehr ein Haustier wolltest", sagt mein Vater. "Jetzt hast du Hund und Kater in einem", und lacht. Ja, Kater Mautz ist eine so treue Seele. Er ist in der ganzen Zeit meinem Vater kaum von der Seite gewichen.

 

"Wie hälst du das nur aus?", sagt eine Bekannte. Sie sieht uns oft, wenn wir unterwegs sind. "Schon so lange...", fügt sie dann noch bedauernd hinzu. Solche Bemerkungen tun mir sehr weh. "Mein Vater war mit meiner Mutter immer und bedingungslos für mich da. Ich bin dankbar, das tun zu können und wünschte, er bliebe für immer. Dem Himmel sei Dank haben wir meinen Vater noch. Noch haben Worte eine Bedeutung für ihn, so daß wir kommunizieren können. Noch erkennt er uns. Noch können wir lachen und weinen zusammen. Auch das wird irgendwann einmal zu Ende gehen. Auch wenn es anstrengend ist manchmal (aber bei weitem nicht immer), ist es erfüllend und beglückend, daß wir ihm helfen können, ihn waschen, füttern, für seinen Komfort sorgen, ihn nach Strich und Faden verwöhnen... All das wird eines Tages nicht mehr sein können - auch wenn ich es mir dann noch so sehr wünschen und bittere Tränen darüber vergießen werde. Noch ist er da. Und dafür sind wir unendlich dankbar".


 

Daß meine Familie in der Türkei meinen Vater in seinem Zustand in einen Flieger gesetzt hat, hat mich anfangs unfaßbar wütend gemacht. Ich war fassungslos darüber. Heute ist aller Zorn und Unverständnis von mir gewichen. Ich bin zutiefst dankbar dafür, daß sie das gewagt haben. Es bleiben uns noch 26 Tage. Schweren Herzens habe ich mich in den letzten Wochen um die letzten Belange meines Vaters gekümmert, ihm alles genauestens erläutert, mich mehrfach vergewissert, alles in seinem Sinne getan zu haben. Ein äußerst liebenswerter Notar hat uns verständnisvoll, geduldig und beratend unterstützt. Seit gestern ist alles unter Dach und Fach. Diese Dinge zu tun habe ich ewig vor mir hergeschoben, bis es nichts mehr zu schieben gab. Sie haben mich viel Kraft gekostet, denn alle Zeichen stehen auf Abschied. Vielleicht für immer. "Du wirst sehen, nächstes Jahr bin ich wieder da!", sagt mein Vater. Da ist es wieder, dieses unsichtbare, aber so unendlich starke Band. Könnt ihr es fühlen?!



 

06 Juni 2014

Unterhaltungsprogramm, oder immer so weiter...

 

Gerade mal wenige Tage sind diese Bilder alt. Meine Familie und ich, wir haben Ewigkeiten am Küchenfenster geklebt, und haben den Vogel-Eltern bei der Fütterung ihrer lärmenden Brut im Stakkato zugesehen. Nicht zu sehen auf diesen Bildern ist Kater Mautz. Der gehörte zum „Bodenpersonal“ und man mußte von seinem Dauergucken in die Luft bald einen steifen Nacken befürchten. Aber der Vogelfamilie konnte er nichts anhaben. Das Gewächs an der Hauswand hat ähnlich mächtige Dornen wie seine Krallen – keine Chance für Mautz, ein ungestörter Friedenspalast für die Vogelfamilie.


Unmengen von Raupen wurden in kürzester Zeit immer wieder abwechselnd, von den ohne Unterlaß hin- und her fliegenden Eltern, in weit aufgerissene Schlunde gestopft.

 

Unermüdlich ging das über den ganzen Tag so. Wir haben wirklich nahezu alles ruhen lassen und haben gebannt dem Szenario beigewohnt – das war besser als jedes TV-Programm es je sein könnte.


„Mama, so wie ihr und Dede immer für uns da seid, so sind die Vogeleltern für ihre Babies da“, spricht Sohn1. „Ja, das stimmt! Und so werdet auch ihr eines Tages alles in eurer Macht stehende für eure Familien tun“, sage ich.

„Und so geht das immer weiter und weiter…“, sinniert der Sohn.  

Den ganzen Tag bis zum Abend setzt sich das Schauspiel vor dem Küchenfenster noch fort. Plötzlich rufen die kleinen Herren ganz aufgeregt, so daß sich unsere Familie erneut in der Küche wieder findet. Man versteht kein Wort, so aufgeregt plappern sie durcheinander… Inzwischen ist es Abend geworden, und ich sehe draußen nur Etwas ungelenk umherflattern. Als ich rausgehe sehe ich es dann ganz deutlich: der kleine Piepmatz hat es bis zur Regenrinne geschafft und plumpst auch sogleich hinein. Wir sind schier entzückt und ganz stumm geworden mit einem Mal.

 
„Mama, irgendwie schade und traurig, daß sie jetzt aus dem Nest sind die kleinen Vögelchen…Gehen sie wieder da rein?“ „Nein, wenn sie einmal das Nest verlassen haben, gehen sie eigene Wege. Und du hast recht: das leere Nest wirkt traurig so leer, sage ich. Aber, wenn man die Kleinen fliegen sieht, dann ist das rührend -  im wahrsten Sinne des Wortes beflügelnd, nicht wahr?!“. Und unauffällig wische ich mir einpaar Tränen aus den Augenwinkeln.…


03 Juni 2014

Bilderrätsel

 

Mein Vater und ich gehen täglich 1,2 km spazieren. Mit ungefähr zehn kleinen Pausenstopps benötigen wir ca. eine Stunde dafür. Kater Mautz ist fast immer mit von der Partie. Inzwischen ist er sehr bekannt und zaubert allen Menschen ein ungläubiges Staunen, oder aber ein Lächeln auf das Gesicht. Auch mein Vater freut sich über seine Gesellschaft. 


Immer wenn mein alter Herr eine kleine Verschnaufpause braucht, schmeißt sich auch Mautz hin und ruht, bis wir wieder weiter gehen. Nach genau so einem Spaziergang war es letzte Woche, daß wir uns vor unserer Haustür auf die Stufen setzten: in unserer Nähe ein fast zweieinhalb Meter hoher, junger Baum. Ihn brachten wir 2008 von unserer gemeinsamen Türkeireise her und pflanzten ihn zusammen ein. Seitdem frage ich meinen Vater Jahr um Jahr, wann denn dieser Baum nun wohl endlich Fruchtansätze tragen wird. Und immer sagt mein Vater: "Hab' Geduld! Er wird tragen."

 
Und mit einem Mal entdecke ich diese kleinen Fruchtansätze und laut jubelnd zeige ich sie meinem Vater, der sich so sehr mit mir gefreut hat. Unglaublich aber wahr: dieses Jahr, zum September hin, ist es soweit. Ob die Früchte tatsächlich voll ausreifen können bei diesen Breitengraden wage ich zu bezweifeln. Und trotzdem freuen wir uns gigantisch über diese kleinen Wunder. 

Ihre botanischen Wurzeln liegen im asiatischen Raum. Manche bezeichnen sie sogar als "Pflaume". Nicht umsonst, wird sie die Göttliche genannt, denn genau so schmeckt sie auch. In uns ruft sie starke Heimatgefühle wach. Von genau solch' einem Baum naschte ich als Kind vor babaanne Leyla's Haus. 

Wer weiß, um welche(n) Fruchtansätze/Baum es sich hier handelt?