11 Dezember 2014

In der Schwebe


Draußen ist es kalt und dunkel geworden. Der Regen peitscht gegen das Dachfenster, ein Sturm tobt um das Haus herum und läßt die Rollos laut hörbar scheppern. Die Jungs haben einen heißen Kakao getrunken, und Sohn1 hantiert noch in der Küche herum. Sohn 2 hat sich an meine rechte Seite gelegt und sein zarter Körper schmiegt sich an mich. “Mama, noch mal! Lies die Geschichte noch mal. Das, wo du den Tannenbaum in die Wohnung geschleppt hast…“ Fast fallen mir die Augen zu: „Teilweise lag noch Schnee auf den Zweigen, welcher nach und nach…“ Kater Mautz streckt sich genüßlich, bevor er sich erneut zu unseren Füßen zusammen kringelt und zufrieden weiter döst. Ich kann die Augen kaum noch offen halten. „Mama, weiter lesen!“, stupst mich das kleine Kind an. Inzwischen liegt Sohn1 auf meiner linken Seite. Ich bin derart eingekeilt, daß ich mich kaum noch rühren kann. „Nochmal von vorn bitte!“, sagt Sohn1. Ich lese die Geschichte noch einmal ganz von vorn. Zwischendurch werde ich immer wieder unterbrochen, und es prasseln die Fragen nur so auf mich herab. „Mama, wie war das damals, als du nach Deutschland kamst? Wer hat dich da abgeholt? Weißt du noch, wie das war?“ 

Ich muß kurz innehalten. Mittlerweile bin ich hellwach. Vor meinem geistigen Auge rauschen Bilder vorbei. Fast ist mir, als hörte ich die Geräusche von einst, und könnte diesen unvergleichlichen Duft tatsächlich noch einmal einatmen. „Mama…!“, reißt mich das Kind aus meiner Gedankenwelt. „Erzähl doch, wie war das da?!“

Ich hole tief Luft und fange an zu erzählen.

Ich kauerte unter dem Tisch. 

Seit Tagen herrschte freudige Aufgeregtheit. Die Erwachsenen tauschten sich nur noch darüber aus, wie es sein würde, wenn sie kommt. Hier und da bekam ich Wortfetzen mit. Alle sprachen mit gedämpften Stimmen, als wollten sie die zum Bersten gespannte Atmosphäre nicht noch mehr anheizen. Mit der Zeit nahm das Stimmengewirr zu, und ich ahnte: Es ist soweit. Sie mußte in den Hausflur eingetreten sein. Obwohl alle so viel lauter sprachen als vorher, verstand ich nicht ein einziges Wort. Es war, als hätte mir jemand plötzlich die Ohren zugepfropft. Ich hörte mein eigenes Blut durch meine Adern rauschen. Der Moment, auf den ich voller Sehnsucht gewartet hatte, er war endlich da. Noch immer hockte ich unter dem Tisch. Es gab nichts, wo ich mich in dem kleinen Wohnzimmer sonst hätte verstecken können. Mein Herz schlug wild, als wollte es meinen Brustkorb sprengen. Die Tür zum Wohnzimmer wurde behutsam geöffnet, und gefolgt von vielen anderen betrat sie meinen Namen rufend den Raum. 

Das Erste, was ich von meiner Mutter sah waren ihre Hosenbeine und Füße auf hohen Schuhen. Bei dem Wohlklang ihrer Stimme geriet alles in mir in Aufruhr und die Situation, die ich mir unzählige Male in meiner Phantasie ausgemalt hatte, vollends außer Kontrolle. Ich preschte unter dem Tisch hervor und warf mich schluchzend in ihre Arme. Ganz so hatte ich mir das nicht vorgestellt… Während ich wie eine Klette an meiner Mutter hing und mein Gesicht in ihrer Mähne vergrub, küßte und koste sie mich unaufhörlich. Ich nahm wahr, daß sie in ihrer so liebevollen Art zu mir sprach und mich sachte streichelte dabei, aber ich verstand noch immer nichts. Ich konnte sie noch nicht einmal richtig sehen, da meine Augen immer wieder von Tränen überschwemmt wurden. Bei jedem Atemzug sog ich ihren unverkennbaren Duft ein. Vor Rührung waren alle um uns herum verstummt, nur ich schluchzte unaufhörlich. Sehnsucht, Wiedersehensfreude, Schmerz – alles bahnte sich seinen Weg hinaus und entlud sich in dieser ersten Begegnung nach den längsten vier Monaten meines kurzen Lebens. 

„Mama, bei wem warst du nochmal, als deine Eltern schon in Deutschland waren?“ 

„Ich lebte bei einem Bruder von meinem Vater, und dessen Familie. Das waren sehr liebe Leute, die alles in ihrer Macht stehende taten, um mich meinen Kummer vergessen zu lassen. Das vergesse ich ihnen nie. Aber es ist, wie es ist: ein Kind gehört zu seinen Eltern. Egal, wie gut sie es machten, ich vermißte meine Eltern sehr.“



Hier schrieb ich schon einmal etwas dazu:

http://2papatyam.blogspot.de/2013/08/wurzeln.html
   
"Warum haben dich deine Eltern denn nicht gleich mitgenommen?"

"Oh, das hätten sie bestimmt gerne getan, aber erst einmal durfte nur derjenige als Gastarbeiter einreisen, der kerngesund war und seine ungebrochene Arbeitskraft Deutschland zur Verfügung stellen konnte. Dede hatte leider Nierensteine und mußte die erst einmal loswerden. Ich war also nicht komplett ohne meine Eltern in der Türkei. Meine Mutter reiste als Erste nach Deutschland. Wenige Monate später konnte euer Dede ihr folgen. Bis dahin hatte ich wenigstens noch meinen Papa. Ich hatte Glück und hatte nur wenige Wochen ohne beide Eltern. Anderen Kindern ging es da deutlich schlechter.

Sie wurden hin- und hergeschickt - zwischen zwei Ländern, zwischen leiblichen Eltern und Ersatzmüttern. Sie wurden zu sogenannten Kofferkindern. Die seelischen Narben sind bis heute nicht verheilt. "Wir haben sie Mama und Vater genannt, aber wir waren uns fremd." Bilge Toyran (48) war zweieinhalb Jahre alt, als ihre Eltern nach Berlin zogen und sie mit ihrer Schwester in Istanbul zurückließen. Sie hat heute keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. "Es ist schwer, ohne Eltern aufzuwachsen. Wir waren nicht liebelos, aber die Mutter- und Vaterliebe, die fehlte." Zehn Jahre lang lebte der Stahlwerker Ayhan Zeytin (48) getrennt von Mutter und Vater in einem kleinen türkischen Dorf. Erst als Erwachsener kann er offen mit den Eltern über seine traurige Kindheit sprechen. "Nicht genug geliebt zu werden, das trage ich immer noch mit mir. Das hat viel mit dieser Kindheit zu tun." Menekse Toprak wächst mit ihren Geschwistern in einem anatolischen Dorf auf. Sieben Jahre lang sieht sie ihre Eltern nur in den Sommerferien. Einziger Kontakt sind Briefe. Heute ist Menekse Toprak eine erfolgreiche Journalistin und Schriftstellerin, die sowohl in Berlin als auch in Istanbul lebt. Die drei Gastarbeiterkinder sind die Hauptprotagonisten der Radio-Bremen-Dokumentation und brechen in diesem Film als Erwachsene das Schweigen über ihre schmerzhaften Kindheitserfahrungen. Fast jede türkische Familie, die heute in Deutschland lebt, ist betroffen. Denn der Nachzug von Familienangehörigen war im 1961 geschlossenen Anwerbeankommen zwischen Deutschland und der Türkei zunächst ausdrücklich ausgeschlossen worden. Erst Jahre später durften auch Familienangehörige nachkommen. Dann verschärfte der Anwerbestopp von 1973, vor 40 Jahren, die Situation der Kinder. Die gerade in Deutschland halbwegs heimisch gewordenen Jugendlichen mussten nun wieder die Koffer packen und mit der ganzen Familie zurück in die fremd gewordene Türkei ziehen. Die Autorin Anke Kültür begleitet Ayhan Zeytin auf seiner Reise von Delmenhorst ins türkische Dorf zu seinen Eltern, trifft Bilge Toyran mit ihren Söhnen in Berlin und lernt das Leben der Schriftstellerin Menekse Toprak zwischen Istanbul und Berlin kennen. Nur in einem Fall sprechen die Eltern mit ihren nunmehr erwachsenen Kindern und vor der Kamera über ihre Beweggründe von damals und ihre Schuldgefühle von heute. Film von Anke Kültür


Sehenswerte Dokumentation:



 

Kommentare:

  1. Ich geh ganz still wieder und bin sehr ergriffen. Du bist so stark, bewundernswert
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  2. Ich kenne auch viele solcher Geschichten. Und die Traurigkeit der Kinder bricht einem das Herz. Auch innerhalb der Türkei kamen solche Broterwerbstrennungen vor. So reisten viele Junge Eltern aus der Osttürkei, z.B. aus Kars , in den 70gern nach Istanbul, um dort "was zu werden". Die Kinder blieben bei Oma und Opa oder Onkel und Tante. Diese Trennungen dauerten oft auch jahrelang, unterbrochen von kurzen Besuchen am 21 April oder zum Opferfest.Erst, wenn eine gute Existenz in der Westtürkei gesichert war, ließen die Eltern die Kinder nachkommen, oft dann auch die Großeltern. Ganze Sippen sind so von Ost nach West gewandert. Zu ihrem wirtschaftlichen Nutzen, aber eben leider oft auf Kosten von vielen traurigen Kindern. Wir, die wir hier im reichen sicheren Deutschland aufwachsen durften, wir wissen oft gar nicht, wie gut wir es hatten. Und haben.
    Schöne Erzählabende mit Deinen lieben Söhnen wünsche ich Dir! Wie spannend für sie, Dich das alles erzählen zu hören! Welch ein Schatz.
    Sei lieb gegrüßt von
    Lisa

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  3. dasist sehr berührend und ich finde es toll, dass du diese situation hier beschreibst. es lässt uns, die wir manchmal zurückhaltend auf fremde reagieren, auch die andere seite erfahren und so mehr verständnis aufbringen. leider wiederholen sich diese familientragödien gerade wieder bei den frauen, die in den wohlhabenden westen kommen, um alte und gebrechliche menschen tag und nacht zu betreuen.auch hier werden familien auseinander gerissen und kinder zurückgelassen.
    danke für den einblick in deine kindheit, es ist dir bestimmt nicht leicht gefallen hier so offen darüber zu erzählen!

    lieben gruß, susi

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    1. Liebe Susi, es geht mir nicht in erster Linie um meine Person, obwohl ich Auszüge des Erlebten aus meiner Sicht als Kind wieder geben werde. Ich werde lediglich der Aufhänger sein für eine Zeit, in der viele Gastarbeiter und deren Kinder Ähnliches erlebt haben. Warum jetzt, nach Jahrzehnten?... Ich habe Zeit gebraucht, um Zusammenhänge zu erkennen, um zu verstehen. Und ja, auch um zu verdauen. Es soll nicht darum gehen, Deutsche oder Ausländer an den Pranger zu stellen. Es geht mir darum zu erzählen, wie es damals war für mich und meine Familie, für Freunde und Bekannte, als Gastarbeiter in Deutschland zu arbeiten und zu leben.

      Und ja, Du sprichst mir aus der Seele: genau daran muß auch ich stets denken, wenn Frauen als "billige Pflegekräfte" aus Polen etc. nach Deutschland kommen, und ebenfalls Familien auseinander gerissen werden.

      Liebe Grüße.

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  4. Liebe M., danke für die "Fortsetzung" deiner Erinnerungen. Ich musste schon einigemale schlucken beim Lesen. Vier Monate sind sehr lang für ein Kind - und dann erst Jahre! Und für mich ist es auch eine schreckliche Vorstellung, als Eltern ein Kind so lange nicht bei sich zu haben - und seien die Verwandten noch so liebevoll! Wenige Monate, wie bei dir, um danach zusammen an einem Ort zu leben, an dem man sich eine bessere Zukunft gerade auch für die Kinder erhofft - das können Eltern sich und dem Kind zumuten, das hast auch du verkraftet, da du dir der Liebe deiner Eltern so absolut sicher sein konntest. Aber Jahre der Entwicklung der eigenen Kinder zu versäumen, diese unwiederbringliche und so kostbare Zeit, das ist alptraumhaft für Eltern (besonders wohl Mütter) wie für Kinder.
    Den Film, den du verlinkt hast, habe ich mir vorgemerkt. "tagesschau24", ist das ein "normaler" TV-Sender? Oder geht das nur über Internet?
    Herzlich, Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, damals ging es uns wirtschaftlich sehr gut in der Türkei. Unsere finanzielle Situation verschlimmerte erst in Deutschland. Nachdem sie zuvor in England, während eines Auslandszusatzstudiums meines Vaters Erfahrungen gesammelt hatten, hatten meine Eltern Blut geleckt und suchten weitere Herausforderungen. Sie waren jung und voller Tatendrang. Umso verzweifelter war ich, daß meine Eltern diesen Schritt überhaupt gemacht hatten und hielt sie lange Zeit für wirklich verrückt. Obwohl ich noch klein war, gab es heftige Vorwürfe meinerseits.

      Keine Ahnung, ob "tageschau24" ein TV-Sender ist. Die Dokumentation lief Anfang des Jahres schon mal in der ARD. Dort habe ich es in der Mediathek leider nicht mehr gefunden. Aber wenn du auf den Link unter meinem Beitrag gehst, kannst du ihn direkt via Internet sehen.

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    2. Vielen Dank, den Link hatte ich gar nicht bemerkt. Ich habs mir schon angeschaut und war sehr bewegt, danke fürs Aufmerksammachen.

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    3. Sehr gerne! Ich hoffe, daß nicht andere auch den Link übersehen haben.

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  5. Esgibt so viel ovon man nichts weiß, und ich bin immer froh, wenn ein Solches Loch bei mir gestopft wird!
    Danke, wieder einmal!
    Bisou
    Sandra

    Um so mehr regt es mich auf, wenn die Bayern verlangen, das in den Auländerfamilien Deutsch gesprochen werden soll! Unfassbar, wie kann man den Menschen die Wurzeln aus dem Herz reißen...!

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    1. Liebe Sandra, das freut mich, daß du das so empfindest. Ich finde es wichtig, daran zu erinnern, wie schwer es die erste und z.T. auch die zweite Generation von ausländischen Gastarbeitern in Deutschland hatte. Darum weiß fast Niemand.

      Tja, und zum weiten Punkt kann ich dir nur beipflichten. Ich empfinde das als eine so große Ungehörigkeit, etwas derartiges von ausländischen Familien zu verlangen. Meine Eltern haben zu Hause nur Türkisch mit mir gesprochen. Ein Glück!! Sonst könnte ich heute meine eigene Muttersprache nicht sprechen. Und daß ich binnen kürzester Zeit Deutsch gelernt habe zeigt, daß das eine mit dem anderen nichts, aber auch garnichts zu tun hat. Wenn eine Familie ins Ausland geht, ist es das natürlichste der Welt, daß untereinander die Herkunftssprache gesprochen wird. Kinder lernen immer sehr schnell. Versuch' doch mal einer eine völlig fremde Sprache als Erwachsener zu lernen. Wie schwer das ist, wird jeder nachvollziehen können, der beispielsweise in Frankreich mit seinem rudimentärem Schulwissen versucht klarzukommen.

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  6. Vielen Dank für den bewegenden persönlichen und gleichzeitig geschichtlichen Einblick.

    Herzlich, Katja

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  7. Mein Bruder war so ein Kofferkind, 3 Jahre lang.... mein Mista E. war auch eins, 7 Jahre lang...
    Habe mir gerade den Film angeschaut, voller Rührung und Erinnerungen an meine Familie und das Erlebte.
    Danke für den Tipp...hach, war das schön... den sollte ich mal meinen Eltern zeigen...

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  8. Danke, daß du ihn dir angeschaut hast. Als ich Anfang des Jahres zum ersten mal den Begriff "Koffer-Kinder" in dieser Dokumentation hörte, da war ich sehr bedrückt. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, daß das alles auch noch solch einen Namen hat.

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