19 Dezember 2014

A wie Abschied, oder Almanya wir kommen

Aufbruchsstimmung lag in der Luft. Meine Mutter und ich verbrachten Stunden damit, um uns tränenreich von unserer Familie zu verabschieden. Tage vorher hatte ich angefangen viele Bilder zu malen und kleine Zettel mit bedeutenden Liebesbotschaften an unsere Familie  zu schreiben. Diese versteckte ich sorgsam im Haus meines Onkels und seiner Frau – eigentlich überall: im Eisfach des Kühlschranks, im Portemonnaie meiner Tante, im Gewächshaus meines Onkels, unter diversen Kissen. Ich grub sogar welche in den Azaleen- und Fuchsien- Töpfen meines Onkels ein. Weitere legte ich unter die Teppiche, von denen ich mit Sicherheit wußte, daß sie spätestens  im Frühjahr wieder auf der Teppichstange im Freien ausgeklopft würden. 
 
Noch heute frage ich mich, wen ich mit dieser Aktion mehr trösten wollte – meine Familie, oder vielleicht doch nur mich selbst…

Was ich über Almanya wußte, das war überschaubar. Meine Mutter hatte meinem Vater und mir von dort regelmäßig Briefe geschrieben, wo sie die Umgebung, die Arbeit, ihre Unterkunft und ihre Mitbewohner beschrieb. Auch kamen einige Male Päckchen mit Glitzerbildern zum Aufkleben, Ausmalbücher und verschiedene Stifte für mich an. Diese glitzernden Bildchen hatte ich zuvor noch nie gesehen und klebte sie gewissenhaft in ein eigens dafür angeschafftes Heft ein. 

Bei unserer Abreise trug ich meine neue Kapuzen-Jacke, die meine Mutter mir einige Monate vor ihrer Ankunft zum Schulanfang geschickt hatte. Aus den Gesprächen der Erwachsenen hatte ich schon einiges gehört, und doch dachte ich mir nichts weiter dazu. Nur daß ich nach einigen Wochen meinen Vater wieder sehen würde, das fand ich fabelhaft. Überwältigt war ich von dem Gedanken, in kürze meine beiden Eltern wieder um mich zu haben. Lediglich das war in meinem Fokus. Daß ich mit eben  dieser Reise zeitgleich meine ganze Familie loswurde, das hatte ich überhaupt nicht im Blick..

Den Fensterplatz im Flieger hatte meine Mutter mir überlassen, damit ich so viel wie möglich aus dem kleinen Fenster sehen konnte. Immer wieder hatte ich sie gefragt, wann wir denn  endlich da wären. Am Ende schlief ich über diese Frage ein.  Als ich irgendwann wieder kurz wach wurde, war es draußen finster. Man konnte nichts sehen… bis auf das Feuer.  Als ich aufgeregt darauf zeigte und  gut hörbar meiner Mutter von dem Feuer erzählte, drehten sich viele Köpfe zu uns um. Bald darauf schaute ich in erleichtert lachende Gesichter. Meine Mutter erklärte mir die flackernden Lichtsignale an der Tragfläche unseres Flugzeugs. Beruhigt lehnte ich mich halb rüber auf ihren Schoß und schlief sofort wieder ein. 

Wir hatten eine Zwischenlandung auf unserer Weiterreise. Ich nehme an, daß das in Istanbul war – erinnern kann ich mich nicht mehr daran. Wie dem auch sei hatten wir ziemliches Pech. Denn in die Turbine des Fliegers, mit dem es weiter gehen sollte, war ein Vogel geraten. Mit vielen anderen Reisenden übernachteten wir gezwungenermaßen in der Flughafenhalle. Alles zog sich ewig hin. An den weiteren Flug habe ich keinerlei Erinnerungen mehr. Nur daran, daß wir nach einer Ewigkeit des folgenden Tages sehr erschöpft in Almanya ankamen. Der Flughafen war riesig. Und doch entdeckte ich ihn sofort durch eine winzige Lücke zwischen Stellwänden und rannte geradewegs durch die Absperrung in die Arme meines Vaters, der mich erst stürmisch an sich drückte und dann wieder hinter die Absperrung zu meiner Mutter schickte. Nachdem wir durch die Paßkontrolle hindurch waren, nahmen wir uns erneut euphorisch in die Arme und ließen einander kaum noch los. Mein Vater hatte einen türkischen Bekannten dabei, in dessen Wagen wir stiegen, und der uns zu unserem neuen Zuhause fuhr. 

Almanya... das hatte ich begriffen, war weit weg und schwer zu erreichen. Ich war einfach nur selig, daß wir wieder vereint waren. Alles andere war erst einmal egal. Vor lauter Erschöpfung schlief ich während der langen Autofahrt erneut ein. Nicht die geringste Ahnung hatte ich davon, was mich noch erwartete.

Kommentare:

  1. Danke, liebes Pünktchen für's erzählen.
    herzliche Grüsse
    Elisabeth

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  2. Almanya - das Zauberwort damals. Deine schöne, berühtende Geschichte könnte auch meins sein, mit einpaar Änderungen. So war es damals, danke das du mich wieder an meine Anfänge in Almanya erinnert hast. Für mich war das Wiedersehen mit meinem Vater das Beste und die Ritterschokolade die wir zur Begrüßung von meinem Vater bekamen :-)
    Liebe Grüße
    Papatya

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