15 September 2014

You never know how things turn out

 

Oder zu Deutsch: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Die Rede ist von meiner vergangenen Woche. Einwenig Herzschmerz war noch da, als wir Sohn1 zur Klassenfahrt, Sohn2 in den Schulunterricht und uns am Bahnhof verabschiedeten. So ganz allein ist's seltsam dachte ich etwas verloren, als Sohn2 bereits gegen Mittag wieder eintrudelte. Schnell ließen wir uns aufeinander ein und machten einige der schönen Dinge, die wir uns in Abwesenheit des großen Bruders vorgenommen hatten. Blöd waren nur die mörderischen Kopfschmerzen, und die Dauerübelkeit, die ich in dieser Form zuletzt von meinen Schwangerschaften kannte. Du meine Güte: Was neue Brillengläser ausmachen können... Wir ließen uns unsere Vorhaben dennoch nicht vermiesen und genossen unsere Zweisamkeit. Alle mahnten mich an, bzgl. der Brille durchzuhalten. Augen müssen sich erst an die Umstellung gewöhnen - weiß man ja. Am dritten Tag fiel ich völlig fertig beim Optiker ein. Ein erneutes Durchmessen der Sichtstärke ergab auf einem Auge komplett neue Werte. Shit happens! Neue Gläser wurden in Eilauftrag gegeben. Derweil freute ich mich unbändig auf einen Bloggewinn, mit dem ich stündlich rechnete. Nichts passierte. Nur die Postbotin bekam jedes Mal einpaar hektische Flecken mehr, wenn ich mit hoffnungsvoller Freude aus dem Haus auf sie zustürzte, und sie schon von weitem kopfschüttelnd zum nächsten Haus hastete. Am nächsten Tag kam wieder kein Gewinn, aber immerhin eine Nachricht vom Optiker: Brillengläser waren da. Was soll ich sagen: ich kann wieder sehen. Kein Vergleich ist es zu dem, was vorher war. Wir nähern uns dem Optimum. Das Verwöhnprogramm mit Sohn2 konnte nun deutlich ungetrübter weiter gehen. Auch wenn die Buchsendung, auf die ich mit unbändiger Freude wartete immer noch nicht da war, hatte ich genug zu lesen. Sohn2 schleppte Abend für Abend fünf Bilderbücher an, die ich ihm unabhängig von der Länge, von A bis Z vorlas, bis mir die Zunge in Fetzen hing. 


Am Donnerstag kamen gleich zwei Briefe von Sohn1 an, die wir unzählige Male studierten. Er berichtete von schönen Ausflügen und seinen Kameraden, jedoch auch von etwas Heimweh. Schluck. Und dann kam der Satz: "Mama, bitte bitte schreib mir unbedingt hierher. Bitte!!" Keine Post hätte es geschafft, was der Sohn da verlangte. Also durchforstete ich alle Unterlagen, bis mir eine EMailadresse in die Hände fiel. Eine Eil-Mail wurde binnen kürzester Zeit abgeschickt. Nacht für Nacht hatte ich mir filmreif ausgemalt, wie unser Wiedersehen sein würde: Der Bus würde einfahren, die aufgeregt wartenden Eltern würden Ausschau nach ihrer Brut halten, wenn aus den sich öffnenden Türen die ersten Kinder herausstürmen würden - geradewegs in die Arme ihrer Eltern. Und endlich... endlich würde auch ich wieder mein Kind in meine weit geöffneten Arme schließen. Hach... So weit zur Theorie. Praktisch sah das Ganze ganz anders aus. Mein Kind gehörte zu dem kümmerlichen Haufen, dessen Eltern aus diversen Gründen telefonisch nicht erreicht werden konnten, als man eine Stunde vor der vereinbarten Zeit an der Schule eintraf. Äh, wie jetzt?! Nach näherem Fragen stellte sich heraus, daß meine "neue" Nummer, die ich vor einem Dreivierteljahr mehrfach und immer wieder korrigierend an die Schule weiter gegeben hatte, immer noch falsch geführt wurde. Ich war sauer, enttäuscht, ichweißnichtwas. Die Wiedersehensfreude hatte einen deutlichen Dämpfer bekommen. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Nichtsdestotrotz  nahmen wir uns erleichtert wieder in die Arme (nein, dem Sohn sind die Eltern immer noch nicht peinlich, obwohl wir stündlich mit solchen Reaktionen rechnen). Die fröhlich plappernden Söhne, ein Zentner Sand und ich fuhren nach Hause, wo die Postbotin mit zerknirschtem Gesichtsausdruck und quietschenden Reifen an uns vorbei fuhr... 

Der erste Geschwisterstreit hat nicht lange auf sich warten lassen, aber hey, im Moment ist das (noch) Musik in meinen Ohren...

Kommentare:

  1. Wie heißt es doch so schön in der Dreigroschenoper: "Ja mach nur einen Plan, sei nur ein großes Licht und mach dann noch nen zweiten Plan, gehn tun se beide nicht. Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlau genug..."
    Ärgerlich, dass die Listen in der Schule NIE aktuell sind ( ist mir aber auch immer passiert, denn eigentlich ist man ja nicht als Sekretärin eingestellt )!
    Gut, dass der Optiker taugt!
    Alles Liebe!
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, wie wahr das doch ist... Übrigens war ich wieder genau bei dem Optiker, der auch die erste Messung verbockt hat. Beim zweiten Mal war eine andere Angestellte da. Und beim nächsten Mal ist es hoffentlich wieder etwas besser ;-).

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  2. Herrlich, Geschwisterstreit gehört irgendwie dazu, zum älter werden meine ich. Die Szene die du vor Augen hattest, hatten wir nach der 1. Klassenreise von meinem Sohn. Der Bus kam, ich den Tränen nahe, weil ich ihn so vermisst hatte und er genauso und mit zittriger Stimme hat er auch gesagt wie sehr er uns vermisst hat und hat mich innig umarmt. Und in der Hand hatte er eine Schneekugel mit Ostseemotiv, den hatte er mir gekauft weil ich Schneekugeln mag. Ich war so gerührt. Ach, lang ist es her... musste eben daran denken als ich deine Post las. Selamlar

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    1. Schön, daß du das hattest, was ich uns auch so sehnlichst gewünscht hätte. Ging bei uns nur geringfügig daneben. Ich freu' mich total, dass das Haus wieder voller Leben ist. Und der Streit...? er ist noch im Rahmen des Erträglichen. Die Brüder haben sich sehr vermißt.

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  3. "Lebendig" kommt von "Leben" und Leben sind Gefühle, keine Achterbahn derselben, aber von allem etwas und das ist so pur bei Euch vorhanden, dass man mit einem Auge weint und mit dem anderen lacht.

    Herzlich
    Bearte

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    1. Oh ja, liebe Beate, UNBEDINGT sollt ihr auch lachen. Auch wenn es mir bei der Ankunft des Sohnes nicht möglich war, und mir sämtliche Gesichtszüge entglitten sind, weil uns dieser fulminante Moment genommen war, konnte ich mich bereits am nächsten Tag schon wieder kaum halten vor Lachen. Fast möchte ich mich bei dem armen Klassenlehrer entschuldigen. Er wirkte doch sehr zerknirscht, weil ich im Laufe der letzten Monate mehrmals auch bei ihm meine Nummer korrigierte. Aber Fehler passieren. Und er ist wirklich ein grandioser Lehrer. Beim nächsten Aufeinandertreffen werde ich ihn "erlösen", und wir werden gewiß gemeinsam über dieses "Muttertier" in mir lachen können.

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  4. Oh, ich kann es spüren was Du da beschreibst. Alles hat 2 Seiten, es muss einen Sinn gehabt haben, dass Du erreichbar gewesen bist, und doch kein Anruf zu Dir durchkam
    (grundsätzlich darf sowas ganz und gar nicht passieren. Weil da frag ich mich gleich wieder "was wäre wenn was passiert wäre?) ... ich weiss, das sind die Mama-Fragen, es ist ja nichts passiert.
    Ach ja, die Geschwister .... das war hier auch so. Susanne über eine Woche in einem tollen Urlaub, davor schon 5 Tage den Bruder nicht gesehen, weil der in der Kurzzeitpflege war. Es hat genau 8 Minuten gedauert als die bekannten Töne durch Haus zu hören waren :-)
    Geschwisterliebe ... dazu gehört wohl der Streit.

    liebe Grüsse
    Elisabeth

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  5. Wenn da die Überschrift nicht wirklich perfekt passt. Das ist das Leben, läuft eben doch immer wieder anders ab.
    Aber dass mit dem Wiedersehen kann ich so gut nachempfinden. Man malt sich das so wunderschön aus und dann... und alles wegen schlechter Oganisation (könnte bei unserer Lehrerin auch gut passiert sein).
    Aber Hauptsache du hast deine zwei Jungs wieder und siehst sie auch ;-)) Ohne Kopfschmerzen!
    Schöne Grüße
    Jutta

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  6. Briefe aus dem Schullandheim? Wow - und gleich zwei... das finde ich total süß! Obwohl zwei von meinen drei Jungs auch mit gemischten Gefühlen ("Muss ich da wirklich mit?") zur allerersten Klassenfahrt gestartet waren, hat das Heimweh doch nie fürs Briefeschreiben gereicht :-)
    Übrigens glaube ich, dass Geschwister, wenn sie getrennt sind, nicht nur das gemeinsame Spielen, sondern auch das Streiten vermissen - mit wem sonst kann man so "vertraut" streiten wie mit dem Bruder? Ohne jegliche Gefahr für die gegenseitige Zuneigung? :-)

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