28 August 2014

Das innere Gleichgewicht

Seit ziemlich genau drei Jahren blogge ich über dies und das, über Belangloses, Heiteres und auch Tiefgründiges. Insbesondere in letzterem Fall geht es mir nicht darum, mich beweihräuchern zu lassen, indem ich meine Person in den Vordergrund stelle, oder mein Innerstes nach außen kehre. (Aber über was kann man besser schreiben, als über selbst gemachte Erfahrungen?!) Ich weiß, daß es Menschen in belasteten Phasen ihres Lebens hilft zu wissen, daß sie nicht die alleinig Gebeutelten auf diesem Planeten sind. Ich bin ein ganz normaler Mensch, der erneut durch eine schwere Phase geht. Das ist nichts Außergewöhnliches, denn so ist das Leben manchmal. Ganz "normal" eben: mit hohen Höhen und gelegentlich auch niederschmetternden Tiefen.


Meine Intention ist es, anderen Menschen in ähnlichen Lebenssituationen Mut zu machen, wenn man genau diesen und sich selbst droht zu verlieren. Und genau das erlebe ich seit geraumer Zeit. Manchmal ist das Leben so unfaßbar schön, heiter und federleicht. Und dann kann es  von Jetzt auf Gleich passieren, daß genau dieses Leben einem bleischwer auf der Seele lastet.

Was tun, wenn man das Undenkbare denken,  das Unvorstellbare sich vorstellen muß?!

In der letzten Woche vor der Abreise meines dementen Vaters befand ich mich in einem absoluten Ausnahmezustand, hatte aber noch alle Hände voll zu tun. Die erste Woche ohne ihn fühlte ich mich wie ein Marathonläufer, der kurz hinter dem Ziellauf einem Zusammenbruch nahe ist und sich kaum aus eigener Kraft auf den Beinen halten kann. Monatelang hatte ich mich nach einer Schockerkenntnis wie eine offene Wunde gefühlt. Nun kam eine innere Starre, und diese nicht greifbare Leere. Es schien, als hätte ich mich selbst verloren. 

Was sollte ich tun? Wo sollte ich mich lassen? Ich war wie gelähmt.

Das einzige, was ich der gigantischen Leere entgegensetzen konnte war, meinen Tränen freien Lauf zu lassen. „Ein Mensch ist dann gesund, wenn er sich körperlich, seelisch und sozial im Gleichgewicht befindet.“ Mein Körper funktionierte, wenn auch wie ferngesteuert. Meine Familie gab und gibt mir Halt. Und doch war mein inneres Gleichgewicht ins Wanken geraten. Sehr sogar. 

Meine Eltern empfand ich stets als den Jackpot meines Lebens. Leider hatten beide ein mehr als beschi….. Karma. Meine Mutter sicherlich um ein Vielfaches mehr noch, als mein Vater. Bei schweren Schicksalsschlägen sagt man, daß die Zeit alle Wunden heilt. Das finde ich nicht. Bezüglich meiner Mutter hat es elf Jahre gebraucht, bis ich das Erlebte halbwegs „verdaut“ hatte. Es ist mir auch heute, nach nunmehr 14 Jahren nach ihrem Tod kaum möglich, mich darüber auszulassen. Das ist auch der Grund, weshalb ich so gut wie nie auf dieser Seite über diese Zeit schreibe. Groß sind die Schmerzen immer noch.

Es gibt die unterschiedlichsten Dinge, die den Menschen gut tun. Ich versuchte mich daran zu erinnern, was das in meinem Fall war. Unglaublich banale Dinge können das sein, wie z.B. Geschirr spülen, das Putzen, oder auch das Aufräumen, Ausmisten und neu Ordnen. Seit mein Vater wieder abgereist ist, habe ich kaum etwas anderes getan. Allein für unser großes Bücherregal habe ich drei Tage gebraucht. Einen Schritt nach dem anderen, eine Sache nach der anderen – manchmal nur in Mini- Schritten. Aber genau diese Mini-Schritte helfen mir, mich  wieder zu fangen, wieder auf die Beine zu kommen.

Und ich wußte, daß ich mich bewegen mußte. Wer hier schon lange mit liest weiß, daß ich Wasser liebe und sich ganz in unserer Nähe ein Freibad befindet. Noch während mein Vater die Sommermonate bei uns war, nutzte ich diesen, so oft sich mir die Gelegenheit bot. Wenn gewährleistet war, daß mein Vater unter Aufsicht war, stürzte ich mich in das Wasser. Diese „Auszeiten“ empfand ich als ungeheuer wohltuend. Während meine Seele lichterloh brannte, erinnerte ich mich daran und schleppte mich manchmal mit letzter Kraft trotz Wind und Wetter dorthin. Ich schwamm für mein Seelenheil.

Dankbar war ich für schlechteres Wetter, wenn ein großes, leeres Becken mich empfing, und ich mit niemandem Smalltalk machen mußte. An besonders schweren Tagen machte ich 150 Bahnen und kam erst nach mehreren Stunden wieder aus dem Wasser. Tonnenschwer tauchte ich ein, glitt durch das Wasser und… lauschte meinem Herzen, bis ich einen Rhythmus fand. Mit jeder Bahn mehr ließ ich los und weinte: Verzweiflung, Sorgen, Trauer – alles bahnte sich seinen Weg hinaus. Bahn um Bahn schaltete ich ab, gewann inneren Abstand… und wenn ich erschöpft dem Becken entstieg, fühle ich mich um Tonnen leichter, frei und fast sowas wie… unbeschwert, glücklich beinahe.

Es wird noch sehr lange brauchen, bis mein inneres Gleichgewicht wieder hergestellt sein wird. Ich arbeite daran und versuche mir ganz bewußt die unvergleichlich schönen Dinge des Lebens zu vergegenwärtigen. Denn diese Seiten gibt es zu jeder Zeit: "Das Leben ist schön..."


"Bäume, die vom Sturm hin und her geschüttelt werden, entwurzeln nicht, das weiß ich."

Danke Astrid, für dein Verstehen.  Ich denke sehr oft an dich und deine Eltern, und wünsche euch und allen Menschen in ähnlichen Situationen Rückhalt, Verständnis, Geduld und Kraft.

Kommentare:

  1. Liebe Pünktchen ! Habe herzlichen Dank für die Offenheit mit der Du Deine Situatiuon und Deine Gefühle zum Ausdruck bringst. Ein so gefühlvoller und liebender Mensch wie Du erlebt sicher auch die Tiefen des Lebens besonders intensiv. Ich denke, es ist Ausdruck Deiner Lebendigkeit, daß Du nach der anstrengenden und hochemotionalen Zeit mit Deinem Vater so fühlst. wie schön, daß Deine Familie Dich stützt und trägt, etwas was auch du für Deine Lieben tust .... Ich wünsche Dir alles Gute, viel Stärke und die Gelassenheit, diese Zeit zu ertragen mit der Gewissheit, daß Du erneuert und gewachsen aus ihr hervorgehen wirst.

    Liebe Grüße Gitta

    Dein Blog ist mir einer der liebsten, auch wenn ich wenig kommentiere.

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  2. Du Liebe, ich sitze hier gerade und bin ganz gerührt...
    Aber gerade weil wir uns hier im Netz finden können, wir, die wir einen schwarzen Fleck auf der Seele haben, geben wir uns immer genug Gründe, das Leben zu lieben.
    Ich denke oft auch an deinen Vater und wünsche, er ist geborgen im Schoß seiner großen Familie. So, wie es mir Erleichterung verschafft, dass meine Schwester gerade ihren Urlaub bei den Eltern verbringt...
    Ich hoffe auch, dass unsere Leserinnen, die Ähnliches erleben oder erleben werden, davon profitieren, dass wir über diese Seiten des Lebens schreiben.
    Ganz herzliche Grüße!
    Astrid

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  3. Danke für deine Herzergreifende post ich kann das alles so gut verstehen und erkene das uns so viel verbindet du so wie du das machst ist es Heilend sei geduldig mit dir .lg galina

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  4. alles Liebe ..... von ganzen Herzen
    Elisabeth

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  5. Du macht's es schon richtig, Pünktchen, schritt für schritt findet man das innere Gleichgewicht. Das Erlebte teilen, kann sehr tröstlich sein, für dich und für andere Betroffene, die vielleicht in der gleichen Situation sind. Ich drücke dich und wünsche dir die Kraft, die du jeden Tag brauchst. Das Leben ist wirklich sehr schön!
    Alles Liebe.

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  6. ich lasse dir einfach nur einen gruß hier.
    alles gute und viel kraft!

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