10 August 2014

Auf Exkursion, oder "Klopf klopf...", macht der Specht


Denke ich an meine Kindheit in der Türkei zurück, dann fallen mir lauter schöne Dinge ein, die wir so gerne in der Freizeit machten. Als ganz besonders schön empfand ich die Möglichkeiten, die uns das Landleben bot. Nach getaner Arbeit -  ja, auch wir kleinen Kinder hatten Aufgaben zu erfüllen - durften wir ungestört unserem Vergnügen nachgehen. Mal stromerten wir in einem großen Pulk durch die Felder, naschten von reichlich vorhandenen Obstbäumen, erkundeten eine Höhle oder bauten selbst welche, schaukelten am Walnußbaum am Abhang mit schaurigen Gefühlen gen Himmel, stauten Flüsse und badeten ausgelassen darin, trieben untereinander Handel mit selbstgebauten Dingen, spielten mit den Tieren, versuchten uns mit Blütenblättern als Parfümeure, spielten mit allem, was die Natur uns bot, bis wir erschöpft und hungrig wieder nach Hause zurück kehrten – herrliche Tage waren das. Noch heute denke ich so gerne daran zurück.


Wenn ich mich in unserem Umfeld umschaue, dann achten sehr viele Eltern darauf, womit sich ihre Kinder beschäftigen. In der Regel gibt es ausgesuchtes Spielzeug und Beschäftigungsmaterial, pädagogisch wertvoll und durchdacht. Manch ein Kinderzimmer könnte dennoch durchaus mit einem Warenlager eines Spielzeugladens konkurrieren. Hier und da führt man beinahe aussichtslose Kämpfe gegen  TV-, PC- und Nintendo-Konsum und versucht diese einigermaßen im Bereich des Normalen zu halten. Einige haben auch resigniert aufgegeben und schon lange befindet sich im Kinderzimmer ein kindereigener PC und Fernseher. Auch Sohn1 nutzt gelegentlich den PC, der meinem Mann oder mir gehört, so daß wir da noch gut an der Konsumschraube drehen können. Den TV nutzen wir meist gemeinsam, oder auch gar nicht. In den Ferien gibt es viele Angebote für Kinder, die von Familien dankbar angenommen werden. Aber echte Abenteuer, so muß ich gestehen, sehen in den Augen der meisten eben doch anders aus. 


Vor ein paar Tagen schauten wir gemeinsam einen Tierfilm. Wunderschöne Aufnahmen entlockten den kleinen Herren Ausrufe des Erstaunens und mir den Kommentar: „Tja, noch viel beeindruckender wäre es, all das in Eigenregie zu sehen.“  „Aber Mama, hier gibt es solche Tiere nicht…“, entgegnete mir da Sohn1. „Es müssen ja nicht gleich so exotische Tiere sein. Aber zu entdecken gäbe es hier auch genug, wenn man denn rausgehen und bewußt schauen würde.“


Was soll ich sagen: seit vorgestern befinden sich die kleinen Herren auf Exkursion. Ich habe sie in der Zeit kaum zu Gesicht bekommen. Frühmorgens wird von ihnen ein Rucksack gepackt. Er enthält Proviant in ausreichender Menge, ein Lupenglas, meine Kamera, Stifte und Blöcke. Auch kleinere Schnüre, Dosen etc. werden mitgenommen – man weiß nie, wozu man etwas davon wird gebrauchen können. Die einzigen Auflagen, die sie haben ist, sich nicht zu trennen und nicht an den Fluß zu gehen – denn der hat wahrlich seine Tücken. Aber ansonsten steht ihnen der Wald zur Entdeckung frei.


Und ja: sie sind begeistert, während ich insgeheim in mich hineinlächle. Vor ein paar Tagen haben sie ein Video gedreht und dabei einen kunterbunten Specht aufgenommen. Ein wunderschönes Exemplar, was ich in der Form hier so nie zuvor gesehen hatte. Sohn2 hat mit etwas Unterstützung den Specht auf’s Papier gebannt. Wunderbar! Als nächstes wollen wir irgendwann, wenn genügend Material vorhanden ist, versuchen einen kleinen Film zurecht zu schneiden. Wie ihr sehen könnt, führt eines zum anderen. Ich bin gespannt, was ihnen noch alles einfallen wird.


Wie und womit habt ihr am liebsten früher gespielt? Was treiben eure Kinder am liebsten in ihrer Freizeit?

Kommentare:

  1. Yeah! Sehr sehr sehr sehr schön.
    Und ja, ich gebe dir recht, auch ich habe meine Kindheit mehr draussen als drinnen verbracht, musste pünktlich zum Essen daheim sein und stromerte rum - und ich fand es toll.
    Ab und zu brauchen die Kids vielleicht etwas mehr als nur einen kleinen Denkanstoss und dann klappt das auch. Manchmal ist es ein Kampf, aber wenn die ersten störrischen Momente vorbei sind, ist die Begeisterung gross. Von daher - dranbleiben und auf das Video freue ich mich sehr.
    LiebGruss und tollen Wochenstart!

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  2. Die Welt ist draußen, nicht drinnen. Keiner der Entdecker war Stubenhocker :-). Eine Kindheit ohne Entdeckungen ist keine wirkliche: entdecken, erkunden, erproben, wie könnte man Leben besser lernen und BEGREIFEN. Es ist mitreißend Euch zu begleiten und erinnert mich sehr an die Touren, die ich mit meiner jüngeren Schwester durch den heimischen Wald gemacht habe UND wovon wir uns heute immer noch gegenseitig erzählen. Es verbindet uns, obwohl wir so weit voneinander entfernt wohnen.

    Grüße aus dem Norden
    Beate

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  3. Du bist ein wunderbare Motivatorin!
    Ich glaube, das Zauberwort meiner Kindheit war: Ungestörtheit. Obwohl in der Stadt aufgewachsen, waren wir in Rudeln unterwegs, kannten die Löcher in jedem Gartenzaun und die geheimen Wege durch Keller und Dachböden. Mindestens 30 Kinder wohnten in unserer recht kurzen Straße. Telefonieren, verabreden- das gab es nicht. Man hörte ja, wenn jemand draußen spielte. Alle Erwachsenen kannten jedes Kind. Ein Butterbrot konnte man überall bekommen. Allerdings auch eine Ohrfeige, wenn man beim Äpfelklauen erwischt wurde. Der Sommer war endlos und wurde fast ausschließlich auf Rollschuhen verbracht. Es gab noch viele Trümmergrundstücke aus dem Krieg. Geisterhäuser, deren Betreten streng verboten und grad darum reizvoll war, und verlassene Gärten.
    Was es jedenfalls nicht gab waren Eltern, die ihre Kinder ununterbrochen beaufsichtigten. Und wenn es doch mal solche Ansätze gab bei einem bedauernswerten Kind, so war das sehr befremdlich und wir hatten Mitleid mit dem armen Tropf, der all die Abenteuer nicht miterleben konnte, weil er sich nicht dreckig machen durfte oder immer so früh zu Hause sein musste...Ach, früher war nicht alles besser, schon gar nicht in den 60gern, schon gar nicht die Ohrfeigen.... Aber dass die Eltern nicht so hyperaktiv um uns herumgekurvt sind, das war schon wunderbar.
    Danke für das Erinnerung hervorlocken und liebe grüße!
    Lisa

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