23 Juli 2014

Das Vermächtnis meines Vaters

 

Es ist bereits einige Zeit her, daß diese Unterhaltung mit meinem Vater während einer Pause auf der Parkbank stattgefunden hat. Sie ist mir so kostbar, daß ich sie mit euch teilen möchte. Auf unseren Spaziergängen habe ich stets meine Kamera dabei. Während mein Vater sich etwas ausruht, fummle ich daran herum, habe die Videofunktion eingeschaltet. Ich filme ihn und stelle ihm spontan folgende Frage: 

"Papa, wenn du der Nachwelt eine Botschaft zu hinterlassen hättest, was wäre das?"

Mein Vater schaut teilnahmslos geradeaus. Mir ist, als hätte er mich garnicht gehört, so abwesend wirkt er. Gerade will ich die Kamera ausmachen und aus der Hand legen, fängt er plötzlich an zu sprechen.

"Das Leben ist schön."

Mir stockt der Atem, und ich filme weiter.

"Hast du dein Leben genossen, Papa?"

"Oh ja! Das habe ich..."

Ich bin völlig fassungslos, habe ich doch weder mit einer Antwort gerechnet, noch mit solcher Tiefsinnigkeit, zu der mein Vater trotz seiner schweren Demenz überraschenderweise immer mal wieder in der Lage ist. Er spricht weiter:

"Das Leben ist schön! Und ich habe es genossen. Manch' einer weiß noch nicht einmal, daß er etwas zu genießen hat. Man muß das Leben genießen."



In der vergangenen Woche war ich unendlich angespannt. So Vieles gab es noch zu erledigen, oder zu bedenken vor der Abreise. Der Abschiedsschmerz tat sein Übriges. In den Monaten, die mein Vater hier mit uns gelebt hat, haben wir, habe ich, mein Bestes gegeben. Als ich ihn ein letztes Mal wusch und zu Bett brachte, gab ich mir alle Mühe, ihm freudestrahlend mit bleischwerem Herzen mitzuteilen, daß nun endlich seine letzte Nacht bei uns angebrochen sei. Daß er am nächten Tag in seine geliebte Heimat zurück fliegen werde. Ein letztes Mal habe ich seinen Koffer gepackt. Ich habe zwei Nachtschichten eingelegt, um ihm zwei Fotoalben mit unseren gemeinsamen Fotos aus dieser Zeit mitzugeben, die er sich dort anschauen kann. 

Am letzten Tag vor seiner Abreise goß ich im Garten die Pflanzen, während er mir zusah.
"Seni, bahçeyi sularken hayal edeceğim..." ("In meinen Gedanken werde ich dich sehen, wie du den Garten gießt..."), sagte er da zu mir. Ich habe ihn daraufhin wortlos in meine Arme genommen.



Mein Vater ist wohlbehalten an seinem Zielort angekommen. Bis ich diese Nachricht erhalten habe, war ich einer Ohnmacht nahe. Ich wünsche ihm, daß er sich dort schnell wieder einleben und bei der Haselnußernte die Hilfe sein kann, die er immer so gerne sein wollte.

Auch wenn Vieles mit reichlich Arbeit verbunden war, so fehlt mein Vater uns allen hier sehr. Wir hatten so viele Rituale, und unsere gemeinsamen Tage liefen reibungslos ab. Alles war besser mit ihm, als ohne ihn zu sein. Er fehlt mir sehr.

Kommentare:

  1. Mal wieder habe ich einen dicken Klos im Hals. Mir fällt gerade ein, dass dies so ein ähnliches Gefühl für dich sein musste, deinen Vater gehen zu lassen, wie ich als Kind meine Omi in den Westen fahren lassen musste. Schon nach drei oder vier intensiven Wochen. Wir waren "dickste Freunde". Es schnürte mir die Luft ab und den Schmerz konnte ich als Kind nicht ertragen. Ich fühlte mich danach furchtbar einsam. Sie war ja in den ersten zwei Jahren meines Lebens praktisch meine Mutter.
    Ich drücke und umarme dich (((♥)))

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  2. Wie gut, dass er wohlbehalten zuhause angekommen ist! Und wie schwer für dich, ihn gehen zu lassen... nach allem, was du hier mit uns geteilt hast, ahne ich, wie sehr er dir fehlt.
    Ich möchte dir für diese warmherzigen und tiefempfundenen Berichte danken, sie haben mich zum Nachdenken über so manches gebracht (ich schreibe dir, sobald ich Ruhe dazu habe).
    Ich wünsche dir Frieden für dein Herz und nehme dich in den Arm -
    Brigitte

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  3. Das geht mir sehr nah, liebe Pünktchen. Die wirklich wertvollen Dinge des Lebens haben nichts mit Geld zu tun, sondern mit dem Leben, mit uns und den Menschen, die uns umgeben. In diesem Sinn hoffe und wünsche ich Euch einen neuen Sommer.

    Beate

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  4. Ich kann meine Gedanken jetzt leider nicht in Worte fassen,
    Deinem Paps wünsche ich noch schöne unbeschwerte Jahre.
    Liebe Grüße
    Nähoma

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  5. Sehr bewegende Worte, regen zum Nachdenken an und geben einen dennoch Hoffnung.
    Es freut mich, dass dein Dad gut angekommen ist.

    Liebe Grüße ♥

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  6. Eure Herzen bleiben beieinander, das hab ich all die letzten Post herausgelesen. Dieses Loslassen muss schlimm, schwer, unvorstellbar sein ....
    Alles Gute für Deinen Papa
    viele Arme die Dich halten wünscht Dir
    Elisabeth

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  7. In jedem deiner Worte steckt eine so unendlich große, bedingungslose Liebe!
    Mir fehlen mal wieder die Worte,
    alles Liebe für dich und deine Familie!

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  8. Wie hast du das nur geschafft???
    Ich kann immerhin mich ins Auto setzen & in drei Stunden dort sein...
    Denk an dich im fernen W.!
    LG
    Astrid

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  9. Über die liebe Astrid habe ich zu Dir gefunden und bleibe gleich hier! Obwohl ich absolut nicht mitreden kann, weil ich meinen Vater schon als Jugendliche verloren habe, berührt mich Dein Post sehr. Und der davor auch, das Buch hat mich vor zwei Jahren tief bewegt.
    Genieße jede Minute, die ihr miteinander verbringen könnt.
    Ganz liebe Grüße,
    Karin

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  10. Liebes Pünktchen,
    Du hast die Zeit mit deinem Vater intensiv erlebt und sie wird in deinem Herzen bleiben! Wie sehr du ihn liebst zeigt sich auch dadurch, dass du ihn losgelassen hast. Sicher fahrt ihr ihn bald besuchen, oder?
    Liebe Grüße
    Sandra

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