16 Juli 2014

Arno Geiger - "Der alte König in seinem Exil"

 

Sandra  hatte mich mit einem ihrer Kommentare erstmals auf dieses Buch aufmerksam gemacht, später auch Brigitte. Ich hatte also mitbekommen, daß es dieses Buch gibt und hatte sogleich erste Auszüge aus dem Internet dazu gelesen. Gestern bekam ich direkt zwei Mal Post: im ersten Umschlag kamen von Roswitha zwei Bücher für die kleinen Herren an, neben so freundlichen Zeilen für mich. Brigittes Päckchen enthielt ihr zweites Exemplar, welches sie mir netterweise mit ebenso freundlichen Worten zuschickte. Mein Vater war dabei, als ich alles auspackte. Er weiß, daß ich hier auch über ihn schreibe und seine Krankheit thematisiere. Er findet das gut. Zum Thema Demenz hat mein Vater eine ganz klare Meinung: 

"In der Türkei ist Demenz nicht wichtig!", sagt er.
"Wie meinst du das?"
"Dort gibt es die Familie. Sie kümmert sich. Da ist das nicht schlimm."

Das heißt aber nicht, daß ihm sein Zustand nicht bewußt ist, und er die stetig voranschreitenden Verluste nicht schmerzhaft zur Kenntnis nimmt. "Was ist nur aus mir geworden?", sagt er dann. 

Als ich ihn kürzlich rasierte und wusch, ihm frische Sachen anzog, sagte ich: 

"So, jetzt siehst du mindestens zehn Jahre jünger aus. Du siehst wirklich toll aus Papa!"
"Ja, so toll wie ein Sportwagen mit kaputtem Motor..."


Ich erzähle ihm grob, wovon das Buch handelt und sauge es die nächsten fünf Stunden in mich hinein...                                                            

Nicht, daß ich so anmaßend wäre mich mit einem gestandenen Schriftsteller vergleichen zu wollen, aber zeitweilig ist mir, als hätte ich einzelne Passagen dieses Buches selbst geschrieben. So viele Begebenheiten daraus sind mir auf erschreckende und sogleich tröstende Weise vertraut. Und beim Lesen schmerzt mich erneut die Tatsache, daß ich erst vor vier Monaten begriffen habe, wie es um meinen Vater steht. Auch der Familie Geiger ging es so. Besonders die Dialoge, die Arno Geiger mit seinem Vater im Buch aufführt, haben mich interessiert. Und auch da gibt es verblüffende Ähnlichkeiten. 

"Mein Kopf ist steckengeblieben", sagt mein Vater, als er merkt, daß ihm die Worte fehlen. Er hat manchmal Wortfindungsschwierigkeiten, redet auch mal wirr, so daß man Mühe hat ihm zu folgen. Dann sagt er völlig zusammenhangslose Sachen wie: "So, jetzt kannst du den halben Apfel zurück senden." Solche Sätze lassen mich allein in meiner Ratlosigkeit. Mit normalem Verstand ist da nicht hinterher zu kommen. Wo ich früher angefangen hätte mit Gegenfragen weiter zu bohren, wohlmöglich noch zu diskutieren, um ihn gänzlich zu verunsichern, aufzuregen oder gar zu ängstigen, gebe ich jetzt nach. Ich sage dann: "Ist gut, mache ich Papa."


Wenn ich meinen Vater anschaue, sitzt er am liebsten vor der Haustür, schweigt und beobachtet. Oft senkt er sein Haupt und bedeckt mit den Händen das Gesicht, um so den schwer gewordenen Kopf abzustützen. Wer kann schon wirklich ermessen, was für eine bleierne Leere sich in seinem Kopf ausbreitet... In den letzten Monaten habe ich ihm immer wieder Angebote gemacht, in der Hoffnung ihn etwas zu "beleben" in seiner Monotonie. Neben unserem täglichen Spaziergang gehörte es ebenfalls zu meinen Angeboten, daß wir aus einer Masse Figuren formen. Mein Vater hat das bereitwillig mitgemacht, jedoch konnte ich keine nennenswerte Schaffensfreude  an ihm entdecken. Früher war er so kreativ - mit seinen Händen, seinem Geist, er hat so gut und gerne gezeichnet und gemalt. Als ich ihm irgendwann eine Leinwand auf den Tisch packe und ihn frage, ob er nicht etwas mit den Farben malen möchte, sagt er: "Hätte ich das gewußt, wäre ich schon früher zu Bett gegangen." Dennoch nimmt er die Farben mit dem Pinsel auf und trägt diese ganz behutsam auf. Am Ende entstehen zwei abstrakte Bilder in kleinerem Format, die er sogar mit einem Kürzel seines Namens signiert. "Fertig!", sagt er erleichtert und lacht. Für ihn scheinen sie weiter keine Bedeutung zu haben. Für mich bedeuten sie die Welt...

Ein lauer Sommerabend. Ich mache ein großes Feuer im hinteren Garten. Die Söhne freuen sich sehr darüber, bedeutet das doch eine lange Nacht auch für sie. Mein Vater geht meist früh zu Bett. Auch an diesem Abend ist es so, daß er sich bereits zurück gezogen hat. Dennoch gehe ich nochmal zu ihm und sage, wie schön es wäre, wenn er sich aufraffen und sich nochmals zu uns gesellen könnte. Zu meiner großen Überraschung kommt mein Vater tatsächlich in Schlafkleidung heraus. Es sind Momene wie diese, die ich festhalten möchte für die Ewigkeit. Die kleinen Herren, mein alter Herr und ich sitzen am lodernden Feuer und nagen frisch gegrillte Maiskolben ab. Seitdem mein Wortschatz unfreiwillig um die Begrifflichkeit der Demenz erweitert wurde, fürchte ich mich vor einer Sache ganz besonders: vergessen und somit bedeutungslos zu werden. Ich habe furchtbare und leider durchaus berechtigte Angst davor, daß mein Vater mit der Zeit sich, uns und unsere gemeinsame Geschichte einfach vergessen wird. Und völlig unkontrolliert bricht alles aus mir heraus: "Papa, bitte... bitte vergiß uns nicht! Bitte vergiß mich nicht!" Mein Vater nimmt mich in seine Arme und wir schluchzen: "Wie..., sag' mir, wie könnte ich dich..., euch je vergessen? Wie soll das gehen??..." 

Seitdem mein Vater wieder bei uns ist, habe ich unzählige Bilder von ihm gemacht. Immer wieder. Es gibt sogar zwei Videosequenzen mit ihm, die mir unendlich kostbar sind. 

"Was machst du da?", fragt mein Vater.
"Ich mache Bilder von dir".
"Warum tust du das?"
"Das soll mich trösten, wenn du wieder zurück in der Türkei bist, und ich dich nicht mehr sehen und in meine Arme nehmen kann."
"Du wirst allein sein...  allein."
"Allein nicht, aber ohne dich werde ich sein."
"Zerrissen..."
"Was ist zerrissen...?", frage ich irritiert, während mein Blick oberflächlich seine Kleidung absucht.
"Die eine Hälfte dort, ihr hier."
"Egal wo du bist, immer wirst du tief in meinem Herzen sein. Und ich weiß, daß wir auch in deinem sind. Dort werden wir uns begegnen."
"Die Liebe bleibt", sagt mein Vater.


Mein Vater ist an Demenz erkrankt. Daran gibt es nichts zu beschönigen. Aber ich empfinde es auch nicht hilfreich ausschließlich von der Düsternis dieser Krankheit zu erzählen, noch mehr Angst zu schüren, als die Menschen ohnehin schon bei so einer Diagnose haben. Jeder Betroffene und seine Angehörigen müssen im Laufe der Zeit ihren ureigensten Weg im Umgang damit selber finden.  Die Krankheitsverläufe können individuell verschieden sein, oder sich auch ähneln. In Arno Geigers Buch habe ich meinen Vater und uns sehr oft wieder gefunden. Es ist ein so zärtliches, so berührendes Buch über die Liebe. Ich verurteile niemanden, der andere Wege geht, als wir das tun. Alleinig ausschlaggebend für mich und mein Handeln ist, was der Wunsch meines Vaters ist. Für mich war mein Vater immer ein sehr charakterstarker, kluger, ja beinahe schon ein weiser Mann. Das ist z.T. immer noch deutlich sichtbar. Und wenn er wieder zurück gekehrt sein wird in sein geliebtes Heimatland, in den Schoß der Familie, dann... ja dann wünsche ich ihm Menschen, die nicht nur wissen, wer er mal war, sondern auch sehen und spüren können, wer er noch immer ist.




Kommentare:

  1. Das Buch wollte mein Bruder mir zu meinem Geburtstag vorbeibingen - bis heute nicht passiert, weil wir uns momentan nicht treffen, sondern die Zeit nutzen, um bei den Eltern abwechselnd vorbeizuschauen... Ja, die bäuerliche Familienkultur fängt Einiges auf. So ist es bei meinen Eltern auch - ein Trost für uns hier in der ( relativen ) Ferne. Aber irgendwann kommt diese Krankheit an einen Punkt, wo das alles nicht mehr zu leisten ist. So bei uns.
    Inzwischen ist es bei meinem Vater aber so weit, dass er mit seinem Zustand zurecht kommt und nicht mehr klagt, wie noch an meinem Geburtstag vor einem halben Jahr. "Du hast einen Deppen zum Vater", sage er am Telefon zu mir.
    Ach ja, es ist eine echte Prüfung.
    Drück dich!
    Astrid

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  2. liebe,
    ich habe das buch ebenfalls aufgesaugt und auch so viele parallelen entdeckt, gespräche wiedergefunden, niedergeschriben von wem anderen, die so sehr denen mit meiner großmutter glichen, manches mal wort für wort.
    ja, es ist wichtig, menschen um sich zu haben, die wissen, wer man war, aber auch erkennen, wer man jetzt ist.
    ich drück dich fest!
    dania

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  3. Mein Buch in den Händen deines Vaters - das berührt mich sehr... ebenso wie alles, was du von ihm und euch erzählst in deiner ganz eigenen, zutiefst liebevollen und klaren Art.
    Ich freue mich, dass das Buch gut angekommen ist bei dir (im doppelten Wortsinn)!

    Brigitte

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  4. Bei deinen Posts über deinen Papa kann ich nie anders als weinen, du weisst warum. Mein Vater fehlt so sehr. Er fehlte schon, als er noch am Leben war und doch war er noch da. Ich weiß, dass jede Krankheit anders verläuft, aber vielleicht ist es dir ein Trost zu hören, dass mein Vater sich bis zum Schluß, als er nicht mehr wusste wo er war, was passierte und wer die Menschen um ihn herum sind immer an mich und meinen Sohn erinnert hat. Immer ging ein Strahlen über sein Gesicht, wenn wir ihn besucht haben, immer war seine erste Frage "Was kann ich für dich tun?" - obwohl er nichts mehr tun konnte. So grantig er mit seinem Umfeld war, für uns blieb er immer zugänglich. "Was möchtest du tun?", "Sag mir, wenn du Hilfe brauchst." und "Ja Papa, mach ich." statt Genervtheit, Nachfragen, Insistieren und Entmündigen ist ein guter Weg dorthin.
    Die Liebe bleibt.

    Fühl dich gedrückt,
    Katja

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  5. Es ist so wundervoll, wie du über deinen Vater, euer Verhältnis schreibst. Mir sind vor Rührung die Tränen gekommen. Und sofort musste ich auch an meine Oma denken, die aber wohl eher alterssenil als dement war (sage ich jetzt mal so laienhaft). Ich war einmal bei einer Lesung von Tilman Jens. Der wurde davor in der Presse wahninnig heruntergemacht und in dieser Lesung habe ich so einen liebevollen, sensiblen Mann "kennengelernt". Das Thema berührt mich immer sehr, denn man weiß nicht was auf einen zukommt. Ich wünsche dir ganz viel Kraft, Geduld und ganz lange Nähe mit und für deinen Vater.
    Schöne Grüße
    Jutta

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  6. Anonym18.7.14

    Hallo Papatyam,
    seit einiger Zeit lese ich hier gerne. Demenz ist schon ein Thema in der Tuerkei. Es gibt da den ausgezeichneten Film "Pandoranin Kutusu", der hat mich tief bewegt.
    Als Literatur empfehle ich noch "Vergiss Alzheimer" von Cornelia Stolze. Da geht es mehr um den medizinischen Aspekt und die geschaeftliche Lobby dahinter.
    Es waere schoen wenn alle Alzheimererkrankten so liebevoll wie Dein Vater betreut werden koennten.
    Gruesse
    Defne

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  7. Als ich es zum ersten Mal las konnte ich nicht kommentieren. Es gibt für mich auch nichts hinzuzufügen zu den Kommentaren. Ich denke in diesen und den nächsten Stunden sehr an dich und deine Familie.
    (((Sei liebevoll und fest umarmt.))) Roswitha

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  8. Vielen Dank für Deinen Kommentar bei mir und dass ich Dich dadurch gefunden habe. Das Buch habe ich meinem Mann geschenkt, als bei seinem Vater die Diagnose Demenz gestellt wurde. Du findest so schöne Worte und das Du Dein Erlebtes mit uns teilst finde ich bewunderswert. Liebe Grüße, Viola

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  9. Ich bin so berührt von deinen Blogposts über deinen Vater und könnte auf der Stelle losheulen...

    LG Steffi

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  10. Bin ich froh, dass es dir gefallen hat!
    Es zählt zu den wichtigsten Büchern in meinem Leben und ich musste immer an dich und deinen Vater denken, als ich es las! Schon komisch, wie Internetkontakte auf einmal Teil des Lebenswerden,oder?
    Besuch deinenPapa und überzeuge dich, dass er Menschen hat die ihn annehmen! Oder bring ihnenbei, wieman es macht!
    Gros bisou
    Sandra

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