28 Mai 2014

Rollenwechsel, oder when nothing goes right, go left

 

Mit Entsetzen habe ich festgestellt, daß die Hälfte der Zeit, die mein Vater bei uns bleiben will, bereits um ist. Sie sind so unfaßbar schnell vergangen die Wochen, so daß ich beim Blick in den Kalender innerlich für einen kurzen Moment starr vor Schreck war. In diesen Wochen habe ich viel gelernt. Ich habe gelernt, daß nicht mein Wille zählt, wenn ich bei meinem Vater etwas bewegen will. Ich habe begreifen müssen und begriffen, daß ich nichts erzwingen kann, wozu er längst nicht mehr in der Lage ist. Ich habe erkannt, daß nur ein Vollidiot den Weg weiter gehen würde, den ich zu Anfang eingeschlagen hatte. Mein Vater war immer ein überdurchschnittlich guter Lehrmeister für mich. Auch jetzt noch lehrt er mich so Vieles. Er ist in nahezu allen Dingen so geworden wie ein kleines Kind. Und die sind, wie wir alle wissen, oftmals 1a darin, das Unvermögen ihrer erwachsenen Bezugspersonen zu spiegeln, nicht wahr?! Zwei Mal ist mein Vater mir gegenüber sehr heftig geworden. Ich war bestürzt und traute meinen Augen und Ohren kaum. Viele Tränen habe ich vergossen vor Kummer und Schmerz, weil er mir so fremd war in diesen Momenten. War das noch mein Vater?? Der Vater, den ich von früher kannte, den gibt es so nicht mehr. Manchmal erinnert nur noch die vertraute, äußere Hülle an ihn, oder selten klar geäußerte Gedanken, zu denen er noch überrschenderweise in der Lage ist.. Ein Rollenwechsel hat schon längst statt gefunden, aber füllte ich meine derzeitige Rolle gut aus...? Ich habe nächtelang wach gelegen, getrauert, still geweint. Ich wußte nicht weiter vor lauter Verzweiflung. Bis ich mich durch meinen Vater an viele Begebenheiten mit meinen einstigen Kleinkindern erinnert fühlte. Und ganz allmählich dämmerte es mir: mein Vater ist keine Belastung - er ist ein Geschenk!!! Diese Sichtweise änderte mein ganzes Denken, Handeln und Fühlen. Nicht er mußte sich uns anpassen, sondern wir ihm. Wie konnte ich nur so blöd sein?! Also machte ich ihm immer wieder Angebote, ohne ihn zu überfordern. Und siehe da: seither läuft alles so viel leichter. Kein Widerstand und Gebocke bei meinem Vater, keine Tränen der Verzweiflung bei mir... Stattdessen viel Gelächter, kleine Verrücktheiten, gelöste Heiterkeit, innige Nähe und...  grenzenloses Vertrauen. Mein Vater kann nur noch sehr schlecht zu Fuß gehen, er hat nur noch wenig Kraft und Ausdauer. Was er aber verdammt gut kann, das ist fühlen. Und das hat mich auf Ideen gebracht.

"Babacığım, sollen wir etwas Schönes miteinander erleben?"
"Ja", sagt mein Vater und sitzt als erster angezogen erwartungsvoll im Wagen.

Wir machen eine kleine Überlandfahrt. Mein Vater schaut sich die weiten Felder ringsum an. Die grell blühenden Rapsfelder bilden einen so unbeschreiblich schönen Kontrast zu dem strahlend blauen Himmel. Ich kann mich daran erinnern, wie sehr er den Duft von blühendem Raps liebt. Ich steuere auf ein Feld zu und parke den Wagen am Feldrand. 


"Was machen wir hier, Mama?", fragen die kleinen Herren aus dem Hintergrund.

 

 

 
 

"Wir wollen lauschen", sage ich. "Lauschen mit den Ohren und unseren Herzen. Wir wollen die Augen aufmachen und schließen. Durch die Nase tief einatmen. Alles aufnehmen und wirken lassen - denn aus all dem ist das Leben gemacht", sage ich. 


 

Und eine kleine Familie verschwindet im Rapsfeld... und kommt übersät mit gelben Blütenpollen eine Dreiviertelstunde später wieder heraus.

"Baba", sage ich, als ich meinen Vater am Abend ins Bett bringe. "Sag', hat dir unser kleiner Ausflug gefallen?"
"Oh ja!", sagt mein Vater. Und lachend fügt er hinzu: "Du bist toll... und verrückt, mein Kind!"
"Ja, erwidere ich lachend. "Das habe ich definitiv von dir!"

 








Kommentare:

  1. Anonym28.5.14

    Liebes Gänseblümchen
    herzlichen Dank für deine wertvollen Blogbeiträge. Wundervoll dein Umgang mit deinem Vater, ich bewundere dich sehr. Mögest du weiterhin das liebevolle Verständnis für ihn haben und darin vielen als Vorbild dienen. Liebe Grüsse von einer Oma

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    1. Liebe Unbekannte, ich erwarte keinesfalls Bewunderung. Ich wollte lediglich aufzeigen, daß wenn manch' eine Tür geschlossen wird im Leben, sich tatsächlich andere auftun. Und die Liebe, die jeder von uns in sich trägt ermöglicht es, diese Türen auch zu sehen. Vielen Dank für deinen Beitrag.

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  2. Oh, was für ein schöner Beitrag! Und so tolle Bilder! Jetzt hatte ich tatsächlich Gänsehaut und Tränchen in den Augen.
    Du bist so stark!
    Liebe Grüße!

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  3. Liebe Pünktchen, mir kommen vor Be-rührung die Tränen. Du bist unglaublich :°°°°°°°0

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  4. Das ist "Liebe", Du bist einmalig ... aber das weisst Du ja, dass Du für Deinen Vater einmalig bist.
    So ein wundervoller Post mit solch kräftigen Bildern!
    Danke, ich hab von Dir gelernt .....
    liebe Grüsse
    Elisabeth

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    1. Liebe Elisabeth, ich lerne... von meinem kranken, alten Vater. Nur weil man besser funktioniert als sein Gegenüber heißt das nicht, daß man alles besser weiß und dieser Mensch Unrecht hat. Mein Vater ist inzwischen tatsächlich wie ein kleines Kind, und wenn die aus der Haut fahren, hat das in der Regel auch einen Grund. Es lohnt, hinter die Reaktionen zu schauen. Liebe Grüße.

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  5. Deine Post ist so toll ich habe sie so verschlungen wie wunderbar du mit der Situation umgehst deine Bilder sind wunderschön und sehr berührend .Was ich noch so schön finde deine Jungs lernen so viel von dir und deinen Vater und das bleibt hängen ,das ist wirklich schön wen Kinder mit älteren Menschen ihre Zeit verbringen .lg galina

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    1. Liebe Galina, ja, ich bin immer schon eine Befürworterin der Großfamilie gewesen. Leider bin ich bis auf meine ersten Lebensjahre in großer Familiengemeinschaft und die Besuche meines Vaters, nicht in diesen Genuß gekommen. In der Großfamilie profitieren alle voneinander. So eine Gemeinschaft ist unglaublich kostbar.

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  6. Du Liebe, jetzt guck ich nach längerer Pause mal wieder bei dir - und hab beim Lesen Tränen in den Augen...
    Wie schön du das beschreibst: "Lauschen mit den Ohren und unseren Herzen..." - wundervoll!
    Ganz liebe Grüße
    Christiane

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  7. Da machst du mal wieder etwas durch, was ich momentan erlebe. Aber ich bin mit meinem Fühlen & Denken noch nicht so weit und habe auch nicht die Kraft, so zu handeln wie du. Aber ich weiß, dass es so, wie du es machst richtig ist.
    Kann dein Papa unter diesen Umständen alleine in die Türkei zurück?
    Ganz liebe Grüße
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, ich war wochenlang "blind". Ich habe nicht sehen wollen/können, wo mein Vater inzwischen steht. Es hat Zeit und Erlebnisse gebraucht, damit ich begreifen konnte. Irgendjemand schrieb in den letzten Wochen als Kommentar, daß mein Vater vielmehr im Hier und Jetzt leben würde, als wir alle es tun würden. Daran muß ich immer wieder denken, denn es ist wahr. Alleine könnte mein Vater nicht mehr zurück in die Türkei, aber mit einer organisierten Hilfe, wird es hoffentlich auch diesmal klappen. Liebe Grüße.

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  8. Von dieser Art Verrücktheit müsste es noch viel, viel mehr geben! Was für ein Ausflug - deine Jungs werden nie vergessen, wie sie mit dem Großvater im Rapsfeld waren.
    Ach Pünktchen, loslassen ist schwer, für die Jungen wie für die Alten...
    Ich wünsche euch noch eine tröstliche Zeit mit viel Wärme und Nähe.
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, ich glaube, diesen Tag werde auch ich nie vergessen. Mein Vater schafft es nur noch sich mit kleinen Verschnaufpausen so an die halbe Stunde, Dreiviertelstunde auf den Beinen zu halten. Als er erschöpft war, setzte er sich einfach mit unserer Hilfe auf die Erde - und wir setzten uns dazu. Ich kann garnicht sagen, wie selbstverständlich und so unglaublich schön das war. In unserem Dorf gab es in Papa's Kindheit auch viele Rapsfelder. Er erzählte uns etwas dazu und wir lauschten gebannt. Ja, Papa ist ein Geschenk, weil er Dinge mitmacht, die so viel Schönes und Intensives ermöglichen, die der Normale nicht in Betracht ziehen würde. Als wir aus dem Rapsfeld kamen, sahen wir aus wie gelb paniert. Eine Riesensauerei eigentlich. Aber wir waren alle so beseelt. Ich danke dir für deine guten Wünsche Brigitte.

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  9. Danke für Deine berührenden Worte und Bilder. Wenn doch nur viel mehr Menschen so mit dem Herzen sehen könnten wie Du!
    Ich wünsche Dir noch viele solch berührende Momente mit Deinem Vater.
    LG
    Tanja

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  10. Du Liebe, bist eine wirkliche Künstlerin. Eine Lebenskünstlerin. Rapsfeldlauschen. Wunderbar. Spuren im Herzen, die nie vergessen werden.
    Meine Mutter hat mich in ihren letzten Jahren auch immer öfter "Mutter" genannt. Ich habe das anfangs kaum ertragen können, obwohl ich diese Rolle schon seit Jahren für sie eingenommen hatte. Als ich merkte, dass es die Liebe war, und nicht der Anspruch, der durch dieses Wort sprach, wurde es gut und beglückend. Und alles floß wieder. Ich wünsche Euch eine wärmende Zeit miteinander. Und denk dran: Bei allem Loslassenmüssen- die Liebe höret niemals auf.
    Herzlichst
    Lisa

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    1. Liebe Lisa, mir sind beim Lesen deiner Zeilen die Tränen gekommen. Ja, "Mutter" ist eine so liebevolle Auszeichnung - so nennt man nur eine einzige, sehr bedeutsame Person im Leben. Wie passend muß das für deine Mutter gewesen sein, dich damals so zu nennen. Und wie erlösend das gewesen sein muß, nicht den Anspruch, sondern die Liebe daraus sprechen zu sehen. Danke Lisa.

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  11. Dein Beitrag berührt mich sehr. Es ist sicherlich eine schwere aber auch eine sehr erfüllte Zeit die ihr als Familie mit deinem Vater habt. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und *verrückte* Ideen für eure verbleibenden gemeinsamen Tage.
    Liebe Grüße Papatya

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  12. Ach, mein liebes Pünktchen.... Deine Beiträge haben immer so viel Aussagekraft, so viel Wärme, so vel Tiefgang Sie berühren einen immer mitten ins Herz, wirken noch stundenlang nach....und lassen mich jedes mal aufs neue denken: "Du bist so eine tolle Mutter, so eine gute Mutter...eben weil Du ein so wunderbarer MENSCH bist....durch und durch..."

    Dafür mag und schätze ich Dich sehr!

    Liebste Grüße
    Ayse

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    1. Es sollte "....eine gute Tochter.." heißen, sorry.

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  13. Wo geht dein Papa denn hin? Das wird traurig sein, so ohne ihn auf einmal! Macht noch viele verrückte Sachen!
    Gros bisou
    Sandra

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  14. Ihr Lieben alle, ich danke euch allen sehr für eure Rückmeldungen. Wenn es eines gibt, was ich begriffen habe im Umgang mit meinem Vater, dann daß nichts von seinen Reaktionen grundlos geschieht. Im Grunde genommen wird er nur "heftig", wenn ich etwas "falsch" mache. Daher denkt immer daran, wenn ihr mal mit alten Menschen zu tun habt, euer eigenes Handeln UNBEDINGT zu hinterfragen. Genausowenig wie eine frischgebackene Mutter schlaue Ratgeber lesen muß, denn das Baby "sagt" ihr ganz klar, was es braucht, braucht ihr auch im Umgang mit alten Menschen lediglich auf euer Herz und Bauchgefühl zu hören. Und wenn alle Stricke reißen... dann ist es gut sich zu fragen, was man sich selbst, in diesem oder jenem Moment, in der gleichen Situation von anderen wünschen würde. Macht es gut miteinander! Alles Liebe.

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  15. Liebe Pünktchen,
    Darf ich dir ein wunderbares Buch ans Herz legen?
    Arno Geiger: "der alte König in seinem Exil"
    Ein Sohn lernt mit seinem alzheimerkranken Vater zu leben und umzugehen! Sehr zart und sehr lieb entwickelt er Verständnis für das Langsame Verlorengehen der Erinnerungen und das Gefühl und die Angst des Vaters kein zu Hause mehr zu haben, weil er sich nicht mehr zurecht findet, aufzufangen!
    Ich musste am Anfang ziemlich weinen, aber es wird zum Ende hin immer weniger traurig!

    Das Buch ist selbst für Kinder deren Eltern einfach "nur so" alt werden eine Bereicherung!
    Gros bisou
    Sandra

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