05 Mai 2014

Irrungen und Wirrungen

Hallo? Ist noch irgendwer da?? Würde mich fast wundern, so rar, wie ich mich hier gemacht habe. Aber es gibt nun einmal wichtigere Dinge im Leben als das Bloggen. Trotzdem möchte ich euch einwenig erzählen von den vergangenen zwei Wochen und dem, was sich u.a. hier ereignet hat.


Glücklicherweise hatten auch wir hier im hohen Norden einpaar prächtige Frühlingstage. Mein Papa hat oft im Garten gesessen und uns, den Kater oder die vielen Kinder beim Spielen beobachtet. Als ich den üppig sprießenden Löwenzahn sah, kam mir der Gedanke, daß ich erstmals mit meiner Familie Löwenzahngelee machen wollte. Während die Kinder mir beim Pflücken halfen, ruhte sich mein Vater nach dem Frühstück wieder drinnen aus. Gerade als wir unsere Ernte hineintragen wollten, hörte ich ihn meinen Namen rufen.

Der Anblick meines Vaters raubte mir für einen Moment den Atem. Er stand inmitten einer riesigen Blutlache, während weiteres Blut ihm aus der Nase herausschoß, so wie man es sich sonst aus einer geöffneten Halsschlagader vorstellen würde. Da mein Vater Blutverdünner einnehmen muß, wird in solchen Fällen aus einem sonst eher harmlosen Nasenbluten, gleich eine Katastrophe. Und die hatten wir erst kurz zuvor an einem Sonntag erlebt, als auch mein Mann noch da war. Mit Nacken kühlen etc. hatten wir die Blutung nach ca. 20 Minuten wie durch ein Wunder stoppen können. Aber in diesem Fall schlugen nahezu alle meine Bemühungen fehl. Während es aus einem Nasenloch nicht mehr herausblutete, wollte sich das andere einfach nicht beruhigen lassen. Mittlerweile sah die gesamte untere Etage aus, als hätte kurz zuvor der Axt-Mörder in unserem Haus gewütet: Das WC, Bad, Flur, Küche..., die Türen, alles, wirklich alles, war voller Blut. Am Ende mußte ich den Rettungswagen rufen. Entsprechende Unterlagen gab ich den Rettungsassisten mit, sowie meine Nummer und den Hinweis, daß mein Vater mitunter sehr verwirrt sei, er außer Frühstück noch nichts weiter gegessen und getrunken hätte. Mit gemischten Gefühlen sah ich dem Rettungswagen hinterher. Gottlob, habe ich unsere Kinder soweit es geht, auf solche möglichen Szenarien vorbereitet, und sie haben mir in dieser Situation wirklich außerordentlich gut zur Seite gestanden und beherzt geholfen, ihren Dede mit erster Hilfe zu versorgen. Während die Kinder wieder mit Freunden spielten, putzte ich die untere Etage. Kaum stand ich unter der Dusche, kam ein Anruf aus der Klinikzentrale (ca. eine halbe Autostunde von uns entfernt). Man würde meinen Vater in die Uniklinik der Landeshauptstadt (eine ganze Autostunde von uns entfernt) bringen. Ich solle von dort auf einen Anruf warten. Als ich fragte, warum man denn sowas machen würde, sagte mir die Dame am anderen Ende: "Wir haben hier leider keinen HNO-Arzt, der Notdienst hat!" Wie bitte??? In der nächsten Stadt zu uns gibt es zwei  große Krankenhäuser... und da soll es keinen HNO-Arzt geben, oder irgendwen, der diese Blutung stoppen kann? Inzwischen war ich voller Sorge um meinen Vater und mahnte mich immer wieder zur Ruhe. Die Zeit überbrückte ich damit, das Bett meines Vaters neu zu beziehen, seine Wäsche zu machen. Gegen Abend kam ein Anruf aus der Uni-Klinik. Ich könne nun meinen Vater abholen, sagte eine Schwester: "Aber bis spätenstens 20.45 Uhr! Ab dann ist hier keiner mehr. Dann bin ich im OP." Als ich sie bat, meinen Vater irgendwo so hinzusetzen, daß sie ihn im Blick hat, weil er verwirrt ist, so erklärte ich... höre ich am anderen Ende tiefes Stöhnen und schnauben... Das tat weh und versetzte mir einen deutlichen Stich in mein Herz! Für die Schwester ein offenbar lästiger Patient, für mich mein geliebter Vater.


In Windeseile schmierte ich geistesgegenwärtig einpaar Brote, nahm zu Trinken mit, die Abendtabletten meines Vaters. Den Rollstuhl warf ich hinten in den Kofferraum, Mantel, einpaar Wechselsachen, Kinder anschnallen und los gings. Eine Stunde Fahrt hatten wir vor uns. Das unübersichtliche Klinikgelände war der pure Horror dort, da sich annähernd 72 Klinikgebäude auf riesigem Areal verteilen. Was die Sache noch deutlich erschwerte war, daß ringsum diverse Baustellen die Zufahrt dorthin unmöglich machten. 20.40 Uhr - waren wir da. Das heißt: wir waren irgendwo auf dem Areal gestrandet. Parken, Rollstuhl rausholen, die Sachen alle mitnehmen. Auch hier sind mir die kleinen Herren eine immense Unterstützung gewesen. Wir sind gelaufen und gelaufen...


und gelaufen...


und gelaufen... 


und auch hieran sind wir noch weiter gelaufen. Ein Segen, daß wir den Rollstuhl dabei hatten. Diese Strecke hätte mein armer Vater zu Fuß garnicht schaffen können. Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, sprach Sohn1 ihn laut aus. Tatsächlich standen wir irgendwann vor einem total verlassen wirkenden Gebäude. Auf mein Klingeln hin, ertönte eine Stimme und gewährte uns Einlaß. Alle Türen waren verschlossen. Langsam gingen wir weiter, bis plötzlich die Schwester, mit der ich telefoniert habe, aus einem Raum kam. Zeitgleich kam mein Vater aus einem anderen Raum. Er hatte keine Schuhe an, sah sehr mitgenommen aus. Er lächelte mich sanft an und ich sagte: "Keine Sorge Papa, wir nehmen dich gleich mit!"

Während ich meinen Vater notdürftig umziehe, frage ich die Schwester, wann er denn zuletzt etwas gegessen hat. Als sie sagt, daß er nichts bekommen hätte, da sie nichts für ihn gehabt hätten, gefriert mir das Blut in den Adern. "Garnichts in zwölf Stunden?", frage ich ungläubig nach. "Er hat sehr sehr viel Blut verloren, und da habe ich ihm vorhin einen Schluck Wasser gegeben", sagt sie. Äußerlich um Ruhe bemüht, aber innerlich kochend vor Wut und Unverständnis über so wenig Hilfsbereitschaft und gesunden Menschenverstand, muß ich schlucken, nehme meinen Vater an die Hand und gehe. Sie hatten meine Telefonnummer. Hätte man nicht von irgendeinem Pizzaservice einen Salat kommen lassen können? Ich hätte das doch beglichen. Statt dessen wird mein Vater nachdem er sehr viel Blut verloren hat in zwölf Stunden mit einem "Schluck Wasser" versorgt. Ich habe ehrlich gegen meine Tränen ankämpfen müssen, so wütend, verletzt und traurig war ich.

Im Auto hat mein Vater erst einmal ordentlich gegessen und getrunken, seine Medikamente bekommen. Kurz nachdem wir losgefahren sind, sagt er: "Der Arzt war sehr freundlich. Er hat die blutende Stelle in der Nase verödet. Er hat gesagt: "Sie dürfen bis morgen bleiben!" In meinen Adern rauscht noch einmal das Blut. Hätte man mir das am Telefon nicht auch mal mitteilen können?! Nicht daß ich vorgehabt hätte, meinen Vater über Nacht in der Klinik zu lassen. Wohlmöglich hätte er auch am nächsten Morgen nichts zu Essen bekommen...

Als wir vor einigen Jahren in den Norden zogen, da fiel mir im Vergleich zur medizinischen Versorgung in NRW sofort  das Ungleichgewicht hier auf. Es dauerte beinahe zwei Jahre, bis ich einen Facharzt hatte. Ständig hieß es: "Patientenannahmestopp!" So etwas hatte ich bis dahin noch nie gehört. Ich hatte ein medizinisches Problem und fand keinen Facharzt, der mich als Patienten annahm. Also fuhr ich seinerzeit in die Klinik. Dort bekam ich zu hören, ich müsse zum niedergelassenen Facharzt. Sie dürften mich nicht behandeln. Es hieße sonst immer, die Kliniken würden den niedergelassenen Fachärzten die Patienten wegnehmen. Als ich aus meiner Tasche die lange Liste der bereits abtelefonierten Fachärzte zog, telefonierte man  herum, bis ich zu einem Facharzt konnte. Hier bekommt man erst nach Monaten einen Termin. Gerne aber innerhalb von fünf Minuten, wenn man Privat versichert ist.

Als ich mich mit jemandem darüber austausche, daß man in zwei Krankenhäusern und der ganzen Stadt keinen HNO-Arzt finden konnte, der meinen Vater notfallbedingt hätte behandeln können, stoße ich auf Unverständnis. HNO-Ärzte in Bereitschaft, das würde ja auch kosten. Ach so! Und ein Krankenwagen, der mit zwei Leuten anderthalb Stunden durch die Lande gurkt, der kostet nix, oder was?? Und wie ich nun mehrfach von unserem Hausarzt hörte, sind solche Fälle wie mein Vater keine Seltenheit. Ständig werden Leute aus unserer Region in die Landeshauptstadt gekarrt, weil es dafür hier keine Bereitschaftsärzte gibt. Ich kann das kaum glauben. Vielleicht hat sich die medizinische Landschaft in den letzten Jahren auch in NRW und dem Rest Deutschlands zum Schlechteren verändert. Ich weiß das leider nicht. 

Hoffentlich ereignen sich solche Schreckenstage nicht mehr. Meinem Vater geht es gut. Hier bekommt er alles, was er braucht. 

Aber ich will euch nicht nur mit Horror-Nachrichten überschütten. Es gibt auch reichlich Schönes. Es gab wieder unser schönes, großes Feuer bei meiner Freundin im Garten. Das ist schon alljährliches Ritual, und die kleinen Herren sind jedesmal im wahrsten Sinne des Wortes "Feuer und Flamme". Seitdem mein Vater wieder bei uns ist, nehme ich ihn überall mit hin. 


Es gab noch weitere Gäste. Wir haben Leckereien und Säfte mitgebracht, meine Freundin hatte leckere Salate gemacht, der Nächste brachte alkoholische Getränke mit etc. Etwas unbehaglich fühlte ich mich, weil direkt zu meinen Füßen dieser Geselle lag...
 
 

Glücklicherweise suchte er sich später ein anderes Plätzchen.

Als ich meinen Vater teilweise fütterte , fragte ich ihn, wie der Salat gewesen sei. "Anders, als er aussieht", sagte mein Vater. "Heißt das jetzt, es schmeckte besser oder schlechter, als er aussieht?", frage ich nach. "Besser!", sagt mein Vater. Gelächter macht die Runde. Mein Vater lacht mit. "Dein Vater ist so süß!", sagt meine Freundin zu mir. Ja, in der Tat. Das ist er wirklich. Nach einpaar Stunden wollte mein Vater wieder nach Hause. Ich habe ihm geholfen sich frisch zu machen, ihn umgezogen und zu Bett gebracht. "Baba, hat's dir auch etwas gefallen heute?" "Ja, sehr! Danke mein Kind." 


Später haben wir noch draußen gesessen, erzählt und gelacht. Alles war so zwanglos und unkompliziert. Für meinen Vater war das eine schöne Abwechslung und für mich ein ganz besonders schöner Tag, weil er wie immer bei uns üblich,  einfach mit dabei sein konnte und nicht ausgeschlossen war.


Solche Tage sind kostbar - für meinen Vater, für die Familie, aber ganz besonders für mich. Ich möchte meinen Vater glücklich sehen. Mit allem, was möglich ist.
 


Kommentare:

  1. Ach ja.... Ich könnte jetzt das Ganze noch ausführlich ergänzen, was ich seit Ende Februar in BW im Gesundheitswesen im Umgang mit meinen alten, kranken Eltern erlebt habe. Aber es bringt mir nichts, ich muss psychisch fit bleiben, sonst schaffe ich meinen Job nicht mehr & kann meine Familie nicht mehr aufbauen...
    Ich denk an dich. Genieße, was schön ist, hemmungslos!
    Herzlichst
    Astrid

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    1. "Nord-Süd-Gefälle?" habe ich weiter unten geschrieben. Ich nehm's zurück... Dummheit und Herzlosigkeit gibt es wohl überall.

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    2. Liebe Astrid, meine Mutter war die letzten sieben Jahre ihres viel zu kurzen Lebens ein schwerster Pflegefall. Wir (d.h. in erster Linie mein Vater, an den Wochenenden und zu meinen Urlaubszeiten auch ich) haben sie zu Hause gepflegt. Es gab immer wieder Phasen, in denen sie in diversen Uni-Kliniken des Landes aufgenommen werden mußte. Wenn ich hier über die Erlebnisse und unsere Erfahrungen aus diesen Zeiten schreiben würde, würde mir das kein Mensch glauben. Dessen bin ich mir sicher.

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  2. Anonym5.5.14

    Hallo liebe(s) Pünktchen,
    beim Lesen Deiner Geschichte habe ich gedacht, was mir so oft durch den Kopf geht: was machen eigentlich Menschen, die keine Angehörigen mehr haben, die sie so liebevoll begleiten? Gut, dass Dein Vater Dich und Deine Familie hat. Er scheint ein sehr lieber, dankbarer und bescheidener Mann zu sein. Es ist nicht schön, was manchmal so gedankenlos und ohne gesunden Menschenverstand geschieht bei der Versorgung kranker oder hilfloser Personen. Deshalb ist es gut, darüber zu schreiben, damit vielleicht der eine oder andere darüber nachdenken und es beim nächsten Mal besser machen kann. Ich lese regelmäßig Deinen Blog und freue mich über Deine Familiengeschichten, habe selber aber keinen Blog. Danke, dass Du uns an Deinem Leben teilhaben lässt.
    Liebe Grüße, auch an Deinen Vater, aus dem zur Zeit sonnigen Düsseldorf,
    Teresa

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    1. Liebe Teresa, ich freue mich, daß du dich zu Wort meldest - auch ohne Blog. Was Menschen machen, die keine Angehörigen mehr haben, fragst du. Nun, die sind auf Gedeih und Verderb einem System ausgeliefert, dessen oberstes Ziel es ist, aus der "Gesundheitsfürsorge" den maximalen wirtschaftlichen Gewinn zu generieren. Wo da der Mensch bleibt, um den es eigentlich gehen sollte, das kann man sich denken. Im Zuge der letzten Jahre wurden mehr und mehr Krankenhäuser privatisiert. Mit zum Teil fatalen Folgen. Vielen Dank für deine Grüße an meinen Vater - ich werde sie ihm unbedingt ausrichten.

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  3. ganz ergriffen hab ich diesen post gelesen und auch den vom 14.april. wie schön, dass dein vater eine so tolle familie hat, die ihn auch im alter nicht im stich lässt! mein vater hatte vor einigen jahren eine schwere operation und wäre beinahe gestorben. ich freue mich, dass es ihm wieder besser geht und er und meine mutter gemeinsam das leben selbst meistern. mit über achtzig keine selbstverständlichkeit! das hat mir dein post wieder bewusst gemacht und ich danke dir dafür, denn es ist nicht selbstverständlich, sich hier so tief ins herz blicken zu lassen!
    alles gute weiterhin und genießt die schönen frühlingstage gemeinsam!

    lieben gruß,
    susi

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    1. Liebe Susi, so viele können sich garnicht vorstellen, wie brutal das Alter sein kann. Mein Vater war immer ein starker Mann (physisch wie psychisch). Wenn ich sehe, wie rasant er in den vergangenen Jahren abgebaut hat, tut mir das unendlich weh und öffnet mir die Augen auch im Bezug auf andere alte, gebrechliche Menschen. Erst vorgestern habe ich eine 85jährige alte Dame kennen gelernt, die unfaßbar gut beieinander war. Aber das, darüber sollten wir uns im Klaren sein, ist eher die Ausnahme denn die Regel. Freu' dich, daß deine Eltern in diesem hohen Alter noch so gut beieinander sind. Das ist wunderbar und keinesfalls selbstverständlich. Danke für deine guten Wünsche. Wirklich.

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  4. Boah, ich hatte hier gerade fast eine Herzattacke beim Lesen! Das glaube ich ja wohl alles nicht!

    "Er hat sehr sehr viel Blut verloren, und da habe ich ihm vorhin einen Schluck Wasser gegeben"

    Bitteee??? Oh wie gnädig!

    Mensch Pünktchen, was habt Ihr da für einen Stress erlebt.... wenn das in der Türkei passiert wäre würde man sagen:" Ja klar...Türkei...ist ja normal..in Deutschland würde sowas nicht passieren, da ist immer alles so toll und perfekt" Nee ist klar.. hier passieren solche Geschichten auch ständig, schlimm ist sowas, SCHLIMM!

    Wie ich mich freue, dass alles gut ausgegangen ist...
    Schöner Abschluss, danke...und ganz viele liebe Grüße!

    Ach...lass Dich mal umarmen, meine Liebe.....*drück* :)

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    1. Ayşe, danke für deinen Beistand. Ich weiß das sehr zu schätzen. Mir ist klar, daß ich im Bezug auf meinen Vater sehr sensibel bin. Ich bin quasi wie ein Nerv. Die Dinge, die ihn angreifen, greifen auch mich an. Er kann sich nicht wehren und ist allem hilflos ausgeliefert. Bestimmt mache auch ich im Umgang mit ihm nicht alles richtig, was ich seinen Reaktionen entnehmen kann. Nur nehme ich ihm das nicht Übel und versuche daraus zu lernen, es beim nächsten Mal besser zu machen. Das kostet manchmal auch Kraft. Aber er ist jede Mühe wert.

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  5. Ach Pünktchen,
    ich habe gezittert beim Lesen und zittere jetzt noch - erst vor Aufregung (ich habe solche Extremattacken von Nasenbluten bei meinem ersten Sohn jahrelang mitgemacht, meistens sonntags oder nachts und wenn mein Mann grade nicht da war...), aber dann auch vor Zorn. Wie kann man einen kranken alten Menschen so kaltschnäuzig behandeln?! Das ist ungeheuerlich. "...weil wir nichts für ihn hatten..." - ich bitte dich, wo leben wir denn??
    Das Herumirren auf Uniklinikgeländen mit Kindern im Schlepptau... kenne ich auch. Allerdings haben wir bei zwei nächtlichen Besuchen in der HNO-Ambulanz immer freundliche Schwestern und Ärzte angetroffen. Überhaupt kann ich über keine schlechten Krankenhauserfahrungen hierzulande klagen - Nord-Süd-Gefälle? Oder vielleicht doch einfach Glück.
    Für dich als Tochter ist das nun eine etwas "bittersüße" Zeit mit sicher sehr vielschichtigen Gefühlen. Kinder (solche wie deine) können einem in solchen Zeiten eine große Stütze sein mit ihrer zartfühlenden Sachlichkeit und ihrem Vertrauen ins Leben.
    Ich wünsche euch sehr, dass so etwas nicht mehr passiert und ihr eure gemeinsame Zeit in möglichster Ruhe genießen könnt. Und was das seltene Bloggen angeht: so schnell gehen wir dir bestimmt nicht von der Fahne! :-)
    Grüße von Herzen,
    Brigitte

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    1. Liebe Brigitte, ja, solche Erfahrungen sind bitter. Sie tun aber mindestens weh. Obwohl dieser Tag nun bald eine Woche hinter uns liegt, treibt er mir noch immer die Tränen in die Augen. Aber ich will nicht ungerecht sein: es gibt auch sehr mitfühlende und mitdenkende Menschen in den helfenden Berufen, die überaus engagiert sind und so viel mehr tun, als sie von Berufs wegen eigentlich müßten. Das sind eben Menschen mit Herz. Man sollte nicht ganze Berufsstände über einen Kamm scheren, sondern immer differenzieren, von Fall zu Fall abwägen. Die Schwester an jenem Tag war gedankenlos. Zum Glück gibt es auch andere. Ich weiß das. Vielen Dank auch dir für deine guten Wünsche, Brigitte! Das bedeutet mir sehr viel.

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  6. Du Liebe, das war Schreck und Ärger! Ich kenne diese Ohnmachts und Wutgefühle auch, denn es läuft grade im Bereich der Grundversorgungen für Körper( essen, Trinken) und Seele( zuwendung, Mitgefühl) so viel schief im System Krankenhaus. Wie auch in der Kommunikation( einer sagt dem anderen nichts über Verwirrung, fehlende Mahlzeit, eingenommene Medikamente(!))....Andererseits sind da die total überarbeiteten Pflegekräfte und Stationsärzte, die Schichten schieben, die der reinste Horror sind. Es ist leider in unserem reichen Land immer mehr so, dass alles Mitmenschliche- Kinder, Alte, Kranke, soziales Arbeiten, Bildung...- nur aus wirtschaftlichen gesichtspunkten betrachtet wird. Was umso schlimmere Folgen hat, als der familiäre Bereich sich immer weniger( im Gegensatz zu Dir!) als zuständig erklärt. Aber auch das ist Realität hier, und genau darauf müsste Politik und Gesellschaft reagieren. Sprich: wenn es die Großfamilien- Versorgung nicht mehr gibt, muss Geld in sehr gute Betreuung und Bildung investiert werden und intelligent mit dem Bedürfnis der Menschen nach Aufgehobensein und Geborgenheit umgegangen werden. Und da braucht es keine Pflege-Taktierungen, sondern ZEIT. Also Geld. Punkt. Wer, wenn nicht wir in diesem Lande haben genau davon echt genug. Aber es wird lieber in totes Material investiert, oder gar in Waffen, als in Menschen. Als in das kostbarste, was wir haben.
    Ach wie gut hat es Dein Papa. Ich wünsche Euch nun ruhige helle Tage miteinander. Ohne Schrecken und Blut.
    Herzlich liebe Grüße
    Lisa

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    1. Liebe Lisa, Langjährige Freunde von mir sind Ärzte. Morgens um sieben in die Klinik, abends um 23.00 Uhr mit viel Glück wieder heraus - wenn nicht irgendwelche Notfälle dazwischen kommen. Dazwischen Vorbereitungen für Kongresse etc. Wenig Schlaf, kaum Zeit für Familie oder Partnerschaft. Auch diese Seite der Medaille ist mir durchaus bekannt. Danke für die Grüße - mein Papa und ich sind auf deiner Seite gesurft. Ihm hat sehr gefallen, was du machst. "Çok güzel!", sagt er - und auch ich ;-). Liebe Grüße...

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  7. Oh je, ich weiß gar nicht was ich dazu sagen soll. Mensch wir sind doch in Deutschland, in Europa - und es gibt nichts eßbares im Krankenhaus. Das glaube ich nicht! Ein Glück das du deinen Vater schnell abgeholt hast... so eine schlamperei. Ich wünsche deinem Vater gutes genesen. Ach ja, was mir noch wichtig ist zu bemerken. Das Gesundheitssystem in der Türkei hat sich total gebessert, man glaubt es nicht. Meine Eltern leben ja nun mittlerweile 12 Jahre dort und haben die stetige Entwicklung miterlebt. Sie sind mit den Ärzten und Krankenhäusern in der Türkei sehr zu frieden - und an Mitgefühl hat es den Menschen in der Türkei auch nie gemangelt.
    Liebe Grüße an dich und deinem Vater. Wie schön das er euch hat

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    1. So stillgelegt, wie das da aussah, kann das ja durchaus vorstellbar sein - obwohl ich von den Erzählungen meiner im Krankenhaus beschäftigten Freunde weiß, daß es auf jeder Station immer Unmengen an übriggebliebenem Essen gibt. Aber angenommen, es gab tatsächlich nichts. Dann kann man sich doch nun wirklich denken, daß dieser Mensch, zumal schon so lange dort unter den gegebenen Umständen etwas essen und trinken muß. Aber so ist es wohl: Menschen machen Fehler. Daß sich die Situation der medizinischen Versorgung in der Türkei deutlich verbessert hat, das habe auch ich mitbekommen. Allerdings fällt es mir schwer zu glauben, diese Kategorisierung machen zu können. Ich meine: hier schlecht, dort gut, oder umgekehrt. Egal wo - die Zufriedenheit der Menschen ergibt sich immer auch daraus, wer mit wem zu tun hat und wie dieser Umgang miteinander ist.

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  8. Guten Morgen!
    Wir haben dich für den Liebster-Award nominiert. Ich bin mir zwar nicht sicher, ob du wirklich weniger als 200 Follower hast, aber ich lese so gerne bei dir, dass ich dich einfach gerne dabeihaben wollte.
    Ganz liebe Grüße an dich und die Familie
    Mareike

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    1. Liebe Mareike, ganz herzlichen Dank für die Nominierung. Ich freue mich darüber. Ehrlichgesagt weiß ich noch nicht mal selber, wieviele Leser ich außerhalb von Blogger habe (aber ich freue mich immer ganz besonders, wenn meine "stillen Leser" sich hier und da zu Wort melden). Ich werde mich bemühen, wenn etwas Zeit dafür ist, mich um die Beantwortung eurer Fragen zu kümmern. Aber ob ich so schnell zehn weitere Blogs finde, die ich nominieren kann, das weiß ich nicht. Momentan ist die Zeit für's Surfen im Netz recht knapp. Wir werden sehen. Ganz herzlichen Dank und liebe Grüße.

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  9. Du Liebe,
    Mensch, das ist ja unfassbar. Schade, dass Ihr das erleben musstet.
    Wenn ich darüber nachdenke, wie die Situation eventuell sein kann, wenn wir selber mal alt und hilflos sind, da wird es mir schlecht.
    Vielen Dank für Deine mail. Zu meinem blog-Geburtstag hattest Du etwas geschrieben und ich hatte zwölf Preise verlost - und alle anderen hatten ein Postkartenset zugeschickt bekommen, als Trostpreis sozusagen :-)
    Schade, dass es nicht angekommen ist, abgeschickt hatte ich es. Jetzt muss ich mal sehen, welche Karten ich noch habe, es sind sicher nicht mehr alle, aber ich werde Dir ein paar zuschicken. Ganz liebe Grüße und viel gute Zeit wünscht Dir Petra

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    1. Liebe Petra, auch uns wird ganz anders, wenn wir daran denken, wie das eines Tages mal für uns und unsere Angehörigen sein wird, wenn wir auf Hilfe angewiesen sein werden. Keiner mag sich das gerne vorstellen. Unsere Post hier ist leider nicht sehr zuverlässig. Es ist schon so einiges verschütt gegangen. Du mußt mir nicht noch etwas schicken. Ich wollte lediglich wissen, woran es lag. Herzliche Grüße...

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  10. Es ist unfassbar! Mir wurde ganz anders beim Lesen .... mit einem tiefen Seufzger geh ich wieder
    víel Glück und schöne Stunden wünsche ich Dir, Du bist bezaubernd!
    Elisabeth

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  11. Liebe M.,
    du weisst ein bisschen darüber, wie mit menschenverachtend mit meinem Vater im Krankenhaus umgesprungen wurde in seinen letzten Tagen. Das waren Zustände, wie man sie sich viellelicht in einem Entwicklungsland vorstellt, aber nicht in Deutschland. Was du im Umgang mit deinem Vater beschreibst, ist furchtbar und kommt mir deshalb so erschreckend bekannt vor. Leider scheint das aber immer mehr Realität zu werden in unserem reichen Land, in dem man bald nur noch in ein Krankenhaus gelassen und menschenwürdig behandelt wird, wenn man privat versichert ist. :-(
    Als ich letzten Sommer in der Schweiz in der Notaufnahme des Provinzkrankenhauses behandelt werden musste, kriegte ich mich nicht mehr ein über die Freundlichkeit, Hlfsbereitschaft und Fürsorge des Krankenhauspersonals dort. Es gab sogar Praktikantinnen, die nur unterwegs waren um Notfallpatienten zu beruhigen, ihnen Mut zuzusprechen, ihnen das weitere Vorgehen zu erklären und sie zu fragen, ob sie etwas brauchen... zum Besipiel etwas zu trinken. Und das völlig unabhängig davon, ob jemand Privat- oder Kassenpatient war. Erst da wurde mir bewusst, dass ein Krankenhaus nicht zwingend so geführt werden muss wie das bei uns anscheinend inzwischen üblich ist. Das Fürther Klinikum gehört ebenfalls zu den besonders abschreckenden Beispielen an menschenunwürdigem Umgang mit Patienten.
    Wie gut, dass es deinem Vater wieder besser geht und dass er in eurer Familie so liebevoll aufgehoben ist.

    Herzlich, Katja

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    1. Liebe Katja, es macht mich furchtbar traurig, immer wieder von solchen Dingen zu lesen/hören und selbst zu sehen. Glücklicherweise habe ich es andersherum auch schon erlebt, so daß der Glaube an das Gute im Menschen bei mir nicht gänzlich verloren gegangen ist. Aber ich gebe zu, daß ich immer wieder sehr skeptisch bin - denn ein guter Umgang mit Bedürftigen ist alles, aber nicht überall selbstverständlich.

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  12. Dem Wohlwollen der überarbeiteten Ärzte ausgeliefert zu sein ist unglaublich schlimm. Warten zu müssen, obwohl man den Menschen neben sich in sehr schlechter Verfassung sieht und dann entlassen zu werden mit den Worten "Ohne Symptome eingeliefert". Herbe Schläge, die neue Spezialistentermine nach sich ziehen und eine ewig währende Spirale, die mürbe macht. Die Worte über deinen Vater habe ich genau so vor vielen Jahren für meine Mutter finden können und auch heute ist es noch so, dass diese Liebe eine ganz besondere ist, bei der Krankheit und Hilflosigkeit nichts ändern können.
    Per Zufall bin ich auf deinen Blog gestoßen und war dann ganz verwundert das "Durchlauf"-UKSH aus meiner Nachbarschaft zu erblicken ;)
    Feinste ☼-Grüße,
    Franse

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    1. Hallo Franse, schön, daß du dich gemeldet hast. Es gibt wahrscheinlich so viele Geschichten und Erfahrungen, wie es Menschen gibt. Ein System wird man so schnell nicht ändern können. Aber man kann bedürftigen Menschen beistehen, sie bestmöglich unterstützen, sie nicht allein und am gemeinsamen Leben teilhaben lassen. Wenigstens das kann man tun.

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  13. Liebes Pünktchen,
    Deinen Post hatte ich, nachdem ich den ersten Absatz gelesen hatte zugemacht, weil ich ihn nicht zwischen Tür und Angel lesen wollte! Leider habe ich ihn dann vergessen. Heute Abend habe ich mir gedacht, was ist eigentlich bei Pünktchen und ihrem Papa los, da hört man ja gar nichts mehr, und da viel mir wieder ein, dass ich nicht zu Ende gelesen hatte! Was für eine schreckliche Erfahrung! Dein armer Papa, 12 Stunden alleine im Krankenhaus, ohne was zu essen und ohne jemanden der ihm beistehen konnte! In deutsche Krankenhäuser darf man nie, nie, nie ältere Angehörige alleine lassen! Da kümmert sich keiner um irgendwas! Ich eäre genauso verrückt geworden wie du. Mit zwei kleinen Kindern hattest du ja auch keine Wahl! Ich fühle so mit dir! Ständig muss sich das Krankenhauspersonal Pflegefehler vorwerfen lassen, die sind einfach zu überlastet oder ihnen ist es egal! Mann, eine Schande ist das!
    Gegen Nasenbluten gibt es übrigens so eine spezielle blutstillende Watte, frag mal in der Apotheke danach, wenn es das in Deutschland nicht gibt, schicke ich es dir aus Belgien!
    Alles, alles Gute euch da oben und dass du mit deinem Papa nie wieder so etwas schreckliches erleben musst!
    Gros bisou
    Sandra

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    1. Liebe Sandra, vielen Dank für deine Worte. Ich denke nach wie vor, daß es auch Menschen gibt, die sich sehr viel Mühe geben in Krankenhäusern. Manche sind gewiß überlastet, andere bestimmt abgestumpft. Manche gedankenlos... Bei meinem Vater ist die Blutgerinnung durch Medikamente verändert. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, daß man dagegen etwas mit blutstillender Watte machen kann, werde ich mich erkundigen. Vielen Dank für dein Angebot. Das ist sehr nett.

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