14 April 2014

Herzensangelegenheit

 

Wann immer das Wetter Gelegenheit dazu bietet, schnappe ich mir meinen Vater und versuche ihn zu einem kleinen Spaziergang zu ermuntern. Was viel Liegerei innerhalb kürzester Zeit aus einem macht, das habe ich nach meinem Unfall Anfang 2013 leidvoll am eigenen Leib erfahren: man wird zu einem Wrack. 


Kater Mautz braucht keine Aufforderung. Der liebt es, mit durch den Wald zu laufen.


Unterwegs erfreuen wir uns an allem, was die Natur uns zu bieten hat. Frisch sprießendes Grün,  Schnecken, die umherkriechen...


Manchmal allerdings gibt es auch Schaulustige, die uns im Blick haben. Dieser lustige Geselle hat uns noch eine ganze Weile begleitet, ist über unseren Köpfen hinweg von Ast zu Ast, Baum zu Baum gesprungen, hat bisher nie gehörte Geräusche wie "Tock tock" von sich gegeben.


Zwischendurch wächst die Anzahl der Sechsecke, wenn auch nur langsam. Zur Zeit gehe ich zeitgleich mit meinen Kindern schlafen.


Auf dem Weg zur Schule der kleinen Herren - mein Vater sitzt neben mir im Auto. Er staunt über die große Menge abgeholzter Bäume. Eine gigantische Spur der Verwüstung haben die beiden Orkane im letzten Herbst hinterlassen. Man ist noch immer mit Aufräumarbeiten zugange.


Sehr gespannt sind wir darauf, was uns für Veränderungen im Freibad erwarten werden. Denn auch da hat es etliche Bäume umgehauen und wochenlang hörte und sah man dort aus weiter Ferne schwere Arbeitsgeräte arbeiten.

 

Die Kinder hatten Projekttage. Als wir sie gemeinsam aus der Schule abholen, freuen sie sich und haben nochmal Gelegenheit ihrem Dede ihre Klassen zu zeigen. Der freut sich all das zusehen, aber ich weiß, daß er recht bald erschöpft ist und nicht mehr kann.

 

Mir ist klar, daß mein Vater sich bewegen muß. Auch ihm ist es klar, aber es kostet ihn so sehr viel Mühe, daß er es am liebsten sein lassen würde, wenn ich ihn nicht mit sanfter Gewalt aus dem Bett holen würde. Letzte Woche nach diversen Arztbesuchen, die auf unserer Liste standen, habe ich ihm einen Rollstuhl besorgt. Ein Rollator wäre natürlich erste Wahl gewesen, aber das packt mein Vater einfach nicht mehr. Er kann nur noch gehen, wenn man ihn fest unterhakt. Aber mit einem Rollstuhl sind auch längere Strecken möglich, die man unterwegs sein kann.

 
Solche Bilder rühren mich sehr. Während der Große den Rollstuhl schiebt, hält der Kleine Händchen mit seinem Dede.


Und auch wenn der Rollstuhl dabei ist, überrede ich meinen Vater immer wieder dazu auf ebener Strecke selbst wieder einpaar Schritte zu gehen. Da schiebe ich dann den Rollstuhl und mache zeitgleich einpaar Bilder.


Und während mein Vater auf einer Baumwurzel ruht und mit Freude zuschaut, dürfen sich die kleinen Herren eine ganze Weile beim Klettern verausgaben.

 

Selbstverständlich ruht dann auch Kater Mautz.

 
"Wenn ein Baum kippt, lehnt er sich bei seinen Nächsten an", sagt ein türkisches Sprichwort. Ich bin froh und dankbar, daß ich so tolle Unterstützung habe.


Endlich Wochenende: dann freuen sich alle auf meinen Mann, den wir gemeinsam vom Bahnhof abholen.


"Papiiiii...!!!" Habt ihr sie schreien hören, ja?! Für mich eine ganz besondere Freude, wenn die Familie zum Wochenende wieder vollzählig ist.


Wir fahren direkt durch in die nächste Stadt und bringen meinen Vater zu seinen langjährigen Freunden. Für die nächsten zwei Stunden machen wir die Gegend unsicher, bevor wir ihn wieder abholen und alle gemeinsam nach Hause fahren.

Das waren Bilder aus der vergangenen Woche. Natürlich ist sehr viel mehr passiert. Das Meiste aber ist nicht von großem Belang, und das andere läßt sich schlecht darstellen - oder gehört hier nicht her. 

Es gibt eine Fülle von Glücksmomenten, ehrliche Nähe, herzliche Innigkeit und große Vertrautheit. Es gibt aber auch die andere Seite. Zu sehen, wie sehr die Altersdemenz und zahlreiche andere Gebrechen meinem Vater zu schaffen machen, macht uns sehr traurig. Die einfachsten Dinge sind manchmal kaum möglich. Wenn ihm manchmal die Worte fehlen, oder er ungeschickt und ungeduldig wird und aus lauter Verzweiflung darüber mir gegenüber die Stimme erhebt, dann möchte ich am liebsten weinen - nicht, weil ich dann gekränkt bin, sondern weil ich seine Verzweiflung spüre und sehe. Weil ich ganz einfach mit ihm bin und ebenso leide. Dann unterdrücke ich meine Tränen (manchmal weinen wir auch gemeinsam), streichle ihn und versuche ihn zu beruhigen, spreche ihm gut zu und ermuntere ihn, es mir noch einmal zu sagen, was er beim ersten Versuch nicht zu sagen vermochte. Er ist mein Vater. Ich liebe ihn. So einfach und auch schwer ist das. 

Unter meinen letzten Post hinterließ Sandra folgenden Kommentar: "Wenn mein Vater das nur auch so sehen könnte, aber sein Lieblingsatz ist immer "scheiße, wenn man alt wird"! Wie lieb von deinem Vater beim Schnippeln zu helfen! Das hört und fühlt sich alles so gut an! Gros bisou". 

Nun, liebe Sandra, so Unrecht hat dein Vater nicht. Irgendjemand hat mal gesagt: "Das Alter ist nichts für Feiglinge!" Mein Vater würde sogar je nach Tagesform noch eine Schippe darauf packen. 

Ich möchte hier niemandem etwas vormachen. Was mir aber eine echte Herzensangelegenheit ist, euch zu sagen: "Kümmert euch um eure bedürftigen Angehörigen. (Natürlich immer auch im Rahmen der eigenen Möglichkeiten). Habt Verständnis, wenn sie wieder zu kleinen Kindern werden.  Jeder Mensch hat Familie. Und alle werden mit höherem Alter mehr oder weniger gebrechlich.  Tut, was ihr könnt, aber tut etwas!! Schaut nicht weg! Überlaßt die Nächstenliebe nicht ausschließlich den Profis. Mit zunehmendem Alter setzt das Alter einem nun einmal zu. Laßt diese Menschen nicht allein, laßt sie spüren, daß ihr gerne für sie und ihre Belange da seid. Habt Geduld und Verständnis. Kleine Kinder schreit man auch nicht an, wenn sie etwas noch nicht können. Das sollte man ebensowenig tun, wenn ein alter Mensch etwas nicht mehr kann. Im Alter als lästiges Übel angesehen zu werden ist eines der schlimmsten Dinge, die ich mir vorstellen kann. Früher oder später sind wir es, die an ihrer Stelle sind. Verdrängen bringt nichts. Zuneigung und Liebe, sie bringen sehr viel.  In diesem Sinne: Macht es gut!

Kommentare:

  1. Deine Bilder rühren sehr. Ich konnte im letzten Jahr dem "Verfall" meiner Oma zuschauen, im Bett liegend, alles als Anstrengung empfindend..
    Geniesse die Momente, sie vergehen doch leider viel zu schnell. Und irgendwann sind sie nur noch Erinnerung. Aber dann auf jeden Fall eine schöne.
    Sei lieb gegrüsst!

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  2. Du hast ein Thema angeschnitten, was mich persönlich sehr belastet. Meine Eltern sind auch nicht mehr die jüngsten aber wohnen so weit weg, dass ich gar nicht weiß was ich machen werde, wenn sie Pflege bedürfen? Für mich ist es selbstverständlich, dass ich das zurück gebe, was ich jahrelang von meinen Eltern erhalten habe, aber so einfach ist es alles nicht. Ich hoffe das es ihnen lange Gesundheitlich gut geht, aber ich weiß, dass der Tag X kommen wird. Deine Bilder mit deinem Vater und deinen Söhnen rühren mich, da steckt so viel Liebe drin. Ich kann mir gut vorstellen, das diese Zeit für deine Söhne auch sehr prägend ist. Ich wünsche deinem Vater "sihhat ve afiyet", Liebe und Zuneigung bekommt er von euch , das sieht man auf den Bilder. Selamlar

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  3. Bin so berührt von deiner Post in deinen Worten ist soviel Liebe du bist für in da und das ist sehr schön ,diesen Weg bin ich schon gegangen es war ein sehr schwerer Weg für ihn wie für mich ich wünsche dir schöne klare Momente und ganz viel liebe und Geduld auf eurem gemeinsamen Weg .lg galina

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  4. Liebe M., ich freue mich so sehr diese Bilder zu sehen und zu lesen, dass dein Vater fast 4 Monate bei euch bleiben wird. Ja, das Alter ist nichts für Feiglinge, aber mit einer Familie wie euch, ist es leichter zu ertragen. Eure Liebe für ihn rührt mich zutiefst und ich würde mir so sehr wünschen, dass sich mehr Menschen bewusst werden, wie hart das Alter für die Menschen ist, die alt sind, merken, dass nichts mehr bergauf, sondern nur noch bergab geht und die ständig Schmerzen haben. Dann wären sie weniger ungeduldig, respektvoller und auch verständnisvoller, wenn ein alter Mensch grießgrämig und wütend ist.
    Ich wünsche euch eine unvergesslich reiche Zeit mit deinem Vater.

    Herzlich, Katja

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  5. Liebe Pünktchen,
    ich stimme dem allem zu, was Du in Bezug zu alten Menschen schreibst, denkst, fühlst. In dem, was Du oben rechts über Dich schreibst "geliebte Tochter" schwingt etwas mit, was aber nicht immer und überall für Töcher/Söhne stimmt. Eltern haben die Aufgabe Kinder auf das Leben vorzubereiten und nicht ihre eigenen Vorstellungen/Wünsche in die Kinder zu implizieren. Wenn das geschieht und sich das in der Beziehung untereinander immer weiter fortsetzt, ist eine innere und äußere Distanz im Leben der Kinder Not-wendig. Das gibt es leider auch.
    Ich bin überzeugt, dass viele Menschen ihren alt gewordenen Eltern gegenüber gerne handeln, wie Du es tust, in bewundernswerter, liebevoller Weise und nach dem, was möglich ist.

    Lieben Gruß
    Beate

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  6. Ein so WUNDERBARER Beitrag!

    Hab es mit Pipi in den Augen gelesen, es hat mich so sehr berührt....allein die Fotos sprechen Bände....Danke, meine Liebe, vielen Dank...

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  7. Liebe Pünktchen, ich habe erst jetzt die letzten Post´s gelesen und bin tief berührt. Ich möchte nicht auf alles einzelne eingehen, es würde ein Roman. Du hast ein unglaublich großes liebendes Herz, was tatsächlich zeigen kann, dass es liebt. Wir alle können lieben, tragen DIE Liebe in uns, doch ist das Leben (zeigen) der Liebe für manche von uns verschüttet oder hinter einer Mauer verborgen. Mit deinem Schreiben trägst du sehr dazu bei, es in jedem von uns weiter zu wecken. Dafür danke ich dir sehr.
    Ich wünsche dir viel Kraft der Liebe, alle Situationen mit deinem Vater zu leben.
    In Gedanken nun noch mehr bei dir,
    Roswitha

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  8. Ihr Lieben alle, die ihr hier mit euren Kommentaren mir beisteht: Ich danke euch sehr dafür. Ich wollte hier keineswegs den Eindruck erwecken, wie TOLL wir hier alles hinbekommen. Es ist immer wieder mal schwierig, (aber nicht ausschließlich) - und das ist erst der Anfang... Mir ist bewußt, daß nicht jeder Mensch ein so starkes Fundament in der Familie mitbekommen hat, wie ich das große Glück hatte. Und mir ist bewußt, daß es unzählige Menschen gibt, die unter größten Schwierigkeiten seit Jahren ihre Angehörigen pflegen. Auch mein Vater und ich sind schon durch diese Täler und Schluchten gegangen. Ich weiß, daß es familiäre Hintergründe gibt, die so unterschiedlich sein können, wie es Menschen gibt. Menschen machen Fehler - auch schwere Fehler. Da wo alles verkorkst scheint, ist vielleicht auch Vergebung ein Thema. Das kann sehr heilsam sein - für alle Beteiligten.

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  9. Liebes Pünktchen, das hast du so schön geschrieben! Man kann ganz viel Zärtlichkeit und Liebe heraushören. Obwohl die Situation ganz sicher nicht einfach ist für dich. Für deine Kinder ist es sehr wichtig, Zeit mit ihrem Großvater zu verbringen.
    Mein Papa ist 81 und ich bin für jeden Tag dankbar, an dem wir ihn noch bei uns haben, leider wohnt er weit weg. Das Zusammensein mit ihm empfinde ich immer als große Bereicherung.
    Ich wünsche dir viel Kraft auf eurem gemeinsamen Weg!
    Liebste Grüße,
    Gina

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    1. Danke, liebe Gina! Schwierig ist für mich, einen so geliebten Menschen immer weniger werden zu sehen. Das ist nur schwer auszuhalten. Andererseits bin ich dankbar, daß ich meinem Vater in dieser Phase seines Lebens beistehen kann.

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