29 März 2014

Selbstgespräch

Papatya Elira :"Du Pünktchen, weiß du was mir so eben eingefallen ist. Eigentlich könntest du die Fragen auch beantworten und wir könnten dich dadurch besser kennen lernen. Obwohl ich habe sowohl von dir als auch von den beiden anderen Mädels so einen Umriss in meinem Kopf. Aber deine Fragen sind so speziell, dass ich das von dir auch gerne gewußt hätte. Was meinst du?"

Sehr gerne, meine Liebe! Ich stelle mich jetzt mal meinen eigenen Fragen und werde mich bewußt kurz fassen, weil ich noch detaillierter aus dieser Zeit erzählen werde.

1. Wie alt warst du, als du nach Deutschland kamst? 

 Ich war knapp acht Jahre alt. 

2. Für wie lange war euer Aufenthalt in Deutschland ursprünglich gedacht?  

Damals hatte ich keine Vorstellung davon. Vor wenigen Wochen, als ich die alten Briefe aus jener Zeit durchsichtete, entnahm ich völlig überrascht den Zeilen meiner Mutter, daß sie mit der Absicht, lediglich zwei Jahre zu bleiben nach Deutschland gegangen waren.

3. Bist du sofort mit deinen Eltern nach Deutschland gereist, oder wurdest du nachgeholt?

Untypischerweise war meine Mutter die Erste, die nach Deutschland ging. Unglücklicherweise war mein Vater damals krank und durfte erst einreisen, als er wieder genesen war. Man sollte dem deutschen Staat nicht zur Last fallen. So waren die damaligen Regeln. Kurze Zeit später ging mein Vater nach Deutschland. Ca. vier Monate später holte meine Mutter mich ab, und wir flogen gemeinsam nach Deutschland.

4. Was waren die ersten Dinge, die dir in Deutschland sofort aufgefallen sind - vielleicht, weil sie so ganz anders waren als das, was du aus unserer alten Heimat kanntest?

Als ich in Deutschland ankam waren mit einem Mal alle vertrauten Geräusche weg. Mir war, als hätte mir die ganze Zeit jemand die Ohren zugehalten. Das Straßenbild war ein ganz anderes: in unserer Heimatstadt standen an jeder Straßenecke ein Maronenverkäufer, Simitverkäufer (Sesamkringel) und ich weiß nicht wer oder was noch. Sie alle riefen laut, um ihre Waren zu verkaufen. Auch den Muezzin hörte man von morgens bis abends, und Hähne, die krähten - sogar in der Stadt. In Deutschland herrschte Ruhe. Nahezu an jeder Straßenkreuzung gab es eine Ampelanlage. Lediglich Frühmorgens und am späten Nachmittag sah ich größere Menschenmengen. Dazwischen gab es vereinzelte Menschen, die sich zielstrebig durch saubere Straßen bewegten. Im Gegensatz zur Türkei sah man nirgends unbefestigte Straßen. Die Bordsteinkanten waren deutlich niedriger als in der Türkei. Überall gab es Mülleimer, wo man seinen Müll loswerden konnte. Ach, es gab so viel, was anders war.


5. Hast du in dieser Zeit etwas aus der Türkei vermißt, was du in Deutschland nicht hattest?

Erst einmal war ich getragen davon, wieder meine beiden Eltern um mich zu haben. Mit der Zeit erst wurde mir schmerzlich bewußt, daß wir getrennt waren von unserer großen Familie, die wir so sehr liebten.

6. Hast du dich in deiner neuen Umgebung wohl gefühlt?   

Sagen wir mal so: ich habe mich nicht unwohl gefühlt. Wir waren wieder glücklich vereint. Das war die Hauptsache und machte sehr viel aus. Daß wir unser geräumiges, schönes Heim in der Türkei gegen ein möbliertes Ein-Zimmer-Appartment getauscht hatten war seltsam, aber nicht schlimm.

7. Gab es einen Moment, ab dem du dich in Deutschland Zuhause gefühlt hast - wann war der?

Das war so ca. ab 16 Jahren. Deutschland hatte sich nicht verändert, aber ich hatte mich verändert.

8. Hast du je damit gehadert, daß deine Eltern diesen Schritt gemacht haben, mit dir nach Deutschland zu gehen?

Oh ja, sehr sogar! Bis ich nach Deutschland kam war ich ein unbeschwertes, fröhliches Kind. Dieser Zustand hielt nicht lange an. So klein ich auch war, machte ich  meinen Eltern irgendwann schwere Vorwürfe und flehte sie an, wieder mit mir zurück in unsere Heimat  zu kehren.

9. Hattet ihr viel Kontakt zu anderen Türken, oder eher mehr zu Deutschen?

Anfänglich gab es nur vereinzelt Kontakte zu Deutschen. Meist waren das Nachbarn oder Arbeitskollegen meiner Eltern. Man unterhielt sich auf Englisch - oder mit Händen und Füßen. In der Hauptsache hatten wir erst einmal mehr mit Landsleuten zu tun. Man besuchte sich gegenseitig, verbrachte gemeinsam türkische Feiertage, informierte sich über dies oder das, was für uns noch gänzlich neu war in Deutschland.

10. Was schätzt du an Deutschland, und was an der Türkei?   

Ich schätze die Kultur und Tradition beider Länder. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, die heilige Ordnung und die Zuverlässigkeit, mit der die hiesigen Uhren  ticken, die möchte ich nicht mehr missen.  Ebenso den geordneten Straßenverkehr ;-). Denke ich an die Türkei, dann denke ich sofort an meine dortige  Familie, an das weite, landschaftlich vielfältige Land, durch das drei Klimazonen verlaufen. Die Gastfreundschaft, die man dort lebt, muß man woanders erst mal suchen. Der Zusammenhalt der Familie, die Aufmerksamkeit und der Respekt, mit dem man den älteren Menschen dort begegnet, beeindrucken mich sehr.


Kommentare:

  1. Ich danke dir, das war sehr interessant. Ich freue mich auf deinen ausführlichen Bericht (bitte ganz schnell!!!). Selamlar.

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    1. Ich weiß, daß du seit einem halben Jahr darauf wartest, und ich kann dir nur sagen, daß ich diesbezüglich nichts vorbereitet habe. Wenn es kommt, dann kommt es. Wenn nicht, dann kommen andere Sachen ;-). Liebe Grüße.

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  2. Danke, dass ich deinem Selbstgespräch lauschen durfte! Ich bin gespannt auf deine weiteren Erzählungen!

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    1. Aber gerne doch, Caro. Ich glaube, ich muß mich wirklich mal hinsetzen und loslegen. Keine Ahnung, wann ich das hinbekomme.

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  3. Wieviel wir alle doch gemeinsamen haben, gell? Besonders bei der letzten Frage.
    Wie schön, dass Du die Fragen auch beantwortet hast, gute Idee von Papatya Elira. Danke an euch beide!

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