11 Februar 2014

Im Wandel

Seit Ostern des vergangenen Jahres bemerke ich immer mal wieder Seiten an Sohn1, die mich wachrütteln. Das so sanfte, zärtliche Kind ist noch immer gut wahrnehmbar, und wir noch deutlich entfernt von der Pubertät. Aber plötzlich gibt es auch andere Wesenszüge, die im Verhalten aufblitzen. Mein Mann sieht mich verwundert an und meint, es sei alles wie immer. Und doch sind die Veränderungen überdeutlich da. Mein Kind befindet sich im Wandel - so wie auch ich. Kinder halten einen jung, heißt es immer wieder. Das kann ich bejahen. Und sie lenken sehr von einem selbst ab. Manchmal zucke ich nur kurz, wenn ich aus den Augenwinkeln wahrnehme, daß auch ich nicht mehr die bin, die ich mal war. Das Grau in meinen Haaren, seit meiner Jugend vorhanden, hat deutlich zugenommen. Das stört mich nicht, ich mag es sogar sehr gerne. Aber so allmählich wie die Fältchen kommen, so schwinden auch die Kräfte. Wo ich mich noch vor wenigen Jahren mit Bärenkräften im Garten verausgabte, um mich dann abends vollständig wieder davon zu erholen, benötige ich heute eher ein, zwei Tage, um wieder zu mir zu kommen. Kürzlich beim Arzt bekam ich nach der OP ein starkes Schmerzmittel in die Hand gedrückt.

Arzt: "Bitte nichts dazu trinken!" 

Ich: "Äh... wie jetzt?! Soll ich diese riesigen Tabletten trocken runter würgen, oder was?!", frage ich höchst irritiert.

Arzt: "Sie sollen keinen Alkohol dazu trinken."

Für einen Moment lachen wir aus tiefster Kehle. So kann man aneinander vorbei reden. Das Gelächter ebbt ab.

Ich: "Also bitte, wer kommt denn auf die Idee, Tabletten mit Alkohol hinunter zu spülen - noch dazu solche?!", bemerke ich entrüstet.

Arzt: "Frauen in Ihrem Alter tun das!", ist die knappe Antwort dazu.

Die wenigen Sätze wirken noch lange nach in mir. Zuhause schaue ich ausnahmsweise mal etwas ausführlicher in den Spiegel. Jung kann ich mich in meinem Alter wohl nicht mehr nennen. Aber alt? Auch nicht. Der Zenit ist überschritten, der Lack ab. Vielleicht trifft es eher, daß ich mich irgendwo auf dem Weg dorthin befinde.

Alkohol war nie eine Option für mich. Wandel hin- oder her: das Leben will gelebt werden.

Kommentare:

  1. Hätte er das bei einem Mann in deinem Alter auch gesagt? Wohl kaum. Ich finde so eine Äußerung diskriminierend und merke, dass sie mich sehr ärgert. Wahrscheinlich, weil ich auch so eine bin, eine Frau in deinem Alter (wahrscheinlich sogar NOCH ÄLTER).
    Viele Grüße
    Sabine

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    1. Liebe Sabine, so habe ich das ehrlich gesagt garnicht aufgefaßt. Da habe ich bei Ärzten schon ganz andere Dinge erlebt, die unglaublich waren. Und ich habe mich häufiger gefragt, ob im Fach Medizin nicht auch der Bereich "Umgang mit Patienten" abgedeckt wird....

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  2. Du Liebe, jetzt hatte ich fast 2 Wochen kein Internet- Und Du bist mal schnell das Alteisen im Bein los- herzlichen Glückwunsch!
    Und das mit dem Wandel beschreibst Du wunderbar!- alles alles muss sich ändern und wandeln. Stillstand ist Tod- Wandel ist Leben.
    Was viele nicht wissen- selbst hier im "christlichen Abendland"- ist, dass dies eine der wichtigsten Botschaften im Neuen Testament ist. Wandel ist Leben. Statt dessen leisten sich die Kirchen in diesem Lande Beharren im Luxus und Intransparenz und Intoleranz. So werden sie immer mehr schrumpfen...
    Gute Besserung weiterhin und herzliche Grüße in den Norden!!
    Lisa

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    1. Liebe Lisa,
      es ist schön und spannend, das du diesen Gedanken einbringst, denn das ist wirklich eine zentrale Aussage im NT: dass alles Lebendige wächst und sich wandelt und im Werden ist (das ist geradezu das Wesen des "Reiches Gottes", wie Jesus es versteht).
      Erlaube mir bitte noch einen kleinen "Zwischenruf": was im "christlichen Abendland" auch bei vielen in Vergessenheit gerät, ist, dass "die Kirchen" nicht alle in einen Topf gehören (es gibt Leute, die aus der evangelischen Kirche austreten mit der Begründung, dass sie mit dem Papst nicht einverstanden sind, oder wegen Tebartz-Dingens, oder wegen der Missbrauchsgeschichten). Ich bin "meiner" evang. Kirche gegenüber gewiss nicht unkritisch, aber Luxus und Intransparenz würde ich ihr nicht unterstellen - intolerante Meinungen gibt es in manchen Gruppierungen und Denominationen, aber das gehört zu einer nicht-hierarchischen, pluralistisch geprägten Kirche ohne zentrales "Lehramt" - aber mit "Streitkultur" - eben auch dazu.
      Dir alles Gute und herzliche Grüße von
      Brigitte

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  3. Graues Haar sieht an einer selbstbewussten Frau im mittleren Alter soo toll aus - ich hab mehrere Beispiele in meiner Bekanntschaft und kann dich nur darin bestärken, da nichts dran rumzumachen! Es ist doch auch viel besser, wenn die Leute sagen: "Was, die hat schon graue Haare und ist doch noch so jung!" anstatt: "Guck mal, die ist älter als sie versucht auszusehen, mit den gefärbten Haaren."
    Ich hatte übrigens auch so ein "Schlüsselerlebnis": ich ließ mir (mit 38, nach der Geburt des zweiten Kindes) auf Anraten des Hautarztes einen Hautfleck am Rücken entfernen, und als ich nach dem Befund fragte, meinte er: "Erschrecken Sie jetzt bitte nicht - es war nur eine Alterswarze!" Ja ja... Lange leben wollen alle, aber alt werden will niemand, pflegte meine Mutter zu sagen ;-)
    Ich glaube, ich werd gerne alt - so ganz allmählich...

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    1. Liebe Brigitte, graue Haare mag auch ich. Und ich lasse mir ungern von Modetrends sagen, wie ich mich zu kleiden habe, oder wie etwas auszusehen hat. Dazu war und bin ich selbstbewußt genug. Ich habe viele alte und gebrechliche Menschen kennengelernt. Etliche waren so eingeschränkt, daß sie nicht mehr leben wollten. Das hat mich sehr erschreckt, aber ich konnte ihren immer wieder aufflammenden Wunsch auch nachvollziehen. Niemand möchte im Alter total abhängig von der Gnade anderer sein. Dagegen ist mein Alter einfach nur lachhaft.

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  4. Ein nachdenklich machender Post. Meine Gedanken wären sicherlich auch eher die deinen gewesen, aber ich weiß auch, wie viele ältere Frauen ein Alkoholproblem haben. Ich weiß noch, wie umständlich mir der Heilpraktiker erklärte, wie ich es schaffen könne, auf Rotwein und Bier zu verzichten und was ich alternativ dazu Alkoholisches trinken könne, wenn es unbedingt sein müsse. Mich hat das irritiert, weil ich nur dachte - o.k., dann trinke ich das halt nicht mehr und mich fragte wie er darauf kommt, dass ich nicht ohne Alkohol könne. Es scheint also doch eher unüblich zu sein, dass man ab einem gewissen Alter auch ohne Alkohol auskommen kann. Eine sehr seltsame Entwicklung.

    Herzlich, Katja

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    1. Liebe Katja, mich hat das auch sehr nachdenklich gemacht. Tatsächlich scheint es etliche Frauen in der Lebensmitte zu geben, die Trost in Alkohol zu suchen scheinen. Das hatte ich nicht erwartet.

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  5. Was ist das denn für eine Äußerung? Finde ich sehr unpassend! Ich habe in der Jugend Alkohol ausprobiert & als Berufsanfängerin zwecks Entspannung, weil ich es nicht anders hinbekam. Aber jetzt? Ich trinke zwei Kölsch nach dem Karnevalszug ( nach mindestens 6 Stunden Entzug an Wasser & essen ) und stoße ab und an bei einem Geburtstag mit Sekt an. Ansonsten ist mir der Abbau von A. für meinen Körper viel zu anstrengend.
    Was macht der Fuß?
    LG
    Astrid
    die z.Zt. wieder viele Sorgen OHNE Likör hat...

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    1. Wie gesagt, ich habe das garnicht so aufgefaßt. Aber es scheint in Medizinerkreisen bekannt zu sein, daß viele Menschen in der Lebensmitte zu Alkohol greifen. Frauen offenbar nochmal ganz besonders. Mit hoher Dunkelziffer.

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  6. Sag mal.... ich glaube es hackt! Was ist denn das für eine unverschämte Person? Und was für einen Müll redet sie denn da??

    Überhaupt die Bemerkung: "Nichts dazu TRINKEN"
    Jeder normale Mensch würde da doch genauso reagieren wie Du! Dann soll sie doch gefälligst sagen: "Bitte nicht mit alkoholischen Getränken einnehmen" oder sowas...als wenn diese Aussage völlig angebracht wäre...und als wenn es die Regel wäre, dass Frauen über 40 regelmäßig Alkohol trinken...und dann noch zu Medikamenten.... und dann übertrifft sie sich noch selbst mit der Hammeraussage: "Frauen in ihrem Alter tun das"....boah, so eine Frechheit und Unverschämtheit! Ich könnte mich jetzt noch stundenlang darüber aufregen, weißt Du?

    Dass Du dabei so ruhig geblieben bist. Ich hätte ihr echt mal gesagt, wie dämlich und dreist ich ihre Aussagen gefunden hätte... nee nee neee...! *kopfschüttel*

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    1. Liebe Ayse, ich bin ganz verwundert, daß sich einige hier so darüber aufregen. Natürlich war ich ziemlich verwirrt mit der Ansage: "Nichts dazu trinken!" Der Arzt und ich, wir haben komplett aneinander vorbei geredet. Aber wenn man sich privat mit Mediziniern unterhält scheint das Phänomen des Alkoholmißbrauchs in der Lebensmitte bei Frauen ein nicht unbekanntes Thema zu sein. Ich war ja selbst ganz überrascht.

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  7. Da fällt mir ein, dass meine Frauenärztin mir sagte, da war ich noch Anfang dreißig, sie werden noch viele Sachen bekommen, die sie noch mie hatten! Tja, recht hat sie!
    Das Gartenarbeitsproblem kenne ich auch! Durch übermäßiges Ballet ist deit einiger Zeit mein Illiosakralgelenk am Spinnen dran ey und das merke ich nach einer halben Stunde Unkrautzupfen!
    Schrecklich! Mit Schmerzen alt werden ist jetzt noch so schön...!
    Aber mit grauer werdenden Haaren unbedingt!
    Gros bisou
    Sandra

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    1. Liebe Sandra, ja, so langsam aber sicher kommen die Zipperlein und noch einiges mehr. Was mich persönlich zur Zeit am meisten stört ist diese Trägheit, die sich so allmählich in mein Leben schleicht. Aber so ist das wohl mit voranschreitenden Jahren.

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  8. mit dem wandel, den die jahre mit sich bringen, beschäftige ich mich auch gerade sehr ... schade, dass älterwerden heutzutage nichts mehr ist, auf das man stolz sein kann und es mit gelassenheit erleben kann. älter und weiser werden, gelassenheit leben und in sich ruhen - wenn man es so sehen kann, brauchen "frauen in dem alter" auch keinen alkohol!
    dein blog gefällt mir sehr gut, werd mich mal dranhängen! :)

    lieben gruß,
    susi

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