28 Oktober 2013

Naturgewalt


So, da hat uns Nordlichtern der Orkan Christian mal binnen kürzester Zeit gezeigt, wo der Hammer hängt. Als ich am Morgen meinen Mann am Bahnhof verabschiedete, da war die Welt noch in Ordnung. Am frühen Nachmittag runzelte ich beim Blick in den Himmel besorgt die Stirn. Da stand ich gerade an der Kasse eines Ladens, als ein Mann neben mir nur lächeld meinte: "Nee, ne. Uns trifft das hier nicht." "Aber schauen Sie doch...", entgegnete ich und zeigte in den Himmel. "Nee, ne. Hier nicht...", da krachten im Eingang des Geschäfts bereits die ersten Verkaufsständer um. Ich hörte schon nicht mehr auf den Mann und hastete zum Auto. Wenn ich gut durchkomme, dann kann ich die Jungs direkt an der Bushaltestelle einsammeln, schoß es mir durch den Kopf. Binnen kürzester Zeit kam so ein heftiger Sturm in Gang, daß mich auf die Windschutzscheibe krachende kleinere Äste zusammen fahren ließen. Ich hatte Mühe, den Wagen zu lenken, während ich darauf achtete, ja dem vor mir schlingernden LKW nicht zu nahe zu kommen. Während ich an der Bushaltestelle wartete, ertönten ohne Unterlaß Sirenen, Feuerwehrfahrzeuge zogen an mir vorbei, Bäume fielen wie nichts um. Kein Bus, keine Kinder. Jeder Weg, den ich hätte zur Schule fahren können, war durch umgekippte Bäume  versperrt. Ein Anruf in der Schule und man ließ mich wissen, daß momentan garkeine Busse fahren, die Kinder aber in Sicherheit wären. Ich solle bitte auf Rückruf warten. Derweil saß mein Mann in der Bahn fest - auch da hatten umgefallene Bäume auf den Gleisen für Chaos gesorgt. Häuser, deren First komplett abgerissen war, Gartenschuppen, die über die Straßen wehten, überall entwurzelte Bäume, abgebrochene Äste, Gartenmöbel schlitterten über's Asphalt - irgendwo im Nirgendwo immer wieder Sirenen. Dachziegel gingen immer wieder krachend zu Boden. Ich bin nur noch ins Haus geflüchtet, habe alle Rollläden runter gelassen, alles dicht verrammelt. Inzwischen habe ich nach dem erlösenden Anruf der Schule meine Jungs wieder an der Bushaltestelle in Empfang nehmen können. Auch mein Mann ist nach unzähligen Stunden in der Bahn an seinem Zielort angekommen. Eine Tagesreise für eine Strecke von zwei Stunden. Wir leben. Uns geht es gut. Um das Chaos kümmere ich mich in den kommenden Tagen. Einpaar Ziegel sind auch uns abhanden gekommen. Wenn's nur das ist... Optimisten würden sagen, daß viel Holz zusammen gekommen ist, und daß Dachdecker nun Hochkonjunktur haben. Ich freue mich, wenn wir diese Nacht ohne bleibende Schäden überstehen.





















26 Oktober 2013

Wenn Katzen lieben...



Ich wollte vorgestern ausnahmsweise mal allein durch den Wald spazieren gehen.Bereits an der Haustür begegnete ich Herrn Mautz.


Nach den üblichen Liebesbekundungen (anstubsen mit dem Köpfchen, neuerdings kommt so ein "Brrt-Laut", um die Beine streichen, Motor anschmeißen, machte er sich gemeinsam mit mir auf den Weg.

 

Immer einpaar Schritte hinter, neben oder vor mir...

    
Ich habe eher damit gerechnet, daß er sich irgendwann davon macht, aber weit gefehlt. Wie ein Hund ging er die ganze Zeit mit mir durch den Wald Gassi ;-).


Auf diesen Stumpf stellen sich immer wieder mal die Söhne auf unseren Spaziergängen, damit ich sie dort ablichte. Quasi als Beweis dafür, daß man ihnen beim Wachsen zusehen kann. Ich brauchte nur auf den Stumpf zu deuten und Herr Mautz sprang bereitwillig darauf, um sich ebenfalls ablichten zu lassen. Mäusemörder, Samtpfötchen, bengalischer Klippentiger, Schwerenöter, Turbo-Schmuser, hach...

 

Wir sind wirklich weit gelaufen. Immer wieder vergewisserte er sich, daß ich da war.


Ich habe wirklich keine Ahnung von Hunden und Katzen. Aber benimmt der sich hier nicht eher wie ein Hund?! Er folgt mir überall hin, begleitet mich von A nach B, wartet dort, begleitet mich wieder zurück, kommt auf Zuruf, versteht, was ich meine... Ist das normal? Inzwischen sind wir hier bekannt. Tauchen wir auf, dann schmunzeln die Leute. Von weitem wird ungläubig gerufen: "Ist das eine Katze? Gehört der Ihnen?" Meist entgegne ich dann: "Ja, das ist ein Kater. Irgendwie gehören wir zusammen. In Wirklichkeit ist er aber nicht unserer."


Er ist soooo süß. Wir möchten ihn alle nicht mehr missen. Auf dem Rückweg kam uns eine ältere Dame mit ihrem Hund entgegen. Da konnte ich Herrn Mautz erstmals mit einem Katzenbuckel mit aufgestelltem Fell bestaunen. Ab da war der Kater nicht mehr zu sehen. 


Ich trat alleine den Rückweg an, bestaunte zarte, kleine Blümchen zwischen dem Herbstlaub und schaute mich immer wieder nach Herrn Mautz um. Vergeblich.

Er kam erst am nächsten Morgen wieder nach Hause und benötigte den ganzen Tag Tiefschlaf. Unsere Nachbarin gab Entwarnung, machte ich mir doch schon Sorgen. Also habe ich ihn schnell besucht, kurz gekrault und weiterschlafen lassen.  Hach, er ist soooo süß! Wir sind ihm alle hoffnungslos verfallen. Dabei gehört er ja noch nicht einmal uns.

25 Oktober 2013

Klein, aber fein


In der Nähe unseres Hauses befindet sich ein Apfelbaum. Jahr für Jahr bekommen wir mit, wie kein Mensch die Äpfel aberntet. Sie vergammeln nach und nach am oder unter dem Baum. Dieses Jahr haben wir den Besitzer gefragt, ob wir die Äpfelchen pflücken dürfen.

 
Wir durften. Mit einer kleinen Leiter bewaffnet, wurde das Bäumchen erklommen. Kleine Hände pflückten emsig, während ich von unten die Leiter stützte.


Zuhause wurden die kleinen Äpfel geschält, gestückelt und in einer Pfanne mit Butter und zwei Tütchen Vanillezucker  karamelisiert. Drüber gegossen haben wir diesen Teig: 350 ml Milch, 150 g Mehl, 1Päckchen Vanillezucker, zwei Eier -  wer mag noch Zimt. Schön braun anbraten, mit einem Schlag Vanilleeis wird das ganze unschlagbar lecker.

23 Oktober 2013

Quintessenz


oder, was Erstklässler so schreiben ;-)...

18 Oktober 2013

In eigener Sache...

 

Vor einiger Zeit wurde ich um ein nettes Interview gebeten. Wer Interesse daran hat, darüber mehr zu erfahren, der folge mir zu Womensvita. Übrigens habe ich mich seinerzeit Pünktchen genannt, nicht weil ich mich für ach so niedlich befinde, sondern weil ich von Kindesbeinen an hinter meinen Vornamen einen Punkt gesetzt habe. Das habe ich bis zum heutigen Tag so beibehalten ;-)… 


11 Oktober 2013

Mitten unter uns, oder im Djungel der Schriftzeichen



Das kleine Kind und ich, wir haben stundenlang lautmalerisch Buchstaben geübt. Es ist einfach entzückend, ihm bei seinen ersten Lese- und Schreibübungen zur Seite zu sein. Ich genieße das sehr, ihn in seiner Lernfreude zu unterstützen.  Wie schön das ist, Anteil daran haben zu dürfen, wenn er plötzlich entdeckt, daß Buchstaben und Silbenfolgen Worte ergeben, die er nun in der einfachsten Form entschlüsseln kann. In solchen Momenten werde ich euphorisch, so großartig ist das. 


Wenn meine Eltern mit mir in den Sommerferien in die Türkei fuhren,  gab es ganz besondere Ereignisse für mich. Eines davon war, wenn mein Vater mich in der Stadt in eine Buchhandlung begleitete, mich dort dem Buchhändler als seine Tochter vorstellte und ihn wissen ließ, daß er mich in einigen Stunden wieder abholen würde. So lange durfte ich Bücher zusammen suchen, die zusammen gepackt an unsere Adresse in Deutschland geschickt wurden. Ich brauche wohl nicht zu betonen, wie glücklich ich jedes mal war. Und tatsächlich stöberte ich umher und alles, was ich sorgsam auswählte, wanderte zur  Freude des Buchhändlers in große Kartons. Die Büchlein auf dem oberen Foto stammen noch aus jener Zeit.
 
„Das ist doch nun wirklich nichts Besonderes“, werdet ihr vielleicht denken. Nun, für mich ist das etwas ganz besonderes sogar. Denn meine beiden Großmütter waren Analphabeten. Sie konnten beide nicht lesen und schreiben. Meine babaanne Leyla hatte in der Türkei nie eine Schule von innen gesehen. Damals sollten Frauen sich in erster Linie um die Familie kümmern, und es gab wahrlich existenzielle Sorgen. Sogar reichlich davon. Auf dem Land, wo sie lebten galt es alle Kraft in die landwirtschaftliche Selbstversorgung zu stecken, um die Familie zu ernähren, nein, eher am Leben zu erhalten. Vom Lesen und Schreiben können wurde man nicht satt.


Dankbar bin ich, daß es für mich selbstverständlich war, eine Schule zu besuchen. Lesen und Schreiben lernen, das eröffnete mir neue Welten. Das habe ich zeitlebens geschätzt. Meine beiden Großmütter, sie konnten uns Kindern nie vorlesen. Für uns war das nicht wichtig. Dafür erzählten sie uns ausgedachte Geschichten. Die waren mindestens genauso wertvoll. Ich kann das nur schwer aushalten, wenn ich mitbekomme, wie manch' ein Jugendlicher seine "Null-Bock-auf-Schule-Weltanschauung" mit stolz gestählter Brust vor sich herträgt. Wissen die eigentlich, wie gut sie es haben?! Ich erinnere mich an den schlimmsten Fluch meines Onkels Necmi, der es aus einfachsten Verhältnissen schaffte zu studieren und Lehrer zu werden: "Ich wünsche X,Y,Z Kinder, die nicht lernwillig sind...!" 
 
Verrückterweise war auch meine Großmutter mütterlicherseits zeitlebens Analphabetin. Diese merkte sehr wohl und überdeutlich, daß sie etwas sehr Bedeutendes in ihrem Lebensalltag nicht beherrschte. Denn die zweite Hälfte ihres Lebens mußte sie mit ihrer Familie aufgrund der Kriegsunruhen auf Nordzypern in ein anderes Land auswandern: England. Erschwerend  kam hinzu, daß sie auch nach vielen Jahren dort ein sehr rudimentäres Englisch sprach. Ich verurteile das keineswegs, weiß ich doch, wie schwer es im Alter ist eine gänzlich neue Sprache zu erlernen. Was Kinder quasi mit der Luft zum Atmen verinnerlichen, muß der Erwachsene sich mühsam ins Gehirn meißeln. Der Analphabetismus machte ein unabhängiges Leben nahezu unmöglich. Egal, worum es ging, benötigte sie die Hilfe von Eingeweihten. Behördendinge, Korrespondenz jeglicher Art, Bankgeschäfte, Arztbesuche, Medikamenteneinnahmen, Einkäufe, Busfahrpläne lesen - nahezu alles war ohne die Hilfe von anderen nicht zu bewältigen. Ich erinnere mich daran, wie ich als Fünfjährige ihre private Post beantwortete. Sie diktierte, ich schrieb.  

Ich liebte meine beiden Großmütter. Als Kind konnte ich keinen Mangel an ihnen feststellen. Für mich waren sie perfekt, denn sie waren liebevoll, gütig und hatten ein großes Herz. Dumm waren sie beide keinesfalls. Auf einen Mangel an Intelligenz ist Analphabetismus jedoch nicht zurückzuführen. Meist kommt es durch das Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren zu Defiziten beim Lesen und Schreiben. Dazu gehören u.a. individuelle Besonderheiten, die Eltern und die Situation der Familie. Zwar  hatten beide keinerlei Schulbildung, doch war es ihnen sehr wichtig, daß alle ihre Kinder eine Schule besuchen konnten. Dafür nahmen sie allerlei zusätzliche Erschwernisse in Kauf. Etliche ihrer Kinder studierten sogar. Heute bin ich eher wehmütig, wenn ich bedenke, welchen Ängsten, Unsicherheiten und Schwierigkeiten sie in ihrem Alltag immer wieder ausgesetzt waren - die eine in der Großstadt sicherlich deutlich mehr, als die andere. Wie schambehaftet und stigmatisiert sie ihr Leben lebten...  Damals gab es all die Hilfsangebote nicht, die es heute gibt. Und trotz aller Aufgeklärtheit ist Analphabetismus auch heute noch ein Tabuthema.

Hier z.B. habe ich eine Seite entdeckt, die sogar Sohn2 nach nur wenigen Wochen Schule mit meiner Unterstützung meistern konnte. Vielleicht kennt auch ihr Menschen, die man auf diesem oder anderem Wege unterstützen kann - auch wenn diese oftmals wahre Meister der Tarnung sind. Es bedarf sehr viel Feingefühl, um diese verwundeten Menschen nicht noch mehr zu beschädigen.
 

2011 kam die Analphabetismus-Studie „Leo“ der Uni Hamburg zu dem Ergebnis, daß rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland keine einfachen Texte lesen und schreiben können. Ca. 20.000 von ihnen sollen sich in Alphabetisierungskursen befinden, die sie selbst zahlen müssen. Es gibt Schätzungen, die besagen, daß es ca. 1200 Stunden dauern würde, bis die funktionalen Analphabeten auf dem gleichen Stand wären wie „normale“ Schulabgänger. Man hat heraus gefunden, daß es bei vier Stunden pro Woche, sechs lange Jahre brauchen würde. Eine zu lange Zeit, die die meisten nicht durchhalten. Laut Paradisi fehlen ca. 4 Millionen Menschen die Mindestanforderungen, um aktiv am Arbeits- und Berufsleben teilzunehmen.

Normalerweise sind Eltern stolz auf ihre Kinder. Das sind auch wir. Aber vielleicht kann der ein oder andere verstehen, daß ich auch Jahrzehnte später stolz auf meine Eltern bin. Seinerzeit gründeten sie in der Stadt, in der wir in Deutschland lebten, eine Begegnungsstätte für Türken und Deutsche. Es gab eine Theatergruppe, einen Chor, Kochkurse, Handarbeitsgruppen, und etliches andere mehr. An türkischen Feiertagen gab es große Feste mit Aufführungen. Nicht nur  da kamen auch immer interessierte Deutsche, Journalisten von diversen Zeitungen. Was mich aber am meisten beeindruckte waren die Möglichkeiten, die meine Eltern mit einigen anderen Kollegen für etliche Menschen aus eigener Initiative erschufen: Alphabetisierungskurse für Landsleute, die nicht lesen und schreiben konnten. Erst kam da nichts in Gang, denn solch‘ ein Eingeständnis geht mit sehr viel Schamüberwindung einher. Aber nach und nach trauten sich die ersten Frauen. Sie lernten andere türkische Frauen mit demselben Problem kennen, konnten sich auch bezüglich anderer Themen austauschen. Sie blieben über Jahre dieser Begegnungsstätte treu und lernten das Lesen und Schreiben, konnten erstmals ihre kleinen Kinder unterstützen und begleiten. Diesen Erfolgen beiwohnen zu dürfen das war mehr als nur erhebend für jeden, der das miterleben durfte.

Ja, daß ausgerechnet meine Eltern, die selbst aus Familien mit Analphabeten stammten sich mit anderen dafür stark machten, über viele Jahre sehr viel Zeit und Engagement an den Tag legten, um diese Menschen ein Stückchen mehr an der Gesellschaft teilhaben zu lassen, das erfüllt mich mit großem Stolz. Noch heute.


 Eines von drei ersten Büchern, die ich von meinem Onkel Zekâi und seiner Frau bekam.

Vielleicht versteht ihr jetzt, daß ich auf ganz besondere Weise glücklich bin, wenn ich unseren Kindern beim Lesen und Schreiben lernen zur Seite sein kann.