28 Februar 2013

Unruhe

 

Seit Wochen bereite ich mich innerlich auf den Tag vor, an dem die Stellschraube aus meinen Knochen entfernt wird (das ist die längste Querschraube in obigem Gemälde - übrigens habe ich erst nach drei Wochen mehr oder weniger zufällig erfahren, dass ich auch beim Bänderriß voll zugelangt habe). Wenn ich an nächsten Dienstag denke, dann freue ich mich einerseits unbändig darauf, dass ich nach diesem Eingriff  erstmals nach sechs langen Wochen mein Fuß/Bein endlich wieder belasten darf. (Das musste bislang unbedingt vermieden werden, weil solche Schrauben sonst brechen, und dann hat man ein unangenehmes Problem zu beheben). Andererseits verursacht mir die gelegentliche Vorstellung daran vor lauter Angst Schweißausbrüche. Bei der OP-Besprechung war ich gegen eine Vollnarkose und andere Betäubungsvarianten, habe mich mutig für eine lokale Betäubung entschieden (Danach gab es aber durchaus Phasen, in denen ich mich fragte, ob ich noch alle Tassen im Schrank habe). Sätze wie „Das Gewebe können wir betäuben, jedoch nicht die Knochenhaut, die von vielen Nerven durchzogen ist“, oder „So eine Schraube kann in sechs Wochen verdammt festsitzen“, "Kommen Sie bitte für alle Fälle nüchtern zur OP!", lassen immer mal wieder Horrorvisionen in mir aufkeimen. Was wenn ich an einen gerate, der handwerklich nicht sonderlich begabt ist??? Weiß doch jeder, der schon mal eine rostige Schraube irgendwo rausdrehen musste und dabei mehrfach abgerutscht ist, das so was auch mal länger dauern kann.  Den Medizinern in unserem Freundes- und Bekanntenkreis habe ich es zu verdanken, dass mein Vertrauen in die Halbgötter in den letzten Jahren dem stetigen Schwund ausgesetzt ist. Was die manchmal erzählen… 



Es sollte wohl so sein, dass ich heute bei einer weiteren Röntgenuntersuchung im Krankenhaus lange Wartezeiten hatte und dabei einem Mann mittleren Alters gegenüber saß, der mich ansprach. Er, der eine ähnliche Fraktur hatte und die Stellschraube auch lediglich in Lokalanästhesie heraus bekam, machte mir Mut. „Das schaffen Sie schon“, waren seine aufmunternden Worte, als er sich verabschiedete. Klar, irgendwie werde ich das überstehen. Und bis dahin fahre ich innerlich noch ein bisschen Karussell.




 


23 Februar 2013

News


Wie man unschwer erkennen kann, passiert hier gerade nicht wirklich Spannendes.

Sohn 1 hatte immer schon die Eigenheit, alles schriftlich festhalten zu wollen. Als er noch nicht begonnen hatte zu schreiben, geschah das mittels seiner Zeichnungen. Ich habe so ziemlich jedes Blättchen von meinen Söhnen aufgehoben, was ich irgendwo, z.T. auch im Müll, wieder gefunden habe. Diese Meldung war's dem Sohn offenbar nicht wirklich wert, aufgehoben zu werden, es wurde zerrissen und entsorgt. Einer wachsamen Mutter entgeht nichts ;-). Ich habe sofort dieses kostbare Gut aus dem Papierkorb gefischt, es wieder zusammen geklebt, mit einem Datum auf der Rückseite versehen und es in meine Schatzkiste getan, wo schon unzählige andere Erinnerungen lagern. Ich liebe das so sehr! 

Wo und wie bewahrt ihr solche Erinnerungen auf? Plaudert doch mal etwas aus dem Nähkästchen. Ich bin neugierig und dankbar für jede noch so kleine Ablenkung in unserer Tristesse...


20 Februar 2013

Kopfkino


- Tote Fische -
Aquarell mit Fineliner

Bis zu meinem Unfall kannte ich keine Langeweile. Die Zeit vergeht quälend langsam. Ich habe viel innere Unruhe, möchte so Vieles machen, was nicht geht. Nachts werde ich schlaflos. Ich zähle dann die Stunden bis zum Morgengrauen, die Tage, bis endlich die Stellschraube am 5.März wieder entfernt wird. Erst dann darf ich nach und nach mein linkes Bein/Fuß wieder belasten. Noch dreizehn lange Tage, mit dreizehn langen Nächten... Letzte Nacht wollte ich eigentlich eine schöne Landschaft auf's Papier bannen. Tote Fische in der Kiste sind's geworden.

10 Februar 2013

Klicker klacker


Ein Segen, daß ich noch eine Menge Sockenwollvorräte in meinem Korb hatte. So sind in den letzten Wochen diese sechs Paar für meinen Papa entstanden, obwohl ich anfangs immer nur wenige Reihen am Stück geschafft habe. Das hat mich vor der tödlichen Langeweile gerettet.

07 Februar 2013

Für die Seele. Für's Herz.


Ich feiere heute "Bergfest" - drei lange Wochen von insgesamt Sechsen sind rum. Noch drei Wochen, und ich darf ganz leicht und allmählich wieder anfangen das linke Bein zu belasten. Meine Freundin war gestern da - hat mir für den heutigen Tag einen Sekt mitgebracht und leckere Schweinereien. U.a. dann noch obige DVD.

Ich liebe tolle Filme. Das ist einer. Ein guter Film muß eine tolle Besetzung haben, mich abholen, mein Herz öffnen, mich berühren und mitreißen, mich zum Lachen und/oder zum Weinen bringen, mich mit seinem Inhalt begeistern. Ich möchte echte Schauspielkunst sehen. Und eine schöne Auswahl an Filmmusik tut den Rest. Wer ihn noch nicht kennt, möge ihn sich anschauen. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß es irgendjemanden geben könnte, dem er nicht gefällt (außer Filmkritikern vielleicht - die finden ja immer ein Haar in der Suppe...). 

Zum Verlieben Omar Sy. Zum Dahinschmelzen François Cluzet.






04 Februar 2013

Ein Schritt in Richtung Menschwerdung



 
Was ein Frisörbesuch für einen psychologischen Effekt haben kann, wird jeder wissen, der insbesondere Krisenzeiten durchlebt hat. Gerade dann sagt man uns Frauen nach, trennten wir uns mit großer Bestimmtheit von unseren Haaren.

Ich habe lange Haare. Von Glatze bis Knielang war in meinem Leben alles vorhanden. Nur mit Farbe war ich extrem zurückhaltend, weil ich es für mich einfach nicht mochte.

Manchmal trage ich meine Haare offen. Öfter habe ich eine Hochsteckfrisur, weil sie einfach super easy zu machen ist, und eigentlich ohne viel Aufwand im Alltag was her macht. Übrigens bin ich entgegen gängiger Meinung der Ansicht, dass eine Kurzhaarfrisur in der Pflege viel mehr Aufwand erfordert als lange Haare das tun.

Wie dem auch sei, probierte ich kürzlich meine Haare am Waschbecken selbst zu waschen, was sich als richtig schwierig herausstellte. Meine langen Haare füllten bereits das große Becken aus, und ich hatte deutliche Mühe, das Shampoo aus ihnen auszuwaschen.

Heute war mein Mann außer der Reihe einen Tag unter der Woche zu Hause und spontan befiel mich der Gedanke, dass es toll wäre, jetzt Haare zu lassen. Gesagt, getan: Schnipp schnapp Haare ab! Hach, wie gut das tut, sich entspannt die Haare waschen zu lassen. Die Kopfmassage war einfach göttlich und unbezahlbar… Eine Menge ist runter gekommen von meinem Haupthaar, wobei der größte Anteil unter dem Frisörstuhl zum Liegen kam.

Ich fühle mich gerade so richtig gut und bin total happy. Und es ist immer noch ausreichend Haarlänge vorhanden, dass ich meine Hochsteckfrisur hinbekomme.

02 Februar 2013

Hochdruck- und Tiefdruckgebiete


Seit siebzehn Tagen liege ich immer nur in Rückenlage in Betten herum – und tue fast 24 Stunden lang nichts anderes als das. Bis auf schweißtreibende Katzenwäscheeinheiten und gelegentliche Toilettengänge, sowie das morgendliche auf den Weg bringen meiner süßen Jungs, habe ich nichts zu tun.

Das Wenige, was ich tun kann, ist schon irrsinnig ermüdend. Das furchtbare TV-Programm im Laufe des Tages kann und will ich mir nicht antun. Erschreckend, was einem da zugemutet wird. Da ist ein gelegentlicher Streifzug durch die Bloggerwelt eine wahre Wohltat! Ich bin schon mit reichlich Büchern eingedeckt, aber ein zwei Seiten… und ich habe das Gefühl, gerade auf halber Strecke im Eiltempo den Kilimandscharo bezwungen zu haben. Mein Sturz mit den Krücken hat mich innerlich vor Angst erstarren lassen. Die Dinger sind, zumindest aus meiner Sicht, für mich gemeingefährlich. Mittlerweile gibt es für die untere Etage einen Gehbock (da habe ich deutlich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten), und für die obere Etage einen selbst organisierten Rollstuhl. Aber egal, wie ich meine Fortbewegung gestalte, ich bin nach kürzester Zeit und wenigen Metern völlig am Ende. Im Leben hätte ich nicht für möglich gehalten, wie schnell man körperlich abbaut. Ich meine sogar schwindende Muskeln und sich verkürzende Sehnen und Bänder zu spüren. Krankengymnastik ist erst frühestens nach sechs Wochen möglich, nachdem die längste der Schrauben wieder entfernt sein wird.

In einer so derart reduzierten Phase seines Lebens fängt man dann durchaus an zu grübeln über dies und das, das Leben an und für sich, und das, was einen im Alter mehr oder weniger erwarten wird. Obwohl ich ein sehr lebensbejahender Mensch bin, der Euphorie auch ohne Alkohol und Medikamente im Blut erleben darf, gab und gibt  es durchaus Momente, in denen sich graue Wolken über meinem Haupt zusammen brauen. Am meisten macht mir zu schaffen, dass ich nicht in gewohnter Weise meine durchaus noch klein zu nennenden Kinder versorgen kann. Auch wenn sie sich so gut wie nichts anmerken lassen, bin ich doch nah genug bei ihnen, um ihre anfänglich sorgenvollen, beunruhigten Blicke um die Mama wahrnehmen zu können. So haben sie mich bisher noch nie erlebt. Wenn sie um mich herum sind, dann gebe ich mir große Mühe, positiv rüber zu kommen. Aber ich glaube, dass auch Kinder in der Lage sind, ungefiltert in die Seelen ihrer Eltern zu schauen.

Im Speziellen geht es um drei Termine, die ich im Krankenhaus wahrzunehmen habe. Ich brauchte also dringend Jemanden, der mich dorthin fährt (mit Taxi unbezahlbar kostspielig, da zu große Entfernung, mit Bus unmöglich). Von Krankenkassenseite ist nichts zu erwarten. Inzwischen wissen sehr viele Menschen, wie meine letzte Rodelpartie ausgegangen ist – so was spricht sich schnell rum. Ich habe Tage der Selbstüberwindung gebraucht, um einige der Menschen, denen ich in der Vergangenheit mit diversen Aktionen, oder in Notsituationen immer wieder geholfen habe, um einen Gefallen zu bitten. Nichts – außer einige nichtssagende SMS. Das hat mich mehr als erschreckt. Ich war sehr bestürzt, und konnte so eine Ignoranz gar nicht fassen. Wir sind da komplett anders. Da fällt mir gerade ein, dass mir mal Jemand sagte: „Ein großer Fehler ist, davon auszugehen, dass alle anderen genau so gestrickt sein müssten, wie man selber.“ Scheint wohl so zu sein. Spätestens an dieser Stelle möchte ich mich bei dem ein oder anderen von Euch Bloggerinnen bedanken, die sich zwischenzeitlich immer wieder nach meinem Befinden erkundigt und Genesungswünsche kundgetan haben. Danke, danke!! Ihr seid wirklich unglaublich nette Leute.

Zwischenzeitlich ist zumindest der erste von drei Terminen abgedeckt. Für’s Erste bin ich unendlich erleichtert darüber.

In der Zwischenzeit gab’s einen Spielbesuch für die kleinen Herren, die sich sehr darüber gefreut haben. Die entsprechende Mutter hat mitgedacht, und eine Kleinigkeit zum Knabbern, etwas Obst für alle unsere Kinder und reichlich zu Lesen für mich mitgebracht. Auch wenn ihr jüngster Sproß sie gut auf Trab gehalten und die Haushaltshilfe erneut zum Staubsauger greifen ließ, war es eine sehr willkommene Abwechslung in meiner Monotonie.

Meine Freundin hier hat mir jedoch die größte Freude bereitet. Sie, ihres Zeichens Langschläferin, hat sich den Wecker gestellt (ein echtes Opfer), Leckereien für uns zubereitet, sich bei Orkanböen, heftigen Regenfällen und eisiger Kälte auf’s Fahrrad geschwungen, eine extra Portion Obst mitgebracht, tolle Bücher zum Lesen und etliche DVD’s, aus denen ich auswählen durfte. An diesem Tag habe ich mit ungeahntem Appetit soviel gegessen, wie die vierzehn Tage davor nicht. Was aber das Beste war: wir haben wieder einmal aus tiefster Seele Tränen gelacht. Lachen ist wirklich die beste Medizin! 

Und kaum habe ich diese Zeilen in die Tastatur getippt, kommt mein Jüngster jubelnd mit einem Umschlag für mich in der Hand die Treppen hoch gelaufen. Roswitha, Du bist unglaublich! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ein seitenlanger Brief mit so vielen liebevollen Zeilen und Kleinigkeiten darin. Das hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Vielen vielen Dank!! Schnüff...

Natürlich ist mir bewusst, dass es weitaus Schlimmeres gibt als das, was mir widerfahren ist. Und die Aussicht auf Genesung beruhigt ungemein. Dennoch hätte ich gerne auf so eine Erfahrung verzichtet. Und jetzt werde ich das erste Mal nach all diesen Tagen mich im Rollstuhl nach draußen wagen. Ich habe gehört, dass man schon erste Krokusspitzen sehen kann…