23 Januar 2013

Parallelwelten


Eine letzte Aufnahme im Krankenhaus... Home, sweet home. Ich bin seit gestern wieder zu Hause. Freude darüber, meine kleinen Söhne und meinen Mann in der vertrauten Umgebung wieder um mich zu haben. Dennoch gestaltet sich manches schwerer, als ich es mir in meiner Vorstellung zurecht gezimmert hatte. Ich bin wirklich überrascht darüber.

Im Krankenhaus gab es viele routinierte Abläufe, die natürlich anders sind als zu Hause. Obwohl ich jemand bin, der sich in solchen Einrichtungen sehr zurückhält und einen Krankenhausaufenthalt nicht mit einem Hotelaufenthalt verwechselt, tat es gut zu wissen, daß man regelmäßig auch in der Nacht überwacht wurde.

Ich habe sehr viel Respekt vor dem, was die unterschiedlichsten Menschen dort tagtäglich - und eben auch in der Nacht, leisten. In der Haut der Krankengymnasten wollte ich nicht stecken, wenn sie die Patienten alsbald versuchen mobil zu machen. Viele schmerzverzerrte, tränenüberlaufene Gesichter, Verzweiflung über die Einschränkungen, die man meint auf garkeinen Fall überwinden zu können. Immer wieder das geduldige, motivierende, gute Zureden, das Stützen und mit jedem Handgriff helfen - professionell und freundlich bleiben, auch wenn der ein- oder andere bockt wie ein kleines Kind im Trotzalter. Puhhh! Wenn ich mir vorstelle, daß ich unter Umständen zwanzig solcher Patienten am Tag hätte, ich wäre... fertig mit den Nerven. Auch körperlich! 

Sechs Tage war ich in einer anderen Welt. Ich habe von allen Seiten freundliche Hilfe und zuversichtliche Unterstützung erfahren. Ich habe eine Frau kennen gelernt, der nach einem Autounfall bis auf einen Arm und Bein, nahezu alle anderen Knochen im Körper gebrochen waren. Eine über achtzigjährige Dame mit Oberschenkelhalsbruch, die von den Schwestern und Pflegern so überaus liebevoll betreut wurde  - auch wenn man sich wegen ihrer Schwerhörigkeit nur in extremer Lautstärke mit ihr unterhalten konnte und alles bestimmt drei Mal wiederholen mußte. Das zu sehen hat mich sehr berührt und auch beruhigt. Denn in so einem Krankenhaus kann man gut sehen, woher man kommt und wohin wir alle auch wieder gehen werden.

Die kommenden Wochen werden nicht einfach werden. Mein Mann wird unter der Woche nicht da sein. Morgens werden meine Kinder von einer Haushaltshilfe zum Bus und in den Kindergarten gebracht. Zu meiner persönlichen Betreuung bleiben dann noch 1 Stunde und fünfzehn Minuten am Tag. Das reicht für die dringlichsten Dinge. Und ich kann garnicht sagen, wie unendlich froh ich darüber bin.

20 Januar 2013

Island speed


Seit Donnerstag, nach meiner letzten Rodelfahrt, bin ich gezwungenermaßen auf den Nullpunkt runter gefahren. Nichts geht mehr! Der Ballonfuß mit Ballonbein gehört mir. OP ist erfolgt, ich bin verplattet und vernagelt. Jetzt darf sich nichts entzünden. Und mit Glück geht's ab Dienstag wieder nach Hause. Gestern und heute war ich schon mit Gehhilfe unterwegs - meine größte Motivation dabei war, der Bettpfanne zu entgehen. Meine Menschenwürde ist mir ungeheuer wichtig. Worüber ich mich immer wundere ist, warum man am ersten Tag fast heroinähnliche Substanzen verabreicht bekommt - und am Folgetag, wenn man vor Schmerzen fast ohnmächtig wird, sie auf bitten und betteln nur "Smarties" verteilen.

17 Januar 2013

Aus Mist mach Gold!

 

Ich liebe Bücher! Gute Bücher. Dieses hier war leider keines. Ich habe es dennoch gelesen, und es danach mit gutem Gewissen geschlachtet. Denn ich mag mich nicht mit Dingen umgeben, die ich nicht gut finde. Auch wenn es sich dabei lediglich um ein Buch handelt, von dem ich noch nicht einmal mehr weiß, wie es überhaupt in unsere heiligen Hallen gelangt ist

 

Die kleinen Herren wollen beschäftigt sein. Da kommt dann eines zum anderen.


Kleine ambitionierte Hände wollen unbedingt ein Vorhaben umsetzen. Ich assistiere lediglich.


Stolz, Überschwang, gefühltes Glück. Am Ende dann das!

16 Januar 2013

Rush Hour

 

Hallo! ...Und? Habt Ihr schon die Urlaubwäsche in der Waschmaschine, alles an Ort und Stelle? Können wir nun wieder zum Alltagsmodus umschalten?

Ich möchte Euch unbedingt dieses sehr kurzweilige Konzentrationspiel vorstellen, welches ich bei meiner Freundin entdeckt habe

                           
Es gibt vier Stapel mit Karten, die nach Schwierigkeitsgraden unterteilt sind. Eine Ausgangssituation ist auf der Karte vorgegeben. Die muß man erst einmal nachstellen.
                                       

Aus dem Verkehrschaos führt nur ein Weg hinaus. Man darf die Fahrzeuge verschieben, aber nicht anheben. Geschicklichkeit ist gefragt - und einiges Ausprobieren ist erforderlich ;-). Das Spiel ist für einen Spieler gedacht, die Spieldauer beträgt ca. eine Viertelstunde.
Empfohlen wird es ab 8 Jahren.



Und falls es dann doch mal zu kniffelig werden sollte, und bevor man sich vor Verzweiflung die Haare raufen möchte, dreht man die Karte um und kann sich die Auflösung anschauen.
Ich wünsche Euch viel Vergnügen damit! Es lohnt sich!

Achtung bei Kleinkindern: es gibt verschluckbare Kleinteile!

15 Januar 2013

XX - Das Ende vom Ende -

Ihr Lieben, ihr wart eine sehr nette Reisebegleitung, und ich möchte mich ganz herzlich für Eure Kommentare bedanken. Aber einen hab' ich noch ;-)...Diesen allerletzten Teil meines Reiseberichts hat noch niemand zuvor gelesen. Er ist erst vor wenigen Monaten aus meiner sehr lebendigen Erinnerung heraus an diesen unvergeßlichen Tag entstanden.
 
Frisch geduscht wollen wir zeitig vor Abflug am Atatürkairport  in Istanbul sein. Mein Vater ist bei uns, als wir mit dem Taxi eines Bekannten aufbrechen. Zeitig verabschieden wir uns voneinander.  Als wir uns einreihen in die überschaubaren Menschenschlangen, bemerken wir zwei Niederländerinnen, die verunsichert und orientierungslos wirken. Bei Blickkontakt wagen sie uns anzusprechen, weil sie nicht sicher sind, ob sie in der richtigen Schlange stehen. Ich muß zugeben, daß die Akustik im Flughafen eher bescheiden ausfällt, und sogar ich Mühe habe, die scheppernden Ansagen aus den Lautsprechern zu verstehen. Die Damen sind mehr als erleichtert, bedanken sich mehrfach für unsere Unterstützung. Es scheint ewig zu dauern, bis sich endlich auch etwas in unserer Schlange tut. Unbehagen erfasst mich, denn es bleibt nicht mehr allzu viel Zeit bis unser Flieger abheben soll. Die Kinder sind gut drauf – das ist ja schon mal was.

Im Gegensatz zu mir besitzen unsere Kinder lediglich einen deutschen Paß. Das heißt, daß sie nicht länger als drei Monate in der Türkei verweilen dürfen. Ich hingegen, als alleinig türkische Staatsbürgerin, darf meinen Aufenthalt bis zu einem halben Jahr ausdehnen. Auf diesen Umstand hatte ich in Deutschland meinen Mann hingewiesen, nachdem ich mich durch diverse offizielle Seiten durchgelesen hatte. Er beharrte jedoch darauf, daß ich da etwas missverstanden hätte. Ich höre mich noch sagen: „Hoffentlich bleibt Dir diese Unterhaltung noch im Gedächtnis, wenn es in der Türkei deswegen zu Problemen kommt…“

Endlich, endlich tut sich etwas an unserem Schalter. Es geht lähmend langsam voran. Wir sind dran. Ein Blick in die Pässe der Kinder: „Ihre Kinder sind ja deutlich länger als drei Monate in der Türkei. Das tut mir leid, aber sie müssen dorthin!" (zeigt Richtung Polizei). Mir gefriert das Blut in den Adern. Ich hätte es besser wissen müssen. Wir packen die Kinder und rennen dorthin. Eine saftige Geldstrafe muß entrichtet werden. Ich stehe beinahe in Flammen, denn mein Mann muß zum Geldautomaten, und der befindet sich natürlich nicht auf unserer Ebene. Er rennt los, während ich mit den Kindern die Sekunden bis zu seiner Rückkehr zähle. Kaum, daß er da ist und wir einige hundert Euro gezahlt haben, werden wir auf eine weitere Station hingewiesen, die wir unter diesen Umständen noch aufzusuchen haben. Ich bin inzwischen einer Ohnmacht nahe. Scheiße! Das dauert alles viel zu lange. Als wir völlig außer Atem vor dem nächsten Menschen stehen, und der in aller Seelenruhe in unseren Pässen umherblättert, flehe ich ihn an, sich doch bitte bitte etwas zu beeilen. Unser Flieger wird bald abheben. Mit noch mehr Gelassenheit entgegnet er mir: „Meine Liebe, Sie sind doch gerade erst hierher gekommen. Was kann ich dafür, wenn ihr Flieger bald abhebt?!.“ Das ist mehr als ich aushalten kann. Ich bin völlig fertig. Als endlich alles erledigt ist, dürfen wir auch noch feststellen, daß unsere Gangway am anderen Ende des Flughafengebäudes liegt. Mein Mann schultert den Kleinen, ich nehme den noch Dreijährigen an die Hand, während wir wie von Sinnen einfach nur noch rennen – ich komme mir vor wie in einem Thriller, in dem es nicht um weniger als Leben und Tod geht. Für einen Moment überlege ich, ob ich nicht irgendwas von einer Bombe an Bord brüllen soll. Als hätte mein Mann gerade meine Gedanken erraten: „Bitte nicht!!! Das fehlt noch, daß ich Dich Jahre später aus einem türkischen Knast rausholen darf.“ Okay, okay, schweren Herzens lasse ich das bleiben. Wir sind schweißgebadet und einer Ohnmacht nahe, als wir vis-à-vis  dem gerade erst zurückrollenden Flieger gegenüber stehen. Zu spät. Ich heule Rotz und Wasser. Völlig aufgelöst sehe ich dem Flieger hinterher, in dem wir nun entspannt unsere Rückreise antreten sollten.

Nach dem größten Schreck warten Formalitäten darauf erledigt zu werden. (Mein nächtes Leben bin ich erst bereit anzunehmen, wenn es darin keinerlei Bürokratie gibt). Erst mal haben wir ein Riesenglück, daß heute überhaupt noch ein Flug geht – allerdings Stunden später. Das kostet natürlich auch noch mal gut Geld. Dennoch haben wir Glück im Unglück – am nächsten Tag würde unser Puffelchen zwei Jahre alt. Und dann wär’s noch teurer geworden. Völlig verschwitzt und erledigt nehmen wir in einem Warteraum Platz. Mein Mann döst mit den Kindern, während ich immer noch still und leise heule.

Stunden später ist es endlich soweit: Lange Schlangen formieren sich, es folgen mehrere Ansagen, die die Nicht-Türken in Orientierungslosigkeit stürzen. Ein Mann sticht aus der Masse heraus. Er sieht sehr gepflegt und südländisch aus, scheint aber kein Türke zu sein. Wir sprechen Englisch, als er sich danach erkundigt, ob ich verstanden hätte, wo man sich einreihen sollte. Ich helfe ihm, während ich wieder daran denken muß, was uns passiert ist, während die Niederländerinnen ihr Heimziel längst erreicht haben dürften. Hochkonzentriert verfolge ich die Ansagen. Plötzlich wird der Schalter an dem wir anstehen dicht gemacht, dafür an anderer Stelle einer geöffnet. Die Schlange wandert, wir mit ihr.  Nach einer weiteren Weile, ich kann es kaum fassen, nehmen wir endlich  im Flugzeug unsere Plätze ein. Der gepflegte Südländer hat einen Fensterplatz, neben ihm sitze ich mit einem Kind. 

In der hinteren Reihe sitzt mein Mann neben einer Person am Fenster mit weiterem Kind. Als ich etwas zur Ruhe komme, bemerke ich erst meinen desolaten Zustand. Mein Kleid klebt schweißgetränkt noch immer an meinem Körper, und ich meine sogar den Angstscheiß selber wahrnehmen zu können. Hinzu kommt, daß ich seitdem ich Mutter bin eine irrsinnige Angst vor dem Fliegen habe. Bevor wir abheben möchte ich mich noch gerne etwas frisch machen und versuche das WC aufsuchen. Irgendwo in den tiefsten Tiefen seiner selten genutzten Tasche findet mein Mann noch ein Deo, welches er mir im Vorbeigehen in die Hand drückt. Oh, was bin ich froh darüber! Ich versuche mich notdürftig in der engen Kabine zu waschen und neble mich mit dem Deo ein, ohne vorher daran zu schnuppern. Alles kann nur besser sein als mein Geruch zur Zeit. Aber auch hierbei geht alles schief, was nur schief gehen kann. Oh mein Gott… WAS IST DAS??? Ein unerträglich ekelhafter „Duft“ haftet mir nun an. Ich schaue voller Entsetzen auf das Deo – es ist auf Ölbasis. Und scheint etliche Jahre alt zu sein. Ganz klar: das Öl ist ranzig geworden. Das darf doch jetzt nicht wahr sein?! Ich bin so unbeschreiblich wütend. Auf alles und jeden, am meisten aber auf mich selber. Ich versuche mich zusammen zu nehmen und gehe auf meinen Platz – so stinkend wie ich bin und hoffe, daß der Mann neben mir sich bitte mir nicht zuwendet. Kaum denke ich diesen Gedanken zu Ende, passiert genau das. Ich versuche mich nicht zu rühren, als mich der nächste Schock ereilt. Der gepflegt aussehende Mann neben mir gehört zu jenen Menschen, die förmlich in einen hineinkriechen, wenn sie mit einem sprechen – und er hat solch’ einen unglaublichen Mundgeruch, daß ich auf der Stelle drohe mich zu übergeben. Innerlich bin ich auf hundertachtzig. Das sorgt für reichlich Adrenalin, so daß es mir jetzt so was von egal wäre, wenn der Flieger abstürzen würde. Aber so was von!! Verstummt und gelb im Gesicht sitze ich unbeweglich da. Mein Mann möchte von hinten wissen, was los ist. So kennt er mich nicht. Bevor wir starten, fasse ich mir ein Herz und frage meinen Mitreisenden am Fenster, ob er nicht mit meinem Mann und unserem Sohn den Platz tauschen könnte – wegen der Kinder.  Lächelnd willigt er ein, und obwohl wir noch am Boden sind, fliege ich. Vor Erleichterung. Der Mann bestimmt auch.
Und hey, das mit dem Abstürzen war nicht wirklich so gemeint…

Nun bin ich bereit. Endlich: Deutschland, wir kommen!

13 Januar 2013

XIX - Ende -

Meine lieben Freunde,

es ist soweit: eine allerletzte Email noch…

Ich möchte mich bei Euch für die große Resonanz auf meine „Reiseberichte“ während unserer Reise durch die Türkei bedanken. Meine Empfindungen sind nicht ausschließlich durch die schöne Zeit hier eingefärbt, wie manch’ einer annehmen mag. Von meiner Familie habe ich gelernt, die Menschen nicht nur mit meinen Augen und meinem Verstand, sondern auch mit meinem Herzen anzuschauen. Das macht im Übrigen gute Menschenkenntnis aus. Und dann ist es eine Kleinigkeit, offen zu sein und Menschen grundsätzlich nicht zu beurteilen oder gar zu verurteilen, sondern anzunehmen wie sie sind. Es gibt dann keine Berührungsängste oder sonstige Barrieren, die unüberwindbar erscheinen. Das Gros der Menschen hier ist einfach überwältigend warmherzig und sehr sehr liebenswert. Ausnahmen gibt es hier wie woanders auch. Aber ich will gerne einräumen, dass ich Euch gegenüber einen Riesenvorteil habe: ich beherrsche die türkische Sprache, und ich bin von Kindesbeinen an mit der türkischen Kultur vertraut und auch mit ihr aufgewachsen. Das ermöglicht mir einen ganz anderen Zugang zu den Menschen hier, als der „normale Reisende“ ihn hat.
 
Immer wieder empfinde ich es persönlich als eine absolute Schande, wenn eine Minderheit meiner in Deutschland lebenden Landsleute durch ihr schlechtes Benehmen, ihre kriminellen Handlungen oder was auch immer, eine ganze Nation in Verruf bringt. Das bedauern viele Türken und türkischstämmige Deutsche, die seit Jahrzehnten sehr gerne mit ihren Familien in Deutschland leben! Jedem Menschen, welcher Nation auch immer, sollte im „Ausland“ klar sein, welche Verantwortung auf seinen Schultern lastet. Das Augenmerk vieler Menschen ist auf sie gerichtet. Benehmen sich auch nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl von „Ausländern“ daneben, hat das Auswirkungen auf das Ansehen und Leben aller, die dieser Nation angehören. Das ist eine Tatsache!
 
In der Türkei ist weiß Gott nicht alles Gold was glänzt. Und Türken werden in der Regel sehr emotional, wenn Umstände in ihrem Land kritisiert werden. Wenn man Dinge ändern will, muß man sich jedoch genau von diesen Emotionen lösen, um die Tragweite aller Problematiken dieses Landes erkennen und ändern zu können. Aber ich sehe deutliche Entwicklungen, die in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurden. Es steckt viel Potential in der Türkei. An vielem wird beständig gearbeitet – und für mich ist das auch, unabhängig von einem möglichen EU-Beitritt, absolut notwendig und erforderlich. Es gibt noch viel zu tun, und es wird viel getan! Die Türken sind ein fleißiges Volk. Sie haben immer mit Schwierigkeiten leben und umgehen müssen, und das wird sich auch gewiß so schnell nicht ändern. Ich bin zuversichtlich, dass die Türkei in den kommenden Jahrzehnten einen deutlich besseren Standpunkt sowohl in der Weltwirtschaft, als auch in der Politik einnehmen wird. 

Es war mir eine Herzensangelegenheit, mit meinen Liebsten diese Reise in meine Heimat zu machen. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, neugierig auf die Türkei und die dort lebenden Menschen zu machen. Wer wirklich Land und Leute kennen lernen will, der sollte sich allerdings fernab der gängigen Touristenzentren bewegen.

Ich bin sehr dankbar und äußerst glücklich, dass ich mit und durch meinen Vater und auch meinen Ehemann die Chance hatte, diese Reise in unsere alte Heimat zu machen. Unsere Söhne, wenn auch noch sehr klein, haben einen ersten guten Schritt in die türkische Kultur getan.

Man sagt, dass ein Mensch, der 40 Tage mit anderen zusammen lebt und alles mit ihnen geteilt hat, nach dieser Zeit einer von ihnen würde... Wir waren beinahe vier lange Monate in der Türkei. Ich war schon vorher „eine von ihnen“, aber seit vielen Jahren bin ich auch eine von Euch! Ich lebe sehr gerne in Deutschland. Es ist meine zweite Heimat. Ich lebe so gerne in Deutschland, dass ich dort eine Familie mit meinem deutschen Ehemann gegründet habe. Meine Wurzeln sind in der Türkei, in Deutschland bin ich aufgewachsen. Ich habe sehr viele positive Erfahrungen machen können, aber ich habe auch Negatives gesehen. In beiden Ländern wohlgemerkt!

Jetzt heißt es bald Abschied nehmen. Das wird schwer! Es werden viele Tränen fließen…

Was den Abschied so schwer machen wird…? Es ist nicht allein das traumhafte Meer, oder gar die gewaltige Sonne, nicht die gigantischen Berge, diese überwältigende Natur… Es sind die Menschen! Es sind immer und zu jeder Zeit die Menschen, die einen halten und sich in Liebe und Respekt einem zuneigen. Und von eben diesen Menschen Abschied auf unbestimmte Zeit zu nehmen, nicht zu wissen, wen man beim „nächsten mal“ nicht mehr wird in die Arme nehmen können – genau das, das macht den Abschied so schwer und tut entsprechend weh!
 
Es war wichtig für mich, Euch alle auf diese sehr persönliche Reise mit zu nehmen. Ich habe mich bemüht, in der mir zur Verfügung stehenden kurzen Zeit, wenn auch nur oberflächlich anzureißen, aus welchem Land „die Türken“ kommen, die man wegen ihrer anderen Herkunft und Kultur im Ausland lange Zeit nur geringschätzig betrachtet und belächelt hat. Diese Menschen haben - wie jeder andere Mensch auch - ein Anrecht darauf, als Menschen mit Würde betrachtet und behandelt zu werden. 
 
Nicht jeder in meiner Situation, als „Ausländerkind“, hatte die Chance, privilegiert aufzuwachsen. Ich hatte sie, wenn auch meine Eltern und die Generation meiner Eltern schwer dafür arbeiten, sich innerhalb einer anderen Kultur und Gesellschaft stets behaupten und beweisen mussten… Das war zu keiner Zeit einfach!

Papa sagt: „Das könnte unsere letzte gemeinsame Reise gewesen sein!“ Das schnürt mir die Kehle zu und macht mir das Herz ganz schwer. Ich verstehe, was er meint: Unsere gemeinsame Zeit wird weniger, leider nicht mehr! Papa ist, mit meinem Mann und unseren Kindern, der Fels in meiner Brandung. Nichts wünsche ich mehr, als dass wir noch etliche Jahre gut miteinander leben und genießen können.
 
Auch wenn es nicht für jeden von Euch möglich sein wird, eine so ausgedehnte Reise zu machen: ich kann nur jedem dazu raten, Ähnliches zu tun. Man sollte dabei nur nichts auf die lange Bank schieben. Für jeden von uns kann das Leben im nächsten Augenblick schon vorüber sein. Nutzt Eure gemeinsame Zeit! Am Ende bleibt nur Sehnsucht und Erinnerung…

Wie immer grüße ich Euch alle sehr herzlich!

 Euer Pünktchen.

11 Januar 2013

XVIII Dies und das in der Türkei



Hatte lange keinen Internetanschluß. Sorry an alle, die schon eine Vermisstenanzeige aufgeben wollten… Es gibt uns noch! Uns geht es nach wie vor sehr gut. Liebe Grüße…

Übrigens hat es nach etlichen Wochen unserer Türkeireise endlich eine kurz und knackige Email vom Generalkonsulat in Istanbul gegeben - im Auftrag des auswärtigen Amtes. Es sei wohl kein Problem mit abgelaufenem Paß aber dem darin befindlichen Aufenthaltsstatus (den mir mein Mann in die Türkei nachgeschickt hatte) und gültigem Paß ohne Aufenthaltsstatus wieder nach Deutschland einzureisen. Wie gesagt, diese Antwort hat ziemlich  lange auf sich warten lassen. Jene Wochen der Ungewißheit verbrachte ich wie auf heißen Kohlen sitzend. Mein Mann hatte sich vorab auf mein Drängen hin mit der für mich zuständigen Ausländerbehörde in Deutschland in Verbindung gesetzt. Die Einreise war mir sicher, allerdings nicht ohne Nachspiel bei der Ausländerbehörde. In solchen unliebsamen Augenblicken  - und ehrlich... davon gibt es reichlich in einem türkischen Leben in Deutschland, bin ich jedes Mal drauf und dran die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Aber dann passieren wieder meist unglaubliche Dinge, die mich verdammt noch mal davon abhalten, diesen Schritt zu gehen.

Ihr Lieben alle,

also jetzt, da wir nur noch eine absehbare Zeit vor uns haben, fange ich an traurig zu sein. Nachts wache ich auf und denke nach über alles Schöne und Bewegende, was wir hier erlebt haben. Und dann kullert so manch’ eine leise geweinte Träne auf mein Kopfkissen.

Früher fand ich das einfach nur peinlich, was meine Landsleute auf ihren Fahrten aus der Heimat, mit nach Deutschland mitnahmen. Ich glaube, es gab nichts, was nicht in das Auto gepfercht, oder in das Gepäck gestopft wurde. Jetzt, im reiferen Lebensalter angekommen, ertappe ich mich bei dem Gedanken, was ich alles selbst mit nach Deutschland nehmen möchte. Das ein oder andere könnte man auch sicherlich dort beschaffen, aber es soll aus der Türkei sein. Warum…? Sicherlich, weil ich dieses „Heimatgefühl“ noch konservieren und in der Verlängerung auskosten möchte. Vielleicht, habe ich mir überlegt, werde ich dem türkischen Tee doch noch eine Chance geben – dann, wenn keiner erwartungsvoll zuguckt, und ich es in einer großen Tasse, statt in einem kleinen Tee-Gläschen genießen kann…Und einen Sack voller Mehl hätte ich gerne aus unserer Dorfeigenen Mühle dabei. Wahrscheinlich könnte ich das mit einiger Mühe auch in Deutschland auftreiben, aber bei näherem Überlegen…Nein! So grob gemahlen wie hier… das habe ich dort nirgends gesehen. Das sollte schon mit. Unbedingt! Ich könnte so dieses tolle Brot noch ein halbes Jahr mit meiner Familie genießen. Keine Frage: das muß mit!

Und die Wallnüsse… Sie sind zwar noch lange nicht reif, aber ich habe vom Grundstück meiner längst verstorbenen Großmutter zwei Wallnüsse mitgenommen. Ich hoffe, dass es evtl. doch klappen könnte, daraus richtige Bäume groß zu ziehen. Das wäre fantastisch! Eine tolle, lebende „Erinnerung“. Und ich liebe Dinge mit Erinnerungswert nun einmal…

Mein absoluter Traum sind zwei kleine Granatapfelbäumchen: in Icmeler habe ich mich erneut in diese Bäume verliebt. Aber momentan werden sie nirgends verkauft. Ist eben nicht die Zeit dafür jetzt. Hier in den Bergen gibt’s etliche Feigenbäume, die reich tragen. Ich liebe frische Feigen so sehr!!! Leider werden sie erst reif werden, wenn wir wieder aus Trabzon fort sind. (Einige wenige haben wir dennoch verspeisen können). Diese Gaumenfreuden hätte ich den Jungs so gerne gegönnt. Frische, köstliche Feigen vom Baum… Ein kleiner Trost ist mein Feigenbaum in Deutschland. Brav trägt er an die 15 Feigen jedes Jahr.

Zwingend müssen auch alle unsere Strandschätze mit, die ich mit den Jungs an diversen Stränden meiner Heimat gesammelt habe. Davon besonders kostbar ein kleines Steinchen, in Herzform, was Primus mir geschenkt hat. Dieses Steinchen bedeutet mir so viel.. Na, und einen Sack voller Nüsse hätte ich gerne mitgenommen - das ist ja absolut klar! Schließlich war ich dieses Jahr mit dabei und habe selber einige Tage lang an der Ernte teilgenommen und kräftig mitgeholfen.

Olivenöl… Davon würde ich Papa am liebsten zig Kanister mitgeben wollen. Baumwoll- und Leinenstoffe, Nähgarn, Perlen – verglichen mit Deutschland spottbillig. Wer gerne näht sollte sich dennoch nicht in niedergelassenen Geschäften, sondern vielmehr auf Basaren umsehen.

Das Shampoo, welches ich hier immer benutzt habe… Ich bilde mir ein, dass das ein sehr Gutes war, und es nicht an dem grandios sauberen, weichen Wasser gelegen hat, dass meine Haare hat butterweich werden lassen.

Dann der Korb, den mir mein Onkel hat aus Haselnußruten flechten lassen. Ein tolles Geschenk; ich habe mich riesig darüber gefreut.

Den Kaşar-Käse, den werde ich wohl besser erst in Istanbul einkaufen. Sonst fängt der noch an zu laufen, bevor wir die Heimreise antreten.

Und Gewürze… Gewürze würde ich auch am liebsten Säckeweise mitnehmen. Allein der rote Pfeffer hier, der schmeckt schon gewaltig anders. Ganz zu schweigen von all den Gewürzen, deren Namen kein Mensch in Deutschland kennt.

Ach, hätte ich nur einen riesigen Container, den ich nach Herzenslust befüllen könnte… Aber ich will nicht unverschämt sein, denn immerhin kann ich Papa’s Bus für alle Sachen nutzen, die wir aus Platzgründen nicht mitnehmen können.

Tja, und was mich sehr überrascht hat, war die Möglichkeit, hier Arzneien besonders günstig zu erwerben. Ich bin fast umgefallen: auch Antibiotika sind frei erhältlich! (glücklicherweise inzwischen nicht mehr!) Das war schon ein Schock…Meist heißen die Medikamente hier anders, aber wenn man den Beipackzettel dabei hat, so daß die Inhaltsstoffe auszumachen sind, bemüht sich jede Apotheke, das entsprechende Mittel auf dem hiesigen Markt zu finden.

Reine Wolle bekommt man zur Zeit nirgends in der Türkei. Leider!!! Ich habe nahezu überall danach verlangt. Wolle gibt es nur mit synthetischen Beimischungen, was wiederum ich verschmähe und nur bei Socken dulde.

Für diejenigen von Euch, die evtl. mit Windelkindern reisen müssen sei gesagt, dass es überall in der Türkei sehr gute Windelqualität gibt. Die heißen hier „Molfix“, erinnern sehr an „Pampers“ und kosten dasselbe. Mich würde nicht wundern, wenn derselbe Hersteller, nämlich „Procter&Gamble“, dahinter steckt. Feuchttücher, wenn sie sich auch schwer einzeln und nicht so perfekt aus der Verpackung herauslösen lassen, sind dagegen spottbillig. Milchpulver bzw. Säuglingsnahrung gibt es in gut sortierten Supermärkten. Die sind allerdings ein Drittel teurer als in Deutschland, und nicht jede Sorte ist erhältlich.

Achtung die Damen: Monatshygieneartikel gibt es auch hier überall, nur was Tampons sind, damit weiß fernab von Großstädten kein Mensch etwas anzufangen. Also, im Falle eines Falles unbedingt mitzunehmen!

Eine Hepatitis A-Impfung ist unumgänglich! Die Hygiene in öffentlichen Toiletten ist mehr als miserabel, oftmals gar nicht gegeben. Da sollte man eher auf das freie Feld ausweichen. Auch wird in der Türkei vielerorts immer noch „natürlich“, z.B. mit Viehdung, gedüngt. Daher sollte man beim Verzehr von Salat, Gemüse, Obst etc. mehr als penibel sein. Trotzdem wir das waren, hat es uns dann doch noch erwischt. Ich habe mir einen üblen Keim eingehandelt, der mir schlimme Wochen mit unglaublichem Durchfall beschert hat.

Trinkwasser gibt es überall für wenig Geld zu kaufen. Was aus der Leitung fließt, das ist meist mit Chlor versehen und nicht zum Trinken geeignet. Dagegen haben wir hier in den Bergen Quellwasser, welches unglaublich sauber ist und richtig lecker schmeckt.

Es gibt noch Vieles mehr, was Wert ist, mitgenommen zu werden. Aber das könnt Ihr unter Umständen bei einem Aufenthalt in der Türkei selbst heraus finden.

Ein ganz normaler Krankenversicherungsschutz Eurer Krankenkasse ist für die Dauer des Aufenthaltes in der Türkei vollkommen ausreichend. Laßt Euch ja nicht vor dem Urlaub kirre machen und mehr an Krankenzusatzversicherungen aufschwatzen, als nötig tut. Schließlich ist man nicht irgendwo in der Wildnis ausgesetzt. Auch hier erfahren Menschen eine ordentliche Behandlung, wenn auch ein Provinzkrankenhaus von seiner rudimentären Einrichtung her einen das „Fürchten“ lehren kann. Aber wir wissen alle: es kommt nicht auf die Einrichtung an!

Hier im Dorf haben wir einen sehr netten Arzt aufgetan. Primus und Secundus haben als deutsche Staatsbürger die Arzthelferin verzweifeln lassen. Bis dato hat es keine Deutschen hier gegeben, die behandelt werden mussten. Sie konnten im Computer nicht erfasst werden, da nach dem „Kimlik“, eine Art Ausweis mit Nummer gefragt wurde, die sie jedoch als Nicht-Türken nicht haben. So erlebt man kleine Kuriositäten am Rande. Dennoch sind wir alle drei sehr gut untersucht und behandelt worden. Besser geht’s auch woanders nicht!

Naja, meine „persönliche Liste“ könnte ich ohne weiteres noch ausführen. Aber jetzt ist mal Schluß damit.

Bis demnächst wieder – mit herzlichen Grüßen

Euer Pünktchen.

10 Januar 2013

XVII Verlängerung


Ihr Lieben,

nachdem der „Pattos“ (die Maschine, die die Nüsse aus ihrer Ummantelung löst und in Säcke füllt), uns alle in Staub und Dreck zurück gelassen hat, war wieder „Handarbeit“ gefragt. Riesige Planen wurden auf weiten Flächen (Harman) ausgelegt. Darauf wurden die Haselnüsse ausgebreitet. Nun mussten sie handverlesen von Steinchen oder anderem Dreck befreit werden. Dazwischen lagen auch immer wieder mal offene Nüsse umher, deren Schale durch den Pattos aufgeknackt war. Diese haben die Kinder nur zu gerne gefuttert: so frische, wohlschmeckende Haselnüsse bekommt kein Mensch im Laden!

Mehrere Male am Tag müssen die Nüsse geharkt werden. Sie sollen und müssen trocknen! Aber fast immer zur gleichen Jahreszeit ist es so, dass kurz nach der Ernte der große Regen einsetzt. Seit Monaten ist kein Tropfen vom Himmel gefallen, aber seit zwei Tagen hat es unglaubliche Wassermassen vom Himmel hinabgeregnet. (Ich habe das soooo genossen!) Das war dringend nötig für die völlig ausgetrocknete Erde und die Pflanzen. Für die Haselnüsse aber ist Feuchtigkeit gerade jetzt verheerend. Ständig beobachten wir den Himmel über uns, um ja rechtzeitig alles wieder abdecken zu können. Ansonsten werden die Nüsse geduldig geharkt. Wenn sie am Ende dann komplett getrocknet sind, werden sie erneut in Säcke gefüllt (dieses mal nicht maschinell!!!). „Mucki-Bude“ braucht hier kein Mensch: wer auf dem Land lebt, der lebt in meinen Augen ein einfaches, aber qualitativ hochwertiges Leben. Das bedeutet aber auch, dass man jeden Tag ohne Unterlaß zu tun hat und zum Teil körperlich schwer arbeiten muß. Es gibt kaum eine Stunde, in der man „nichts“ macht. Das ändert sich zum Herbst hin. Ich mag dieses ursprüngliche Leben sehr! Es entspricht meinem Wesen. Ich schätze Dinge, die man mit seiner Hände Arbeit tut. Ich liebe es, wenn man sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst versorgen kann. Und das Leben hier in den Bergen zeigt mir, dass man auch ohne „Luxusartikel“ äußerst glücklich leben kann. Das empfinde nicht nur ich so.

Meine Tante ist siebzig, und wenn ich sehe, wie sie schon jetzt „Holz schlägt“, die Felder und Plantagen versorgt, so zuverlässig wie eine Atomuhr fünf mal am Tag ihre Gebete verrichtet, kocht, backt, näht, Besucher empfängt… , für jeden ein nettes Wort übrig hat, dann ziehe ich meinen Hut voller Respekt vor ihr! Viele viele Menschen leben hier genau so und nicht anders. Und sie sind äußerst dankbar für dieses Leben. Woher ich das weiß? Sie sagen es ständig und immer wieder. Und ich glaube es ihnen auch. Mal abgesehen davon habe ich noch keinen „meckern“ hören.

Zwischendurch sind Papa und ich mit den Jungs immer wieder unterwegs. Bisher hat Papa uns wohlbehalten ca. 12.000 km durch die Türkei gefahren. Davon bin ich nicht einen einzigen Meter gefahren. Er hat es ausdrücklich so gewünscht. Hier Auto zu fahren gleicht dem „Russisch-Roulett“.


Unser letzter Exkurs führte uns nach „Uzungöl“ bei Çaykara. Uzungöl bot in meinen Augen nichts Spektakuläres: ein länglicher See („Uzun Göl“ bedeutet genau das!) mit einigen Restaurants drumherum. In einem davon haben wir Fisch gegessen. Der war so weit schmackhaft, aber sobald man dann ein WC aufsuchen muß, dreht sich einem unwillkürlich der Magen um. Ich kann nur jedem dringend raten, ein Händedesinfektionsmittel mitzunehmen. Spätestens in solchen öffentlichen Toiletten, auch wenn man sich nur die Hände waschen möchte, fängt man sich garantiert irgendwelche Bakterien und Keime ein. Dafür haben uns die gigantischen Berge ringsumher wieder entschädigt, die wie immer die reinste Augenweide waren.

13. August

Alle Haselnußplantagen im Familienbesitz sind nun abgeerntet. Gestern sind nach getaner Arbeit alle spontan hier zusammen gekommen. Bei 53 Personen habe ich aufgehört zu zählen. Die Kinder haben mit den Nüssen gespielt, sich gegenseitig damit zugeschüttet und darin „gebadet“. Auch gibt es zwei Hundewelpen hier, mit denen die Kinder ausgiebig herumgetollt sind. Die Jugendlichen und Erwachsenen haben Tee getrunken oder Honigmelonen verspeist. 


Ein Drachen, den unsere Jugendlichen hier aus Plastiktüten und einigen Holzstöckchen zusammen gebaut hatten, wurde während seines tollen Fluges am Himmel bestaunt. Ich habe mir die einfache Bauweise etwas genauer angesehen und hoffe, dass ich ein ebensolches Modell auch in Deutschland hinbekomme. Beeindruckend, wie vollkommen so ein Teil dann fliegen kann… Die gekauften Drachen habe ich noch nie so toll und lange fliegen sehen.  Das gesellige Beisammensein ging bis in die Abendstunden hinein so weiter. Wir Vier haben das sehr genossen. Wer weiß schon, wann wir noch mal so aufeinander treffen…


18. August

Klägliches Weinen am Morgen. Primus kommt schluchzend zu mir in’s Bett: „Mama, ich bin überall gemückt!“ Ich brauche einige Sekunden, eh ich begreife. Und tatsächlich: der arme Kerl ist mit unzähligen Mückenstichen übersät. Die werden alle mit einer Salbe aus unserer Reiseapotheke eingerieben. Trotzdem es sehr früh am Morgen ist, herrschen draußen ungeheuerlich hohe Temperaturen. Papa schlägt einen Strandtag vor. Für heute muß kein Mensch Regen befürchten. Wir können die Nüsse also mal außer Acht lassen, auch wenn es natürlich einen Wachposten aus mehreren Familienmitgliedern für die Nüsse gibt. Schnell sind unsere Taschen gepackt, die Jungs sitzen erwartungsvoll im Auto und los geht’s zu unserem Strand in Beşikdüzü. Im Hintergrund verlangt Primus nach „Heino“. Secundus pflichtet seinem Bruder begeistert bei. Papa und ich, wir schütten uns aus vor Lachen, wenn ich auch zugeben möchte, dass man Heino gerade bei langen Fahrten durch die Berge erstaunlich gut hören kann. Ja, während dieser Reise hat Papa es geschafft uns neben so vielen ungeahnten anderen Dingen, sogar „Heino“ schmackhaft zu machen. Danke Papa!

Das Meer liegt so da wie ein Seidentuch, was sich nur ganz leicht regt. (Papa sagt, dass er sonst keinen Menschen kennt, der auch nach Stunden im Wasser so schwer da rauszuholen ist, wie ich es bin. Was soll ich dazu sagen: es ist einfach zu schön! Ich liebe es, im Meer zu baden). Es ist voller als sonst, aber nicht vergleichbar mit vollen Stränden, die ich aus Deutschland kenne. Erstaunlich für mich ist, dass die meisten Türken meiner Generation nicht schwimmen können. Glücklicherweise sorgen viele dafür, dass die Kinder es wenigstens lernen können. Und das, wo dieses Land nahezu von allen Seiten vom Meer umgeben ist.

In Içmeler erzählte uns Jemand, dass dort vor ca. vier Jahren wenige Meter vor der Küste ein Schiff gekentert ist. Ca. 60 Personen sollen dabei ertrunken sein. Unglaublich! Inzwischen glaube ich, dass das mit einer gewissen Schamhaftigkeit zu tun hat. Die Menschen dieser Region setzen das auf ihre Art um, was der Koran vorgibt: sich nämlich zu „bedecken“. Der eine begnügt sich damit, ein Kopftuch zu tragen, andere sind da schon wesentlich züchtiger gekleidet. Da gilt es schnell als unanständig wie ich „halbnackt“ in einem Badeanzug an einem Strand baden zu gehen. Auch wenn es ein ausgeschilderter „Familienstrand“ ist, und fast alle so wie ich oder in einem Bikini in das Meer gehen. Ich habe allerdings auch erstmals in meinem Leben zwei Frauen gesehen, die in einer „Haşema“ (Haschema) im Meer gebadet haben. Das muß man sich in etwa so vorstellen wie eine Langarmjacke (mit enger anliegenden Ärmeln), die bis über die Hüften geht und eine eng anliegende Kapuze hat. Lediglich das Gesicht ist zu sehen. Darunter dann aus demselben Material eine Hose, an den Knöcheln mit Gummibund versehen. Hier und da während unserer Reise habe ich auch Frauen gesehen, die in Röcken und T-Shirts mit Kopftuch in das Wasser gegangen sind. Obwohl das ein gewöhnungsbedürftiger Anblick für viele ist, stört sich niemand daran.

Eine junge Frau, mit Rock, langärmligem Oberteil und Kopftuch fiel mir auf, die neben einer anderen ähnlich gekleideten Frau im Wasser stehend mich lange mit den Jungs im Meer beobachtet hat. Sie stand an einem Felsen angelehnt und lächelte in unsere Richtung. Irgendwann über den Blickkontakt, nachdem die Jungs wieder an Land waren, haben wir ein Gespräch begonnen. Sie war Nichtschwimmerin und voller Sehnsucht, im Meer baden zu gehen. Sie traute sich aber nicht und schämte sich zudem. Ich bot ihr an, sie in meinen Armen in Hüfthöhe durch das Wasser zu tragen. Nach einigem Zögern war sie einverstanden.  Was dann folgte war für uns beide ein überwältigendes Erlebnis. 23 Jahre jung, und noch nie hatte sie im Meer gebadet. Es hat nur wenige Minuten gedauert, und sie hat sich mir vollkommen anvertraut. In Brusthöhe hat sie exakt das gemacht, was ich gesagt habe. Ich habe sie kaum noch halten müssen, als sie in Rückenlage ihre Arme und Beine ausgebreitet und sich vollkommen entspannt dem Meer hingegeben hat.

Was wir da miteinander erlebt haben, das war einfach nur beseelend – pures Glücksgefühl! Ich habe selten einen Menschen derart strahlen sehen. Beim Abschied umarmte sie mich, dankte mir und sagte, dass sie mich und diesen Tag niemals in ihrem Leben vergessen würde. Wir haben beide geweint. Und heute noch (Jahre später) bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran zurück denke…

Papa ist in Trabzon, unserem Dorf und weit darüber hinaus, bekannt wie ein bunter Hund. Er hat hier irrsinnig viele Kontakte, so dass ich bei den Menschenmassen gänzlich den Überblick verloren habe, die er mir tagtäglich vorstellt. U.a. hat ihn heute ein Schriftsteller beehrt, der vor wenigen Jahren ein zweistündiges Interview mit meinem Vater für das türkische Fernsehen geführt hat. Ich habe ihn um eine Aufzeichnung dieses Interviews gebeten, welches ich nie gesehen habe. Nun also habe auch ich Ahmet Özer kennen gelernt, dessen Werke mir noch gänzlich unbekannt sind. Er stammt ebenfalls aus dieser Region, und ist seit vielen Jahren wohnhaft in Ankara und hält Vorlesungen in einer dortigen Universität. Da er gerade wieder für ein neues Werk recherchiert und kaum jemand dieses Land wie auch diese Gegend so gut kennt wie Papa, hat er ihn bezüglich einiger Dinge um Auskunft gebeten. Ich kann leider nur für kurze Zeit zugegen sein, als abwechselnd meine Tante und mein Vater erzählen, während ein Diktiergerät auf Aufnahme geschaltet ist.

19. August

Es ist vollbracht!!! Die Nüsse sind alle nach der unmenschlichen Hitze der letzten Tage getrocknet. Das kann man selber gut überprüfen, weil die Nuß Feuchtigkeit verliert, schrumpft und gut hörbar in der Schale hin- und herklackert, wenn man sie schüttelt. Nicht auszudenken, wenn es weiterhin geregnet hätte: eine ganze Ernte hätte man wegwerfen können, weil sich das Fett der feuchten Nuß dann so verändert, dass sie dann binnen weniger Tage ungenießbar wird. Das ist zum Glück nicht geschehen. Wochenlange Anstrengungen wären mit einem Schlag für die Menschen dieser Region umsonst gewesen.

Heute hat meine Tante allen ernstes vorgehabt, in dieser sengenden Sonne, riesige Säcke mit den Nüssen zu befüllen. Ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten. Am Ende hat sie die Säcke aufgehalten, und ich habe 748 kg Nüsse mit einem Metallkanister hineingeschüttet. Das ganze hat, wie man sich denken kann, einige Stunden gedauert. Mir ist der Schweiß aus allen Poren herausgeströmt, wie noch nie in meinem Leben. Ständig musste ich mir das Gesicht mit einem Handtuch abwischen. Unglaublich! Allein in diesen Stunden habe ich zwei Liter Wasser in mich hineingeschüttet. Am Ende waren 17 Säcke voll. Später haben dann die anderen Familienmitglieder gleiches getan. Jetzt ist alles unter Dach und Fach! Solltet Ihr irgendwann einige Haselnüsse essen, dann könnt ihr an uns denken. Denn aus der Türkei stammen allein 70% der Haselnüsse, die weltweit konsumiert werden.

22. August

Eigentlich hatten wir vor, spätestens gegen den 10. August von Trabzon aus wieder nach Deutschland zurück zu fliegen. Wir haben verlängert! Wir werden noch einige Zeit in den Bergen verbringen und möchten dann mit dem Flugzeug den Rückweg nach Istanbul antreten. Dort wird mein Mann erneut zu uns stoßen. Nach einer gemeinsamen Woche, in der wir alle zusammen Istanbul anschauen wollen, geht es dann für uns am 4.September früh morgens mit dem Flieger zurück nach Hamburg. Papa wird einen Tag später erneut nach Trabzon fliegen und erst Wochen später alleine den weiten Weg mit seinem Bus nach Deutschland nachkommen.

Mein Lieber, Du bist heute mein allererster Gedanke, als ich die Augen aufschlage: Alles alles Liebe und Gute Dir! Mögen uns noch weiterhin viele viele erfüllte, gemeinsame Jahre gegeben sein. Du fehlst uns sehr! Noch sieben Mal schlafen… dann, dann haben wir uns alle wieder! Dann kann ich Primus endlich sagen, dass Du im Flieger sitzt, der sich gerade im Landeanflug befindet. Unser Sohn weigert sich nämlich hartnäckig zu glauben, dass Du nicht in jedem Flugzeug sein kannst, welches er am Himmel ausmacht. Du wirst erstaunt sein, wie verändert sie sind. Sie haben sich großartig weiter entwickelt. Primus spricht schon so gut Türkisch, dass er auch ohne meine Anwesenheit jedem klarmachen kann, was er möchte. Es ist wirklich kaum zu glauben, wie er in Ansätzen die türkische Sprache entschlüsselt hat. Auch Secundus kommt jeden Tag mit neuen Vokabeln an. Faszinierend! Ausnahmslos alle sind von den Süßen begeistert. Inzwischen kennt sie jeder im Dorf. Hier gehen alle sehr liebevoll mit Kindern um. Und was nicht jeder erwarten würde: gerade die türkischen Männer sind äußerst fürsorglich und zärtlich mit Kindern und ihnen sehr zugewandt.

Heute habe ich gegen Abend jene Familie besucht, von denen Mutter und Tochter uns als Hilfsarbeiter bei der Haselnußernte geholfen hatten. Ich habe eine riesige Honigmelone gekauft und habe mich von meinem Vater dort vor ihrem Haus absetzen lassen. Die siebzehnjährige Tochter begrüßte mich freudestrahlend vom Fenster aus und kam mir entgegen gelaufen, als würden wir uns ewig kennen. Die ganze Familie kam hinterher. Wie gesagt, ich habe Mutter und Tochter erst bei der Ernte kennen gelernt. Und das gerade mal in ihrer Mittagspause, als ich ihnen Erfrischungen gebracht habe. Wir mochten uns auf Anhieb, so dass ich ihnen versprach, sie vor meiner Abreise zu besuchen. Das tat ich heute. Ich kann Euch nicht sagen, wie sehr ich diese Menschen hier achte und respektiere. Wir haben wunderschöne zwei Stunden am Haus gesessen und uns über die unterschiedlichen Welten unterhalten, in denen wir leben. Als ich mich von ihnen verabschiedete war mir, als würde ich Abschied von einem Teil meiner Familie nehmen. Ich werde auf jeden Fall von Deutschland aus den Kontakt mit ihnen weiter pflegen. Das habe ich versprochen, und das halte ich auch.

Das Grab meines in den neunziger Jahren verstorbenen Onkels wird neu gemacht. Zwei Gräber sind derzeit in dem hiesigen Familienfriedhof: Mein Onkel und meine Mutter haben dort ihre letzte Ruhestätte. Mein Vater kümmert sich darum, dass alles richtig vonstatten geht. Schwere Marmorplatten werden den steilen Berg hochgefahren. Die Arbeiter sind so nett und nehmen die Jungs und mich mit dorthin. Ich hatte Primus versprechen müssen, dass er irgendwann an das Grab seiner Großmutter darf. Immer wieder haben wir darüber gesprochen. Nun war es soweit. Als Primus mit seinem Brüderchen an der Hand so da stand und laut mit Gott gesprochen und seiner Großmutter Grüße ausgerichtet hat, da sind mir die Tränen gekommen… Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht voller Wehmut meine Mam vermisse und es zutiefst bedaure, dass sie viel zu früh gestorben ist, ohne ihre beiden Enkel je kennengelernt zu haben.

24. August

Papa und ich beschließen spontan ein letztes Mal Beşikdüzü mit den Jungs aufzusuchen. Die Jungs sind wieder einmal die ersten, die erwartungsvoll Papa’s Bus stürmen. Am Strand selbst stürzt das Puffelchen sich erstmals auf allen Vieren in das flache Wasser. Er ist ein richtig kleiner Genießer. Primus ziehe ich die Rettungsweste an und er geht mit mir in das tiefe Wasser hinein. Es gelingt mir, ihn dazu zu bringen, mich loszulassen. Er begreift, dass er nicht völlig untergeht und beginnt einfache Strampelbewegungen im Wasser zu machen. Er ist soooo begeistert! Das macht er eine halbe Stunde ohne Unterlaß und ist später dementsprechend vollkommen erledigt. Auf dem Rückweg schlafen beide sofort ein. Papa fährt mit uns nach „Boztepe“ in Trabzon, wo wir alle etwas in der Gluthitze zusammen trinken. Von dort hat man einen atemberaubenden Blick über beinahe ganz Trabzon. Leider befindet sich die Sonne genau mir gegenüber, als ich einpaar Aufnahmen machen möchte.


Zurück im Dorf hat hala uns ein traumhaftes Abendessen zubereitet. Da wir großen Hunger haben schmeckt alles noch mal so gut…

26. August

In jüngster Vergangenheit ist in den Nachrichten gleich von weltweit drei Flugzeugabstürzen die Rede. Mit mulmigen Gefühlen sitzen wir im Flugzeug, und ich muß mich zwingen, mir selbst gut zuzureden. Papa war dafür, dass wir den weiten Weg nach Istanbul mit dem Flieger absolvieren. In diesem katastrophalen Verkehr hat er schlicht und ergreifend Angst um unser Leben. Er wird einen Tag nachdem wir nach Deutschland zurück fliegen, nach Trabzon zurück fliegen. In Istanbul herrschen Temperaturen von bis zu 41°C zur Zeit. Für mich ist das der Vorhof zur Hölle. Ich bete inständig, dass das Wetter umschlagen möge. Als hätte der Himmel ein Einsehen, sinken die Temperaturen etwas und ein herrlicher Wind kommt auf. Welch’ ein Segen!

29. August

Hurraaaa! Die Kinder haben ihren Papa, ich meinen Mann und mein Papa seinen „Sohn“ wieder… Mein Mann ist wohlbehalten in Istanbul gelandet. Gleich gehen wir erst mal schön zusammen aus. Worauf ich mich am meisten freue, wenn ich an unsere Rückreise denke…? Darauf, dass wir schon einen Tag nach unserer Heimkehr mit Secundus Geburtstag feiern werden – unser Baby, unser kleines Puffelchen, wird dann zwei Jahre alt. Auf unser zu Hause natürlich, (indem immer noch reichlich unausgepackte Umzugskartons stehen), auf meine kleine Familie mit meinem Mann und später meinem Papa, auf alle, die ich so lange nicht gesehen und gehört habe, auf Post von meinen Freunden, auf unseren Garten mit allen Pflanzen (in deren Aufzucht mindestens so viel Liebe steckt, wie das bei den Jungs der Fall ist), und auf die Umgebung, darauf, dass ich endlich wieder Herrin am eigenen Herd und Herrscherin über eine eigene Waschmaschine bin und im Haushalt uneingeschränkt schalten und walten kann, wie ich es möchte. …Endlich wieder „wühlmäuseln“ mit unseren zwei süßen Zuckerschnuten, und auf unseren Milchkaffee am Morgen freue ich mich gigantisch! ... und da gibt es noch unzählige andere Kleinigkeiten.

Ich freue mich auf saubere öffentliche WC’s, und die heilige Ordnung in Deutschland, auf einen berechenbaren Straßenverkehr, auf einen schönen Herbst und kühlere Temperaturen.

Und, last but not least, freue ich mich auf den Vater aller Väter: meinen Papa!

Herzlichst,

Euer Pünktchen.

07 Januar 2013

XVI Haselnußernte




Hallo meine lieben Freunde,

durch die fortwährende Hitze ist die Haselnußernte dieses Jahr vorzeitig begonnen worden. Von überall her in der Türkei sind einzelne Familienmitglieder im Dorf eingetroffen und packen nun mit Kind und Kegel an. Sogar aus den Niederlanden und der Schweiz sind einige unserer Leute mit ihren Familien eingetroffen. Die, die aufgrund von Alter und Gebrechlichkeit nicht in den Plantagen arbeiten können, bleiben zu Hause und bereiten die Mahlzeiten für alle vor. Die Kinder übernehmen kleinste Hausarbeiten und sind ansonsten von allen Pflichten freigestellt.

Als hätte der Himmel ein Einsehen mit den vor lauter Hitze leidenden Menschen, gibt es seit gestern beständig Nieselregen, bei erträglichen Temperaturen. Wir sind soooo selig darüber. Vor lauter Erleichterung über den Wetterwechsel bin ich bei den Ersten mit dabei, die früh morgens um 6.30 Uhr mit in die Plantagen aufbrechen. Während die einen, einen Strauch nach dem anderen abernten, ist die Aufgabe von anderen, die alten Äste mit einer altertümlichen, aber äußerst scharfen Sichel von Grund an abzuschneiden, damit der Strauch so verjüngt wird. Die abgeschnittenen Äste werden entweder irgendwann verheizt, oder aber als Rankhilfe für Bohnenpflanzen verwendet. Je mehr Leute an einem Strauch arbeiten, umso vergnüglicher ist die Arbeit, die man verrichtet. Die einen singen, während andere sich unterhalten. So arbeitet man sich langsam aber beständig den Hang hinauf.

Der Gruselfaktor „Schlangen“ bleibt. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Schlangen schon das Weite suchen werden, wenn sie einen nahen sehen. Dennoch habe ich immer wieder den Blick auf den Boden gerichtet, um ja nicht auf eine drauf zu treten. Das könnte sehr unangenehm werden…

Meine Familie wirkt recht verwundert, dass ich ihnen bei der Ernte unter die Arme greifen will. Ganz offensichtlich trauen mir einige von ihnen diese schwere körperliche Arbeit nicht zu. Na, wenn die wüssten… Ich mag körperliche Arbeit sehr gerne. „Gartenarbeit“ liebe ich geradezu – das ist wie Therapie für mich. Dazu noch die frische Luft… Nur in großer Hitze habe ich so meine Schwierigkeit, beständig Leistung zu erbringen. Ich gebe ehrlich zu, dass ich diese Arbeit dann kaum länger als ein oder zwei Stunden machen kann. Aber jetzt, da das Wetter umgeschlagen ist, ist meine Zeit gekommen. Während alle nach kurzer Zeit im Nieselregen in die Häuser ringsherum flüchten, schaffe ich es locker, im laufe des Tages mehrere große Säcke voller Haselnüsse zu füllen. Meine Jungs sind in dieser Zeit in guten Händen. Am Abend ernte ich viel Anerkennung von allen Seiten. Aber, das ist nicht das Ausschlaggebende für mich, um genau so mit anzupacken wie alle anderen auch.

Mein Vater hat nur noch eine jüngere Schwester und zwei ältere Brüder, die am Leben sind (in den Jahren nach dieser Reise sind meine beiden Onkel leider verstorben). Die jüngste ist meine Tante mit 70 Jahren . Ich liebe sie unendlich! Meine Tante ist schwer Herzkrank, hat nur noch 30% Sehfähigkeit, ist seit Jahren verwitwet und lebt von einer kleinen Rente. Sie hat keine leiblichen Kinder, aber für ihre drei erwachsenen Stiefkinder hat sie zeitlebens alles gegeben, und diese lieben und achten sie, als sei sie von Anbeginn an ihre Mutter gewesen. Vom Wesen her sind mein Vater und sie absolut gleich. Ich nenne sie immer liebevoll „die Zwillinge“. Ich kenne niemanden, der liebevoller, hilfsbereiter und voller Güte ist, als diese Beiden. Und wenn ich mir vorstelle, dass einem von ihnen aufgrund ihres Alters und der ernstzunehmenden Erkrankungen etwas zustoßen könnte, dann heule ich wie ein kleines Kind. Jedes Mal! Denn es ist mir zu jeder Zeit bewusst, welch’ kostbare Menschen wie diese Zwei es zweifelsohne sind, von mir gehen würden.

Wenn ich hier in dieser Gemeinschaft bin, dann ist es, als sei ich nie fort gewesen. Natürlich sind das unterschiedliche Welten, in denen wir leben. Aber ich weiß auch, dass jede dieser Welten seine guten und auch weniger schönen Seiten hat. Man sollte nicht das Leben in Deutschland mit dem Leben in der Türkei vergleichen. Es ist zum Teil doch sehr unterschiedlich, und käme dem „Äpfel mit Birnen-Vergleich“ sehr nahe.


Die Ernte wird dieses Jahr vermutlich nicht allzu viel Geld einbringen, aber für mich ist absolut klar, daß ich meine Tante unterstützen werde. Sie ist solch ein Schatz, dass es unmöglich ist, sie nicht zu mögen oder gar zu lieben. Das war schon immer so – solange ich denken kann! Insbesondere alle kleinen Kinder sowie die Jungendlichen hier lieben sie. Alle anderen schätzen und respektieren sie. Auch Primus und Secundus gehören nun bedingungslos zu ihrer Anhängerschaft. Wenn „hala“ (Tante) nicht in der Nähe ist, fragen die Jungs sofort nach ihr. Sie hat eine solch’ liebevolle und gütige Art, die Menschen für sich zu gewinnen, das ist einfach sagenhaft. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie jemals etwas Schlechtes über andere sagen zu hören. Das ist nicht ihre Art! Stattdessen habe ich sie manches mal sagen hören: „Hast Du nichts Positives über einen Menschen zu sagen, so schweige ganz!“ Sie sieht immer das Positive in allem, ist dankbar für jeden Tag, den sie auf diesem Planeten leben darf. Meine Tante ist eine fromme Frau. Seit eh und je verrichtet sie ohne Unterbrechung täglich ihre fünf Gebete gen Mekka, und nahezu in jedem ihrer Sätze kommt „Gott“ vor. Sie führt ein einfaches Leben in Bescheidenheit, und ich habe noch nie gehört, dass sie jemals irgendeinen Umstand in ihrem Leben beklagt hätte. Das was sie hat, das teilt sie gerne mit anderen – und Gäste hat sie zu jeder Zeit reichlich. Früher wurde sie von der Familie „Kuyruklu“ genannt, was ungefähr so übersetzt werden kann wie „die, die einen Schwanz hat“. Sie ist sehr gerne und oft durch die Türkei gereist, und hat dabei immer eine große Heerschar an Begleitpersonen mit ihm Schlepptau gehabt, was ihr letztendlich diesen Spitznamen eingebracht hat. Wann immer sie von solchen Reisen wieder in Trabzon eintraf, hatte sie stets für jeden von uns Kindern ein Geschenk dabei.

Ich erinnere mich noch wie gestern daran, dass sie einmal aus Istanbul oder auch Ankara zurück kam. Alle Kinder standen um sie herum und warteten geduldig ab, was sie bekommen würden. Meine Tante machte es sehr spannend… Ganz zum Schluß sagte sie ohne mich anzusehen: „So, das war’s! Ich hoffe, dass Euch die Sachen gefallen, welche ich euch mitgebracht habe.“ Ich war sehr geknickt, war ich doch ganz zum Schluß übrig geblieben und somit die einzige, die nichts bekommen hatte. Es ging mir aber gar nicht in erster Linie um ein Mitbringsel,  mehr um ihre Gunst. Gerade als ich mich leise von dannen schleichen wollte, rief sie mich zu sich und übergab mir feierlich ein zusammen gewickeltes Bündel. Ein T-Shirt aus Baumwolle, mit rundem Halsausschnitt, geringelt in hellblau, rot und beige. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Glücksgefühl, was mich durchflutete. Meine inniglich geliebte Tante: sie hatte mich nicht vergessen!!!

Es ist bereits der vierte Tag der Ernte, und das Zusammensein verläuft sehr entspannt und harmonisch. Morgens gegen 9.30 Uhr kommen alle von den Plantagen zurück, um zu frühstücken. Und ohne den heiß geliebten Çay („Tschai“ = Tee) kommt hier außer mir sowieso keiner richtig auf Betriebstemperatur. Eigens für mich wird frischer Kaffee aufgebrüht. Gegen 13.30 Uhr gibt es Mittagessen. Und abends gegen 20.00 Uhr kehren alle wieder Heim. Man sitzt gemeinsam zu Tisch, isst, erzählt, bespricht, was noch zu berücksichtigen oder zu regeln ist. Momentan sind wir mit 18 Personen zusammen. Das sind aber bei weitem nicht alle. Denn auch in den oberen Bergregionen gibt es Plantagen, die von unseren anderen Familienmitgliedern abgeerntet werden. Manch einer, der nicht die Zeit für die Ernte erübrigen kann, oder aber schlichtweg keine Lust hat, der heuert Hilfsarbeiter an. Die sind aber nicht gerade billig, und meine Tante kann sich das schon mal gar nicht leisten. Also ist es ganz klar, dass ich ihr bei der Ernte helfe so gut ich kann.

So manches mal habe ich versucht meine Tante für ein dreimonatiges Touristenvisum zu begeistern, damit ich ihr etwas von Deutschland, meiner zweiten Heimat, zeigen kann. Aber jedes mal entgegnet sie: „Ach Liebes, was soll ich denn da?... Dort soll es ja so kalt sein. Und überhaupt, wenn Du uns mit Deiner Familie besuchen kommst, dann haben alle etwas davon.“ Es ist aussichtslos; ich habe es beinahe aufgegeben, sie zu einer Deutschlandtour zu überreden…

Abends sitzen wir meist ermattet zusammen, knabbern eine Kleinigkeit und erzählen. In der Türkei ist das Knabbern von Sonnenblumenkernen weit verbreitet. Ich habe das ewige Zeiten nicht mehr gemacht, aber plötzlich habe auch ich Lust dazu. Wir erzählen, erzählen und erzählen. Ich knabbere, erzähle und schlucke… und prompt geschieht das, was mich schlaflos werden lässt: mir bleibt etwas von der harten Schale in der Speiseröhre hängen. Alles Schlucken und trinken hilft nichts – es ist mehr als unangenehm. Und das gerade jetzt, wo wir die Runde auflösen wollen, um schlafen zu gehen. Ich versuche mein Glück mit einer Banane und einigen Kartoffeln, die ich runterwürge, in der Hoffnung, dass sich die Schale löst und irgendwie in Bewegung setzt. Nichts dergleichen geschieht! Ich bin zutiefst genervt, mein Schluckreflex vervielfältigt sich um ein Vielfaches und erinnert mich bei jedem mal Schlucken daran, dass sich ziemlich „weit unten“ ein Fremdkörper in meiner Speiseröhre befindet. Irgendwann erkläre ich mich mit meiner Misere einverstanden und versuche den Schluckreflex zu unterdrücken, was mir selbstverständlich nicht gelingt. Die Nacht ist nur schrecklich, und ich zähle die Stunden, bis ich aufstehen und zu einem HNO-Arzt eilen kann. Damit des Nachts einen Dienst habenden Arzt zu behelligen ist mir schlicht und ergreifend zu peinlich. Am Morgen selber schaue ich mit einer Taschenlampe nochmals tief in meinem Rachen hinein, kann aber wie erwartet nichts Ungewöhnliches ausmachen oder viel sehen. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, jetzt in ein Krankenhaus zu fahren. Also durchforste ich erneut alles Essbare… und entdecke hart gewordenes, altes Brot. Ich beiße riesige Stücke ab, kaue kaum und würge das unappetitliche Zeug runter. Das mache ich etliche male, und dann ist mir auch endgültig schlecht. Ich beschließe den Vormittag abzuwarten. Schließlich ist meine Speiseröhre durch meine nervositätsbedingte Schluckerei in der Nacht derart belastet und gereizt worden, dass sie vermutlich an jener Stelle auch ohne einen Fremdkörper Schmerzen verursachen würde. Um mich abzulenken, arbeite ich wie eine Besessene in den Plantagen. Und was soll ich sagen: ich hatte sehr viel Glück, und dieses Teil hat sich tatsächlich gelöst und ist abgewandert. Gott, was war und bin ich erleichtert. Für die nächste Zeit: Sonnenblumenkerne ade!

Fünfter Ernte-Tag:

Es ist warm, aber der Himmel bedeckt schon seit Tagen. Alle sind mehr als dankbar dafür, denn ansonsten könnte man es Folter nennen, von morgens ganz früh bis in die Abendstunden hinein zu pflücken, schleppen, zum Trocknen auszulegen. Eigentlich könnte ich zufrieden sein, aber nun sind die Jungs und ich auch noch seit einigen Tagen von einer Magen-Darm-Grippe geplagt. Heute bin ich den ganzen Tag zu Hause und versuche mich einwenig zu erholen. Einen Arztbesuch halte ich nicht für erforderlich: Was raus will, soll raus! Das Gröbste haben wir schon hinter uns – ich denke, dass ich schon morgen wieder dabei sein kann. Den Kindern merkt man kaum etwas an. Nur das Windeln von Secundus geschieht nun in einer deutlich höheren Frequenz…

Meine Tante hat heute wie beinahe an jedem anderen Tag auch frisches Brot gebacken. Das schmeckt soooo unsagbar gut! Ich habe Knoblauch-Salz-Butter gemacht und kann es mit den Kindern nun kaum abwarten, bis der duftende Brotlaib aus dem Backofen heraus geholt wird.

Siebter Tag

Der Himmel ist meist bewölkt, aber kaum erscheint die Sonne, wird es brutal warm. Alle sind restlos erschöpft. Ich bin die letzten Tage kaum noch mit dabei gewesen, da die Jungs plötzlich nicht mehr von mir ablassen wollten. Primus ist sogar einmal auf eigene Faust querfeldein durch die Plantagen gelaufen, bis er mich gefunden hat. Also, habe ich mich wieder verstärkt um meine Söhne gekümmert. Habe dann nur noch am Rande einige gefüllte Säcke mit Haselnüssen geschleppt und zum Trockenen ausgebreitet, den Hilfsarbeitern Erfrischungen angeboten.

Gestern waren 15 Hilfsarbeiter da (heute auf Wunsch nur noch 5, da dieses Feld nun abgeerntet ist). Frauen, Männer und Jugendliche. Die jüngste war 17 Jahre! Die älteste schätze ich auf Anfang 50 Jahre. Angefangen wurde pünktlich früh morgens um 7.00 Uhr. Gegen 10.00 Uhr wurde eine kurze Pause gemacht. Gegen Mittag eine von 90 Minuten, weil da nicht nur gegessen, sondern auch gebetet wurde. Punkt 17.30 Uhr wurde Arbeit nieder gelegt.

Ich hatte Gelegenheit, mich mit diesen Menschen zu unterhalten. Bis auf die drei jüngeren Damen waren alle sehr traditionell gekleidet, was in erster Linie sehr sehr warm aussah. Ich habe mich bei ihnen allen für meine äußere Erscheinung entschuldigt (weite Hose, Kurzarm-T-Shirt): denn hätte ich so gekleidet arbeiten müssen wie sie, ich wäre nach kürzester Zeit vor Überhitzung in Ohnmacht gefallen. Sie waren durch die Bank weg unwahrscheinlich freundlich und aufgeschlossen und haben mich sehr wohlwollend aufgenommen. Einer habe ich sogar versprochen, sie demnächst zu besuchen. Das werde ich in jedem Falle tun. Sie kannte wohl meine Großmutter sehr gut…

Am Abend , so gegen 19.30 Uhr, trudelte dann unsere Familie wieder ein. Äußerst erschöpft, und ziemlich wortkarg die Jugendlichen (zwei 17jährige und ein 18jähriger Herr). Und das, trotzdem sie Stunden später anfangen als alle anderen, und drei Stunden eher aufhören. Aber ehrlich: ich kann es ihnen nicht verdenken.

Primus, und das ist kaum zu glauben, spricht schon etliche, wenn auch recht kurze Sätze auf Türkisch. Er fängt sogar eigene Satzkonstruktionen an, was ich für diesen Zeitraum einfach nur bemerkenswert finde. Secundus bedient sich beider Sprachen gleichermaßen: Einzelne Worte, oder Zwei-Wort-Konstruktionen. Abends im Bett fragt mich Primus ab und an nach der Bedeutung einiger Worte, die er ganz offensichtlich aufgeschnappt hat. Während die Jungs Türkisch lernen, lernt meine Familie auch einige Brocken Deutsch.

Neunter Tag



Die Plantagen sind nahezu abgeerntet, wenige Reihen stehen noch aus. Der Himmel ist weitestgehend bedeckt, aber es ist sehr drückend und erschwert die anstehende Arbeit immens. Obwohl alles harmonisch und rund läuft, ist bei allen die Luft raus. Abends wird noch zusammen gegessen und dann fallen ausnahmslos alle in die Betten. Denn seit Tagen gehen alle inzwischen um 5.00 Uhr auf die Felder, damit man in der kühleren Morgenfrische etwas geschafft bekommt.




Die abgeernteten Haselnüsse, die sich noch in ihrer grünen Umhüllung (Zuluf) befinden, werden sofort auf weiten Flächen zum Trocknen ausgelegt. Dann fangen sie binnen weniger Tage an, sich bräunlich zu verfärben. Zwischendurch tauchen hier immer wieder meiner Familie bekannte bedürftige Menschen auf, die mit ihrer Erlaubnis die bei der Ernte herab gefallenen Nüsse einsammeln, und diese dann am Ende selber zum Verkauf anbieten.


Gestern haben Papa und ich beschlossen mit den Jungs einen Ausflug zu machen. Wir haben „Hamsiköy“ besucht. Dort gab es ein „Sütlac-Fest“. Sütlaç ist eine Art Milchreis. In Hamsiköy ist gerade das eine Spezialität. Die Kuhmilch dort ist so fetthaltig, als würde man das aus reiner Sahne zubereiten. Und dementsprechend himmlisch lecker ist das Resultat. Hamsiköy liegt weit oben in den Bergen, so dass es dort reichlich kühl ist. Sehr angenehm, um dieser drückenden Wärme zu entkommen. 


Die jüngsten Attentate in der Türkei haben dafür gesorgt, dass in allen Orten, wo viele Menschen erwartet werden, das Militär sehr präsent und in Alarmbereitschaft ist. Auch wir gelangen, neben unzähligen anderen, nur durch eine strenge Personenkontrolle in das Dorf hinein. Rings um Hamsiköy sind unzählige Soldaten postiert – auch in den Feldern, wo es keine Wege gibt. Für Außenstehende mag das Militär abschreckend sein, die hiesige Bevölkerung sieht das ganz anders. Sie sind in höchstem Maße erleichtert, unter dem Schutz des Militärs zu stehen. Uns geht das genauso! Übrigens gibt es in der ganzen Türkei keine Müllbehälter aus Metall mehr auf den Straßen, sowie auf öffentlichen Plätzen. Zu oft haben Terroristen diese dazu genutzt, Sprengstoff darin detonieren zulassen. Das umher fliegende Metall der Mülltonnen/Eimer wurde dann noch zusätzlich zu einer geschoßartigen Masse. Inzwischen wird der Müll an bestimmten Straßenecken zu einer bestimmten Uhrzeit abgelegt und von der Müllabfuhr dort abgeholt. Das habe ich in Istanbul, sowie in allen anderen Regionen bemerkt, die wir bislang bereist haben.



Richtung „Torul“, „Gümüşhane“ passieren wir den „Zigana-Tüneli“ (einen Tunnel von 1702 m Länge und 11 m Breite). Wir befinden uns auf 1820 m über dem Meeresspiegel. Die Luft ist fantastisch, die Berge eine Augenweide. Die Bergspitzen sind in Nebel gehüllt, was bezaubernd aussieht. Alles ist unsagbar grün. Nirgends ein Fleck auszumachen, aus dem nichts sprießt… Sagenhaft!

Torul ist ein kleiner Ort mit gerade mal 5400 Seelen. Bei „Harmancik“ gibt es eine riesige Baustelle in der Nähe eines Flusses. Dort halten wir an und pausieren. Primus hat ein Sandförmchen an einem Stock befestigt, und es gelingt ihm tatsächlich damit eine Kaulquappe, und einen winzigen Frosch zu fangen. Beide werden genauer in Augenschein genommen und später wieder „zu ihren Familien“ entlassen. Wir sehen unzählige, winzige Fischschwärme. Aber da hat Primus mit seiner tollen Konstruktion auch keine Chance. 


Secundus schmeißt nach Herzenslust Steine ins Wasser. Die werden immer größer und er tollkühner, so dass wir aufpassen müssen, dass er nicht  hinterher stürzt. Und kurz bevor wir weiter fahren wollen, setzt er sich dann seelenruhig in voller Montur in das Wasser… Wir müssen herzhaft lachen. Tja, so und nicht viel anders ist das Reisen mit unseren Süßen. Aber das ist alles kein Problem. Im Wagen befinden sich ausreichend Wechselsachen.



Bei 1070 m passieren wir den „Hacıemin Tunnel“, „Mescitler Tunnel“ bei 1050 Höhenmeter. Warum ich das erwähne? Glücklicherweise gibt es inzwischen hochwertige Maschinen im Straßenbau. Vor 20 Jahren haben diese Arbeiten wirklich Männer mit Spitzhacken in den Händen gemacht. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen. Und wenn es eines in der Türkei gibt, dann sind das u.a. Berge, Berge, Berge… Wahnsinn!

Nach all den irrsinnig grünen Bergen wirkt es in der Umgebung von Gümüşhane plötzlich sehr „trocken“ und kahl. Verschwunden sind die Nebel verhangenen Bergwipfel, ebenso das üppige Grün. Stattdessen gibt es lediglich vereinzelt Bäume auf den Bergen, dafür mehr kahle Bereiche. In Gümüşhane gehen wir mit den Jungs lecker essen, und nachdem wir uns den Ort etwas genauer ansehen (etwas wirklich Besonderes ist uns jedoch nicht aufgefallen), treten wir den Rückweg wieder an. 


Als wir erneut den „Zigana-Tunnel“ passieren, trauen wir unseren Augen nicht: vor dem Tunnel sind die Berge ringsumher mit Tannen bewachsen, die Sicht ist absolut klar bei Sonnenschein. Als wir aus dem Tunnel herausfahren empfängt uns eine dichte Nebelbank. Die Sichtweite beträgt kaum mehr als 15 m. Hinter uns sind die Jungs ganz still geworden. Primus fragt: „Was ist hier los?“ Als wären wir gerade in das Zauberreich von Feen eingetaucht. Etwas Mystisches hat das ganze schon. Im Schneckentempo fahren wir weiter. Bei „Basarköy“ lichten sich Nebel und Dunst. Wir blicken erneut auf grüne Felder, in Dunst gehüllte Bergwipfel, die so anders anmuten, als ich sie bisher wahrgenommen habe.

Wir machen Rast in Maçka, ein ebenfalls kleiner Ort. Wir schlendern einmal durch die Hauptstraße und zurück. Auf unserem weiteren Weg, Richtung „Esiroğlu“ (wenn mich nicht alles täuscht…), zeigt uns Papa einen gigantischen Staudamm, der gerade gebaut wird. Wir schauen uns das ganze von „oben“ an. Beeindruckend! Das dürfte eine gute Lösung für das immer wieder auftauchende Wasserproblem in der Region sein.

Zehnter Tag:

Der anstrengende Teil der Haselnußernte ist nun vorüber und fast scheint es, dass wieder Leben in die Einzelnen zurückkehrt. Alle sind erschöpft, aber zufrieden. Die Jugendlichen überlegen laut, was sie mit ihrem Anteil alles anschaffen wollen… Bei Tisch gibt es viele Lacher: die sind echt süß! Vielleicht hätte man sie doch noch mal genau über die anstehende Summe aufklären sollen. Wenn man sie so laut überlegen hört, meint man, dass ein Millionengewinn erwirtschaftet wurde. Köstlich!


Für den Rest des Tages helfen alle noch meiner Tante, da sie nur wenige Helfer hatte und dementsprechend langsam war. Die Nüsse sind nun alle ausgebreitet und müssen vor allem eines: trocknen! Das Fahrzeug (Pattos), was die Ernte einsaugen und die Nüsse aus ihrer Ummantelung herauslösen und in Säcke füllen wird, steht bereits auf dem Grundstück. Primus und Secundus betrachten es voller Neugierde.

Wenn es morgen nicht zu bewölkt sein sollte, wollen wir wieder einen Strandtag einlegen.

Bis demnächst wieder – mit herzlichen Grüßen, Euer Pünktchen.