11 Oktober 2013

Mitten unter uns, oder im Djungel der Schriftzeichen



Das kleine Kind und ich, wir haben stundenlang lautmalerisch Buchstaben geübt. Es ist einfach entzückend, ihm bei seinen ersten Lese- und Schreibübungen zur Seite zu sein. Ich genieße das sehr, ihn in seiner Lernfreude zu unterstützen.  Wie schön das ist, Anteil daran haben zu dürfen, wenn er plötzlich entdeckt, daß Buchstaben und Silbenfolgen Worte ergeben, die er nun in der einfachsten Form entschlüsseln kann. In solchen Momenten werde ich euphorisch, so großartig ist das. 


Wenn meine Eltern mit mir in den Sommerferien in die Türkei fuhren,  gab es ganz besondere Ereignisse für mich. Eines davon war, wenn mein Vater mich in der Stadt in eine Buchhandlung begleitete, mich dort dem Buchhändler als seine Tochter vorstellte und ihn wissen ließ, daß er mich in einigen Stunden wieder abholen würde. So lange durfte ich Bücher zusammen suchen, die zusammen gepackt an unsere Adresse in Deutschland geschickt wurden. Ich brauche wohl nicht zu betonen, wie glücklich ich jedes mal war. Und tatsächlich stöberte ich umher und alles, was ich sorgsam auswählte, wanderte zur  Freude des Buchhändlers in große Kartons. Die Büchlein auf dem oberen Foto stammen noch aus jener Zeit.
 
„Das ist doch nun wirklich nichts Besonderes“, werdet ihr vielleicht denken. Nun, für mich ist das etwas ganz besonderes sogar. Denn meine beiden Großmütter waren Analphabeten. Sie konnten beide nicht lesen und schreiben. Meine babaanne Leyla hatte in der Türkei nie eine Schule von innen gesehen. Damals sollten Frauen sich in erster Linie um die Familie kümmern, und es gab wahrlich existenzielle Sorgen. Sogar reichlich davon. Auf dem Land, wo sie lebten galt es alle Kraft in die landwirtschaftliche Selbstversorgung zu stecken, um die Familie zu ernähren, nein, eher am Leben zu erhalten. Vom Lesen und Schreiben können wurde man nicht satt.


Dankbar bin ich, daß es für mich selbstverständlich war, eine Schule zu besuchen. Lesen und Schreiben lernen, das eröffnete mir neue Welten. Das habe ich zeitlebens geschätzt. Meine beiden Großmütter, sie konnten uns Kindern nie vorlesen. Für uns war das nicht wichtig. Dafür erzählten sie uns ausgedachte Geschichten. Die waren mindestens genauso wertvoll. Ich kann das nur schwer aushalten, wenn ich mitbekomme, wie manch' ein Jugendlicher seine "Null-Bock-auf-Schule-Weltanschauung" mit stolz gestählter Brust vor sich herträgt. Wissen die eigentlich, wie gut sie es haben?! Ich erinnere mich an den schlimmsten Fluch meines Onkels Necmi, der es aus einfachsten Verhältnissen schaffte zu studieren und Lehrer zu werden: "Ich wünsche X,Y,Z Kinder, die nicht lernwillig sind...!" 
 
Verrückterweise war auch meine Großmutter mütterlicherseits zeitlebens Analphabetin. Diese merkte sehr wohl und überdeutlich, daß sie etwas sehr Bedeutendes in ihrem Lebensalltag nicht beherrschte. Denn die zweite Hälfte ihres Lebens mußte sie mit ihrer Familie aufgrund der Kriegsunruhen auf Nordzypern in ein anderes Land auswandern: England. Erschwerend  kam hinzu, daß sie auch nach vielen Jahren dort ein sehr rudimentäres Englisch sprach. Ich verurteile das keineswegs, weiß ich doch, wie schwer es im Alter ist eine gänzlich neue Sprache zu erlernen. Was Kinder quasi mit der Luft zum Atmen verinnerlichen, muß der Erwachsene sich mühsam ins Gehirn meißeln. Der Analphabetismus machte ein unabhängiges Leben nahezu unmöglich. Egal, worum es ging, benötigte sie die Hilfe von Eingeweihten. Behördendinge, Korrespondenz jeglicher Art, Bankgeschäfte, Arztbesuche, Medikamenteneinnahmen, Einkäufe, Busfahrpläne lesen - nahezu alles war ohne die Hilfe von anderen nicht zu bewältigen. Ich erinnere mich daran, wie ich als Fünfjährige ihre private Post beantwortete. Sie diktierte, ich schrieb.  

Ich liebte meine beiden Großmütter. Als Kind konnte ich keinen Mangel an ihnen feststellen. Für mich waren sie perfekt, denn sie waren liebevoll, gütig und hatten ein großes Herz. Dumm waren sie beide keinesfalls. Auf einen Mangel an Intelligenz ist Analphabetismus jedoch nicht zurückzuführen. Meist kommt es durch das Zusammenwirken von unterschiedlichen Faktoren zu Defiziten beim Lesen und Schreiben. Dazu gehören u.a. individuelle Besonderheiten, die Eltern und die Situation der Familie. Zwar  hatten beide keinerlei Schulbildung, doch war es ihnen sehr wichtig, daß alle ihre Kinder eine Schule besuchen konnten. Dafür nahmen sie allerlei zusätzliche Erschwernisse in Kauf. Etliche ihrer Kinder studierten sogar. Heute bin ich eher wehmütig, wenn ich bedenke, welchen Ängsten, Unsicherheiten und Schwierigkeiten sie in ihrem Alltag immer wieder ausgesetzt waren - die eine in der Großstadt sicherlich deutlich mehr, als die andere. Wie schambehaftet und stigmatisiert sie ihr Leben lebten...  Damals gab es all die Hilfsangebote nicht, die es heute gibt. Und trotz aller Aufgeklärtheit ist Analphabetismus auch heute noch ein Tabuthema.

Hier z.B. habe ich eine Seite entdeckt, die sogar Sohn2 nach nur wenigen Wochen Schule mit meiner Unterstützung meistern konnte. Vielleicht kennt auch ihr Menschen, die man auf diesem oder anderem Wege unterstützen kann - auch wenn diese oftmals wahre Meister der Tarnung sind. Es bedarf sehr viel Feingefühl, um diese verwundeten Menschen nicht noch mehr zu beschädigen.
 

2011 kam die Analphabetismus-Studie „Leo“ der Uni Hamburg zu dem Ergebnis, daß rund 7,5 Millionen Erwachsene in Deutschland keine einfachen Texte lesen und schreiben können. Ca. 20.000 von ihnen sollen sich in Alphabetisierungskursen befinden, die sie selbst zahlen müssen. Es gibt Schätzungen, die besagen, daß es ca. 1200 Stunden dauern würde, bis die funktionalen Analphabeten auf dem gleichen Stand wären wie „normale“ Schulabgänger. Man hat heraus gefunden, daß es bei vier Stunden pro Woche, sechs lange Jahre brauchen würde. Eine zu lange Zeit, die die meisten nicht durchhalten. Laut Paradisi fehlen ca. 4 Millionen Menschen die Mindestanforderungen, um aktiv am Arbeits- und Berufsleben teilzunehmen.

Normalerweise sind Eltern stolz auf ihre Kinder. Das sind auch wir. Aber vielleicht kann der ein oder andere verstehen, daß ich auch Jahrzehnte später stolz auf meine Eltern bin. Seinerzeit gründeten sie in der Stadt, in der wir in Deutschland lebten, eine Begegnungsstätte für Türken und Deutsche. Es gab eine Theatergruppe, einen Chor, Kochkurse, Handarbeitsgruppen, und etliches andere mehr. An türkischen Feiertagen gab es große Feste mit Aufführungen. Nicht nur  da kamen auch immer interessierte Deutsche, Journalisten von diversen Zeitungen. Was mich aber am meisten beeindruckte waren die Möglichkeiten, die meine Eltern mit einigen anderen Kollegen für etliche Menschen aus eigener Initiative erschufen: Alphabetisierungskurse für Landsleute, die nicht lesen und schreiben konnten. Erst kam da nichts in Gang, denn solch‘ ein Eingeständnis geht mit sehr viel Schamüberwindung einher. Aber nach und nach trauten sich die ersten Frauen. Sie lernten andere türkische Frauen mit demselben Problem kennen, konnten sich auch bezüglich anderer Themen austauschen. Sie blieben über Jahre dieser Begegnungsstätte treu und lernten das Lesen und Schreiben, konnten erstmals ihre kleinen Kinder unterstützen und begleiten. Diesen Erfolgen beiwohnen zu dürfen das war mehr als nur erhebend für jeden, der das miterleben durfte.

Ja, daß ausgerechnet meine Eltern, die selbst aus Familien mit Analphabeten stammten sich mit anderen dafür stark machten, über viele Jahre sehr viel Zeit und Engagement an den Tag legten, um diese Menschen ein Stückchen mehr an der Gesellschaft teilhaben zu lassen, das erfüllt mich mit großem Stolz. Noch heute.


 Eines von drei ersten Büchern, die ich von meinem Onkel Zekâi und seiner Frau bekam.

Vielleicht versteht ihr jetzt, daß ich auf ganz besondere Weise glücklich bin, wenn ich unseren Kindern beim Lesen und Schreiben lernen zur Seite sein kann.


Kommentare:

  1. Einfach nur BRAVO, liebe Pünktchen

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  2. Das ist wieder so ein Post von dir, wie ich sie liebe! Herrlich, die Geschichten aus deiner Familie von einst & jetzt. Gut deine Informationen zum Thema! Ich habe auch lange nicht verstehen können, wie in UNSEREM Land Menschen Analphabeten werden können, aber dann als Grundschullehrerin gemerkt, wie intelligent Kinder über diese Unfähigkeit hinwegtäuschen können, wie sie es wieder verlernen, wenn man es nicht ständig verlangt, dass die Sekundarschulen sich auch viel stärker darum kümmern müssen, Leseanreize zu bieten & Lesen zu fordern.
    Wundervoll deine Büchersammlung! Ich habe es immer mit großem Erstaunen wahrgenommen, dass meine Mutter, die nur wenig auf der jahrelangen Flucht mitnehmen konnte, einige Bücher darunter hatte ( unter anderem IHRE Literaturgeschichte ). Ich habe sie gerne & immer wieder gelesen.
    Die Freude, die du an den Leseversuchen deiner Kinder hast, kenne ich auch. Bis zuletzt habe ich mich über jedes Kind riesig gefreut, wenn es unter meiner Obhut herausgefunden hat, wie es geht.
    Ach, ich könnte noch so viel zu diesem Thema schreiben....
    Sei ganz herzlich gegrüßt!
    Astrid

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  3. ...ich bewundere gerade deine türkischen Bücher, ich habe meine leider nicht mehr, weil wir so oft umgezogen sind, und irgendwo, irgendwann sind sie verloren gegangen. Das Thema Analphabetismus war und ist immer noch sehr aktuell in der Türkei, und meistens trifft es Mädchen, die nicht die Schule besuchen dürfen. Du hast es sehr schön beschrieben mit deinen beiden Großmüttern. Deine Großmutter in England muss aber wirklich eine starke Frau gewesen sein, wenn sie erst die Heimat verlassen muss und dann auch noch in eine komplett neue Umgebung kommt und sich zurecht finden muss, alle Achtung und großen Respekt. Deinem kleinen Sohn wünsche ich viel Freude beim lesen lernen und in der Schule. Bildung ist das höchste Gut. Liebe Grüße

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  4. so ein schöner post! wie du eine sache in eine ganze familiengeschichte einbindest und dann auch noch ein so wichtiges thema mit leichtigkeit in den mittelpunkt rückst!
    ich freu mich schon darauf, wenn der wirbelwind lesen lernt - und erinnere mich noch lebhaft an meine ersten volksschulwochen, als mich keiner vom schreibtisch wegbrachte, weil ich das lesebuch erst weglegen wollte, wenn ich alle buchstaben kann, so sehr wollte ich unbedingt lesen und schreiben lernen...selber geschichten lesen zu können, aber auch selber welche schreiben zu können, welch unglaublich reiches geschenk das doch ist!
    lieben gruß
    dania

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  5. Für jemanden wie mich, wo Schule und lernen etwas ganz "normales" war und ist, hast Du eine wunderbare Geschichte geschrieben. Natürlich weiß ich, dass das nicht überall, auch nicht in Deutschland "normal" ist, lesen und schreiben zu können.

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  6. Ein wunderbarer Post über ein Herzensthema auch von mir. Ich weiß noch gut, wie glücklich ich war, als mein Jüngster, der im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern kein großer Leser war und alles vorgelesen bekommen wollte (was ich zugegebenermaßen auch leidenschaftlich gern tue..), zum erstenmal in ein Buch so richtig versunken war und alles um sich herum vergaß. Ich schaute ihm beim Lesen zu und freute mich, dass er dieses Gefühl jetzt auch kennengelernt hatte, dieses Vergessen von Raum und Zeit und Eintauchen in eine andere Welt... herrlich ist das!

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  7. Ein wundervoller Post, freundlich und herzenswarm geschrieben. gut fundiert und vor allem, persönlich.
    Toll !!! Lg Gitta

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  8. Du hast allen Grund, Stolz auf Deine Eltern zu sein. Bravo! Ellerinden öpüyorum ikisinin de! Bin wirklich beeindruckt von ihrem Einsatz und ihrem Engagement.

    Ich musste grad an meine Großmutter denken (mütterlicherseits), alle waren sie Analphabeten , aber speziell sie , war ein ganz besonderer Mensch. Ich bewundere sie heute noch. Sie hatte zwar nie eine Schule in ihrem Leben besucht, aber hatte so einen hohen "EQ", eine so unglaubliche hohe , emotionale Intelligenz, war so sensibel, weise und hatte so ein riesengroßes Herz. Sowas kann einem keine Schule auf der Welt lehren...ich schätze Menschen mit ausgeprägtem Emphatievermögen sehr.
    Mit ihren menschlichen Eigenschaften war sie mir immer ein Vorbild.

    Analphabetismus ist Gott sei Dank immer weniger geworden in unserem Land, aber leider immer noch ein Thema.
    Lesen und schreiben ist etwas so wunderbares, was man wirklich zu schätzen wissen sollte.

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  9. Wunderschön, mit wieviel Einfühlvermögen du über so ein sensibles Thema schreibst, das nur zu gern einfach totgeschwiegen wird.
    Liebe Grüße
    Christiane

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