18 September 2013

Auszeit

 

Es ist kühl geworden. Die Winterbettwäsche ist wieder in Gebrauch. Das Herbstlaub schmückt längst die Straßen, die ich entlang gehe. Das kleine Kind ist krank. Nichts davon ist ungewöhnlich. 

 
Die Müdigkeit hängt bleiern an mir, sodaß ich mir heute sehr viel mehr Kaffee als sonst genehmige. Während der große Bruder auf dem Weg zur Schule ist, erwacht nun das kleine Kind. Innerhalb von kürzester Zeit war er erst vorgestern wie eine welke Blume in sich zusammen gesackt. Ein Häuflein Elend, sich heftig übergebend, erschöpft, am Ende meine Nähe suchend, mit der Bitte im elterlichen Bett schlafen zu dürfen. Aber natürlich mein Herz... Auch der große Bruder braucht da mehr Nähe. Fragt nicht, wie das geht. Irgendwie geht es immer. Platz ist in der kleinsten Hütte, sagt man. Das gilt wohl insbesondere für das Bett von Eltern. Ein Spuckbehältnis in greifbarer Nähe deponiert, und schon schlief das arg gebeutelte Kind in meinen Armen ein. Tief und fest sein baldiger Atem, dem ich besorgt gelauscht habe in der Nacht. Und wie ebenso nicht selten und ungewöhnlich war das Kind am nächsten Tag blaß, aber dennoch recht munter. Wir frühstückten gemeinsam im Bett, jeder ein belegtes Brötchen (meines mit Käse, das des Kindes... na mit was wohl...?! Explizit so wurde die Bestellung aufgegeben. Wir handhaben das hier in solcherlei Krankheitsfällen so, daß man am Folgetag essen darf, worauf man immer auch Appetit hat. Bislang sind wir damit sehr gut gefahren. Schon plauderte das kleine Kerlchen munter drauf los. Bilderbücher wurden zu Hauff in's Bett geschleppt. "Mama, ließt du mir das vor?". Na, klar mein Herz. Auf jeden Fall... "Und noch eins..., noch eins..., und bitte bitte, ein ganz Allerletztes, ja?..." Und ich mußte schmunzeln mit einem Mal. Ein Déjà-vu tut sich vor meinem geistigen Auge auf. Immer und immer wieder löcherte auch ich meine Mutter damit, mir früher vorzulesen. Und jedes Mal, wenn sie schon glaubte, daß ich nun Ruhe geben würde, weil mir die Lider vor Müdigkeit zugefallen waren, kam noch ein leises, aber nicht minder forderndes: "Bitte weiter lesen Mami, weiter...!" Und noch heute ist mir ihre wohlklingende Stimme im Ohr, wenn sie sprach: "Lieber Gott, laß es nicht mehr allzulange dauern, bis dieses Kind selbständig lesen kann." 



Während draußen sich der Himmel ergießt, der Wind an den Bäumen zerrt, das kleine Kind alle Aufgaben der Schule mehr als gewissenhaft (immer noch im Bett ;-)) erledigt hat, spüre ich einen inneren Drang. Der überkommt mich immer dann, wenn ich eigentlich kaum noch kann. Ich möchte raus, bei Wind und Wetter in die Wolken schauen. Ich habe Glück: die beiden, groß und klein, möchten mit hinaus.


Am Steg sitzen, der dunklen Wolkenfront zuschauen, während man an köstlich verführerischen, roten Äpfeln knabbert, sich unter den mahnenden Worten der Mama gerade mal soweit an den Rand wagt, daß man beinahe droht in das Meer geweht zu werden.


Wer kann am weitesten werfen? Die Möwen führen einen Extra-Tanz auf. Der Wind ist eisig. Die seit einiger Zeit fertig gestrickten Mützen werden verlangt. Die kleinen Herren haben sich die Sockenwole dazu selbst ausgesucht. Doppelt gestrickte Wendemützen nach einer Anregung von Brigitte/Amselgesang.


Draußen sein tut so gut manchmal. Einfach spüren:  die Natur - sich selbst.
Dem Wind lauschen. Schweigen. Innehalten.


Und das Beste kommt bekanntlich zum Schluß. Jetzt darf der Drachen sich hoch in die Lüfte erheben. Und wie der fliegt... wunderbar! Ich wußte es: die einfachsten Modelle sind die Besten überhaupt.


Flieg' kleiner Drache, flieg'. Mach' Kinderträume wahr...

Kommentare:

  1. Hach, du hast mich mal wieder mittendrin berührt! Wunderschön geschrieben!
    Weiter gute Besserung für deinen Sohn!
    Liebe Grüße
    Christiane

    AntwortenLöschen
  2. Ach, eine Wohltat, dein Bericht aus dem Alltagsleben zu lesen, zu denken, so ist es, das Leben: Das Hier & Jetzt, die Rückschau, die Erinnerung an Menschen, die man liebt und über allem dieses ewig gleiche Himmel!
    Danke dir!
    Herzlichst
    Astrid

    AntwortenLöschen
  3. Erholt Euch alle gut, Schlaft schön. Träumt wunderbar!!
    Lisa

    AntwortenLöschen
  4. Ach menno, krank sein ist doof! Ich wünsche deinem kleinen Kerlchen gute Besserung, obwohl so verwöhnt werden ist auch nicht schlecht :-)
    Liebe Grüße
    Papatya

    AntwortenLöschen
  5. Eigentlich kein schöner Anfang für eine Auszeit. Manchmal glaubte ich, die Kinder würden immer dann krank, wenn man selbst eine Auszeit brauchte. Denn so eine Kinderkrankheit zwingt ja auch die Mama sich ganz anderen "Sachen" zuzuwenden.
    Und Du hast es so schön beschrieben, wie heilsam so eine Auszeit für alle ist. Danke für´s mitnehmen auf die kleine Reise.

    AntwortenLöschen
  6. Wie schön dass es deinem Kleinen wieder besser geht !
    Die kühle Meeresbrise würde ich mir jetzt auch gerne um die Nase wehen lassen! So schöne Bilder zeigst du uns !
    Ganz liebe Grüße Ursula

    AntwortenLöschen
  7. Gute Besserung für den Zwerg...wobei, ich nehme an, daß all die guten Dinge dafür sorgen, daß es ihm schon wieder besser geht. Und jaaaa es ist unfassbar, wie groß elterliche Betten auf einmal sind, wenn es darum geht, 3-4 Personen darin schlafen zu lassen ;)
    liebe grüsse.

    AntwortenLöschen
  8. Soooo schöne Herbstbilder...

    Dem Kleinen wünsche ich gute Besserung, gecmis olsun!

    AntwortenLöschen
  9. Tolle Doppelmoppelohrenwärmer sind das geworden! Und wie schön muss es sein bei diesem Wetter am Meer! Wenn ich deine Bilder anschaue, rieche ich förmlich die Salzluft - hmmm!!! Herrlich!!

    AntwortenLöschen
  10. Ihr seid nett. Wirklich.Danke für all die guten Wünsche. O-Ton vom Kleinen:"Mama, jetzt war ich einen Tag fast nur im Bett. Das war schön. Und am Strand. Jetzt bin ich gesund. Morgen gehe ich in die Schule, ja? Ich muß gucken, was da so los ist..." :-)Das Kind hat längst wieder den Turbo eingeschaltet. Nur die Mama hinkt noch immer etwas hinterher. Gähn...

    AntwortenLöschen
  11. fein, dass es dem sohnemann wieder besser geht. und dir wünsch ich viele solche draußenmomente, sie tun so gut. ja, kleiner drache, flieg!
    alles liebe
    dania

    AntwortenLöschen