17 Juli 2013

Vom Halten und Loslassen und dem tiefen Schmerz in meinem Herzen II


Seit 46 Tagen ist mein Vater bei uns. Diese Zeit ist lang genug, um die deutlich vorangeschrittenen Anzeichen seines Alters wahrzunehmen. Schon bei unserer ersten Begrüßungsumarmung fiel mir auf, wie inniglich mein Vater mich und meine Familie in seine Arme nahm und sehr lange an sich drückte. Wortlos, aber nicht ohne etwas zu sagen. Ich fühlte seine grenzenlose Erleichterung darüber, es wieder einmal hierher geschafft zu haben. Die Dankbarkeit dafür, daß wir uns wieder haben.

Trotzdem wir so froh sind ihn hier bei uns zu haben, hat sich seit seinem Besuch vor einem Jahr etliches verändert. Das zu sehen, tut mir sehr sehr weh.

Mein Vater, der zeitlebens mit meiner Mutter der unerschütterliche Fels in  meiner Brandung war, er ist nun mein drittes Kind. Ein Kind, welches ich ganz besonders lieb habe, weil es mich fordert, mich irritiert, mich zutiefst berührt und zeitweilig an meine Grenzen bringt.



Ich sehe einen alten, gebeugten Mann. Er ist müde geworden. Die einfachsten Dinge stellen eine Herausforderung für ihn dar. Ich muß ihn liebevoll überreden, damit er trinkt, sich einpaar Schritte bewegt. Immer wieder. 




Mit seinem Einverständnis habe ich seinen Hausarzt gewechselt. Die Fahrerei war untragbar geworden für ihn. Hier vor Ort kann ich ihn ohne Probleme zu den Arztbesuchen begleiten, mich um seine Belange kümmern. Wir lassen ihn kaum noch allein. Irgendwer ist immer bei ihm. Trotzdem fragt er mich jedesmal besorgt, wann ich wieder komme, wenn ich schnell einkaufen muß. Die Kinder spielen gerne bei ihm im Zimmer. Letztens lag der eine rechts, der andere links von ihm: Sie brachten ihm „Nintendo“ bei. Und das, wo mein Vater Mühe hat, sein Seniorenhandy zu bedienen… Aber Hauptsache, sie haben Spaß miteinander, nicht wahr?...


 

Ich bewundere ihn, daß er sich immer aufrafft und uns begleitet, wenn besondere Ereignisse unserer Söhne anstehen. Ob das die Kindergartenentlassung des Jüngsten ist, der Abschlußtag des Schwimmkurses oder demnächst die Einschulung. Mein Vater war als Vater großartig, als Opa ist er einfach unschlagbar. Wenn mir manchmal die Zeit fehlt, um ausgiebig mit den Söhnen zu spielen, dann ergreift mein Vater wie selbstverständlich unaufgefordert die Initiative. Er gesellt sich zu den Söhnen, und ich schaue voller Bewunderung, wie er sich von ganzem Herzen mit ihnen beschäftigt. Stundenlang.


Wenn ich alten Menschen begegne, frage ich sie oft, was sie am Alter schön oder auch nicht schön finden. Fast immer kommt, daß sie es als schmerzhaft empfinden, nicht mehr so oft liebevollen Berührungen ausgesetzt zu sein. Und die Einsamkeit. Wir alle sind hier sehr körperlich nah miteinander. Mein Vater schläft kaum eine Nacht allein. Abwechselnd nächtigt einer der beiden Söhne bei ihm – seit er hier ist. Die Kinder haben sich das so gewünscht, und mein Vater war einverstanden. Oft höre ich noch, wie sie vor dem Einschlafen mit ihrem Dede plaudern. Mein Vater und die Kleinen genießen das sehr. Und ich bin einfach nur froh, daß es diese Quellen der Freude gibt. Meinen Vater in's Bett zu bringen, ihn zuzudecken und mit einer innigen Umarmung in die Nacht zu entlassen, das macht mich glücklich. Ihn morgens zu umarmen, einen guten Morgen zu wünschen, mich zu ihm zu setzen... das sind Selbstverständlichkeiten. Und doch sind sie es nicht. Ich bin froh, daß ich diese Dinge tun kann.

Während die kleinen Herren sich weiter entfalten, sich ihr Aktionsradius erweitert, wird der meines Vaters immer kleiner, seine Möglichkeiten schränken sich mehr und mehr ein. Es gibt Tage, die sind einfach nur gut, so unbeschwert leicht, heiter. Wir lachen herzhaft und sein unglaublicher Humor, sein Witz ist für uns nach wie vor gut erkennbar. Unsere Gespräche genießen wir so sehr. Aber es gibt auch andere Tage, wo es ihm weniger gut geht, wo ihm manchmal die Einsicht fehlt. Und ich bin unendlich dankbar dafür, daß er dann doch vertraut, die Dinge geschehen läßt, die gemacht werden müssen.



„Kind, sei nicht traurig. Es lohnt nicht, traurig zu sein. Es ist nun mal so, daß ich mich in der Warteschleife befinde. Fürchte dich nicht!“
„Wirst du da sein, wenn ich dir eines Tages folgen werde?“
„Ja.“
„Dann fürchte ich mich nicht...“


Kommentare:

  1. Ich lese hier bei dir und links und rechts rollen die Tränen über meine Backen. Du beschreibst einen Schmerz, den ich gerade auch erleide, Veränderungen, die mir zu schaffen machen. Mein Vater könnte genau das sagen, was dein Vater sagt, aber das macht es nicht leichter, denn der Abschied für immer steht einfach im Raum. Auch wenn ich sehe, dass alles so mühselig wird, fällt es mir schwer, das zu akzeptieren. Hinzu kommt, dass meine Mutter auch noch lebt, und ich weiß, dass es ein großes Drama sein wird, wenn einer vor dem anderen geht, egal wer. Im tiefsten Innern bin ich noch immer das Kind, obwohl ich jetzt selber auch schon Großmutter bin. Und dann sehe ich diese ganze Entwicklung auch für mich & meinen Mann voraus.
    Das Einzige, was hilft, ist den Tag genießen, jeden, egal, wie er ist. Sonst wird es schrecklich...
    Sei ganz lieb gedrückt! Danke!
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Astrid, ja, auch ich habe immer wieder weinen müssen, während die Worte sich formten und ich schrieb. Es ist schwer loszulassen, zu akzeptieren, was unausweichbar kommen wird. Mein Vater liegt mir sehr am Herzen. Ich möchte unsere Zeit nutzen, so viel wie irgend möglich gemeinsam zu machen. Oder einfach beisammen zu sein. Was gerade möglich ist.

      Löschen
  2. Hier sitze ich und mir laufen die Tränen herunter. So gut kann ich Dich verstehen und ich wünsche jedem Vater eine solche Tochter und jedem Opa solche Enkel, wenn die Kraft nachlässt.
    Deine Bilder sind so schön, so berührend, so ans Herz gehend und deine Liebe so spürbar. Ich wünsche Euch noch so viel gemeinsame Zeit wie irgendwie möglich ist.

    Herzlich, Katja

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Katja, ich danke dir sehr. Nicht nur in solchen Zeiten wünsche ich den Menschen mindestens einen Menschen, für den sie die Nummer eins sind.

      Löschen
  3. Es klingt nach einer sehr intensiven und geschenkten Zeit, die ihr miteinander verbringen dürft.
    Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl,wenn man die Rolle des Kindes ein wenig verläßt. Erwachsen sind wir eigentlich schon lange, aber den eigenen Eltern gegenüber ist man ja immer auch ein klein bißchen Kind geblieben. Wir hatten eine ähnliche Situation neulich, als wir nach längere Zeit meine Schwiegereltern wieder sahen. Daß unsere "Ama" im Altersheim ist, war für die Kinder schon schwer zu fassen. Daß auch "Apo" alt geworden ist, erschreckte uns im ersten Moment. Und es war dann so wunderbar zu sehen, wie gut ihm das Wochenende mit den Enkelkindern tat und wie er zusehends aufblühte.
    Ich wünsche euch noch viele wunderschöne Tage miteinander und daß ihr euch gegenseitig helfen könnt, euch nicht zu fürchten.


    Ganz liebe Grüße,
    Karen

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Karen, ja, Kind bleibt man solange die Eltern leben. Trotzdem hat sich unsere Situation deutlich umgewandelt. Und es rührt mich sehr, wie sehr sich mein Vater nun in meine Obhut begeben hat. Vielen Dank für Deine guten Wünsche.

      Löschen
  4. Liebes "Pünktchen",

    ich sollte wohl lieber ein bisschen warten mit dem Schreiben, denn ich sehe gar nicht gut mit den Tränen in meinen Augen... aber ich möchte dir sagen, wie sehr deine Worte und Bilder mein Herz berühren und wie viel da innerlich bei mir mitschwingt. Wir sind ja soeben bei meinem Vater eingezogen, und obwohl er körperlich und geistig noch erstaunlich gut bei Kräften ist für sein Alter, bemerke ich natürlich auch die kleinen Unsicherheiten beim Gehen, das raschere Müdewerden, die zunehmende Vergesslichkeit und die Schwierigkeiten beim Verarbeiten von neuen Informationen. Und ich weiß, dass alles ganz schnell anders werden könnte. Deshalb bin ich so froh, dass ich jetzt für ihn kochen kann, dass wir miteinander reden und spielen und Ausflüge machen können (er hat noch so viele Pläne und Wünsche, möchte Orte, die er mag, noch einmal aufsuchen etc.). Und ich hoffe so sehr, dass ich ihm noch vieles davon ermöglichen kann. Es ist kostbare, geschenkte Zeit...
    Wie lange bleibt dein Vater bei euch? Oder könnt ihr ihn dabehalten? Die weite Reise ist ja sicher eine große Herausforderung für ihn.
    Wie auch immer: so ein Großvater ist ein wirklicher Segen für seine Enkelkinder! Und du hast an ihm einen Vater, mit dem du über das reden kannst, was wirklich wichtig ist, über das Leben und auch über den Tod. Das ist etwas sehr Wertvolles und nicht selbstverständlich.
    Ich wünsche euch allen eine gute und erfüllte Zeit und deinem Vater soviel Gesundheit wie möglich!

    Brigitte

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Brigitte, ich kann dir garnicht sagen, wie sehr es mich gefreut hat, daß dein Vater nun Gesellschaft hat und nicht mehr alleine ist. Das Alter wird für die meisten irgendwann zur Herausforderung. Wie gut ist es da, nicht alleine und hilflos davor zu stehen. Mein Vater wird am 10. August wieder in die alte Heimat fliegen - wir haben noch 24 gemeinsame Tage. Ich werde auf jeden Fall versuchen bei der jeweiligen Fluggesellschaft eine Art Service für gebrechliche Menschen zu organisieren. Es ist mir ein Rätsel, wie er das so hierher geschafft hat. Nichts hätte ich lieber, als daß mein Vater für immer hier, bei uns bliebe. Aber sein ausdrücklicher Wunsch ist es, in unser beider Geburtsort mit seiner verwitweten, ein Jahr jüngeren Schwester und deren Stieftochter zu leben. Meine Cousine führt den Haushalt, versorgt die beiden. Und dennoch mache ich mir Sorgen. Der jetzige Zustand ist nichts gegenüber dem, was noch kommen kann. Ich sage meinem Vater immer wieder, daß er jederzeit seine Meinung revidieren kann. Er soll wissen, daß er hier immer willkommen ist. Und daß er auch seine letzten Jahre bei und mit uns leben kann. Dank', an dich! Ich lege viel Wert auch auf deine Meinung.

      Löschen
  5. Ich kann mir gut vorstellen, wie Dich die Situation mit Deinem Vater schmerzt. Doch glaube mir, Du bist reich beschenkt, dass Dein Schmerz aus "dieser Ecke" kommt. (Ich weiß, dass Du sehr dankbar für alles bist.) Weil es hier ganz anders ist, schmerzt es ebenfalls.
    Liebe Grüße, Roswitha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Roswitha, du hast so recht, und ich verstehe, was du meinst. Ich kann deine Sicht auf die Dinge nachvollziehen. Ja, ich bin mehr als dankbar. Der Schmerz gehört dazu.

      Löschen
  6. Hallo Pünktchen,
    wie berührend du deinen Vater und die ganze Situation mit ihm beschrieben hast. Ich erlebe das gleiche zur Zeit mit meinen Eltern. Da sie auch nicht mehr hier leben, sehen wir uns immer nur für ein paar Wochen im Jahr in den Ferien. Und ich musste auch diesmal feststellen, dass sie sich innerhalb eines Jahres sehr viel verändert haben. Du hast es sehr treffend gesagt, mit dem weiteren Kind. Je älter sie werden, desto mehr Liebe und Fürsorge brauchen sie. Ich wünsche deinem Vater weiterhin viel Gesundheit und das er noch lange bei Kräften bleibt. Habt' noch wundervolle Tage zusammen.
    Liebe Grüße
    Papatya

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Sevgili Papatya, wenn man sich nur einmal im Jahr sieht, dann sieht man die Zeichen der Zeit in Siebenmeilenstiefeln. Manchmal ist das schockierend, wie schnell der Alterungsprozeß vonstatten geht. Glücklicherweise ist die Kommunikation mit meinem Vater noch gut möglich. Und die Zuwendung, die er braucht, die bekommt er hier. Wir lieben ihn alle sehr. Ich wünsche dir auch, daß dir deine Eltern noch lange in guter Gesundheit erhalten bleiben. Danke für deine guten Wünsche!

      Löschen
  7. Welch Segen, diese Zeit mit deinem Vater erleben (und genießen) zu dürfen! Für deine Kinder, aber vor allem auch für dich. Deine Worte zu lesen, berühren mich sehr. Für mich ist es gar nicht einfach, meinen Vater zu erleben, wie er immer merkwürdiger wird. Lange Zeit hat es mich fast wütend gemacht und die Augenblicke, die so "wie früher" waren, kamen nicht richtig bei mir an. Ich glaube, es ist dieses langsame Loslassen, das man zulassen muss, um wirklich in Beziehung zu kommen. Irgendwie hat es wohl auch etwas mit Annehmen zu tun - so wie er seine Schwäche, seine "Warteschleife" annehmen lernt geht es wohl auch dem Gegenüber, das einfach nur Angst hat, genau das zu verlieren...
    Es ist so schön, deine Erzählungen zu lesen. Immer wieder, wenn du von der Türkei, von deiner Familie schreibst... da ist so viel Wärme, so viel Liebe. Einfach wunderbar, dass du daran teilhaben lässt. Ich wünsche euch noch eine gute Zeit miteinander. Es sind so viele Erinnerungen, die ihr da möglich macht - ein großer Schatz, auch wenn es schmerzt.
    Alles Liebe. maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für deine Anteilnahme, liebe Maria.

      Löschen
  8. Wunderschöne Bilder! Und sie drücken die ganze Liebe aus, die Du in Deinem Text beschreibst.
    Ich wünsche Euch noch eine schöne Zeit!
    LG
    Tanja

    AntwortenLöschen
  9. Das hast du sehr liebevoll geschrieben.
    Dein Vater hat großes Glück, dass du ihn so liebst.
    VG
    Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich hatte großes Glück, in solch' einem liebevollen Elternhaus aufwachsen zu dürfen.

      Löschen
  10. Ein wundervoller und sehr liebevoller Post über den Zwiespalt des Alterns. Schön zu lesen, dass Dein Vater so gut in seinen zwei so weit voneinander entfernten Welten aufgehoben ist.
    Liebe Grüße
    Silke

    AntwortenLöschen
  11. Du findest so wunderbare Worte, dass ich gar nicht anders kann als einfach nur ganz stark mitzufühlen. Ich sitz hier und schniefe, weil die Tränen einfach loskullern, und bin so gerührt, dass ich dich am liebsten ganz fest drücken möchte. Danke für diesen wunderbaren Text und die ebenso wunderbaren Bilder!
    Liebe Grüße
    Christiane

    AntwortenLöschen