21 Juni 2013

Vom Halten und Loslassen und dem tiefen Schmerz in meinem Herzen I


Ein langfrißtiges Ziel in der Erziehung unserer Söhne ist, sie eines Tages in die Selbständigkeit zu entlassen. Das ist ein gigantisches Vorhaben. Sie sollen dann in der Lage sein für sich und auch andere die alleinige Verantwortung zu übernehmen. Kinder von Heute werden die Erwachsenen von Morgen sein. Das war schon immer so. Ich weiß.

Bei Sohn2 steht die Kindergartenverabschiedung an – ein freudiges Ereignis also, wäre da nicht dieser wehmütige Schmerz in meinem Herzen. Die Erinnerungen an die Zeit, als ich unmittelbar und permanent von unseren Söhnen gebraucht wurde - sie scheinen schon so weit weg zu sein. Dabei sehe ich das künftige Schulkind noch als Winzling vor mir, wie er mich schon recht bald mit großer Bestimmtheit in seiner Stimme anmahnte: „Mama, du nisst! Lleine machen.“ Die Zeit des Haltens und des Loslassens – sie war immer schon irgendwie da. Und natürlich bin ich aufgeregt und freue mich für und mit unseren Kindern, wenn sie immer wieder zu neuen Ufern aufbrechen und die Welt wieder ein Stückchen mehr mit neuen Möglichkeiten begreifen. Wäre da nur nicht dieser Schmerz, tief innen drin in mir…

Selbständigkeit ist Unabhängigkeit, und das bedeutet „Loslassen“. Ich mag dieses L-Wort nicht, und doch muß ich bei vollem Bewußtsein meinen Frieden damit machen.  

Nach und nach gewähren wir unseren Kindern mehr Freiraum. Seit Ostern hat sich ihr Aktionsradius deutlich vergrößert. Wo sie vorher nur im Haus, Garten, in unserer Straße spielen durften, sind sie nun unterwegs zum Bolzplatz, zu nahegelegenen Häusern ihrer Freunde in der Nachbarschaft etc. Ich habe Sohn1 eineinhalb Jahre zum Bus gebracht, habe gewartet bis er einstieg und sich der Bus unter seinen freudig winkenden Abschiedsgrüßen entfernte. Irgendwann fragte ich ihn von mir aus, ob er das nicht mal anders haben möchte. Er überlegte - und überließ mir die weitere Vorgehensweise. Da wußte ich, daß es Zeit ist, loszulassen. Auch wenn da dieser Schmerz war. Unsichtbar für alle anderen, tief innen drin – in mir. 


Als unsere Kinder noch so klein waren hat es sehr viel körperliche Nähe zu ihnen gegeben. Das ist heute nur geringfügig anders. Dadurch erlebten sie Geborgenheit und Schutz. Durch unsere Fürsorge entwickelten sie Urvertrauen. Rückhalt und Sicherheit sind gute Voraussetzungen sagt man, damit der lange Weg des gegenseitigen Loslassens funktioniert. Und doch – obwohl ich das alles weiß, und kaum merklich loslasse, Stück für Stück und immer wieder, ist da tief in mir dieser Schmerz… Er nagt an mir besonders zu besonderen Anlässen unserer Kinder, wenn ich fassungslos bin manchmal, mit welcher rasenden Geschwindigkeit wir durch unser Leben rauschen...

Kommentare:

  1. Jetzt musste ich erstmal schlucken. Ich kann deine Gedanken so gut verstehen. Wenngleich dieses L-Wort bei mir keinen tiefen Schmerz auslöst. Da ist doch an erster Stelle Stolz darüber, dass der kleine Junge zu einem selbständigen und selbstbewussten Menschen reift. Ich liebe es, ihn heimlich zu beobachten, wenn er mit den Kindern aus der Nachbarschaft spielt. Da erlebe ich ihn so richtig als eigenständige Persönlichkeit und denke dann "Hey, das hast du geschafft!".

    Du kennst ja bestimmt den Spruch mit den Wurzeln, die man kleinen Kindern geben soll und den Flügeln, wenn sie groß sind. Und der Gedanke an einen jungen Mann, der seine Flügel ausbreitet und seinen Weg geht, macht es mir leichter mit den kleinen Abschieden klar zu kommen, die jeder neue Lebensabschnitt bedeutet.

    Liebe Grüße von Kirstin



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  2. Den Schmerz spüre ich immer noch ( oder immer wieder ), auch nach über 30 Jahren und ich weiß, er bleibt. Immer! Und meine Tochter hat ihn inzwischen auch kennengelernt. Und von meiner Mutter weiß ich es auch. Das ist etwas, dass nur wir Frauen erleben dürfen. Das macht für mich die Intensität unseres Lebens aus & gibt mir das Gefühl, ich bin NIE allein...
    In diesem Sinne:
    Gute Nacht!
    Astrid

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  3. Liebes Pünktchen,
    Liebe ist auch ein L-Wort und steht hinter dem Loslassen. Du hattest auch Schmerzen, als Dein Körper die Kinder in die Welt entließ.
    Das Schönste ist aber, sie werden genau aus diesem Grund immer gerne zu Dir zurück kommen. Vll lindert das ein wenig.

    Lieben Gruß
    Beate

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  4. Es ist schon interessant, wenn einer Mutter das Loslassen schwer fällt, eine andere kann es kaum erwarten, dass die Kinder selbständiger werden. Auch hinter letzterem steckt ein Schmerz. Ich fragte mich, warum das bei mir so ist. Mein Gefühl sagte mir, es geht darum im Jetzt zu leben, weder an der Vergangenheit festhalten, noch in der Zukunft leben zu wollen. Übungseinheiten für jede Mutter :-)

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    1. Vergessen: Dein neuer Header ist eine Wucht! Wenn du mal einen Kalender raus gibst, mit deinen Zeichnungen, melde ich mich jetzt schon mal dafür an!

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  5. Sie kommen immer wieder zurück, verändert und auf neue Art und Weise, und das Schöne daran ist, dass sie es tun, obwohl sie uns nicht mehr so brauchen wie früher. Der Schmerz sagt: etwas ist vorbei und kommt nicht wieder. Man kann es nur einmal erleben. Aber aus dem Schmerz wächst auch Dankbarkeit, die sagt: es war gut so, und nun kommt wieder etwas Neues, Schönes, das du nicht erleben könntest, wenn das Alte nicht vergehen würde.
    Der unaufhaltsame Fluss der Zeit - das ist die Ursache für den Schmerz und für das Glück. Für beides.

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  6. So ein nachdenklicher, ehrlicher Text! Die Abschiedsszene am Bus berührt mich am stärksten. Du beschreibst deine Gefühle so, dass man direkt "mitfühlen" kann...
    LG

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  7. Ich hab die ganze Zeit beim Lesen genickt.
    So ist es auch hier.

    Auch wir hatten dies Wochenende die Kindergartenentlassung und ich hab arg mit meinen Tränen gekämpft....
    Sie werden groß. Ihr Radius erweitert sich, verändert sich.

    Bei mir im Besonderen ist es ein Ringen zwischen "oh nein, sie werden groß!" und "wann sind sie endlich groß?!- ich empfinde meine Kinder (oder unseren Alltag......?) oft als anstrengend und sehne die Zeiten herbei wenn sie endlich viel mehr alleine machen können.
    Aber da ist auch Wehmut..... Die Zeit jetzt kommt nicht wieder....
    Du siehst mich hin- und hergerissen.

    Danke für Deinen Text.
    Liebe Grüße
    Amelie

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  8. Liebes Pünktchen,
    deine Gedanken sind sehr berührend, ich empfinde das "Loslassen" auch als sehr schmerzhaft. Tröstlich ist es dann, wenn man sieht, dass die Kinder prima zurechtkommen. Das erfüllt mich wiederum mit viel Stolz, weil ich dann sehe, wozu sie imstande sind, wenn man sie loslässt. In dem Sinne, alles Gute....

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  9. Die Tränen in meinen Augen waren immer auch die Tränen über meine Vergänglichkeit. Dabei vergaß ich , dass die Zeit nicht wirklich ein Strahl ist, sondern auch für uns einst eine Fläche sein wird, auf der wir uns ungehindert und frei bewegen können werden. Es geht NICHTS verloren.
    Herzliche Grüße
    Lisa

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  10. Ihr seid wahre Philosphen, und habt mir mit Euren so trefflichen Worten einen tröstenden Umhang umgelegt. Ich danke Euch sehr dafür.

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  11. Ich fühle mit Dir. Mir geht es da ganz ähnlich. Auch wenn man weiß, dass das Loslassen gut und wichtig ist, schmerzt es eben doch und die Sorge bleibt, wenn man sie alleine losschickt. Aber nur was man loslässt, kommt auch zurück. Und ich bin mir ganz sicher, deine Kinder werden immer zurückkommen.

    Herzlich, Katja

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  12. liebe pünktchen,
    der text ist wunderschön und mir geht es ähnlich wie dir.
    danke für die wiedereinmal so treffenden und schönen worte!
    eine umarmung
    ilona

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