02 Februar 2013

Hochdruck- und Tiefdruckgebiete


Seit siebzehn Tagen liege ich immer nur in Rückenlage in Betten herum – und tue fast 24 Stunden lang nichts anderes als das. Bis auf schweißtreibende Katzenwäscheeinheiten und gelegentliche Toilettengänge, sowie das morgendliche auf den Weg bringen meiner süßen Jungs, habe ich nichts zu tun.

Das Wenige, was ich tun kann, ist schon irrsinnig ermüdend. Das furchtbare TV-Programm im Laufe des Tages kann und will ich mir nicht antun. Erschreckend, was einem da zugemutet wird. Da ist ein gelegentlicher Streifzug durch die Bloggerwelt eine wahre Wohltat! Ich bin schon mit reichlich Büchern eingedeckt, aber ein zwei Seiten… und ich habe das Gefühl, gerade auf halber Strecke im Eiltempo den Kilimandscharo bezwungen zu haben. Mein Sturz mit den Krücken hat mich innerlich vor Angst erstarren lassen. Die Dinger sind, zumindest aus meiner Sicht, für mich gemeingefährlich. Mittlerweile gibt es für die untere Etage einen Gehbock (da habe ich deutlich mehr Vertrauen in meine Fähigkeiten), und für die obere Etage einen selbst organisierten Rollstuhl. Aber egal, wie ich meine Fortbewegung gestalte, ich bin nach kürzester Zeit und wenigen Metern völlig am Ende. Im Leben hätte ich nicht für möglich gehalten, wie schnell man körperlich abbaut. Ich meine sogar schwindende Muskeln und sich verkürzende Sehnen und Bänder zu spüren. Krankengymnastik ist erst frühestens nach sechs Wochen möglich, nachdem die längste der Schrauben wieder entfernt sein wird.

In einer so derart reduzierten Phase seines Lebens fängt man dann durchaus an zu grübeln über dies und das, das Leben an und für sich, und das, was einen im Alter mehr oder weniger erwarten wird. Obwohl ich ein sehr lebensbejahender Mensch bin, der Euphorie auch ohne Alkohol und Medikamente im Blut erleben darf, gab und gibt  es durchaus Momente, in denen sich graue Wolken über meinem Haupt zusammen brauen. Am meisten macht mir zu schaffen, dass ich nicht in gewohnter Weise meine durchaus noch klein zu nennenden Kinder versorgen kann. Auch wenn sie sich so gut wie nichts anmerken lassen, bin ich doch nah genug bei ihnen, um ihre anfänglich sorgenvollen, beunruhigten Blicke um die Mama wahrnehmen zu können. So haben sie mich bisher noch nie erlebt. Wenn sie um mich herum sind, dann gebe ich mir große Mühe, positiv rüber zu kommen. Aber ich glaube, dass auch Kinder in der Lage sind, ungefiltert in die Seelen ihrer Eltern zu schauen.

Im Speziellen geht es um drei Termine, die ich im Krankenhaus wahrzunehmen habe. Ich brauchte also dringend Jemanden, der mich dorthin fährt (mit Taxi unbezahlbar kostspielig, da zu große Entfernung, mit Bus unmöglich). Von Krankenkassenseite ist nichts zu erwarten. Inzwischen wissen sehr viele Menschen, wie meine letzte Rodelpartie ausgegangen ist – so was spricht sich schnell rum. Ich habe Tage der Selbstüberwindung gebraucht, um einige der Menschen, denen ich in der Vergangenheit mit diversen Aktionen, oder in Notsituationen immer wieder geholfen habe, um einen Gefallen zu bitten. Nichts – außer einige nichtssagende SMS. Das hat mich mehr als erschreckt. Ich war sehr bestürzt, und konnte so eine Ignoranz gar nicht fassen. Wir sind da komplett anders. Da fällt mir gerade ein, dass mir mal Jemand sagte: „Ein großer Fehler ist, davon auszugehen, dass alle anderen genau so gestrickt sein müssten, wie man selber.“ Scheint wohl so zu sein. Spätestens an dieser Stelle möchte ich mich bei dem ein oder anderen von Euch Bloggerinnen bedanken, die sich zwischenzeitlich immer wieder nach meinem Befinden erkundigt und Genesungswünsche kundgetan haben. Danke, danke!! Ihr seid wirklich unglaublich nette Leute.

Zwischenzeitlich ist zumindest der erste von drei Terminen abgedeckt. Für’s Erste bin ich unendlich erleichtert darüber.

In der Zwischenzeit gab’s einen Spielbesuch für die kleinen Herren, die sich sehr darüber gefreut haben. Die entsprechende Mutter hat mitgedacht, und eine Kleinigkeit zum Knabbern, etwas Obst für alle unsere Kinder und reichlich zu Lesen für mich mitgebracht. Auch wenn ihr jüngster Sproß sie gut auf Trab gehalten und die Haushaltshilfe erneut zum Staubsauger greifen ließ, war es eine sehr willkommene Abwechslung in meiner Monotonie.

Meine Freundin hier hat mir jedoch die größte Freude bereitet. Sie, ihres Zeichens Langschläferin, hat sich den Wecker gestellt (ein echtes Opfer), Leckereien für uns zubereitet, sich bei Orkanböen, heftigen Regenfällen und eisiger Kälte auf’s Fahrrad geschwungen, eine extra Portion Obst mitgebracht, tolle Bücher zum Lesen und etliche DVD’s, aus denen ich auswählen durfte. An diesem Tag habe ich mit ungeahntem Appetit soviel gegessen, wie die vierzehn Tage davor nicht. Was aber das Beste war: wir haben wieder einmal aus tiefster Seele Tränen gelacht. Lachen ist wirklich die beste Medizin! 

Und kaum habe ich diese Zeilen in die Tastatur getippt, kommt mein Jüngster jubelnd mit einem Umschlag für mich in der Hand die Treppen hoch gelaufen. Roswitha, Du bist unglaublich! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ein seitenlanger Brief mit so vielen liebevollen Zeilen und Kleinigkeiten darin. Das hat mich wirklich zu Tränen gerührt. Vielen vielen Dank!! Schnüff...

Natürlich ist mir bewusst, dass es weitaus Schlimmeres gibt als das, was mir widerfahren ist. Und die Aussicht auf Genesung beruhigt ungemein. Dennoch hätte ich gerne auf so eine Erfahrung verzichtet. Und jetzt werde ich das erste Mal nach all diesen Tagen mich im Rollstuhl nach draußen wagen. Ich habe gehört, dass man schon erste Krokusspitzen sehen kann…




Kommentare:

  1. Ich wünsche dir von Herzen gute Besserung!
    Sowas ist schlimm, wenn man auf andere angewiesen ist und dann keiner Zeit oder Lust hat.
    Halt die Ohren steif!
    VG
    Elke

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  2. Ich wünsche dir natürlich auch gute Besserung.Vor allen wünsche ich dir viel Geduld und liebe hilfreiche Freunde. In solchen Momenten merkt man erst wer ein echter Freund ist.Mich machen solche Situationen immer sehr nachdenklich, besonders wenn die Hilfe von unvermuteter Seite kommt.
    Liebe Grüße
    Helga

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  3. Liebe Elke, ganz herzlichen Dank für Deine Zeilen! Auch Dir, liebe Helga, ein aufrichtiges Dankeschön! Man ist in so einer Situation ziemlich auf Grund gelaufen und merkt dann noch einmal anders, wie bedürftig wir Menschen im Grunde genommen alle sind. Ja, mich hat das, was ich erfahren durfte auch sehr nachdenklich gestimmt. Und auch wenn ich zugeben möchte, daß ich im ersten Moment meiner größten Enttäuschung und Wut geneigt war, eben diesen Menschen künftig auch nicht mehr zu helfen, weiß ich schon jetzt, daß ich dazu im Ernstfall garnicht in der Lage sein werde. Ich werde im Ernstfall immer zupacken. So bin ich - und das ist auch gut so!

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