15 Januar 2013

XX - Das Ende vom Ende -

Ihr Lieben, ihr wart eine sehr nette Reisebegleitung, und ich möchte mich ganz herzlich für Eure Kommentare bedanken. Aber einen hab' ich noch ;-)...Diesen allerletzten Teil meines Reiseberichts hat noch niemand zuvor gelesen. Er ist erst vor wenigen Monaten aus meiner sehr lebendigen Erinnerung heraus an diesen unvergeßlichen Tag entstanden.
 
Frisch geduscht wollen wir zeitig vor Abflug am Atatürkairport  in Istanbul sein. Mein Vater ist bei uns, als wir mit dem Taxi eines Bekannten aufbrechen. Zeitig verabschieden wir uns voneinander.  Als wir uns einreihen in die überschaubaren Menschenschlangen, bemerken wir zwei Niederländerinnen, die verunsichert und orientierungslos wirken. Bei Blickkontakt wagen sie uns anzusprechen, weil sie nicht sicher sind, ob sie in der richtigen Schlange stehen. Ich muß zugeben, daß die Akustik im Flughafen eher bescheiden ausfällt, und sogar ich Mühe habe, die scheppernden Ansagen aus den Lautsprechern zu verstehen. Die Damen sind mehr als erleichtert, bedanken sich mehrfach für unsere Unterstützung. Es scheint ewig zu dauern, bis sich endlich auch etwas in unserer Schlange tut. Unbehagen erfasst mich, denn es bleibt nicht mehr allzu viel Zeit bis unser Flieger abheben soll. Die Kinder sind gut drauf – das ist ja schon mal was.

Im Gegensatz zu mir besitzen unsere Kinder lediglich einen deutschen Paß. Das heißt, daß sie nicht länger als drei Monate in der Türkei verweilen dürfen. Ich hingegen, als alleinig türkische Staatsbürgerin, darf meinen Aufenthalt bis zu einem halben Jahr ausdehnen. Auf diesen Umstand hatte ich in Deutschland meinen Mann hingewiesen, nachdem ich mich durch diverse offizielle Seiten durchgelesen hatte. Er beharrte jedoch darauf, daß ich da etwas missverstanden hätte. Ich höre mich noch sagen: „Hoffentlich bleibt Dir diese Unterhaltung noch im Gedächtnis, wenn es in der Türkei deswegen zu Problemen kommt…“

Endlich, endlich tut sich etwas an unserem Schalter. Es geht lähmend langsam voran. Wir sind dran. Ein Blick in die Pässe der Kinder: „Ihre Kinder sind ja deutlich länger als drei Monate in der Türkei. Das tut mir leid, aber sie müssen dorthin!" (zeigt Richtung Polizei). Mir gefriert das Blut in den Adern. Ich hätte es besser wissen müssen. Wir packen die Kinder und rennen dorthin. Eine saftige Geldstrafe muß entrichtet werden. Ich stehe beinahe in Flammen, denn mein Mann muß zum Geldautomaten, und der befindet sich natürlich nicht auf unserer Ebene. Er rennt los, während ich mit den Kindern die Sekunden bis zu seiner Rückkehr zähle. Kaum, daß er da ist und wir einige hundert Euro gezahlt haben, werden wir auf eine weitere Station hingewiesen, die wir unter diesen Umständen noch aufzusuchen haben. Ich bin inzwischen einer Ohnmacht nahe. Scheiße! Das dauert alles viel zu lange. Als wir völlig außer Atem vor dem nächsten Menschen stehen, und der in aller Seelenruhe in unseren Pässen umherblättert, flehe ich ihn an, sich doch bitte bitte etwas zu beeilen. Unser Flieger wird bald abheben. Mit noch mehr Gelassenheit entgegnet er mir: „Meine Liebe, Sie sind doch gerade erst hierher gekommen. Was kann ich dafür, wenn ihr Flieger bald abhebt?!.“ Das ist mehr als ich aushalten kann. Ich bin völlig fertig. Als endlich alles erledigt ist, dürfen wir auch noch feststellen, daß unsere Gangway am anderen Ende des Flughafengebäudes liegt. Mein Mann schultert den Kleinen, ich nehme den noch Dreijährigen an die Hand, während wir wie von Sinnen einfach nur noch rennen – ich komme mir vor wie in einem Thriller, in dem es nicht um weniger als Leben und Tod geht. Für einen Moment überlege ich, ob ich nicht irgendwas von einer Bombe an Bord brüllen soll. Als hätte mein Mann gerade meine Gedanken erraten: „Bitte nicht!!! Das fehlt noch, daß ich Dich Jahre später aus einem türkischen Knast rausholen darf.“ Okay, okay, schweren Herzens lasse ich das bleiben. Wir sind schweißgebadet und einer Ohnmacht nahe, als wir vis-à-vis  dem gerade erst zurückrollenden Flieger gegenüber stehen. Zu spät. Ich heule Rotz und Wasser. Völlig aufgelöst sehe ich dem Flieger hinterher, in dem wir nun entspannt unsere Rückreise antreten sollten.

Nach dem größten Schreck warten Formalitäten darauf erledigt zu werden. (Mein nächtes Leben bin ich erst bereit anzunehmen, wenn es darin keinerlei Bürokratie gibt). Erst mal haben wir ein Riesenglück, daß heute überhaupt noch ein Flug geht – allerdings Stunden später. Das kostet natürlich auch noch mal gut Geld. Dennoch haben wir Glück im Unglück – am nächsten Tag würde unser Puffelchen zwei Jahre alt. Und dann wär’s noch teurer geworden. Völlig verschwitzt und erledigt nehmen wir in einem Warteraum Platz. Mein Mann döst mit den Kindern, während ich immer noch still und leise heule.

Stunden später ist es endlich soweit: Lange Schlangen formieren sich, es folgen mehrere Ansagen, die die Nicht-Türken in Orientierungslosigkeit stürzen. Ein Mann sticht aus der Masse heraus. Er sieht sehr gepflegt und südländisch aus, scheint aber kein Türke zu sein. Wir sprechen Englisch, als er sich danach erkundigt, ob ich verstanden hätte, wo man sich einreihen sollte. Ich helfe ihm, während ich wieder daran denken muß, was uns passiert ist, während die Niederländerinnen ihr Heimziel längst erreicht haben dürften. Hochkonzentriert verfolge ich die Ansagen. Plötzlich wird der Schalter an dem wir anstehen dicht gemacht, dafür an anderer Stelle einer geöffnet. Die Schlange wandert, wir mit ihr.  Nach einer weiteren Weile, ich kann es kaum fassen, nehmen wir endlich  im Flugzeug unsere Plätze ein. Der gepflegte Südländer hat einen Fensterplatz, neben ihm sitze ich mit einem Kind. 

In der hinteren Reihe sitzt mein Mann neben einer Person am Fenster mit weiterem Kind. Als ich etwas zur Ruhe komme, bemerke ich erst meinen desolaten Zustand. Mein Kleid klebt schweißgetränkt noch immer an meinem Körper, und ich meine sogar den Angstscheiß selber wahrnehmen zu können. Hinzu kommt, daß ich seitdem ich Mutter bin eine irrsinnige Angst vor dem Fliegen habe. Bevor wir abheben möchte ich mich noch gerne etwas frisch machen und versuche das WC aufsuchen. Irgendwo in den tiefsten Tiefen seiner selten genutzten Tasche findet mein Mann noch ein Deo, welches er mir im Vorbeigehen in die Hand drückt. Oh, was bin ich froh darüber! Ich versuche mich notdürftig in der engen Kabine zu waschen und neble mich mit dem Deo ein, ohne vorher daran zu schnuppern. Alles kann nur besser sein als mein Geruch zur Zeit. Aber auch hierbei geht alles schief, was nur schief gehen kann. Oh mein Gott… WAS IST DAS??? Ein unerträglich ekelhafter „Duft“ haftet mir nun an. Ich schaue voller Entsetzen auf das Deo – es ist auf Ölbasis. Und scheint etliche Jahre alt zu sein. Ganz klar: das Öl ist ranzig geworden. Das darf doch jetzt nicht wahr sein?! Ich bin so unbeschreiblich wütend. Auf alles und jeden, am meisten aber auf mich selber. Ich versuche mich zusammen zu nehmen und gehe auf meinen Platz – so stinkend wie ich bin und hoffe, daß der Mann neben mir sich bitte mir nicht zuwendet. Kaum denke ich diesen Gedanken zu Ende, passiert genau das. Ich versuche mich nicht zu rühren, als mich der nächste Schock ereilt. Der gepflegt aussehende Mann neben mir gehört zu jenen Menschen, die förmlich in einen hineinkriechen, wenn sie mit einem sprechen – und er hat solch’ einen unglaublichen Mundgeruch, daß ich auf der Stelle drohe mich zu übergeben. Innerlich bin ich auf hundertachtzig. Das sorgt für reichlich Adrenalin, so daß es mir jetzt so was von egal wäre, wenn der Flieger abstürzen würde. Aber so was von!! Verstummt und gelb im Gesicht sitze ich unbeweglich da. Mein Mann möchte von hinten wissen, was los ist. So kennt er mich nicht. Bevor wir starten, fasse ich mir ein Herz und frage meinen Mitreisenden am Fenster, ob er nicht mit meinem Mann und unserem Sohn den Platz tauschen könnte – wegen der Kinder.  Lächelnd willigt er ein, und obwohl wir noch am Boden sind, fliege ich. Vor Erleichterung. Der Mann bestimmt auch.
Und hey, das mit dem Abstürzen war nicht wirklich so gemeint…

Nun bin ich bereit. Endlich: Deutschland, wir kommen!

Kommentare:

  1. Liebes Pünktchen, ich weiß, das war sicher alles andere als lustig. Aber es so aufgeschrieben zu lesen entbehrt nicht einer gewissen Komik und würde sich perfekt für einen Film eignen. :-)
    Außerdem hätte mir sowas bei meinem Glück auch passieren können... ich war immer die, deren Flugzeuge technische Probleme hatten und fast abstürzten und deren Koffer nicht ankam. Deshalb verreise ich nur noch mit dem Auto oder Schiff. Auf deck, nei unter Deck. Schwimmen kann ich zumidest, fliegen leider nicht. ;-)

    Herzlich, Katja

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  2. Liebe Katja, Jahre später... bin auch ich in der Lage mich bei dem Gedanken an diesen unglaublichen Tag vor Lachen auszuschütten. Wenn ich daran denke mit wieviel Drama unsere Hin - und dann auch noch Rückreise vonstatten ging, möchte ich soviel Adrenalin in diesem Leben nicht mehr ausschütten müssen. Aber ich kann niemand anderen dafür verantwortlich machen, als in beiden Fällen uns selber ;-)...

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  3. Das war ja ein riesen Showdown Eurer Reise! Gut, dass Ihr wieder wohlbehalten in Deutschland angekommen seid. Bürokratie und Schweißausbrüche kenne ich auch ...nur im Vergleich zu Deinen Erzählungen erscheinen sie mir banal.
    Alles Liebe und Danke nocheinmal für Deine Reiseberichte, Martina :-)

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  4. Liebe Martina, was Bürokratie anbelangt versicherte mir mal eine deutsche Beamtin, daß Menschen aus Ghana noch sehr viel übler dran wären als der Rest der Menschheit. Ein echter Trost war mir das seinerzeit nicht wirklich, eher bedauernswert für diese Menschen, daß es noch schlimmer als schlimm geht.

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  5. Liebes Pünktchen, hat es geklappt, hast Du meine mail bekommen?
    LG Lisa

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  6. Liebe Lisa, ich habe Dir bereits zurück geschrieben ;-). Danke!

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  7. Na, da hast du ja noch eine feine Geschichte oben drauf gesetzt;-)
    Meine Gute Nacht-Geschichte.
    Roswitha

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    1. Hat sich wirklich ganz genau so zugetragen. Und Jahre später erst habe ich es aufgeschrieben.

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    2. Ich glaube es dir. Es war ja eigentlich Schluss und dann kam noch so eine Herzklopfgeschichte. Es war einfach fein, dass doch noch etwas nach kam, verstehst du? Ich habe mich sehr über die Geschichte gefreut, wollte ich damit sagen!

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    3. "Herzklopfgeschichte" ist gut. Am Anfang Herzklopfgeschichte... und am Ende auch. Himmel, war das ein Drama!

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