10 Januar 2013

XVII Verlängerung


Ihr Lieben,

nachdem der „Pattos“ (die Maschine, die die Nüsse aus ihrer Ummantelung löst und in Säcke füllt), uns alle in Staub und Dreck zurück gelassen hat, war wieder „Handarbeit“ gefragt. Riesige Planen wurden auf weiten Flächen (Harman) ausgelegt. Darauf wurden die Haselnüsse ausgebreitet. Nun mussten sie handverlesen von Steinchen oder anderem Dreck befreit werden. Dazwischen lagen auch immer wieder mal offene Nüsse umher, deren Schale durch den Pattos aufgeknackt war. Diese haben die Kinder nur zu gerne gefuttert: so frische, wohlschmeckende Haselnüsse bekommt kein Mensch im Laden!

Mehrere Male am Tag müssen die Nüsse geharkt werden. Sie sollen und müssen trocknen! Aber fast immer zur gleichen Jahreszeit ist es so, dass kurz nach der Ernte der große Regen einsetzt. Seit Monaten ist kein Tropfen vom Himmel gefallen, aber seit zwei Tagen hat es unglaubliche Wassermassen vom Himmel hinabgeregnet. (Ich habe das soooo genossen!) Das war dringend nötig für die völlig ausgetrocknete Erde und die Pflanzen. Für die Haselnüsse aber ist Feuchtigkeit gerade jetzt verheerend. Ständig beobachten wir den Himmel über uns, um ja rechtzeitig alles wieder abdecken zu können. Ansonsten werden die Nüsse geduldig geharkt. Wenn sie am Ende dann komplett getrocknet sind, werden sie erneut in Säcke gefüllt (dieses mal nicht maschinell!!!). „Mucki-Bude“ braucht hier kein Mensch: wer auf dem Land lebt, der lebt in meinen Augen ein einfaches, aber qualitativ hochwertiges Leben. Das bedeutet aber auch, dass man jeden Tag ohne Unterlaß zu tun hat und zum Teil körperlich schwer arbeiten muß. Es gibt kaum eine Stunde, in der man „nichts“ macht. Das ändert sich zum Herbst hin. Ich mag dieses ursprüngliche Leben sehr! Es entspricht meinem Wesen. Ich schätze Dinge, die man mit seiner Hände Arbeit tut. Ich liebe es, wenn man sich im wahrsten Sinne des Wortes selbst versorgen kann. Und das Leben hier in den Bergen zeigt mir, dass man auch ohne „Luxusartikel“ äußerst glücklich leben kann. Das empfinde nicht nur ich so.

Meine Tante ist siebzig, und wenn ich sehe, wie sie schon jetzt „Holz schlägt“, die Felder und Plantagen versorgt, so zuverlässig wie eine Atomuhr fünf mal am Tag ihre Gebete verrichtet, kocht, backt, näht, Besucher empfängt… , für jeden ein nettes Wort übrig hat, dann ziehe ich meinen Hut voller Respekt vor ihr! Viele viele Menschen leben hier genau so und nicht anders. Und sie sind äußerst dankbar für dieses Leben. Woher ich das weiß? Sie sagen es ständig und immer wieder. Und ich glaube es ihnen auch. Mal abgesehen davon habe ich noch keinen „meckern“ hören.

Zwischendurch sind Papa und ich mit den Jungs immer wieder unterwegs. Bisher hat Papa uns wohlbehalten ca. 12.000 km durch die Türkei gefahren. Davon bin ich nicht einen einzigen Meter gefahren. Er hat es ausdrücklich so gewünscht. Hier Auto zu fahren gleicht dem „Russisch-Roulett“.


Unser letzter Exkurs führte uns nach „Uzungöl“ bei Çaykara. Uzungöl bot in meinen Augen nichts Spektakuläres: ein länglicher See („Uzun Göl“ bedeutet genau das!) mit einigen Restaurants drumherum. In einem davon haben wir Fisch gegessen. Der war so weit schmackhaft, aber sobald man dann ein WC aufsuchen muß, dreht sich einem unwillkürlich der Magen um. Ich kann nur jedem dringend raten, ein Händedesinfektionsmittel mitzunehmen. Spätestens in solchen öffentlichen Toiletten, auch wenn man sich nur die Hände waschen möchte, fängt man sich garantiert irgendwelche Bakterien und Keime ein. Dafür haben uns die gigantischen Berge ringsumher wieder entschädigt, die wie immer die reinste Augenweide waren.

13. August

Alle Haselnußplantagen im Familienbesitz sind nun abgeerntet. Gestern sind nach getaner Arbeit alle spontan hier zusammen gekommen. Bei 53 Personen habe ich aufgehört zu zählen. Die Kinder haben mit den Nüssen gespielt, sich gegenseitig damit zugeschüttet und darin „gebadet“. Auch gibt es zwei Hundewelpen hier, mit denen die Kinder ausgiebig herumgetollt sind. Die Jugendlichen und Erwachsenen haben Tee getrunken oder Honigmelonen verspeist. 


Ein Drachen, den unsere Jugendlichen hier aus Plastiktüten und einigen Holzstöckchen zusammen gebaut hatten, wurde während seines tollen Fluges am Himmel bestaunt. Ich habe mir die einfache Bauweise etwas genauer angesehen und hoffe, dass ich ein ebensolches Modell auch in Deutschland hinbekomme. Beeindruckend, wie vollkommen so ein Teil dann fliegen kann… Die gekauften Drachen habe ich noch nie so toll und lange fliegen sehen.  Das gesellige Beisammensein ging bis in die Abendstunden hinein so weiter. Wir Vier haben das sehr genossen. Wer weiß schon, wann wir noch mal so aufeinander treffen…


18. August

Klägliches Weinen am Morgen. Primus kommt schluchzend zu mir in’s Bett: „Mama, ich bin überall gemückt!“ Ich brauche einige Sekunden, eh ich begreife. Und tatsächlich: der arme Kerl ist mit unzähligen Mückenstichen übersät. Die werden alle mit einer Salbe aus unserer Reiseapotheke eingerieben. Trotzdem es sehr früh am Morgen ist, herrschen draußen ungeheuerlich hohe Temperaturen. Papa schlägt einen Strandtag vor. Für heute muß kein Mensch Regen befürchten. Wir können die Nüsse also mal außer Acht lassen, auch wenn es natürlich einen Wachposten aus mehreren Familienmitgliedern für die Nüsse gibt. Schnell sind unsere Taschen gepackt, die Jungs sitzen erwartungsvoll im Auto und los geht’s zu unserem Strand in Beşikdüzü. Im Hintergrund verlangt Primus nach „Heino“. Secundus pflichtet seinem Bruder begeistert bei. Papa und ich, wir schütten uns aus vor Lachen, wenn ich auch zugeben möchte, dass man Heino gerade bei langen Fahrten durch die Berge erstaunlich gut hören kann. Ja, während dieser Reise hat Papa es geschafft uns neben so vielen ungeahnten anderen Dingen, sogar „Heino“ schmackhaft zu machen. Danke Papa!

Das Meer liegt so da wie ein Seidentuch, was sich nur ganz leicht regt. (Papa sagt, dass er sonst keinen Menschen kennt, der auch nach Stunden im Wasser so schwer da rauszuholen ist, wie ich es bin. Was soll ich dazu sagen: es ist einfach zu schön! Ich liebe es, im Meer zu baden). Es ist voller als sonst, aber nicht vergleichbar mit vollen Stränden, die ich aus Deutschland kenne. Erstaunlich für mich ist, dass die meisten Türken meiner Generation nicht schwimmen können. Glücklicherweise sorgen viele dafür, dass die Kinder es wenigstens lernen können. Und das, wo dieses Land nahezu von allen Seiten vom Meer umgeben ist.

In Içmeler erzählte uns Jemand, dass dort vor ca. vier Jahren wenige Meter vor der Küste ein Schiff gekentert ist. Ca. 60 Personen sollen dabei ertrunken sein. Unglaublich! Inzwischen glaube ich, dass das mit einer gewissen Schamhaftigkeit zu tun hat. Die Menschen dieser Region setzen das auf ihre Art um, was der Koran vorgibt: sich nämlich zu „bedecken“. Der eine begnügt sich damit, ein Kopftuch zu tragen, andere sind da schon wesentlich züchtiger gekleidet. Da gilt es schnell als unanständig wie ich „halbnackt“ in einem Badeanzug an einem Strand baden zu gehen. Auch wenn es ein ausgeschilderter „Familienstrand“ ist, und fast alle so wie ich oder in einem Bikini in das Meer gehen. Ich habe allerdings auch erstmals in meinem Leben zwei Frauen gesehen, die in einer „Haşema“ (Haschema) im Meer gebadet haben. Das muß man sich in etwa so vorstellen wie eine Langarmjacke (mit enger anliegenden Ärmeln), die bis über die Hüften geht und eine eng anliegende Kapuze hat. Lediglich das Gesicht ist zu sehen. Darunter dann aus demselben Material eine Hose, an den Knöcheln mit Gummibund versehen. Hier und da während unserer Reise habe ich auch Frauen gesehen, die in Röcken und T-Shirts mit Kopftuch in das Wasser gegangen sind. Obwohl das ein gewöhnungsbedürftiger Anblick für viele ist, stört sich niemand daran.

Eine junge Frau, mit Rock, langärmligem Oberteil und Kopftuch fiel mir auf, die neben einer anderen ähnlich gekleideten Frau im Wasser stehend mich lange mit den Jungs im Meer beobachtet hat. Sie stand an einem Felsen angelehnt und lächelte in unsere Richtung. Irgendwann über den Blickkontakt, nachdem die Jungs wieder an Land waren, haben wir ein Gespräch begonnen. Sie war Nichtschwimmerin und voller Sehnsucht, im Meer baden zu gehen. Sie traute sich aber nicht und schämte sich zudem. Ich bot ihr an, sie in meinen Armen in Hüfthöhe durch das Wasser zu tragen. Nach einigem Zögern war sie einverstanden.  Was dann folgte war für uns beide ein überwältigendes Erlebnis. 23 Jahre jung, und noch nie hatte sie im Meer gebadet. Es hat nur wenige Minuten gedauert, und sie hat sich mir vollkommen anvertraut. In Brusthöhe hat sie exakt das gemacht, was ich gesagt habe. Ich habe sie kaum noch halten müssen, als sie in Rückenlage ihre Arme und Beine ausgebreitet und sich vollkommen entspannt dem Meer hingegeben hat.

Was wir da miteinander erlebt haben, das war einfach nur beseelend – pures Glücksgefühl! Ich habe selten einen Menschen derart strahlen sehen. Beim Abschied umarmte sie mich, dankte mir und sagte, dass sie mich und diesen Tag niemals in ihrem Leben vergessen würde. Wir haben beide geweint. Und heute noch (Jahre später) bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran zurück denke…

Papa ist in Trabzon, unserem Dorf und weit darüber hinaus, bekannt wie ein bunter Hund. Er hat hier irrsinnig viele Kontakte, so dass ich bei den Menschenmassen gänzlich den Überblick verloren habe, die er mir tagtäglich vorstellt. U.a. hat ihn heute ein Schriftsteller beehrt, der vor wenigen Jahren ein zweistündiges Interview mit meinem Vater für das türkische Fernsehen geführt hat. Ich habe ihn um eine Aufzeichnung dieses Interviews gebeten, welches ich nie gesehen habe. Nun also habe auch ich Ahmet Özer kennen gelernt, dessen Werke mir noch gänzlich unbekannt sind. Er stammt ebenfalls aus dieser Region, und ist seit vielen Jahren wohnhaft in Ankara und hält Vorlesungen in einer dortigen Universität. Da er gerade wieder für ein neues Werk recherchiert und kaum jemand dieses Land wie auch diese Gegend so gut kennt wie Papa, hat er ihn bezüglich einiger Dinge um Auskunft gebeten. Ich kann leider nur für kurze Zeit zugegen sein, als abwechselnd meine Tante und mein Vater erzählen, während ein Diktiergerät auf Aufnahme geschaltet ist.

19. August

Es ist vollbracht!!! Die Nüsse sind alle nach der unmenschlichen Hitze der letzten Tage getrocknet. Das kann man selber gut überprüfen, weil die Nuß Feuchtigkeit verliert, schrumpft und gut hörbar in der Schale hin- und herklackert, wenn man sie schüttelt. Nicht auszudenken, wenn es weiterhin geregnet hätte: eine ganze Ernte hätte man wegwerfen können, weil sich das Fett der feuchten Nuß dann so verändert, dass sie dann binnen weniger Tage ungenießbar wird. Das ist zum Glück nicht geschehen. Wochenlange Anstrengungen wären mit einem Schlag für die Menschen dieser Region umsonst gewesen.

Heute hat meine Tante allen ernstes vorgehabt, in dieser sengenden Sonne, riesige Säcke mit den Nüssen zu befüllen. Ich konnte sie nur mit Mühe davon abhalten. Am Ende hat sie die Säcke aufgehalten, und ich habe 748 kg Nüsse mit einem Metallkanister hineingeschüttet. Das ganze hat, wie man sich denken kann, einige Stunden gedauert. Mir ist der Schweiß aus allen Poren herausgeströmt, wie noch nie in meinem Leben. Ständig musste ich mir das Gesicht mit einem Handtuch abwischen. Unglaublich! Allein in diesen Stunden habe ich zwei Liter Wasser in mich hineingeschüttet. Am Ende waren 17 Säcke voll. Später haben dann die anderen Familienmitglieder gleiches getan. Jetzt ist alles unter Dach und Fach! Solltet Ihr irgendwann einige Haselnüsse essen, dann könnt ihr an uns denken. Denn aus der Türkei stammen allein 70% der Haselnüsse, die weltweit konsumiert werden.

22. August

Eigentlich hatten wir vor, spätestens gegen den 10. August von Trabzon aus wieder nach Deutschland zurück zu fliegen. Wir haben verlängert! Wir werden noch einige Zeit in den Bergen verbringen und möchten dann mit dem Flugzeug den Rückweg nach Istanbul antreten. Dort wird mein Mann erneut zu uns stoßen. Nach einer gemeinsamen Woche, in der wir alle zusammen Istanbul anschauen wollen, geht es dann für uns am 4.September früh morgens mit dem Flieger zurück nach Hamburg. Papa wird einen Tag später erneut nach Trabzon fliegen und erst Wochen später alleine den weiten Weg mit seinem Bus nach Deutschland nachkommen.

Mein Lieber, Du bist heute mein allererster Gedanke, als ich die Augen aufschlage: Alles alles Liebe und Gute Dir! Mögen uns noch weiterhin viele viele erfüllte, gemeinsame Jahre gegeben sein. Du fehlst uns sehr! Noch sieben Mal schlafen… dann, dann haben wir uns alle wieder! Dann kann ich Primus endlich sagen, dass Du im Flieger sitzt, der sich gerade im Landeanflug befindet. Unser Sohn weigert sich nämlich hartnäckig zu glauben, dass Du nicht in jedem Flugzeug sein kannst, welches er am Himmel ausmacht. Du wirst erstaunt sein, wie verändert sie sind. Sie haben sich großartig weiter entwickelt. Primus spricht schon so gut Türkisch, dass er auch ohne meine Anwesenheit jedem klarmachen kann, was er möchte. Es ist wirklich kaum zu glauben, wie er in Ansätzen die türkische Sprache entschlüsselt hat. Auch Secundus kommt jeden Tag mit neuen Vokabeln an. Faszinierend! Ausnahmslos alle sind von den Süßen begeistert. Inzwischen kennt sie jeder im Dorf. Hier gehen alle sehr liebevoll mit Kindern um. Und was nicht jeder erwarten würde: gerade die türkischen Männer sind äußerst fürsorglich und zärtlich mit Kindern und ihnen sehr zugewandt.

Heute habe ich gegen Abend jene Familie besucht, von denen Mutter und Tochter uns als Hilfsarbeiter bei der Haselnußernte geholfen hatten. Ich habe eine riesige Honigmelone gekauft und habe mich von meinem Vater dort vor ihrem Haus absetzen lassen. Die siebzehnjährige Tochter begrüßte mich freudestrahlend vom Fenster aus und kam mir entgegen gelaufen, als würden wir uns ewig kennen. Die ganze Familie kam hinterher. Wie gesagt, ich habe Mutter und Tochter erst bei der Ernte kennen gelernt. Und das gerade mal in ihrer Mittagspause, als ich ihnen Erfrischungen gebracht habe. Wir mochten uns auf Anhieb, so dass ich ihnen versprach, sie vor meiner Abreise zu besuchen. Das tat ich heute. Ich kann Euch nicht sagen, wie sehr ich diese Menschen hier achte und respektiere. Wir haben wunderschöne zwei Stunden am Haus gesessen und uns über die unterschiedlichen Welten unterhalten, in denen wir leben. Als ich mich von ihnen verabschiedete war mir, als würde ich Abschied von einem Teil meiner Familie nehmen. Ich werde auf jeden Fall von Deutschland aus den Kontakt mit ihnen weiter pflegen. Das habe ich versprochen, und das halte ich auch.

Das Grab meines in den neunziger Jahren verstorbenen Onkels wird neu gemacht. Zwei Gräber sind derzeit in dem hiesigen Familienfriedhof: Mein Onkel und meine Mutter haben dort ihre letzte Ruhestätte. Mein Vater kümmert sich darum, dass alles richtig vonstatten geht. Schwere Marmorplatten werden den steilen Berg hochgefahren. Die Arbeiter sind so nett und nehmen die Jungs und mich mit dorthin. Ich hatte Primus versprechen müssen, dass er irgendwann an das Grab seiner Großmutter darf. Immer wieder haben wir darüber gesprochen. Nun war es soweit. Als Primus mit seinem Brüderchen an der Hand so da stand und laut mit Gott gesprochen und seiner Großmutter Grüße ausgerichtet hat, da sind mir die Tränen gekommen… Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht voller Wehmut meine Mam vermisse und es zutiefst bedaure, dass sie viel zu früh gestorben ist, ohne ihre beiden Enkel je kennengelernt zu haben.

24. August

Papa und ich beschließen spontan ein letztes Mal Beşikdüzü mit den Jungs aufzusuchen. Die Jungs sind wieder einmal die ersten, die erwartungsvoll Papa’s Bus stürmen. Am Strand selbst stürzt das Puffelchen sich erstmals auf allen Vieren in das flache Wasser. Er ist ein richtig kleiner Genießer. Primus ziehe ich die Rettungsweste an und er geht mit mir in das tiefe Wasser hinein. Es gelingt mir, ihn dazu zu bringen, mich loszulassen. Er begreift, dass er nicht völlig untergeht und beginnt einfache Strampelbewegungen im Wasser zu machen. Er ist soooo begeistert! Das macht er eine halbe Stunde ohne Unterlaß und ist später dementsprechend vollkommen erledigt. Auf dem Rückweg schlafen beide sofort ein. Papa fährt mit uns nach „Boztepe“ in Trabzon, wo wir alle etwas in der Gluthitze zusammen trinken. Von dort hat man einen atemberaubenden Blick über beinahe ganz Trabzon. Leider befindet sich die Sonne genau mir gegenüber, als ich einpaar Aufnahmen machen möchte.


Zurück im Dorf hat hala uns ein traumhaftes Abendessen zubereitet. Da wir großen Hunger haben schmeckt alles noch mal so gut…

26. August

In jüngster Vergangenheit ist in den Nachrichten gleich von weltweit drei Flugzeugabstürzen die Rede. Mit mulmigen Gefühlen sitzen wir im Flugzeug, und ich muß mich zwingen, mir selbst gut zuzureden. Papa war dafür, dass wir den weiten Weg nach Istanbul mit dem Flieger absolvieren. In diesem katastrophalen Verkehr hat er schlicht und ergreifend Angst um unser Leben. Er wird einen Tag nachdem wir nach Deutschland zurück fliegen, nach Trabzon zurück fliegen. In Istanbul herrschen Temperaturen von bis zu 41°C zur Zeit. Für mich ist das der Vorhof zur Hölle. Ich bete inständig, dass das Wetter umschlagen möge. Als hätte der Himmel ein Einsehen, sinken die Temperaturen etwas und ein herrlicher Wind kommt auf. Welch’ ein Segen!

29. August

Hurraaaa! Die Kinder haben ihren Papa, ich meinen Mann und mein Papa seinen „Sohn“ wieder… Mein Mann ist wohlbehalten in Istanbul gelandet. Gleich gehen wir erst mal schön zusammen aus. Worauf ich mich am meisten freue, wenn ich an unsere Rückreise denke…? Darauf, dass wir schon einen Tag nach unserer Heimkehr mit Secundus Geburtstag feiern werden – unser Baby, unser kleines Puffelchen, wird dann zwei Jahre alt. Auf unser zu Hause natürlich, (indem immer noch reichlich unausgepackte Umzugskartons stehen), auf meine kleine Familie mit meinem Mann und später meinem Papa, auf alle, die ich so lange nicht gesehen und gehört habe, auf Post von meinen Freunden, auf unseren Garten mit allen Pflanzen (in deren Aufzucht mindestens so viel Liebe steckt, wie das bei den Jungs der Fall ist), und auf die Umgebung, darauf, dass ich endlich wieder Herrin am eigenen Herd und Herrscherin über eine eigene Waschmaschine bin und im Haushalt uneingeschränkt schalten und walten kann, wie ich es möchte. …Endlich wieder „wühlmäuseln“ mit unseren zwei süßen Zuckerschnuten, und auf unseren Milchkaffee am Morgen freue ich mich gigantisch! ... und da gibt es noch unzählige andere Kleinigkeiten.

Ich freue mich auf saubere öffentliche WC’s, und die heilige Ordnung in Deutschland, auf einen berechenbaren Straßenverkehr, auf einen schönen Herbst und kühlere Temperaturen.

Und, last but not least, freue ich mich auf den Vater aller Väter: meinen Papa!

Herzlichst,

Euer Pünktchen.

Kommentare:

  1. Ach liebes Pünktchen, ich liebe deinen Reisebericht. O.K., so viele Rührungstränen am frühen Morgen sind schwierig, wenn man gleich einen Termin hat, aber es geht einfach so zu Herzen, wie liebevoll und mit wie viel Anerkennung und Respekt Du über deine Familie, über Bekannte, über alle Menschen und dein Ursprungsland berichtest.
    Ich glaube dein Vater, dein Mann, deine Söhne, deine Tante sind sehr gesegnet, Dich als Tochter, Frau, Mama und Nichte zu haben und sich so geliebt fühlen zu können.
    Und so schön ist das Tobefoto in den Haselnüssen...

    Herzlich, Katja

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  2. Du Liebe, frohes neues Jahr erstmal. Trabzon ist klasse. Die grünen Berge dort sind atemberaubend, vor allem , wenn man aus dem doch eher kargen Hinterland kommt. Ich habe nie bessere Haselnüsse als im Nordosten der Türkei gegessen. Frisch geröstet und gemahlen über sütlac-mmhhm!!
    Deine Schilderungen machen mir richtig Fernweh.
    Liebes selam und iyi günler
    Lisa

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  3. Spätestens als du die Frau durchs Wasser getragen hast, sind mir die Tränen gekommen. Du bist wirklich eine gute Geschichtenerzählerin. Doch die Sache an sich ist so außergewöhnlich schön und herzergreifend.
    Bei den nächsten Haselnüssen werde ich nun immer an dich denken. Ich denke überhaupt öfter darüber nach, wie viel Arbeit und Zeit zum Werden in unseren manchmal so schnell und unbewusst gegessenen Lebensmitteln steckt.
    Liebe Grüße, Roswitha

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