07 Januar 2013

XVI Haselnußernte




Hallo meine lieben Freunde,

durch die fortwährende Hitze ist die Haselnußernte dieses Jahr vorzeitig begonnen worden. Von überall her in der Türkei sind einzelne Familienmitglieder im Dorf eingetroffen und packen nun mit Kind und Kegel an. Sogar aus den Niederlanden und der Schweiz sind einige unserer Leute mit ihren Familien eingetroffen. Die, die aufgrund von Alter und Gebrechlichkeit nicht in den Plantagen arbeiten können, bleiben zu Hause und bereiten die Mahlzeiten für alle vor. Die Kinder übernehmen kleinste Hausarbeiten und sind ansonsten von allen Pflichten freigestellt.

Als hätte der Himmel ein Einsehen mit den vor lauter Hitze leidenden Menschen, gibt es seit gestern beständig Nieselregen, bei erträglichen Temperaturen. Wir sind soooo selig darüber. Vor lauter Erleichterung über den Wetterwechsel bin ich bei den Ersten mit dabei, die früh morgens um 6.30 Uhr mit in die Plantagen aufbrechen. Während die einen, einen Strauch nach dem anderen abernten, ist die Aufgabe von anderen, die alten Äste mit einer altertümlichen, aber äußerst scharfen Sichel von Grund an abzuschneiden, damit der Strauch so verjüngt wird. Die abgeschnittenen Äste werden entweder irgendwann verheizt, oder aber als Rankhilfe für Bohnenpflanzen verwendet. Je mehr Leute an einem Strauch arbeiten, umso vergnüglicher ist die Arbeit, die man verrichtet. Die einen singen, während andere sich unterhalten. So arbeitet man sich langsam aber beständig den Hang hinauf.

Der Gruselfaktor „Schlangen“ bleibt. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass die Schlangen schon das Weite suchen werden, wenn sie einen nahen sehen. Dennoch habe ich immer wieder den Blick auf den Boden gerichtet, um ja nicht auf eine drauf zu treten. Das könnte sehr unangenehm werden…

Meine Familie wirkt recht verwundert, dass ich ihnen bei der Ernte unter die Arme greifen will. Ganz offensichtlich trauen mir einige von ihnen diese schwere körperliche Arbeit nicht zu. Na, wenn die wüssten… Ich mag körperliche Arbeit sehr gerne. „Gartenarbeit“ liebe ich geradezu – das ist wie Therapie für mich. Dazu noch die frische Luft… Nur in großer Hitze habe ich so meine Schwierigkeit, beständig Leistung zu erbringen. Ich gebe ehrlich zu, dass ich diese Arbeit dann kaum länger als ein oder zwei Stunden machen kann. Aber jetzt, da das Wetter umgeschlagen ist, ist meine Zeit gekommen. Während alle nach kurzer Zeit im Nieselregen in die Häuser ringsherum flüchten, schaffe ich es locker, im laufe des Tages mehrere große Säcke voller Haselnüsse zu füllen. Meine Jungs sind in dieser Zeit in guten Händen. Am Abend ernte ich viel Anerkennung von allen Seiten. Aber, das ist nicht das Ausschlaggebende für mich, um genau so mit anzupacken wie alle anderen auch.

Mein Vater hat nur noch eine jüngere Schwester und zwei ältere Brüder, die am Leben sind (in den Jahren nach dieser Reise sind meine beiden Onkel leider verstorben). Die jüngste ist meine Tante mit 70 Jahren . Ich liebe sie unendlich! Meine Tante ist schwer Herzkrank, hat nur noch 30% Sehfähigkeit, ist seit Jahren verwitwet und lebt von einer kleinen Rente. Sie hat keine leiblichen Kinder, aber für ihre drei erwachsenen Stiefkinder hat sie zeitlebens alles gegeben, und diese lieben und achten sie, als sei sie von Anbeginn an ihre Mutter gewesen. Vom Wesen her sind mein Vater und sie absolut gleich. Ich nenne sie immer liebevoll „die Zwillinge“. Ich kenne niemanden, der liebevoller, hilfsbereiter und voller Güte ist, als diese Beiden. Und wenn ich mir vorstelle, dass einem von ihnen aufgrund ihres Alters und der ernstzunehmenden Erkrankungen etwas zustoßen könnte, dann heule ich wie ein kleines Kind. Jedes Mal! Denn es ist mir zu jeder Zeit bewusst, welch’ kostbare Menschen wie diese Zwei es zweifelsohne sind, von mir gehen würden.

Wenn ich hier in dieser Gemeinschaft bin, dann ist es, als sei ich nie fort gewesen. Natürlich sind das unterschiedliche Welten, in denen wir leben. Aber ich weiß auch, dass jede dieser Welten seine guten und auch weniger schönen Seiten hat. Man sollte nicht das Leben in Deutschland mit dem Leben in der Türkei vergleichen. Es ist zum Teil doch sehr unterschiedlich, und käme dem „Äpfel mit Birnen-Vergleich“ sehr nahe.


Die Ernte wird dieses Jahr vermutlich nicht allzu viel Geld einbringen, aber für mich ist absolut klar, daß ich meine Tante unterstützen werde. Sie ist solch ein Schatz, dass es unmöglich ist, sie nicht zu mögen oder gar zu lieben. Das war schon immer so – solange ich denken kann! Insbesondere alle kleinen Kinder sowie die Jungendlichen hier lieben sie. Alle anderen schätzen und respektieren sie. Auch Primus und Secundus gehören nun bedingungslos zu ihrer Anhängerschaft. Wenn „hala“ (Tante) nicht in der Nähe ist, fragen die Jungs sofort nach ihr. Sie hat eine solch’ liebevolle und gütige Art, die Menschen für sich zu gewinnen, das ist einfach sagenhaft. Ich kann mich nicht daran erinnern, sie jemals etwas Schlechtes über andere sagen zu hören. Das ist nicht ihre Art! Stattdessen habe ich sie manches mal sagen hören: „Hast Du nichts Positives über einen Menschen zu sagen, so schweige ganz!“ Sie sieht immer das Positive in allem, ist dankbar für jeden Tag, den sie auf diesem Planeten leben darf. Meine Tante ist eine fromme Frau. Seit eh und je verrichtet sie ohne Unterbrechung täglich ihre fünf Gebete gen Mekka, und nahezu in jedem ihrer Sätze kommt „Gott“ vor. Sie führt ein einfaches Leben in Bescheidenheit, und ich habe noch nie gehört, dass sie jemals irgendeinen Umstand in ihrem Leben beklagt hätte. Das was sie hat, das teilt sie gerne mit anderen – und Gäste hat sie zu jeder Zeit reichlich. Früher wurde sie von der Familie „Kuyruklu“ genannt, was ungefähr so übersetzt werden kann wie „die, die einen Schwanz hat“. Sie ist sehr gerne und oft durch die Türkei gereist, und hat dabei immer eine große Heerschar an Begleitpersonen mit ihm Schlepptau gehabt, was ihr letztendlich diesen Spitznamen eingebracht hat. Wann immer sie von solchen Reisen wieder in Trabzon eintraf, hatte sie stets für jeden von uns Kindern ein Geschenk dabei.

Ich erinnere mich noch wie gestern daran, dass sie einmal aus Istanbul oder auch Ankara zurück kam. Alle Kinder standen um sie herum und warteten geduldig ab, was sie bekommen würden. Meine Tante machte es sehr spannend… Ganz zum Schluß sagte sie ohne mich anzusehen: „So, das war’s! Ich hoffe, dass Euch die Sachen gefallen, welche ich euch mitgebracht habe.“ Ich war sehr geknickt, war ich doch ganz zum Schluß übrig geblieben und somit die einzige, die nichts bekommen hatte. Es ging mir aber gar nicht in erster Linie um ein Mitbringsel,  mehr um ihre Gunst. Gerade als ich mich leise von dannen schleichen wollte, rief sie mich zu sich und übergab mir feierlich ein zusammen gewickeltes Bündel. Ein T-Shirt aus Baumwolle, mit rundem Halsausschnitt, geringelt in hellblau, rot und beige. Ich erinnere mich noch sehr genau an das Glücksgefühl, was mich durchflutete. Meine inniglich geliebte Tante: sie hatte mich nicht vergessen!!!

Es ist bereits der vierte Tag der Ernte, und das Zusammensein verläuft sehr entspannt und harmonisch. Morgens gegen 9.30 Uhr kommen alle von den Plantagen zurück, um zu frühstücken. Und ohne den heiß geliebten Çay („Tschai“ = Tee) kommt hier außer mir sowieso keiner richtig auf Betriebstemperatur. Eigens für mich wird frischer Kaffee aufgebrüht. Gegen 13.30 Uhr gibt es Mittagessen. Und abends gegen 20.00 Uhr kehren alle wieder Heim. Man sitzt gemeinsam zu Tisch, isst, erzählt, bespricht, was noch zu berücksichtigen oder zu regeln ist. Momentan sind wir mit 18 Personen zusammen. Das sind aber bei weitem nicht alle. Denn auch in den oberen Bergregionen gibt es Plantagen, die von unseren anderen Familienmitgliedern abgeerntet werden. Manch einer, der nicht die Zeit für die Ernte erübrigen kann, oder aber schlichtweg keine Lust hat, der heuert Hilfsarbeiter an. Die sind aber nicht gerade billig, und meine Tante kann sich das schon mal gar nicht leisten. Also ist es ganz klar, dass ich ihr bei der Ernte helfe so gut ich kann.

So manches mal habe ich versucht meine Tante für ein dreimonatiges Touristenvisum zu begeistern, damit ich ihr etwas von Deutschland, meiner zweiten Heimat, zeigen kann. Aber jedes mal entgegnet sie: „Ach Liebes, was soll ich denn da?... Dort soll es ja so kalt sein. Und überhaupt, wenn Du uns mit Deiner Familie besuchen kommst, dann haben alle etwas davon.“ Es ist aussichtslos; ich habe es beinahe aufgegeben, sie zu einer Deutschlandtour zu überreden…

Abends sitzen wir meist ermattet zusammen, knabbern eine Kleinigkeit und erzählen. In der Türkei ist das Knabbern von Sonnenblumenkernen weit verbreitet. Ich habe das ewige Zeiten nicht mehr gemacht, aber plötzlich habe auch ich Lust dazu. Wir erzählen, erzählen und erzählen. Ich knabbere, erzähle und schlucke… und prompt geschieht das, was mich schlaflos werden lässt: mir bleibt etwas von der harten Schale in der Speiseröhre hängen. Alles Schlucken und trinken hilft nichts – es ist mehr als unangenehm. Und das gerade jetzt, wo wir die Runde auflösen wollen, um schlafen zu gehen. Ich versuche mein Glück mit einer Banane und einigen Kartoffeln, die ich runterwürge, in der Hoffnung, dass sich die Schale löst und irgendwie in Bewegung setzt. Nichts dergleichen geschieht! Ich bin zutiefst genervt, mein Schluckreflex vervielfältigt sich um ein Vielfaches und erinnert mich bei jedem mal Schlucken daran, dass sich ziemlich „weit unten“ ein Fremdkörper in meiner Speiseröhre befindet. Irgendwann erkläre ich mich mit meiner Misere einverstanden und versuche den Schluckreflex zu unterdrücken, was mir selbstverständlich nicht gelingt. Die Nacht ist nur schrecklich, und ich zähle die Stunden, bis ich aufstehen und zu einem HNO-Arzt eilen kann. Damit des Nachts einen Dienst habenden Arzt zu behelligen ist mir schlicht und ergreifend zu peinlich. Am Morgen selber schaue ich mit einer Taschenlampe nochmals tief in meinem Rachen hinein, kann aber wie erwartet nichts Ungewöhnliches ausmachen oder viel sehen. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, jetzt in ein Krankenhaus zu fahren. Also durchforste ich erneut alles Essbare… und entdecke hart gewordenes, altes Brot. Ich beiße riesige Stücke ab, kaue kaum und würge das unappetitliche Zeug runter. Das mache ich etliche male, und dann ist mir auch endgültig schlecht. Ich beschließe den Vormittag abzuwarten. Schließlich ist meine Speiseröhre durch meine nervositätsbedingte Schluckerei in der Nacht derart belastet und gereizt worden, dass sie vermutlich an jener Stelle auch ohne einen Fremdkörper Schmerzen verursachen würde. Um mich abzulenken, arbeite ich wie eine Besessene in den Plantagen. Und was soll ich sagen: ich hatte sehr viel Glück, und dieses Teil hat sich tatsächlich gelöst und ist abgewandert. Gott, was war und bin ich erleichtert. Für die nächste Zeit: Sonnenblumenkerne ade!

Fünfter Ernte-Tag:

Es ist warm, aber der Himmel bedeckt schon seit Tagen. Alle sind mehr als dankbar dafür, denn ansonsten könnte man es Folter nennen, von morgens ganz früh bis in die Abendstunden hinein zu pflücken, schleppen, zum Trocknen auszulegen. Eigentlich könnte ich zufrieden sein, aber nun sind die Jungs und ich auch noch seit einigen Tagen von einer Magen-Darm-Grippe geplagt. Heute bin ich den ganzen Tag zu Hause und versuche mich einwenig zu erholen. Einen Arztbesuch halte ich nicht für erforderlich: Was raus will, soll raus! Das Gröbste haben wir schon hinter uns – ich denke, dass ich schon morgen wieder dabei sein kann. Den Kindern merkt man kaum etwas an. Nur das Windeln von Secundus geschieht nun in einer deutlich höheren Frequenz…

Meine Tante hat heute wie beinahe an jedem anderen Tag auch frisches Brot gebacken. Das schmeckt soooo unsagbar gut! Ich habe Knoblauch-Salz-Butter gemacht und kann es mit den Kindern nun kaum abwarten, bis der duftende Brotlaib aus dem Backofen heraus geholt wird.

Siebter Tag

Der Himmel ist meist bewölkt, aber kaum erscheint die Sonne, wird es brutal warm. Alle sind restlos erschöpft. Ich bin die letzten Tage kaum noch mit dabei gewesen, da die Jungs plötzlich nicht mehr von mir ablassen wollten. Primus ist sogar einmal auf eigene Faust querfeldein durch die Plantagen gelaufen, bis er mich gefunden hat. Also, habe ich mich wieder verstärkt um meine Söhne gekümmert. Habe dann nur noch am Rande einige gefüllte Säcke mit Haselnüssen geschleppt und zum Trockenen ausgebreitet, den Hilfsarbeitern Erfrischungen angeboten.

Gestern waren 15 Hilfsarbeiter da (heute auf Wunsch nur noch 5, da dieses Feld nun abgeerntet ist). Frauen, Männer und Jugendliche. Die jüngste war 17 Jahre! Die älteste schätze ich auf Anfang 50 Jahre. Angefangen wurde pünktlich früh morgens um 7.00 Uhr. Gegen 10.00 Uhr wurde eine kurze Pause gemacht. Gegen Mittag eine von 90 Minuten, weil da nicht nur gegessen, sondern auch gebetet wurde. Punkt 17.30 Uhr wurde Arbeit nieder gelegt.

Ich hatte Gelegenheit, mich mit diesen Menschen zu unterhalten. Bis auf die drei jüngeren Damen waren alle sehr traditionell gekleidet, was in erster Linie sehr sehr warm aussah. Ich habe mich bei ihnen allen für meine äußere Erscheinung entschuldigt (weite Hose, Kurzarm-T-Shirt): denn hätte ich so gekleidet arbeiten müssen wie sie, ich wäre nach kürzester Zeit vor Überhitzung in Ohnmacht gefallen. Sie waren durch die Bank weg unwahrscheinlich freundlich und aufgeschlossen und haben mich sehr wohlwollend aufgenommen. Einer habe ich sogar versprochen, sie demnächst zu besuchen. Das werde ich in jedem Falle tun. Sie kannte wohl meine Großmutter sehr gut…

Am Abend , so gegen 19.30 Uhr, trudelte dann unsere Familie wieder ein. Äußerst erschöpft, und ziemlich wortkarg die Jugendlichen (zwei 17jährige und ein 18jähriger Herr). Und das, trotzdem sie Stunden später anfangen als alle anderen, und drei Stunden eher aufhören. Aber ehrlich: ich kann es ihnen nicht verdenken.

Primus, und das ist kaum zu glauben, spricht schon etliche, wenn auch recht kurze Sätze auf Türkisch. Er fängt sogar eigene Satzkonstruktionen an, was ich für diesen Zeitraum einfach nur bemerkenswert finde. Secundus bedient sich beider Sprachen gleichermaßen: Einzelne Worte, oder Zwei-Wort-Konstruktionen. Abends im Bett fragt mich Primus ab und an nach der Bedeutung einiger Worte, die er ganz offensichtlich aufgeschnappt hat. Während die Jungs Türkisch lernen, lernt meine Familie auch einige Brocken Deutsch.

Neunter Tag



Die Plantagen sind nahezu abgeerntet, wenige Reihen stehen noch aus. Der Himmel ist weitestgehend bedeckt, aber es ist sehr drückend und erschwert die anstehende Arbeit immens. Obwohl alles harmonisch und rund läuft, ist bei allen die Luft raus. Abends wird noch zusammen gegessen und dann fallen ausnahmslos alle in die Betten. Denn seit Tagen gehen alle inzwischen um 5.00 Uhr auf die Felder, damit man in der kühleren Morgenfrische etwas geschafft bekommt.




Die abgeernteten Haselnüsse, die sich noch in ihrer grünen Umhüllung (Zuluf) befinden, werden sofort auf weiten Flächen zum Trocknen ausgelegt. Dann fangen sie binnen weniger Tage an, sich bräunlich zu verfärben. Zwischendurch tauchen hier immer wieder meiner Familie bekannte bedürftige Menschen auf, die mit ihrer Erlaubnis die bei der Ernte herab gefallenen Nüsse einsammeln, und diese dann am Ende selber zum Verkauf anbieten.


Gestern haben Papa und ich beschlossen mit den Jungs einen Ausflug zu machen. Wir haben „Hamsiköy“ besucht. Dort gab es ein „Sütlac-Fest“. Sütlaç ist eine Art Milchreis. In Hamsiköy ist gerade das eine Spezialität. Die Kuhmilch dort ist so fetthaltig, als würde man das aus reiner Sahne zubereiten. Und dementsprechend himmlisch lecker ist das Resultat. Hamsiköy liegt weit oben in den Bergen, so dass es dort reichlich kühl ist. Sehr angenehm, um dieser drückenden Wärme zu entkommen. 


Die jüngsten Attentate in der Türkei haben dafür gesorgt, dass in allen Orten, wo viele Menschen erwartet werden, das Militär sehr präsent und in Alarmbereitschaft ist. Auch wir gelangen, neben unzähligen anderen, nur durch eine strenge Personenkontrolle in das Dorf hinein. Rings um Hamsiköy sind unzählige Soldaten postiert – auch in den Feldern, wo es keine Wege gibt. Für Außenstehende mag das Militär abschreckend sein, die hiesige Bevölkerung sieht das ganz anders. Sie sind in höchstem Maße erleichtert, unter dem Schutz des Militärs zu stehen. Uns geht das genauso! Übrigens gibt es in der ganzen Türkei keine Müllbehälter aus Metall mehr auf den Straßen, sowie auf öffentlichen Plätzen. Zu oft haben Terroristen diese dazu genutzt, Sprengstoff darin detonieren zulassen. Das umher fliegende Metall der Mülltonnen/Eimer wurde dann noch zusätzlich zu einer geschoßartigen Masse. Inzwischen wird der Müll an bestimmten Straßenecken zu einer bestimmten Uhrzeit abgelegt und von der Müllabfuhr dort abgeholt. Das habe ich in Istanbul, sowie in allen anderen Regionen bemerkt, die wir bislang bereist haben.



Richtung „Torul“, „Gümüşhane“ passieren wir den „Zigana-Tüneli“ (einen Tunnel von 1702 m Länge und 11 m Breite). Wir befinden uns auf 1820 m über dem Meeresspiegel. Die Luft ist fantastisch, die Berge eine Augenweide. Die Bergspitzen sind in Nebel gehüllt, was bezaubernd aussieht. Alles ist unsagbar grün. Nirgends ein Fleck auszumachen, aus dem nichts sprießt… Sagenhaft!

Torul ist ein kleiner Ort mit gerade mal 5400 Seelen. Bei „Harmancik“ gibt es eine riesige Baustelle in der Nähe eines Flusses. Dort halten wir an und pausieren. Primus hat ein Sandförmchen an einem Stock befestigt, und es gelingt ihm tatsächlich damit eine Kaulquappe, und einen winzigen Frosch zu fangen. Beide werden genauer in Augenschein genommen und später wieder „zu ihren Familien“ entlassen. Wir sehen unzählige, winzige Fischschwärme. Aber da hat Primus mit seiner tollen Konstruktion auch keine Chance. 


Secundus schmeißt nach Herzenslust Steine ins Wasser. Die werden immer größer und er tollkühner, so dass wir aufpassen müssen, dass er nicht  hinterher stürzt. Und kurz bevor wir weiter fahren wollen, setzt er sich dann seelenruhig in voller Montur in das Wasser… Wir müssen herzhaft lachen. Tja, so und nicht viel anders ist das Reisen mit unseren Süßen. Aber das ist alles kein Problem. Im Wagen befinden sich ausreichend Wechselsachen.



Bei 1070 m passieren wir den „Hacıemin Tunnel“, „Mescitler Tunnel“ bei 1050 Höhenmeter. Warum ich das erwähne? Glücklicherweise gibt es inzwischen hochwertige Maschinen im Straßenbau. Vor 20 Jahren haben diese Arbeiten wirklich Männer mit Spitzhacken in den Händen gemacht. Ich habe das mit eigenen Augen gesehen. Und wenn es eines in der Türkei gibt, dann sind das u.a. Berge, Berge, Berge… Wahnsinn!

Nach all den irrsinnig grünen Bergen wirkt es in der Umgebung von Gümüşhane plötzlich sehr „trocken“ und kahl. Verschwunden sind die Nebel verhangenen Bergwipfel, ebenso das üppige Grün. Stattdessen gibt es lediglich vereinzelt Bäume auf den Bergen, dafür mehr kahle Bereiche. In Gümüşhane gehen wir mit den Jungs lecker essen, und nachdem wir uns den Ort etwas genauer ansehen (etwas wirklich Besonderes ist uns jedoch nicht aufgefallen), treten wir den Rückweg wieder an. 


Als wir erneut den „Zigana-Tunnel“ passieren, trauen wir unseren Augen nicht: vor dem Tunnel sind die Berge ringsumher mit Tannen bewachsen, die Sicht ist absolut klar bei Sonnenschein. Als wir aus dem Tunnel herausfahren empfängt uns eine dichte Nebelbank. Die Sichtweite beträgt kaum mehr als 15 m. Hinter uns sind die Jungs ganz still geworden. Primus fragt: „Was ist hier los?“ Als wären wir gerade in das Zauberreich von Feen eingetaucht. Etwas Mystisches hat das ganze schon. Im Schneckentempo fahren wir weiter. Bei „Basarköy“ lichten sich Nebel und Dunst. Wir blicken erneut auf grüne Felder, in Dunst gehüllte Bergwipfel, die so anders anmuten, als ich sie bisher wahrgenommen habe.

Wir machen Rast in Maçka, ein ebenfalls kleiner Ort. Wir schlendern einmal durch die Hauptstraße und zurück. Auf unserem weiteren Weg, Richtung „Esiroğlu“ (wenn mich nicht alles täuscht…), zeigt uns Papa einen gigantischen Staudamm, der gerade gebaut wird. Wir schauen uns das ganze von „oben“ an. Beeindruckend! Das dürfte eine gute Lösung für das immer wieder auftauchende Wasserproblem in der Region sein.

Zehnter Tag:

Der anstrengende Teil der Haselnußernte ist nun vorüber und fast scheint es, dass wieder Leben in die Einzelnen zurückkehrt. Alle sind erschöpft, aber zufrieden. Die Jugendlichen überlegen laut, was sie mit ihrem Anteil alles anschaffen wollen… Bei Tisch gibt es viele Lacher: die sind echt süß! Vielleicht hätte man sie doch noch mal genau über die anstehende Summe aufklären sollen. Wenn man sie so laut überlegen hört, meint man, dass ein Millionengewinn erwirtschaftet wurde. Köstlich!


Für den Rest des Tages helfen alle noch meiner Tante, da sie nur wenige Helfer hatte und dementsprechend langsam war. Die Nüsse sind nun alle ausgebreitet und müssen vor allem eines: trocknen! Das Fahrzeug (Pattos), was die Ernte einsaugen und die Nüsse aus ihrer Ummantelung herauslösen und in Säcke füllen wird, steht bereits auf dem Grundstück. Primus und Secundus betrachten es voller Neugierde.

Wenn es morgen nicht zu bewölkt sein sollte, wollen wir wieder einen Strandtag einlegen.

Bis demnächst wieder – mit herzlichen Grüßen, Euer Pünktchen.

Kommentare:

  1. Deine Reiseberichte sind so toll zu lesen - vor allem deine so liebevollen Beschreibungen von Menschen. Daraus spricht so viel Respekt und Anerkennung, so viel Interesse und Emapathie für dei Vorgeneration, dass ich mir das sehr für die Kinder in unserem Land wünsche würde, für die alte Menschen oft einfach nur Ballast sind.

    Die Haselnussernte klingt für einen Außenstehenden spannend und die Landschaft ist wunderschön, aber wenn man sie bewältigen muss auch unendlich anstrengend in Hitze und am Berghang. Sicher werde ich ab jetzt auch Haselnüsse mit deutlich mehr Respekt betrachten als bisher.

    Herzlich, Katja

    AntwortenLöschen
  2. Wie schön, wieder ein Stück mit Dir zu reisen! Dein Bericht über die Haselnuss-Ernte klingt spannend, anstrengend aber auch erfüllend. Schön, dass Du ein Stück Heimat und Familie genießen kannst und auch Deine Söhne das miterleben können.
    Ich stelle mir das nicht einfach vor für Dich, das klingt nach zwei Seelen in einer Brust.
    Alles Liebe und DANKE ganz speziell für diesen (wie auch Katja schon geschrieben hat) liebevollen Bericht! Martina :-)

    AntwortenLöschen