04 Januar 2013

XV Reiselust



Hallo Ihr Lieben,

bis Trabzon haben wir eine Menge Kilometer hinter uns gebracht, wir haben viel gesehen, viele Menschen kennen gelernt, gute und intensive Unterhaltungen geführt. Die letzten Wochen sind wir zwischen Trabzon und unserem Dorf hin und hergependelt. Die Wasserknappheit hält weiterhin an, das Gemüse in den Gärten verdorrt. Das ist alles nicht so schön. Zudem sind reichlich giftige Schlangen aufgetaucht, was mich dazu veranlasst hat, mit den Jungs das Weite zu suchen. Allerdings habe ich im Gegenzug dazu in Trabzon die Bekanntschaft von Skorpionen gemacht – natürlich im Haus und ebenfalls giftig. Also sollte man auch hier äußerst wachsam sein. Denn die Skorpione kriechen mit Vorliebe in Hausschuhe hinein.

Daß Trabzon weitestgehend vom Tourismus verschont geblieben ist, liegt sicherlich auch daran, dass hier keine geeigneten Strände sind. Sandstrände sind ohnehin rar, also handelt es sich meist um Kiesstrände. Neben dem hiesigen Flughafen ist ein aufgeschütteter Sandstrand – allerdings ohne WC und Duschmöglichkeiten. So haben wir uns umgehört und sind ca. 60 km von Trabzon auf eine kleine Anlage mit Pools und Bungalows gestoßen, mit einem geeigneten Kiessandstrand. Dort waren wir an drei unterschiedlichen Tagen, als das Wetter un-er-träglich war. Während die Kinder am Strand bei meinem Vater gespielt haben, konnte ich eine ganze Weile durch das grandios saubere Wasser schnorcheln. Gesehen habe ich einen großen Krebs, ca. 15 cm große Fische in Schwärmen, die sorglos an den Badegästen vorbeizogen.

Mit Primus und Secundus habe ich dann abwechselnd die restlichen Stunden im Wasser verbracht. „Edde“, so hat Primus sein Brüderchen bereits in meinem Bauch genannt, konnte sich gesichert mit einer Rettungsweste nach einer Weile richtig gut in Rückenlage in’s Wasser legen. Er hat es zudem sehr genossen, im warmem Wasser zu sein. Primus hat lieber irgendwelche Konstruktionen hinter sich hergezogen (Seil an einen langen Stock gebunden, an das Ende einen kleinen, schwimmenden Ring befestigt…). Zwischendurch ist er dann mit mir in „das Tiefe, Mama!“ gegangen.

Wenn man bis zum Halse im Wasser steht, kann man solche Tage gut überstehen. Ansonsten wird es sehr unangenehm, da man mehr oder weniger den ganzen Tag lang im eigenen Saft schmort. Ich weiß nicht, wie oft ich mich jeden Tag abgeduscht habe…Völlig sinnlos eigentlich.

Papa und mich hat in dieser Zeit wieder die Reiselust gepackt. Wir haben uns überlegt, dass wir gemeinsam mit den Jungs an die Grenze nach Georgien rüber fahren möchten. Das war bis dahin so ziemlich die einzige Region der Türkei, welche ich noch nicht gesehen hatte. Denn diese Reise müsst ihr wissen, ist die 10. Rundreise dieser Art, die ich mit meinem Papa und z.T. auch mit meiner Mutter gemacht habe.  Papa war es immer sehr wichtig, dass ich das Land in dem ich geboren wurde, richtig kennen lerne. Ich möchte mal behaupten, dass das mitunter die schönsten, da vielfältigsten Reisen waren, die ich bislang gemacht habe.

Der Bereich um Rize hat den höchsten Regenfall im Jahr. Dort lebt man in der Hauptsache vom Teeanbau. Das beschert der Region reichlich Geld, wie man an den gepflegten Häusern entlang der Küste erkennen kann. Alles eine deutliche Spur vollkommener als in anderen Orten. Vielerorts sieht man nämlich Häuser, die von außen überhaupt nicht verputzt sind. Fragt man näher nach, erhält man ähnliche Antworten wie diese: „Hauptsache innen drin ist alles ok. Das Äußere ist uns nicht wichtig!“ Tja, so kann man es wohl auch sehen. Das Verputzen lassen eines Hauses kratzt zu sehr am Budget. Verständlich, wenn man mitbekommt, wie sehr die Menschen hier um das tägliche Überleben ringen müssen. Aber so ergibt sich natürlich auch ein sehr merkwürdiges Bild von Gebäuden, die in schöner Landschaft noch "unfertiger" erscheinen.

Auf dem Rückweg haben wir in „Pazar“ einen alten Schulfreund von Papa ausfindig gemacht. Den wiederum hatte er seit über 53 Jahren nicht mehr gesehen. Großes Hallo, herzliche Unterhaltung, reichlich Tee… Nach einer Weile mussten wir aber aufbrechen, hatten wir doch noch einen guten Weg bis Trabzon vor uns. Während der ganzen Fahrt sind wir an tiefgrünen Teeplantagen vorbei gefahren, im Hintergrund am riesigen Kaukasusgebirge entlang und hatten auf der anderen Seite einen überwältigenden Blick auf eine absolut ruhige See. Beeindruckend schön! Die beste Seelenmassage, die man sich selbst verordnen kann…

Übrigens ist uns auf dem Hinweg der 3. Geisterfahrer unserer bisherigen Reise auf der Autobahn entgegen gekommen. Was für ein Glück, dass wir fast immer nur rechts fahren… Ich kann mich nur wiederholen: solltet Ihr jemals mit dem Auto in der Türkei unterwegs sein, dann vergesst bitte alle deutschen Verkehrsregeln!!! Rein theoretisch gelten in der Türkei auch nahezu dieselben Gesetze, aber Theorie und Praxis lassen sich nicht vereinbaren. Meine Landsleute fahren stets „sehr kreativ“, den Erfordernissen der jeweiligen Situation angepasst – wenn Ihr versteht, was ich meine… Vergessen kann man dabei getrost Vorfahrtsbestimmungen und bei grüner Ampel sollte man sich nie nur darauf verlassen. Den Querverkehr sollte man dennoch immer im Auge behalten. Den Blinker sehen hier viele wohl mehr als unnütze Verzierung an, dafür wird die Hupe ständig mißbraucht. Man nutzt ihn häufig zum Gruße, oder aber auch, um beim Überholmanöver auf sich aufmerksam zu machen. Die Toyota-Devise gilt hier, wie sonst nirgends: „Nichts ist unmöglich!“

Heute war wieder eines dieser brutal heißen Tage. Wir hatten vor, zu unserem Strand in Pirinçlik auf zubrechen, um den ganzen Tag dort zu verbringen. Kurz bevor es soweit war, dann das Desaster: Secundus hatte offensichtlich unbehelligt Feuchttücher im hiesigen WC versenkt. Nichts lief mehr ab! Also versuchten mein Vater und meine Cousine ihr Glück. Ich will es kurz machen: Strandtag konnten wir knicken, denn das kleine Puffelchen hatte offensichtlich noch einige Paketinhalte Feuchttücher mehr verschwinden lassen. Sieben Stunden hat das Elend gedauert – und das in der Hitze… Am Ende kamen dann doch noch zwei Profis von der Stadt und haben mit entsprechenden Gerätschaften alles wieder in Ordnung gebracht – das nach Feierabend und ganz umsonst, weil sie Bekannte von der Nachbarin meiner Tante sind. Das nenne ich doch echte Nachbarschaftshilfe.

Morgen geht es wieder in’s Dorf zurück, denn es müssen noch Vorbereitungen für die große Haselnußernte getroffen werden. Hilfsarbeiter werden noch zusätzlich angeheuert. Am Ende wird eine große Maschine die Nüsse von dem Grünzeug befreien. Als ich noch klein war, wurde das alles mühsam von Hand gemacht. Für uns Kinder war das ein Riesenspaß, uns immer wieder auf’s Neue auf den Nüssen vom Hang hinab zu rollen.

Erst nach getaner Arbeit werde ich mich wieder melden. Euch in Deutschland wünsche ich eine sonnige Zeit.

Herzlichst – Euer Pünktchen.

1 Kommentar:

  1. Dein Papa ist ein kluger Mann, dass er mit euch die vielen Rundreisen gemacht hat, damit du dein Heimatland kennen lernst. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dies mit deine schönsten und abwechslungsreichsten Reisen waren.
    Liebe Grüße,
    Roswitha

    AntwortenLöschen