13 Januar 2013

XIX - Ende -

Meine lieben Freunde,

es ist soweit: eine allerletzte Email noch…

Ich möchte mich bei Euch für die große Resonanz auf meine „Reiseberichte“ während unserer Reise durch die Türkei bedanken. Meine Empfindungen sind nicht ausschließlich durch die schöne Zeit hier eingefärbt, wie manch’ einer annehmen mag. Von meiner Familie habe ich gelernt, die Menschen nicht nur mit meinen Augen und meinem Verstand, sondern auch mit meinem Herzen anzuschauen. Das macht im Übrigen gute Menschenkenntnis aus. Und dann ist es eine Kleinigkeit, offen zu sein und Menschen grundsätzlich nicht zu beurteilen oder gar zu verurteilen, sondern anzunehmen wie sie sind. Es gibt dann keine Berührungsängste oder sonstige Barrieren, die unüberwindbar erscheinen. Das Gros der Menschen hier ist einfach überwältigend warmherzig und sehr sehr liebenswert. Ausnahmen gibt es hier wie woanders auch. Aber ich will gerne einräumen, dass ich Euch gegenüber einen Riesenvorteil habe: ich beherrsche die türkische Sprache, und ich bin von Kindesbeinen an mit der türkischen Kultur vertraut und auch mit ihr aufgewachsen. Das ermöglicht mir einen ganz anderen Zugang zu den Menschen hier, als der „normale Reisende“ ihn hat.
 
Immer wieder empfinde ich es persönlich als eine absolute Schande, wenn eine Minderheit meiner in Deutschland lebenden Landsleute durch ihr schlechtes Benehmen, ihre kriminellen Handlungen oder was auch immer, eine ganze Nation in Verruf bringt. Das bedauern viele Türken und türkischstämmige Deutsche, die seit Jahrzehnten sehr gerne mit ihren Familien in Deutschland leben! Jedem Menschen, welcher Nation auch immer, sollte im „Ausland“ klar sein, welche Verantwortung auf seinen Schultern lastet. Das Augenmerk vieler Menschen ist auf sie gerichtet. Benehmen sich auch nur eine verhältnismäßig kleine Anzahl von „Ausländern“ daneben, hat das Auswirkungen auf das Ansehen und Leben aller, die dieser Nation angehören. Das ist eine Tatsache!
 
In der Türkei ist weiß Gott nicht alles Gold was glänzt. Und Türken werden in der Regel sehr emotional, wenn Umstände in ihrem Land kritisiert werden. Wenn man Dinge ändern will, muß man sich jedoch genau von diesen Emotionen lösen, um die Tragweite aller Problematiken dieses Landes erkennen und ändern zu können. Aber ich sehe deutliche Entwicklungen, die in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurden. Es steckt viel Potential in der Türkei. An vielem wird beständig gearbeitet – und für mich ist das auch, unabhängig von einem möglichen EU-Beitritt, absolut notwendig und erforderlich. Es gibt noch viel zu tun, und es wird viel getan! Die Türken sind ein fleißiges Volk. Sie haben immer mit Schwierigkeiten leben und umgehen müssen, und das wird sich auch gewiß so schnell nicht ändern. Ich bin zuversichtlich, dass die Türkei in den kommenden Jahrzehnten einen deutlich besseren Standpunkt sowohl in der Weltwirtschaft, als auch in der Politik einnehmen wird. 

Es war mir eine Herzensangelegenheit, mit meinen Liebsten diese Reise in meine Heimat zu machen. Es ist mir eine Herzensangelegenheit, neugierig auf die Türkei und die dort lebenden Menschen zu machen. Wer wirklich Land und Leute kennen lernen will, der sollte sich allerdings fernab der gängigen Touristenzentren bewegen.

Ich bin sehr dankbar und äußerst glücklich, dass ich mit und durch meinen Vater und auch meinen Ehemann die Chance hatte, diese Reise in unsere alte Heimat zu machen. Unsere Söhne, wenn auch noch sehr klein, haben einen ersten guten Schritt in die türkische Kultur getan.

Man sagt, dass ein Mensch, der 40 Tage mit anderen zusammen lebt und alles mit ihnen geteilt hat, nach dieser Zeit einer von ihnen würde... Wir waren beinahe vier lange Monate in der Türkei. Ich war schon vorher „eine von ihnen“, aber seit vielen Jahren bin ich auch eine von Euch! Ich lebe sehr gerne in Deutschland. Es ist meine zweite Heimat. Ich lebe so gerne in Deutschland, dass ich dort eine Familie mit meinem deutschen Ehemann gegründet habe. Meine Wurzeln sind in der Türkei, in Deutschland bin ich aufgewachsen. Ich habe sehr viele positive Erfahrungen machen können, aber ich habe auch Negatives gesehen. In beiden Ländern wohlgemerkt!

Jetzt heißt es bald Abschied nehmen. Das wird schwer! Es werden viele Tränen fließen…

Was den Abschied so schwer machen wird…? Es ist nicht allein das traumhafte Meer, oder gar die gewaltige Sonne, nicht die gigantischen Berge, diese überwältigende Natur… Es sind die Menschen! Es sind immer und zu jeder Zeit die Menschen, die einen halten und sich in Liebe und Respekt einem zuneigen. Und von eben diesen Menschen Abschied auf unbestimmte Zeit zu nehmen, nicht zu wissen, wen man beim „nächsten mal“ nicht mehr wird in die Arme nehmen können – genau das, das macht den Abschied so schwer und tut entsprechend weh!
 
Es war wichtig für mich, Euch alle auf diese sehr persönliche Reise mit zu nehmen. Ich habe mich bemüht, in der mir zur Verfügung stehenden kurzen Zeit, wenn auch nur oberflächlich anzureißen, aus welchem Land „die Türken“ kommen, die man wegen ihrer anderen Herkunft und Kultur im Ausland lange Zeit nur geringschätzig betrachtet und belächelt hat. Diese Menschen haben - wie jeder andere Mensch auch - ein Anrecht darauf, als Menschen mit Würde betrachtet und behandelt zu werden. 
 
Nicht jeder in meiner Situation, als „Ausländerkind“, hatte die Chance, privilegiert aufzuwachsen. Ich hatte sie, wenn auch meine Eltern und die Generation meiner Eltern schwer dafür arbeiten, sich innerhalb einer anderen Kultur und Gesellschaft stets behaupten und beweisen mussten… Das war zu keiner Zeit einfach!

Papa sagt: „Das könnte unsere letzte gemeinsame Reise gewesen sein!“ Das schnürt mir die Kehle zu und macht mir das Herz ganz schwer. Ich verstehe, was er meint: Unsere gemeinsame Zeit wird weniger, leider nicht mehr! Papa ist, mit meinem Mann und unseren Kindern, der Fels in meiner Brandung. Nichts wünsche ich mehr, als dass wir noch etliche Jahre gut miteinander leben und genießen können.
 
Auch wenn es nicht für jeden von Euch möglich sein wird, eine so ausgedehnte Reise zu machen: ich kann nur jedem dazu raten, Ähnliches zu tun. Man sollte dabei nur nichts auf die lange Bank schieben. Für jeden von uns kann das Leben im nächsten Augenblick schon vorüber sein. Nutzt Eure gemeinsame Zeit! Am Ende bleibt nur Sehnsucht und Erinnerung…

Wie immer grüße ich Euch alle sehr herzlich!

 Euer Pünktchen.

Kommentare:

  1. Was für ein schöner Abschluß deiner Reiseberichte mit so schönen, wahren dun wichtigen Worten. es hat mir viel Spaß gemacht auf diesem persönlichen Weg durch deine Augen, dein Herz und deine Sprache mehr über die Türkei und ihre Menschen zu erfahren und das Bild das Du gezeichnet hast ist genau das: menschlich, respekt- und liebevoll.

    Herzlich,
    Katja

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  2. Die gemeinsame Zeit nutzen, das ist wichtig und schenkt wertvolle Momente!
    Danke für Deine wundervollen Reiseberichte, es war schön, in den letzen Wochen mit Dir durch Deine Türkei zu reisen.
    Alles Liebe, Martina :-)

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  3. Ich bin ja so froh, dass ich mich nicht von dir verabschieden muss! Was für eine wunderbare Zeit ging für dich und nun für uns zu Ende. Danke, dass du uns mitgenommen hast.
    Liebe Grüße von Roswitha

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  4. Ich bin mal nach einem halben Jahr ausgereist mit einem 5 Mark Schein im Pass. Hatte mir ein gewitzter Mann aus Fetiye empfohlen.
    Zum Papiermache ein kleiner Tip- es gibt ein Isoliermateral für Häuser, das ist aus ganz fein geschreddertem Altpapier. Gibts im Biobaumarkt. Das, mit angerührtem Kleister verknetet( wie Mürbeteig), ist der Hammer zum Arbeiten für 1 bis 100 jährige.
    Liebe Grüße
    Lisa

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    1. Ja, das hattest Du schon einmal in einem Kommentar hinterlassen. Ich erinnere mich. Aber nicht nur der straßenbau hat sich geändert in den letzten Jahrzehnten. Das wäre in unserem Fall nicht gegangen. Und irgendwie finde ich es auch garnicht mal so verkehrt, wenn dieser ganze Bestechungskram nicht immer und überall stattfindet. Das Material, was Du meinst hört sich sehr verheißungsvoll an. Kannst Du da nicht den genauen Namen nennen? Ich habe nämlich schon zuvor auf Anraten alles mögliche gekauft, was sich z.T. als nicht optimal heraus gestellt hat. Es gibt auch BIO-Baumärkte???

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