14 Dezember 2012

XII Schwarzes Meer


Hallo Ihr Lieben!

Donnerstag, 26. Juni… endlich Abreisetag aus Istanbul. So interessant Istanbul auch sein mag, ich bin froh, wenn wir endlich aus diesem „Sumpf“ von Menschenmassen, Dreck und viel Lärm heraus können. Ganz offensichtlich habe ich es nicht so sehr mit diesen gigantischen Weltmetropolen (ca. 15 Millionen Einwohner). Papa und ich sehnen uns nach mehr Ruhe und Natur. Genau das erwartet uns in der Region des “Karadeniz“, Schwarzen Meeres.

Bis wir Istanbul hinter uns lassen dauert es eine ganze Weile. Meist ist so viel Betrieb auf den Brücken, dass nur zäh fließender Verkehr möglich ist. Aber irgendwann ist freie Fahrt. Wir fahren die unmittelbare Küstenstraße entlang, und nicht wie die meisten die sehr viel schnellere Autobahn.

Über Gümüşova und Düzce gelangen wir nach Zonguldak. Es ist unerträglich heiß. Man spricht vom heißesten Tag seit über 36 Jahren in Zonguldak. Und ehrlich gesagt: genau so fühlt es sich auch an! Wir zerfließen… Eines ist klar: wir können auf keinen Fall im Bus schlafen. Also machen wir uns auf die Suche nach einer Bleibe. Schnell haben wir ein Drei-Sterne-Haus aufgetan, was sauber und mit Klimaanlage ausgestattet ist, aber einem Vier-Sterne-Hotel gleicht. Wir atmen auf. Am nächsten Tag schauen wir uns nach dem Frühstück in aller Frühe die Stadt an und beschließen, den Kindern etwas Zeit am Strand zu gönnen. Zu meiner großen Verwunderung gibt es riesige Wellen, die mich mühelos immer wieder im Meer umwerfen. Die Kinder spielen am Kies-Sand-Strand. Reine Sandstrände sind in der Türkei eher Rarität. Aber durch die Steine wird’s ohnehin meist interessanter für die Kinder.

Der Fahrtwind macht die Hitze halbwegs erträglich. Die Schwarzmeerregion ist die Lunge der Türkei. Hohe Berge, dicht bewachsen, viel Grün und ein wolkenfreies Himmelblau – das ist unser beständiges Panorama vor Augen.

Wir kommen nur langsam voran. Durch die immense Steigung teilweise sogar nur im zweiten Gang, erklimmen wir die Berge. 50 km schaffen wir in gerade mal einer Stunde. Für uns aber kein Problem, schließlich haben wir keine Eile. Ich mache immer mal wieder Aufnahmen mit meiner kleinen Pixelquetsche, meist aus dem fahrenden Auto. Bei besonders schöner Aussicht bequeme ich mich aus dem Wagen. Inzwischen habe ich soooo viele Bilder gemacht, dass ich regelmäßig die Bilddaten auf DVD brennen muß, da mein großer Festplattenspeicher schon lange überquillt.

Weiter geht es über Akmanlar, Bartın nach Amasra.

Amasra hat mir gut gefallen. Ein kleiner, unspektakulärer, beschaulicher Ort, keinesfalls überlaufen, mit einem schönen Sandstrand und kristallklarem Wasser. Genau das Richtige, um mit den Kindern eine ausgedehnte Pause zu machen. Ich gehe abwechselnd mit Primus und Secundus in’s Wasser. Das Wasser ist sehr sauber und lauwarm. Die Kinder schließen Freundschaften, und nachdem jedem klar ist, dass sie nicht aus der Türkei sind, werden sie interessiert umringt und neugierig beobachtet. Die Jungs stört das keinesfalls.


In Kurucaşile machen wir erneut Rast, essen eine blutrote, zuckersüße Wassermelone mit dem berühmten türkischen „Kaşar“ (Kaschar) Käse… hmmmm köstlich. Dieses mal sind wir an einem Strand, der mit größeren Steinen durchsetzt ist. Alles hat seinen Reiz. Wir sammeln Steine und bauen eine kleine „Burg“ daraus.

Unser nächstes Ziel ist İnebolu. İnebolu verfügt laut Aussage meines Vaters über einen traumhaften Sandstrand. Ich bin gespannt. Wir haben noch ca. 300 Kilometer vor uns. Ein weiter Weg, wenn man bedenkt, mit welcher Geschwindigkeit wir vom Fleck kommen.

Irgendwann wird uns langweilig, und Papa legt eine Kassette ein. Heino!!! Papa hört gerne Heino. Also hören wir nun alle Heino. Der singt von dem Enzian und der schwarzen Barbara. Und plötzlich stimmen wir heiter und gelassen mit ein. Zumindest den Refrain kriegen wir halbwegs zusammen hin und lachen uns schlapp dabei, weil wir dabei das „R“ genau so rollen wie Heino. Im Gegenzug dazu gibt es dann den türkischen Heino, der hier „İbrahim Tatlıses“ heißt. Absolut lustig zu hören, wie Primus und Secundus da mitschmettern. Wir lachen Tränen, so sehr amüsiert uns das.

İnebolu ist ein kleiner Ort, den wir am frühen Abend erreichen. Auf den ersten Blick wirkt es verlassen. Es gibt nur wenige Hotels vor Ort. Das erste Haus, was wir uns anschauen, sagt uns zu. Freier Blick auf das Meer, direkt vor unserer Nase. Kurz nachdem wir unser Zimmer beziehen, geht es zum Abendessen. Erst am nächsten Tag wundere ich mich, da mir auffält, dass der viel gelobte Sandstrand von İnebolu gar keiner ist. Überall liegen große bis riesige Steine und Felsbrocken umher. Wir erfahren, dass vor einigen Monaten das tosende Meer den ganzen Küstenabschnitt verwüstet hat. Dabei wurden auch die großen Steinmengen an den Sandstrand gespült.

Unser Hotel verfügt unter anderem über einen schönen Pool. Wir beschließen einige Tage zu bleiben, aber Secundus bekommt plötzlich Fieber. Unsere Reiseapotheke ist mehr als gut bestückt, so dass der kleine Mann alles Erforderliche zur Genesung erhält. Am kommenden Tag geht es ihm so gut, dass wir doch beschließen weiter Richtung Sinop zu fahren.

Die Strecke nach Sinop folgt einer sehr kurvigen Straße über hohe Berge. Dieses mal kann uns weder Heino noch İbo ablenken. Hochkonzentriert kurven wir über die Berge.

Gegen Mittag sind wir in Sinop. Sinop hat viel Sehenswertes zu bieten, aber mit den Kindern können wir nicht alles erkunden. Es bleibt bei einem kleineren Rundgang. Dafür gibt es Meer satt. Ein wunderschöner Sandstrand verführt uns zu einem längeren Aufenthalt. Die Kinder werden zum wiederholten Male mit Sonnenschutzfaktor 50 eingeschmiert. Ich bekomme nicht genug davon, mich immer wieder in das kristallklare Wasser zu stürzen. So könnte ich es hier ewig aushalten. Nachdem die Jungs zuletzt hohen Wellengang gesehen hatten, haben sie Respekt vor dem Meer bekommen. Ich benötige mehrere Anläufe, um sie in das Wasser zu locken. Secundus möchte lieber bei seinem „Dede“ (Opa) am Strand bleiben, mit Primus mische ich das Meer auf. Wir haben viel Spaß!


Gut erholt beschließen wir, es bis nach Trabzon zu wagen. Über Samsun gibt es eine gut ausgebaute Autobahn bis nach Trabzon. Wir machen uns auf den Weg. Trabzon ist unser Endziel. Papa’s und meine Geburtsstadt. Dort lebt eine Vielzahl von Menschen, an denen wir sehr hängen. Frohen Mutes machen wir uns daran, die letzte Etappe unserer Reise zu bewältigen. Wir kommen gut voran, wenn auch hier und da Straßenbauarbeiten Staus bewirken. Gegen 22.00 Uhr kommen wir erschöpft aber wohlbehalten in Trabzon an.

Die kommenden Wochen werden wir zwischen Trabzon und unserem Dorf hin und herpendeln. Vermutlich werden wir auch an der Haselnußernte unserer Familie teilnehmen können, was für die Kinder ein besonderer Spaß sein wird. Primus und Secundus werden bis Anfang August in einer großen Gemeinschaft mit vielen Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen leben. Das freut mich ganz besonders. Denn ich bin uneingeschränkte Befürworterin der Großfamilie. Das Konstrukt „Mutter, Vater, Kind/er“ empfinde ich persönlich als nicht wirklich ausreichend. Das Leben in großer Gemeinschaft ist für jeden, insbesondere aber für so Kleine, eine absolute Bereicherung.

Wir sind nun seit ca. einer Woche hier, haben viele aus unserer Familie gesehen, aber noch lange nicht alle. Die Begegnungen sind bewegend und rührend, wie nicht anders zu erwarten war.

Nach genau acht Jahren sehe ich meine hiesige Familie wieder. Das letzte Mal geschehen, als ich mit meinem Vater meine geliebte Mutter zu Grabe getragen habe. Sie ist hier im Dorf meines Vaters begraben. Acht Jahre sind seit ihrem Tode vergangen, eine lange Zeit. Aber schwer war der Gang zu ihrem Grab dennoch. Die Jungs habe ich bewusst nicht mitgenommen. Aber sensibel wie Kinder nun einmal sind, haben sie ein absolutes Gespür für die Befindlichkeiten ihrer Bezugspersonen. Nach meiner Rückkehr wollte Primus sofort wissen, ob ich am Grab war, trotzdem ich ihm nichts davon gesagt hatte. „Mama, ich möchte aber auch mit hin“, waren seine Worte. Ich habe es ihm versprechen müssen.

Abends im Bett fand folgendes Gespräch nach unserem Nachtgebet mit Primus statt.

„Mama, wir sind in der Türkei…!“
„Hmmm, ja, das stimmt!“
„…Und Papa ist in Deutschland.“
„Ja, das ist richtig!“
„Mama, wo ist Gott? In Deutschland, oder Türkei?“
„Er ist bei uns Menschen, egal wo wir sind mein Engel!“
„Das ist gut, Mama!“

Die letzten zwei Tage war es wieder einmal unerträglich heiß. Glücklicherweise sind wir hauptsächlich in den Bergen, da lässt es sich zumindest in den frühen Morgen- und Abendstunden halbwegs aushalten. Aber auch dort sieht man in der sonstigen Zeit niemanden draußen umherlaufen.

In den Bergen habe ich keinen Internetanschluß, bin aber immer mal wieder in Trabzon, und kann von dort alles abrufen oder verschicken, was sich angesammelt hat.

Ich grüße Euch alle ganz herzlich, uns geht’s gut!

Pünktchen.





Kommentare:

  1. Was für ein rührendes Gute Nacht-Gespräch! Ich finde es auch sehr schön und wichtig, wenn Kinder guten Kontakt zu ihrer Großfamilie haben, auch wenn nicht alle unter einem Dach oder in der gleichen Stadt leben (können).
    Alles Liebe, Martina :-)

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  2. Ich bin gerade auch sehr gerührt über das Gespräch mit deinem Sohn.
    Ich weiß nicht, wie es ist, eine große Familie zu erleben, doch ich kann mir vorstellen, wie es sich anfühlt. Ich habe jetzt schon eine größere Familie, als die in der ich aufwuchs. Ich finde unsere Kleinfamilien auch eher nicht so günstig für die Entwicklung von Kindern. Aber auch nicht für uns Erwachsene. Es lastet zu viel auf wenigen Schultern.
    Liebe Grüße, Roswitha

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