05 Dezember 2012

VII Der Wermutstropfen unserer Reise



Çanakkale  gefällt mir! Es gibt einige historische Besichtigungsmöglichkeiten, und der Ort ist mit seinen Cafes und Einkaufsmöglichkeiten ganz nett anzusehen und nicht überlaufen.

Allerdings, und das soll wohl ein ständiger Wermutstropfen dieser Reise bleiben, ist das Umweltbewusstsein meiner Landsleute quasi nicht vorhanden. Müll, wohin man den Blick auch wendet. Uns tut das in der Seele weh, dass die hier lebenden Menschen so gar kein Empfinden dafür zu haben scheinen, wie sehr sie dieses wunderschöne Land und seine traumhafte Natur mit ihrer Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit verschandeln. Es ist, als hätten sich alle daran gewöhnt oder zumindest damit arrangiert, draußen im Dreck zu leben. Kaum eine Fußgängerzone, in der nicht einpaar kaputte Meter Lauffläche auftauchen, Plastiktüten allerorts, unzählige Zigarettenkippen auf kleinster Fläche. Man könnte heulen, so schlimm ist das! 


Als wir von Çanakkale aus mit der Autofähre nach Eceabat übersetzen, erregen wir Aufmerksamkeit, weil Secundus mit seinen noch nicht einmal zwei Jahren Müll vom Boden aufhebt und diesen in einen Papierkorb wirft. Das ist hier leider mehr als nur ungewöhnlich. Dafür werde ich Zeuge dessen, wie ein älterer Mann eine Plastiktrinkflasche einfach so vor den Augen aller über Bord, in das Meer hinein wirft. Als ich ihn frage, warum er nicht den Mülleimer nutzt, welcher gerade mal zwei Meter neben ihm steht, zuckt er mit den Schultern und wiegelt ab.

Das ist unendlich traurig und auch zum Verzweifeln. Wen auch immer ich diesbezüglich anspreche, pflichtet mir resigniert bei. Ich habe das Gefühl, als hätten es alle aufgegeben, in dieser Hinsicht irgendwie aktiv zu werden. Ich frage mich, wie viel daran die jetzigen Kinder wohl werden ändern wollen, wenn sie schon jetzt auf Spielplätzen spielen, die in Müll und Dreck untergehen. Sie werden im Alltag so sehr damit konfrontiert, dass sie es später für vollkommen normal halten werden. Das tun sie ohnehin schon jetzt, da es ihnen an dementsprechenden Vorbildern mangelt.

Während ich vor Entsetzen überall nur noch Dreck und Müll sehe, verschließt sich mein Blick automatisch dem Schönen um uns herum. Die Menschen erscheinen mir in dieser Hinsicht leider sehr phlegmatisch. Unweigerlich richtet sich mein Blick in Richtung Schulen. Dort wird glücklicherweise versucht, den Kindern in punkto Umwelt viel beizubringen. Aber das wird lange brauchen, bis aus dieser Saat eines Tages entsprechende Früchte aufgehen. 


In Eceabat machen wir einige Stunden Rast am Strand. Primus und Secundus gehen mit den Füßen ins Wasser, schmeißen Steinchen, bewundern den Fischfang eines Anglers. Und wieder das leidige Bild von unzähligen Plastikflaschen und ihren Verschlüssen, Tüten über Tüten, Zigarettenkippen… Mein Gott, wo soll das bloß hinführen?! Die Türkei, dieses wunderschöne Land, eine Mülldeponie?... Ich will das nicht glauben, aber es fällt mir immer schwerer genau das nicht zu tun.


Und weiter geht's mit unserem Bus...




Wir sind in Istanbul! Wir haben es geschafft; wir sind geschafft. Wir haben die Fahrt hierher mit unzähligen Schutzengeln überlebt: uns sind tatsächlich auf der Autobahn Richtung Istanbul zwei Geisterfahrer entgegen gekommen. Papa hat mir zuvor oft über die chaotischen Verkehrszustände in der Türkei, sowie insbesondere in den Großstädten erzählt. Istanbul als Millionenmetropole bricht alle Rekorde. Ich habe ihm zwar geglaubt, manches aber auch für Übertreibung gehalten. Dem ist nicht so! Der Verkehr in der Türkei ist eine Katastrophe! In Istanbul spitzt sich alles um ein Vielfaches mehr zu. Es scheint nicht nur so, dass jeder fährt und macht, was er meint und will. Das ist unvorstellbar! Dennoch hat das hiesige Chaos auch System. Die Menschen, die hier leben bewegen sich problemlos darin. Die einzigen, die damit schwer klar kommen, sind Menschen wie wir von "Außerhalb".

Sollte es den einen oder anderen von Euch jemals nach Istanbul verschlagen, dann fahrt nach Möglichkeit nicht selber. Dadurch, dass aus europäischer Sicht nur Irre in Autos unterwegs zu sein scheinen, und man jederzeit mit jeder erdenklich vorstellbaren Katastrophe aus allen Himmelsrichtungen rechnen muß, passiert glücklicherweise eher selten ein Unfall. Aber wenn, dann sind die Folgen verheerend.

Seitdem wir hier sind, sind wir bislang nur zu Fuß unterwegs. Die Kinder müssen an der Hand gehen – ohne wenn und aber! Ein Gutes hat diese strikte Maßnahme jedoch: wenn sie stolpern, und das passiert hier bei diesen oftmals kaputten Gehwegen unentwegt, kann man sie vor schlimmen Stürzen bewahren. Warum die Bordsteinkanten in der Türkei oft dreißig Zentimeter hoch sind, dass begreife ich nun. Es ist zugleich auch ein relativ guter Schutz gegen Autofahrer. Auf der anderen Seite: wird man nicht von einem Autofahrer platt gefahren, so bricht man sich vermutlich das Genick beim Absturz von der Bordsteinkante…

Ansonsten telefonieren Primus und Secundus jeden Abend mit ihrem Papa in Deutschland. Herrlich zuzuhören, wie und was Primus dann im Einzelnen berichtet. Es stimmt alles haargenau!

Überrascht war ich, als Primus heute das erste mal seinen Bruder ganz selbstverständlich auf Türkisch angesprochen hat und ihn bat, sich doch bitte auf den Stuhl zu setzen. Ich habe mich riesig gefreut, dass er das Gehörte doch offensichtlich so gut aufnimmt, um es dann bei passender Gelegenheit wieder zu geben. Ja, dies sind noch die kostbaren Jahre der Kindheit, wo man eine fremde Sprache quasi über das Ohr verinnerlicht und nicht wie wir, sich das leidvoll in das Gehirn meißeln muß.

Ich freue mich für unsere Söhne, dass sie aus dem Reichtum der unterschiedlichen Kulturen ihrer Eltern schöpfen können. So soll es sein, so soll es bleiben!

Anbei einige unsortierte Eindrücke aus Istanbul...

 



















Kommentare:

  1. Du Liebe, ja . Bei allen Türkeireisen empfinde ich auch immer eine große Traurigkeit über diese Welt, die seit ca. 20 Jahren meint, ohne Plastiksäckchen und - flaschen sei kein Leben möglich. Der Witz, oder besser das Trauerspiel ist ja aber, dass wir hier in Deutschland meinen, wir hätten alles im Griff, nur weil wir alles ordentlicher wegräumen. Wir kaufen auch diese Pseudopfandflaschen. Und wir leben in einem Land, wo man das Wasser wirklich gut und ohne sich zu gefährden aus der Leitung trinken kann. Als ich so 10 Jahre alt war, das war 1970, ja soo alt bin ich schon, hat hier auch noch jeder alles einfach auf die Strasse geworfen. Es gab nur nicht so viel Verpackungen. Da muss man ansetzen. Nichtnur am Verstecken des Mülls. Ich habe immer die Hoffnung, dass die Kinder in den Schulen irgendwann auch mal beigebracht bekommen, dass Dinge ohne Plastikverpackung nicht weniger wert sind. Auch in der Türkei. Bewußtsein dafür kann ja nicht nur über Einsicht wachsen, sondern vor Allem über Gewöhnung. Und, da hast Du Recht, über Vorbilder. Aber- wie gesagt. 1970 war es hier im Prinzip nicht anders.Und auch wir müssen da noch so viel lernen. Vor Allem Bescheidenheit. Also, immer Hoffen.
    Liebe Grüße
    Lisa

    AntwortenLöschen
  2. In Istambul war ich nie, aber rein von deinen Eindrucks-Bildern her sieht es faszinierend aus und man vermuted den Dreck nicht. Ich glaube übrigens nicht dass das ein türkeispezifisches Problem ist, denn mir fiel das gleiche in Spanien extrem auf, wo die fats trockenen Flussbette im Sommer angefüllt sind mit Müll... aus Sardinien, wo die Straßenränder über hunderte von Kilometern Müllkippen gleichen und an Stränden auf Mallorca, wo im Winder so viel Plastikmüll angeschwemmt wird, dass man kaum noch Sand sieht.
    Aber so weit muss man ja gar nicht gehen - wenn ich mir anschaue was die Mäher der städtischen Gärtner auf den Grünstreifen zwischen Fahrspuren beim Mähen alles zerfetzen und wie viele an den Ampeln dieses Stadtgrün als Mülleimer benutzen, um mal kurz ihren Autodreck inklusive Aschenbecherinhalt loszuwerdebn, dann schämt man sich fremd. Und ist fassungslos, woher diese Gleichgültigkeit gegenüber dem öffentlichen Raum und der Natur kommt.

    Lieber Gruß,
    Katja

    AntwortenLöschen
  3. Viele viele tolle Bilder!

    Nach dem Film Planet Plastic deinen Text zu lesen macht mich wütend. Wie die Erde nachhaltig verschmutzt wird....
    Ich reise schon nicht in Länder, in denen ich von Straßenhunden und wilden Katzen umgeben wäre - ich kann das nicht.
    In ein Land zu reisen, von dem ich weiß, dass es zugemüllt ist bzw. wird wäre für mich auch schlimm....

    AntwortenLöschen
  4. Wieder kann ich nur sagen, danke für´s mitnehmen. Ja, der Müll ist ein Problem, ich bemerkte es ja auch in meinem Bericht. Und wie die Vorschreiberinnen schon sagten, hier ist auch so manches zweifelhaft, was mit Müll zu tun hat. Es ist nicht so stark offensichtlich, außer die angesprochenen "kleineren" Müllecken. Ich registriere jeden Autofahrer vor mir, der eine brennende Kippe aus dem Fenster wirft als eben solchen Umweltsünder. Mal abgesehen davon, dass ich mich im Dunkeln auch noch erschrecke, wenn da das rot glühende kleine Feuerwerk vor mir auf die Straße purzelt.
    Doch auch sehr schöne Eindrücke hast Du fotografiert und da waren sie wieder, die hübschen kleinen bunten Schälchen. Meins ist ständig in Benutzung, es ist so herzerfrischend bunt.
    Liebe Grüße
    Roswitha

    AntwortenLöschen