26 November 2012

VI Unverhofft kommt oft!


Meine Lieben,
es ist warm, zu warm für die jetzige Jahreszeit hier. Ein langer Tag neigt sich dem Ende. Und ich will noch berichten, da ich ob der Wärme eh nicht in den Schlaf finden kann. Papa und die Jungs schlafen selig schon seit Stunden. Was also ist geschehen, seit wir Içmeler unter winkenden Abschiedsgrüßen einiger uns lieb gewonnener  Menschen verlassen haben?


Bodrum war unser nächstes Ziel. Ein sehr touristischer Ort, der auch heiß begehrt unter der türkischen Bevölkerung ist. Da ich noch nie dort war, und die Saison eigentlich noch nirgends wirklich eröffnet ist, haben wir es trotz der Hitze dorthin gewagt… und haben vor lauter Schreck die Luft angehalten. Bodrum ist zur Zeit derart überfüllt, dass wir während wir die ganze Innenstadt durchfahren haben, nirgends auch nur einen Parkplatz bekommen haben. Es war keiner da! Dazu die engen Straßen, chaotische Autofahrer, die sich hier zu Lande an kaum eine Regel der Straßenverkehrsordnung halten. Ich habe heute mindestens zwei mal mit meinen eigenen Augen gesehen, wie eine rote!!! Ampel ganz gelassen von Autofahrern überfahren wurde. Unglaublich! Dazu das permanente Hupkonzert aus allen Himmelsrichtungen. Es wird links geblinkt und rechts gefahren, dort überholt, wo’s gar nicht erlaubt ist etc. Ich habe meinen Vater noch nie so meckern hören.

Am Jachthafen haben wir eine Pause eingelegt: den Wagen haben wir mehr oder minder an einer Grünfläche abgestellt. Was dort für Segelschiffe und Jachten zu sehen sind, das ist einfach unbeschreiblich! Die Menschenmassen auf den Straßen waren erdrückend, dazu die warme Luft… Recht bald war klar, dass wir hier nicht weiter bleiben wollten -  trotzdem Bodrum wegen seiner weißgetünchten Häuser an den Berghängen einen etwas anderen Eindruck macht, als das, was ich bislang so von der Türkei kenne oder gesehen habe. Einige Türken mit denen wir ins Gespräch kamen, bestätigten unseren Eindruck, dass Bodrum dieses Jahr viel früher als sonst zum Bersten gefüllt mit Menschen sei. Quasi im Weggehen registrierte ich noch einige horrende Preise, die ich in den Auslagen der Geschäfte erkennen konnte. Nein, diese Qual war uns Bodrum nicht wert. Schnell waren wir uns einig, und nachdem ich mit den Kindern genussvoll von einem Maulbeerbaum genascht hatte, sind wir weiter gefahren in Richtung Izmir.



Noch unentschlossen, wie weit wir fahren und wo wir übernachten, rief ich plötzlich laut: „Anhalten!“ Aus den Augenwinkeln hatte ich etwas ganz Ansprechendes ausgemacht. Papa hielt an. Ca. 200 m weiter. Wir mußten noch mal zurück setzen und kamen vor einem kleinen Hotel zum stehen. Weit und breit kein Mensch zu sehen, dafür an der Tür ein Zettel neben einer Sprechanlage mit krakeliger Schrift: „Wenn Büro nicht besetzt, bitte die Null wählen!“ Das tat ich. Jemand sagte, er würde gleich kommen. Wir warteten. Papa und ich einigten uns darauf in’s Hotel zu gehen, nachdem ich mir einige Zimmer zeigen ließ. Einfache, großzügige Räume in kleinen Bungalows, terrassenartig in einem Olivenhain angelegt – fast hätte es eine Finca auf Mallorca sein können, mit wunderschönem Panoramablick über den Bafa-See. 


Ich konnte meine Begeisterung kaum verbergen, so schön war der Ausblick in dieser wundervollen Stille des riesigen Sees. Es wurde gerade das Buffet für das Abendessen vorbereitet. Ich sage nur: es war ein Gedicht! Unten, direkt am See, wurde stimmungsvoll bei Kerzenschein getafelt. Phantastisch! Wehmütig habe ich an meinen Mann gedacht. Dem hätte das ebenfalls sehr zugesagt. Da war ich mir ganz sicher! Die Klimaanlage verhalf mir später in guten Schlaf.


Am nächsten morgen wurden wir mit einem königlichen Frühstück zufrieden gestellt und sahen erstmals bei Tageslicht, wie wunderschön wir es zufällig getroffen hatten. Nach diesem gelungenen Start machten wir uns auf den Weg.

Izmir, eine Großstadt, in der ich auch noch nicht war. Nur in der Nähe, in Kuşadasi  war ich mal vor vielen Jahren (der Vogelinsel), ebenfalls stark von Touristen frequentiert. Kuşadasi haben wir ganz freiwillig von unserer imaginären Liste gestrichen. Da ist’s jetzt nicht minder voll als ich Bodrum.

Izmir also! Papa hatte sich telefonisch mit einem ehemaligen Lehrerkollegen verabredet, der dort lebt. Sie sahen sich vor über vierzig Jahren das letzte Mal. Je weiter wir uns Izmir näherten, umso mehr schwante uns nichts Gutes. Eine große Stadt! Eine extrem laute noch dazu. Wir konnten den Krach auf den Straßen kaum ertragen. Ich habe mal einfach so mein Diktafon in die Luft gehalten und auf Aufnahme gedrückt: Ohren betäubender Lärm war das Resultat. Zu viele Menschen, zu chaotische Autofahrer, zu viel Krach, zu viel Dreck, zu viel des Guten!

Wir haben uns, nachdem wir uns das begehrteste Viertel von Izmir angesehen haben, mit Papa’s Freund getroffen. Ich wurde Zeugin bewegender Momente. Einst zwei junge, dynamische Kerle, gerade ins Berufsleben eingestiegen, Familiengründung hinter und die Zukunft noch vor sich... Heute zwei ältere Herren, mit wachen und lebendigen Augen, jung gebliebene Alte, mit schönen und schweren Erinnerungen im Gepäck. Rührend war’s. Ich habe still der Unterhaltung gelauscht.

Danach war klar: bloß raus aus Izmir! Und wir waren uns einig: Großstädte sind nicht wirklich etwas für uns. Ich kenne glühende „Izmir-Anhänger“ – wir gehören definitiv nicht dazu.

Nun sind wir gerade wieder in einer Art Hotel. Wir haben ein Zimmer bezogen in einem der so genanten „Lehrer-Häuser“, welche die Regierung für ehemalige Lehrer des Landes zu einem geringen Entgelt zur Verfügung stellt. (In der Türkei zollt man Lehrern sehr viel Respekt). Sie sind weit über die ganze Türkei verstreut. Für ehemalige Bedienstete und deren Familienangehörige. Allerdings gibt es keine Standards. Das eine Haus kann einem Vier-Sterne-Hotel ebenbürtig sein mit Pool und allem Komfort, was dazu gehört, und das andere erinnert mehr an eine Jugendherberge. In Letzterem sind wir gelandet. 


Ach übrigens, ich vergaß zu erwähnen, dass wir gerade in Ayvalık sind. Ebenfalls ein begehrter Urlaubsort der Türken. Viele haben ihren Alterswohnsitz hier. Ein netter Hafen, an dem wir entlang spaziert sind, nachdem wir unser „Zimmer“ bezogen hatten. Gestern hatten wir solch’ ein unsagbares Glück mit unserer Unterkunft, und heute ist so ziemlich das Gegenteil der Fall. Aber die Kinder sind müde, wir ebenfalls. Daher eine reine Vernunftentscheidung, das Zimmer wider Willen zu nehmen. Das ist zu allem Überfluß auch noch OHNE Klimaanlage. Seufz…  Dafür gibt’s hier zu meinem großen Erstaunen WLAN. Tss tss…

Naja, man hat eben nicht immer Glück. Morgen früh Frühstück, und dann schlendern wir noch etwas durch den Ort. Danach geht’s weiter nach… Aber das schreibe ich Euch dann, wenn’s auch wirklich passiert ist. Denn jetzt möchte auch ich versuchen zu schlafen.

Gute Nacht, Freunde! Danke für Eure Zeilen! Ich freue mich sehr darüber!

Bis zum nächsten Mal – Euer Pünktchen.



Kommentare:

  1. Menno, ich komm nicht mehr mit mit dem Lesen. Hoffentlich hab ich am Wochenende mal die Zeit, deinen kompletten Reisebericht nochmal in Ruhe zu lesen.

    Herzlicher Gruß,
    Katja

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  2. Danke für´s schreiben und berichten. Bin müde und in Arbeitsvorbereitung. Wollte mich trotzdem kurz melden.
    Liebe Grüße
    Roswitha

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  3. Es scheint noch anderen so zu gehen wie mir... aber ich möchte dir doch kurz sagen, dass ich alle diese Reiseberichte sehr gerne lese! Sie entführen einen mitten in der kalten Jahreszeit in ein Sommer- und Sonnenland, man kann sich ein bisschen hineinträumen - und dann mit Freude auch wieder Weihnachtsplätzchen backen gehen, denn der Winter hat ja auch seine "Sonnenseiten"!
    Danke und alles Gute dir und deiner Familie,
    Brigitte

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  4. Ohje... Hitze und Stress... das kling nicht gut. Ich hoffe, es geht besser weiter- und du kommst zu ein wenig frischer Luft, viele Bade-Freude und ein bisschen Ruhe (und Schlaf)
    Herzlich
    Bora

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  5. Die Begegnung der beiden Männer muss ein bewegender Moment gewesen sein. Es klingt so viel Weisheit mit in dem, was du schreibst. Und die Bilder: wundervoll!
    Ich kann mit lauten Städten sehr schlecht zurecht kommen, merke ich. Gerade gestern war ich in meiner Geburtsstadt und konnte es gar nicht fassen, wie schwer es mir fiel mit all den Leuten, dem Lärm, den vielen Autos... ich war so froh, als wir wieder im Auto auf dem Nachhauseweg waren. Viele Stunden zu fahren (aber schlafende Kinder, jupidu!), aber es war gut, über alles nachzudenken während der Zeit. Wie schnell man sich an Stille gewöhnen kann. Und wie bedrückend der Lärm wirken kann.
    So schön dein Reisebericht, so reich. Ich fühle mich wirklich beschenkt beim Lesen. Alles Liebe. maria

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  6. Immer noch liegen deine reiseposts hier auf meinem Desktop udn ich komme nicht dazu, sie in Ruhe zu lesen. Eine Schande. Zum Glück laufen sie nicht weg.
    Der Zuckerguss ist in ca. 3 Stunden fest, danach schmiert er nicht mehr. :-)

    Lieber Gruß,
    Katja

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