04 Oktober 2012

Necmi bey


Mein Onkel - schmusend mit unserem Jüngsten in seiner Wohnung, in der Türkei

Necmettin (strahlender Stern am Himmel), so hat ein Bruder meines Vaters geheißen. Er war ein sehr feiner Mann, so daß ihn alle Freunde und manchmal auch Familienmitglieder Necmi bey (Herr Necmi) nannten. Ich habe viele Erinnerungen an ihn. Er legte sehr viel Wert auf Bildung und gute Umgangsformen, auf ein gepfegtes Äußeres. Ein herzlicher Mann war er, der mich in meiner frühen Kindheit sehr oft neckte und bei seinen Besuchen nicht selten zur Weißglut trieb. Nicht meine Eltern, sondern er war es, der mir den Namen eines Schönwetterwindes gab. Glücklicherweise fanden auch meine Eltern Wohlgefallen an diesem Namen. Onkel Necmi war der Erste aus der Familie meines Vaters, der unter schweren Bedingungen erfolgreich studierte. Er war es, der danach meinen Vater finanziell unterstützte,  damit auch dieser fern der Heimatstadt studieren konnte. Ihm z.B. hat mein Vater den ersten Wintermantel seines Lebens zu verdanken, der eigens für ihn geschneidert wurde. Ich erinnere mich daran, daß mein Onkel mir immer riesige Tafeln mit Schokolade mitbrachte. Das war eine Seltenheit für mich. Und dann amüsierte er sich köstlich, wenn ich Dreikäsehoch ihn beim Teilen versuchte über's Ohr zu hauen. Auch erinnere ich mich daran, daß er große Freude daran hatte, mit mir Schuhe kaufen zu gehen. Ich durfte mir dann auch wirklich ganz alleine ein Paar aussuchen, das mir gefiel. Ja, mein Onkel hatte Freude daran, anderen eine Freude zu machen. Wenige Jahre später wurde er selbst Vater. Er war ein sehr liebevoller Vater, aber er konnte gnadenlos werden, wenn die Schulleistungen meiner Cousine und Cousins nachließen. Dann gab es Nachhilfestunden - wenn's sein mußte, die ganzen Sommerferien hindurch, bis die Noten wieder gut waren. Vorher konnten sich die beiden jegliche Freizeit abschminken. Das war bestimmt nicht immer einfach für die Kinder. Heute haben diese beiden beeindruckende Karrieren gemacht. Nur ist dabei das Verhältnis meiner Cousine zu ihrem Vater nicht unbelastet geblieben. Vor wenigen Jahren habe ich meinen Onkel und seine Frau das letzte Mal gesehen. Mein Onkel war seit vielen Jahren schwer krank, und jeder von uns rechnete zu jeder Zeit mit seinem Ableben. Völlig überraschend starb seine Frau vor wenigen Jahren. Ab da lebte er alleine in der Wohnung, wo ihm eine Zugehfrau den Haushalt führte und ihn täglich frisch bekochte. Onkel Necmi war stets sehr ängstlich, wenn es um den Tod ging. Das äußerte er immer wieder. Trotzdem er dreierlei Krebsarten in sich hatte, die normalerweise einen Menschen zuverlässig binnen kürzester Zeit in's Grab bringen, lebte er nahezu zwei Jahrzehnte damit. Vor wenigen Monaten bekam seine Tochter ihr erstes Kind, und mein Onkel hatte Gelegenheit die Kleine kennen zu lernen und zu lieben. Wir telefonierten ausführlich, als ich ihm überschwenglich zu seinem dritten Enkelkind, und unserem derzeit jüngsten Familienmitglied, gratulierte. Kurz darauf erreichte mich die Nachricht, daß er hilflos von seiner Zugehfrau  in der Wohnung liegend aufgefunden worden sei, nachdem man die Türe hat aufbrechen müssen. Er hatte einen üblen Schlaganfall erlitten und hatte mindestens zehn Stunden in dieser furchtbaren Situation allein verbringen müssen. Solche Nachrichten sind furchtbar, sie erschüttern jeden von uns. Ab da telefonierte ich täglich mit den unterschiedlichsten Familienmitgliedern in der Türkei und hielt mich auf dem Laufenden. 30 Tage hat mein Onkel auf der Intensivstation gelegen, wurde künstlich beatmet. Seine Kinder waren, so es sehr begrenzt zugelassen wurde, bei ihm. Ich habe viel gebetet in dieser Zeit. Dafür, daß ein Wunder geschehen, oder aber er Erlösung finden möge. Denn so, das wußten wir nur zur genüge, wollte mein Onkel nie leben. Ich telefonierte noch mit einem meiner weiteren Cousinen, die in den letzten Jahren sich in aller Regelmäßigkeit um ihn gekümmert hatten. Es gab keinerlei Veränderungen - weder zum Guten, noch zum Schlechten hin. Meine Cousine und ich beteten gemeinsam am Telefon. Bedrückt legte ich auf. Sechs Stunden später rief mich mein Vater an und sagte mir sehr gefaßt, daß sein noch einzig lebender  Bruder gestorben sei.
  
Wir sind sehr traurig, aber nicht verzweifelt. Heute wird in großem Kreise seine Beerdigung am anderen Ende der Türkei stattfinden. Sein Sohn, der wenige Tage vor seinem Tod wieder abreisen mußte, wird neben seiner Schwester und vielen, vielen anderen bei der Beerdigung wieder dabei sein. Es gibt ein Familiengrab in den Bergen - da wo sie alle herkommen. Ganz schlicht. 


Onkel Necmi vor einigen Jahren, als ich ihn zuletzt sah.

Necmi bey, ich werde immer mit dankbarem Herzen an dich denken. Du hast viel für unsere Familie getan. Ohne deine Unterstützung würden heute viele aus unserer Familie in deutlich bescheideneren Verhältnissen leben, als sie es nun tun. Ruhe in Frieden Du leuchtender Stern am Himmel! Ruhe in Frieden!


Kommentare:

  1. Das tut mir wahnsinnig leid.
    Ist es leichter zu gehen, wenn man weiß, dass man geliebt wird? Du hast so viel Respekt und Liebe für deine Familie, das berührt mich jedes Mal aufs neue. ich hoffe, sie wissen das.
    Heimat ist auch und vor allem, sich geliebt zu fühlen.

    Fühl Dich herzlich umarmt,
    Katja

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  2. Liebe Katja, ich weiß es nicht, ob es leichter wird zu gehen, wenn man geliebt wird. Der Gedanke wäre schön. Ich weiß nur, daß es unendlich schwer ist für mich Abschied zu nehmen für immer. Ich bin soo ungeheuer schlecht darin und habe in dieser Hinsicht immer noch viel zu lernen. Ich übe das, solange ich denken kann. Und trotzdem ist mein Herz jedes mal so schwer. Danke für Deine mitfühlenden Worte.

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    1. Mein Onkel, der jüngste Bruder meines Vaters, ist gestern Morgen auch gestorben - das habe ich am Abend erfahren...
      Die beiden Brüder gingen vor 25 Jahrem im Streit auseinander. Mein Onkel rief meinen Vater letzte Woche an und wollte sich bei einem Treffen aussprechen. Dazu kommt es jetzt nichtmehr. Sowas sollte nicht passieren.
      Streit sollte immer geklärt werden. Gleich. Sonst bleibt dafür irgendwann keine Zeit mehr.

      LG, Katja

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    2. Oh, das ist in der Tat sehr bedauerlich. Nein, ein Segen, daß es das in der Familie meines Vaters so nicht gibt. Die Geschwister hatten von jeher eine äußerst innige Beziehung zueinander. Klar, waren auch sie nicht immer einer Meinung, aber sie haben sich stets mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Und es gab nichts, was ungesagt blieb.

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  3. Was für eine schöne Bedeutung sein Name hatte.
    Danke für die so offene Geschichte Deiner Familie.
    Alles Gute für Dich in dieser traurigen Zeit.
    R.

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    1. Liebe Roswitha, wir sind traurig, ja. Aber wenn ich mir vorstelle, daß er da noch ewig an Maschinen angeschlossen hätte sein müssen, dann freue ich mich ehrlich gesagt für meinen Onkel, daß er gehen konnte. Was mich darin bestärkt das so zusehen ist, daß er immer sagte, daß er so nie enden möchte.

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  4. mascha kaleko hat das in einem ihrer gedichte so schön in worte gefasst:

    "... den eignen tod, den stirbt man nur,
    mit dem der andern muss man leben ..."

    wie immer hat mich deine schöne erzählung berührt, die wärme und liebe für deine familie geht aus jedem wort hervor.
    drücke dich fest
    lg
    ilona

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    1. Liebe Ilona, ich danke Dir für Deine Worte und die Umarmung. Auch wenn wir uns nicht kennen: wohlwollende Worte verfehlen nie ihre Wirkung.

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  5. Gestern habe ich mit viel Freude deinen Bericht über das Großmutter-Haus gelesen, konnte aber nicht gleich was dazu schreiben. Und nun lese ich ganz betroffen vom Tod deines Onkels, den du so liebevoll beschreibst. Das ist trotz aller Trauer ein Segen, der über den Tod hinausreicht: die Liebe, die ein Mensch ausgestrahlt hat und die in der Familie weitergegeben wird und weiterstrahlt (oft, ohne dass es einem bewusst ist). Dieser Onkel wird in euren Herzen sehr lebendig bleiben, ebenso wie die Großmutter. Unsere Herzen sind der Ort, wo wir ihnen nahe sein können, den verstorbenen Lieben. Je älter ich werde, desto deutlicher empfinde ich die Realität dieser Zusammengehörigkeit über den Tod hinaus - und wie eine große, uns unbegreifliche Wirklichkeit alles und alle umfasst.
    Und ich wünsche euch sehr, dass die Hausaufbau-Pläne sich verwirklichen lassen. So ein Treffpunkt in der alten Heimat ist eine wunderbare Sache für Leute, die ausgewandert sind, und Familien, die weit auseinander wohnen (das ist bei uns ja ähnlich).
    Alles Liebe und herzliche Grüße,
    Brigitte

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    1. Vielen Dank für Deine zugewandten Worte, liebe Brigitte.

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  6. Das tut mir wirklich sehr, sehr leid... Schön aber, dass er so sehr geliebt wurde...
    Bora

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  7. Jedes mal, wenn einer unserer Ältesten gehen muß, entsteht ein riesiges, trauriges Loch. Das mit Freudvollem zu füllen kostet viel Kraft. Dann erinnern wir uns gerne an die Geschichten mit demjenigen, der uns vorausgegangen ist und erzählen diese immer wieder. Und irgendwann wird auch das Lachen wieder möglich.

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