18 September 2012

Zur Traubenzeit


Meine Großmutter väterlicherseits hatte armenische Vorfahren. Mit einem Altersunterschied von 17 Jahren verliebten sich mein Großvater Ibrahim und meine spätere Großmutter Leyla unsterblich ineinander. Ihre Eltern stimmten dieser Verbindung zu. Im Jahre 1935 wurde mein Vater als Vorletztes  von sieben Kindern in den Bergen der Schwarzmeerregion geboren. Die Familie durchlebte schwere Zeiten in großer Armut. Mein Großvater, der im osmanischen Reich so etwas wie eine Art Bezirks- oder Gemeindeleiter war, weigerte sich damals hartnäckig unter Atatürks Modernisierungsmaßnahmen für die Türkei, seinen Bart abzunehmen. So wurde er entlassen. Jahre der Entbehrung folgten. Die Familie lebte von dem, was die Landwirtschaft, mit einfachsten Mitteln erwirtschaftet,  abwarf. Mal gab es bessere Jahre, dann wieder sehr schlechte, in denen man sich nur ungenügend ernähren konnte. Typhus und Cholera waren in der Zeit keine Seltenheit. Die Kleidung für die harten Wintermonate war mehr als unzureichend. Die Kinder besaßen, wenn überhaupt, nur Hartgummilatschen, mit denen sie auch im Winter täglich kilometerweite Strecken durch den kniehohen Schnee zur Schule bewältigen mußten. Nach der Schule packten alle bei den täglich anfallenden Arbeiten an. Da waren auch die Kleinsten nicht außen vor. Die durften sich dann um den Stall und die wenigen Rinder kümmern, oder mußten noch jüngere Familienmitglieder in Schach halten. Warum ich das alles schreibe?! Ich finde es so ungeheuer wichtig nicht zu vergessen, woher man kommt. Heute feiern wir den Geburtstag meines Vaters, obwohl er vermutlich heute garnicht Geburtstag hat. Mein Großvater starb, als mein Vater 15 Jahre alt war. Meine Großmutter war zeitlebens Analphabetin. Befragt nach dem Geburtsdatum meines Vaters antwortete sie: "Du wurdest zur Traubenzeit geboren!" Das ist in jener Region der September. Später, als die Geburtsdaten gemeldet werden sollten, übernahm das irgendjemand aus der Familie. So wurde nach diesen ungenauen Angaben der 18.September als Geburtstag für meinen Vater erfaßt. 

Canim babam, vielleicht wurdest du nicht am 18. September geboren, sondern irgendwann davor, oder danach. Für uns ist einzig wichtig, daß Oma Leyla Dir vor 77 Jahren das Leben geschenkt hat. Mögen dede Ibrahim und babaanne Leyla in Frieden ruhen. Sie durften ein einfaches, oftmals auch ein schweres Leben leben. Aber sie waren stets aufrichtig und haben alles Menschenmögliche unternommen, damit du und deine Geschwister eine Chance auf Bildung erhalten konntet.

Babaanne Leyla war Analphabetin. Aber sie hatte auch das, was man wohl Herzensbildung nennt. Sie war eine unglaublich starke Frau, die ihren Mann und ihre Kinder sehr geliebt hat. Bis zuletzt stand sie tief gebeugt im Kartoffelacker, um einzelne Kartoffeln, die andere übersehen hatten, auszubuddeln. Dank ihr und den älteren Geschwistern konntest auch du ein Studium beginnen.  Was deine Mutter, meine Oma,  geleistet hat, das erfüllt mich heute noch mit großer Demut und Dankbarkeit. Ich bin glücklich, sie als eine ungeheuer liebevolle und warmherzige Oma etliche Jahre genossen zu haben. 

Canim benim, ich genieße sie auf ganz besondere Weise, die Traubenzeit. Ich danke Gott dafür, daß es diese Familie, daß es dich gibt. Alles Liebe und Gute von uns Vieren zum Geburtstag, mein Herz! Bleibe uns noch etliche Jahre erhalten. Mehr gibt es nicht, was ich wünschen kann.

Kommentare:

  1. Das ist heute mein Betthupferl, wie es Katja gestern sagte.
    Mutige Urgroßeltern und Großeltern. Eine sehr bewegende und herzliche Vergangenheit, Deine Geschichte. Ich spüre sie bis in mein Herz.
    Ich wünsche euch noch eine lange intensive Zeit mit Deinem Vater!

    Gute Nacht, Roswitha.

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    1. Danke für Deine guten Wünsche Roswitha!

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  2. Ach, Mensch... Mir sind direkt ein paar Tränen in die Augen gestiegen. Das was du schreibst erinnert mich so sehr an meine Oma (geboren 1903 - verstorben 1999). Sie war der wichtigste Mensch in meinem Leben, niemand hat mich so sehr geprägt wie sie. Auch sie stammte aus sehr einfachen Verhältnissen, 6 Geschwister, Vater früh verstorben. Die beiden Kriege musste sie miterleben, verlor 4 ihrer Geschsiter und deren Familien beim Bombenangriff auf Berlin, sie selber musste mit ihren kleinen Kindern aus Schlesien flüchten. Sie hat auch so viel Leid und Entbehrung erleben müsse - dennoch habe ich nie wieder einen Menschen getroffen, der so zufrieden war, so voll Liebe und Güte. Ja, Herzensbildung ist ein passendes Wort auch für sie.

    Du hast Recht: wir dürfen nicht vergessen, woher wir kommen. Und wir haben so viele Gründe dankbar zu sein.

    Auch von mir alles Gute zum Geburtstag für deinen Papa. Genießt gemeinsam die Traubenzeit.

    Liebe Grüße von Kirstin

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    1. Zeitweilig habe auch ich den Bildschirm kaum gesehen beim Schreiben. Es nimmt mich mit, diese Dinge aufzuschreiben. Aber ich finde das wichtig, diese Familiengeschichte auch für unsere Söhne und ihre Nachfahren zu erhalten.
      Danke für die guten Wünsche! Auch wenn mein Papa nun wider in der Türkei ist, haben wir heute ausgiebig telefoniert. Ich habe ihn um Erlaubnis gebeten, all das schreiben zu dürfen. Er war sehr gerührt darüber und hat sich gefreut.

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  3. Was ist das wieder für ein unglaublich liebevoller Papa-Post von Dir... auch ich bin völlig gerührt davon.
    Die Dauerjammerer, die bei 8 Stunden Büroarbeit täglich, bezahlter Krankheit und bezahltem Urlaub (was für ein Luxus!)ständig jammern wie gestresst sie sind, sollten sich öfter vor Augen führen, was ihre eigenen Eltern oder Großeltern geleistet haben - ohne zu jammern. Nur um die Familie zu ernähren und den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Dann würden sicher mehr ihre Eltern und Großeltern mit dem Respekt behandeln, den sie verdient haben und vielleicht ein bißchen dankbarer für den Luxus und die Sicherheit sein, in der sie selbst leben dürfen.

    Ich bin mir sicher, dein Papa fühlt sich geliebt und er ist sehr stolz auf Dich.

    Herzlich, Katja

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    1. Ja, seitdem mein Mann sich vor ca. acht Jahren selbständig gemacht hat, weiß auch ich, was es bedeutet, ständig und nahezu ohne Unterlaß zu arbeiten. Dagegen erscheint einem das Angestelltenverhältnis in manchen Fällen wie ein Schlaraffenland. Ich bin wirklich dankbar dafür, daß ich, wenn auch nur am Rande etwas von diesem einfachen Leben genossen habe. Es hat mich dankbar und demütig gemacht für's Leben.

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  4. Wunderschön geschrieben! Mir fehlen die Worte.
    VG
    Elke

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    1. Liebe Elke, wie schön Dich hier bei mir begrüßen zu dürfen. Ich fragte mich gerade, wie Du hierher gefunden hast. Aber jetzt fällt's mir ein: "Kartoffeln aus dem Sack", nicht wahr?! Du hast eine wunderbare Seite, die ich sehr gerne besuche.

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  5. Schön, dass du die Geschichte deiner väterlichen Familie hier aufgeschrieben & öffentlich zu lesen gegeben hast! Ich finde das wirkliche Leben viel spannender als das erfundene, literarische. Und dein Bericht macht deutlich, wie gut & wichtig es doch ist, diese Geschichten festzuhalten ( denn manchmal ist es viel zu spät, wie wir immer wieder auch in unserer Familie erlebt haben ). Meine Tochter hat es früher in den gemeinsamen Sommerferien genossen, wenn ihre (jetzt knapp 100jährige) Oma ihr von ihrer Flucht mit ihren drei Söhnen erzählt hat - glücklicherweise! Nun ist sie dazu nicht mehr in der Lage, aber die Geschichten sind bei uns bewahrt. Ich selbst habe in meinem letzten Sabbatjahr begonnen, mein Omabuch zu schreiben ( und sollte jetzt endlich weiter daran arbeiten ;-)).
    Herzlichst
    Astrid

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  6. Hallo Astrid, schön von Dir zu lesen. Es gibt noch viele, so viele Geschichten zu schreiben. Manchmal fehlt eben nur die Zeit. Aber ich werde versuchen, diese Geschichten auch weiterhin zu schreiben, um die ich schon so lange weiß.

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